Heiko Mell

Von da an gings bergab

Frage/1: Ich schildere Ihnen kurz meine Situation und bitte Sie um Ihre schonungslose Beurteilung und Kritik.Ich bin Dipl.-Ing. (FH) und vor fünfzehn Jahren nach Abschluss einer Weiterbildung in den Qualitätsbereich gewechselt.

Frage/2: Ich war bei einem sehr kleinen Automobilzulieferer tätig, die Q-Position war mit Führungsverantwortung und wechselnden Schwerpunkten verbunden. Nach sieben Jahren wechselte ich zu einem anderen deutlich größeren Zulieferer mit größerer Personalverantwortung und noch anspruchsvolleren Aufgabenstellungen. Nach vier Jahren bewarb ich mich weg von der Automobilbranche in die Branche „alternative Energien“.

Frage/3: Mein neuer Arbeitgeber („alternative Energien“) war ein kleineres, bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreiches Unternehmen innerhalb eines kleinen Konzerns mit Pioniergeist und globaler Ausrichtung. Mir wurde die Verantwortung für die Weiterentwicklung des Qualitätsmanagements mit Personalverantwortung übergeben.
Nach Zerwürfnissen mit seinen Chefs wurde „mein“ Geschäftsführer entlassen. Der Nachfolger stand dem bisher verfolgten Q-Konzept ablehnend gegenüber. Nach rückläufiger Umsatzentwicklung sah sich das Unternehmen gezwungen, Einsparungen im Personalbereich vorzunehmen. Der Q-Bereich wurde um 50% reduziert. Schließlich stand auch ich auf der Entlassungsliste.

Frage/4: Nach vier Monaten Arbeitslosigkeit begann ich eine neue Tätigkeit im Rahmen einer Arbeitnehmerüberlassung bei einem sehr großen Automobilkonzern, die ich jetzt noch ausübe. Ich bin als Qualitätsingenieur für Lieferantenaudits innerhalb eines Teams mit sehr hoher Eigenverantwortung tätig. Die Anstellung ist befristet. Unternehmensintern sind zwei offene Stellen für dieses Team ausgeschrieben und wurden bisher nicht besetzt.

Ich wollte mit dem Abteilungsleiter sprechen, mein Teamleiter brachte jedoch kein solches Gespräch zustande. Ich sprach direkt mit dem Abteilungsleiter und äußerte mein Interesse an einer Festanstellung. Seine Reaktion war eher reserviert. Er deutete eine Verlängerung der Befristung an, lehnte eine unbefristete Einstellung jedoch ab.Ich habe versucht, die Motivation des Abteilungsleiters zu analysieren. Ich weiß, dass meine Arbeit bisher sehr geschätzt wird und dass dieses Urteil auch an den Abteilungsleiter weitervermittelt wurde. Mögliche Hindernisse sind aus meiner Sicht:
a) mein Alter (fast Mitte 50),
b) meine Herkunft aus dem kleinen Mittelstand,
c) der dem Abteilungsleiter wichtige Wunsch seines Chefs, überall mit möglichst geringen Kosten zu arbeiten.

Zwei Wochen nach meinem Gesprächstermin wird genau diese Stelle extern ausgeschrieben, jedoch als Traineestelle.

Frage/5: Ich möchte weder nach sechs (regulär) noch nach achtzehn (einschl. möglicher einmaliger Verlängerung) Monaten wieder ohne Job sein.

Daher meine Fragen:
1. Ist es sinnvoll, immer wieder von Verlängerung zu Verlängerung eines befristeten Vertrages einen Job auszuüben, zumal mein Lebensalter weiter fortschreitet?
2. Wie würden Sie den Erfolg einer Bewerbung in diesem Konzern für ähnliche Positionen in anderen Geschäftsbereichen einschätzen?
3. Ab wann gilt man aufgrund seines Lebensalters als nicht mehr/schwer vermittelbar?
4. Soll ich mich für eine langfristig angelegte Tätigkeit bei einem Mittelständler bewerben?

Antwort:

Antwort/1:

Diese Formulierung erweckt die Neugier des Fachmanns: Was war denn vorher – also von wo aus gewechselt?

Unter den Auffälligkeiten findet sich bis dahin neben einem „gut“ abgeschlossenen Studium ein Aufbaustudium zum Dipl.-Wirtsch.-Ing. ohne Abschluss (nach fünf Semestern). Das klingt merkwürdig. Dann folgen vier eher kürzere Tätigkeiten als Konstrukteur und Betriebsleiter, die letzte davon war befristet und lief aus. Danach vermutlich Arbeitslosigkeit und die erwähnte Q-Ausbildung.

Halten wir bis dahin fest: Das Fundament, auf dem Ihre berufliche Qualifikation nun stand, war nicht so unangreifbar solide wie es idealerweise hätte sein sollen.

 

Antwort/2:

Von dem letzten Arbeitgeber im Automobilzulieferbereich gingen Sie mit erstklassigem Zeugnis, das Sie vielfältig lobt und Wärme ausstrahlt, auf eigenen Wunsch und mit sehr großem Bedauern Ihres Chefs. Erste Frage von mir: Warum überhaupt?

Zweite Frage von mir: Warum der Branchenwechsel? Sie waren jetzt fest verankert in der Welt der kleineren (einige hundert Mitarbeiter) Kfz-Zulieferer, Ihr Karrierefundament war brüchig, darauf stand aber jetzt ein sehr solides Haus. Das reißen Sie ab (nicht empfehlenswert bei diesen Gegebenheiten) und bauen ein neues anderes darauf – von einem Typ, mit dem Sie keinerlei Erfahrung hatten.

Und Sie waren zu jenem Zeitpunkt 51 Jahre alt! Da war die Zeit für Experimente, für das Streben nach völlig neuen Ufern, für das Liebäugeln mit völlig neuen Branchen etc. absolut vorbei. Hier liegt der zentrale Fehler Ihrer Strategie. Mit 50 verkauft man, was man ist, was man kann, was man kennt. Zu verkaufen, was man sein möchte, was man eventuell können könnte und kennenlernen möchte, schmückt vor allem den Himmelsstürmer um 35. Außerdem, das hatten Sie sicher schon einmal gehört, kann jedes(!) neue Engagement schiefgehen. Und wo würden Sie stehen, wenn das damals begonnene Experiment „neue Branche“ geplatzt wäre? Die Antwort ist leider simpel: da, wo Sie heute stehen.

 

Antwort/3:

Man gab Ihnen ein rundum sehr gutes Zeugnis mit „Entlassung aus betriebsbedingten Gründen“. Das macht man so – es kostet nichts und Ihr entsprechender Chef fühlt sich dann besser.Wichtig ist die Beleuchtung der Hintergründe: Ihr alter Chef (GF) bekam Krach und wurde gefeuert. Es ist klar, dass sich dann „höheren Orts“ die Meinung herausgebildet hat, dass „da unten alles falsch läuft“ und dass ein GF-Nachfolger gesucht wurde, der alles anders sehen und machen würde: Was gestern noch geltende Politik war, gilt heute als „Schrott“.

So läuft das nun mal. Und von Ihnen als Q-Manager wurde erwartet, dass Sie „mit fliegenden Fahnen“ zur neuen politischen Richtung des neuen GF überlaufen und sich damit von dem distanzieren würden, was Sie gestern Abend noch begeistert mitgetragen hatten. Aber man kann doch nicht heute das Gegenteil von dem, was man gestern noch …? Natürlich kann man. Ja, man muss. Sonst wird man hinter seinem schon gefeuerten alten Chef hinterhergefeuert.

 

Antwort/4:

Ihr Teamleiter hat gewusst, dass Sie keine Chancen haben würden und hat versucht, seinem vorgesetzten Abteilungsleiter das vergebliche Gespräch mit Ihnen zu ersparen. Ich gehe fest davon aus, dass zunächst a zutrifft, gerade große Unternehmen sind da sehr zurückhaltend.

Dann trifft auch b zu: Sie sind von einer völlig anderen beruflichen Welt geprägt. Am längsten waren Sie bei einem Unternehmen tätig, das etwa 0,02% der Belegschaft beschäftigte, die in Ihrem Konzern arbeitet. Dieser Sprung ist einfach unmöglich. Es geht um Strukturen, Verhaltensweisen, Netzwerke, Persönlichkeit, Auftreten etc. Da mag die geleistete Arbeit noch so gelobt werden …Das Argument zu c scheint nicht zu stimmen – siehe die Ausschreibung für einen Trainee. Sie jedoch waren auch bereits Führungskraft. Solch einen Bewerber setzt man ohnehin nicht gern auf Positionen ohne Führungsverantwortung. Nein, ich glaube, Sie hatten und haben dort keine Chance.

 

Antwort/5:

Zu 1.: Nein.

Zu 2.: Sehr gering, ein Konzern hat übergreifende Richtlinien und/oder Gepflogenheiten und handelt „an allen Fronten“ gleich.

Zu 3.: Das ist auch von der Konjunktur, der Branche und der Berufsgruppe abhängig. Für nichtführendes Personal gilt: Erste Probleme können ab Mitte 40 auftreten, ab Ende 40 wird es „dünn“, ab 50 „äußerst dünn“. Bei Führungskräften liegen die Grenzen etwas (ca. 3 – 5 Jahre) höher, auch Anfangsfünfziger finden z. T. noch ihre Chance.

Zu 4.: Ja, unbedingt und sofort!

Sie waren in zwei wichtigen Positionen im Q-Bereich kleinerer Mittelstands-Automobilzulieferer leitend tätig. Dort gehören Sie hin! Bauen Sie Ihr Bewerbungsanschreiben (und natürlich Ihre Argumentation im Vorstellungsgespräch) etwa wie folgt auf:“Nach einer Weiterbildung im Qualitätswesen war ich zunächst ca. zwölf Jahre lang als Leiter Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement bei zwei mittelständischen Automobilzulieferern erfolgreich tätig. In der Krise der Kfz-Branche von 2009 nahm ich ein attraktiv erscheinendes Angebot als Leiter Qualitätsmanagement eines Unternehmens aus dem Bereich der alternativen Energien an.

Dort musste jedoch mein vorgesetzter Geschäftsführer das Haus verlassen, das Unternehmen sah sich zu drastischen Einsparungen auch im Management gezwungen, meine Position entfiel. Ich nutzte die Chance, in einer wenn auch befristeten Anstellung in die vertraute Automobilumgebung zurückzukehren und beim Kfz-Hersteller (XY AG) als Lieferanten-Auditor meine Branchenkenntnisse auf den allerneuesten Stand zu bringen. Dort bin ich derzeit tätig.

Eine Übernahme in ein unbefristetes Anstellungsverhältnis ist hier, wie mir vorher bekannt war, nicht möglich, man hat mir allerdings eine Verlängerung der Befristung in Aussicht gestellt. Ich möchte jedoch in den Mittelstand zurückkehren, in dem ich mich sehr viel mehr zu Hause fühle als im Konzern. Das in der aktuellen Anstellung erworbene zusätzliche Wissen betrachte ich jedoch als äußerst wertvoll.

An der von Ihnen ausgeschriebenen Position reizen mich insbesondere das … und die … Ich könnte ab dem … bei Ihnen eintreten; in der Einkommensfrage werden wir eine im Rahmen Ihrer Vorstellungen liegende Lösung finden.

Zu einem Vorstellungsgespräch stehe ich gern zur Verfügung.“

 

Kurzantwort:

1. Wenn das Fundament Ihres Werdeganges brüchig ist (Schwächen hat), dann belasten Sie es nicht durch Abriss des darauf stehenden „Hauses“ und Neubau eines völlig anderen „Haus-(Branchen-)Typus“.

2. Als „in der Wolle gefärbter“ Mittelständler höheren Alters ist man für den Konzern nicht (mehr) interessant.

3. Einmal Führung, immer Führung – Ex-Abteilungsleiter sind als Sachbearbeiter nicht besonders beliebt.

Frage-Nr.: 2593
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 48
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-11-30

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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