Heiko Mell 02.01.2016, 07:41 Uhr

Wechsel nach mehr als 20 Jahren?

Frage/1: Seit mehr als 20 Jahren bin ich als Führungskraft im Vertrieb einer deutschen Industriegruppe tätig.

Frage/2: Es gab vor einiger Zeit einen Eigentümerwechsel und aufgrund weiterer ungünstiger Umstände interner Art befindet sich das Unternehmen heute in einer nicht so guten wirtschaftlichen Verfassung. Defizitäre Geschäftsbereiche sind bereits geschlossen worden, Mitarbeiter ab 57 Jahren werden in den „Vorruhestand“ geschickt, andere (besonders jüngere) Mitarbeiter mit Potenzial haben das Unternehmen wegen Perspektivlosigkeit verlassen.

Bei dieser Situation erwäge ich den Gedanken des Wechsels, wozu ich mich natürlich extern bewerben müsste.

Frage/3: Empfehlen Sie unter den dargestellten Gegebenheiten einen Wechsel? Als wie aussichtsreich ist eine Bewerbung nun tatsächlich einzuschätzen, wenn man meine Altersstufe (Anfang 50), die lange Betriebszugehörigkeit und die zukünftige Verfassung des Arbeitsmarktes in Betracht zieht? Wie steht es um die Vermittelbarkeit älterer Führungskräfte?

Antwort:

Antwort/1:

Und das stimmt so nicht! Es mag eine Kleinigkeit sein, aber „wehret den Anfängen“ (nach Ovid, „Heilmittel gegen die Liebe“). Ich greife das auf, weil die Kandidaten auch in Bewerbungen derart „souverän“ mit Fakten umgehen. Und Sie sind im Vertrieb tätig, da ist Misstrauen stets angebracht, wenn es um Details geht (Lebenserfahrung).

Also Sie sind seit „mehr als 20 Jahren“ in einer den Wechselfällen des Wirtschaftslebens unterworfenen Unternehmensgruppe tätig, das ist richtig, Ihr Lebenslauf zeigt es eindeutig. Aber am Anfang waren Sie Berufseinsteiger und die ersten folgenden Jahre – natürlich – keine Führungskraft. Letzteres sind Sie seit weniger als 20 Jahren. Bewerbungen, die ich hier stets „im Hinterkopf“ habe, sind immer auch eine Arbeitsprobe, seien Sie also gewarnt und entsprechend vorsichtig.

 

Antwort/2:

Vorab zur Beruhigung von Lesern, die mich oftmals als „sehr hart urteilend“ einstufen (in meiner beruflichen Welt ist das viel besser als etwa „zu weich, zu nachsichtig, ein Gutmensch“ es wäre): Sie, geehrter Einsender, haben eine Ausbildung vom Feinsten: TU-Ingenieur, Promotion, Zusatzausbildung in BWL, brauchen also auch keine besondere Nachsicht.

Und dann fabrizieren Sie so etwas wie den letzten Satz von Frage/2. Für mich schreit der erste Satzteil geradezu irgendwas in die Welt hinaus – wir müssen nur noch herausfinden, was das ist. Ich vermute, Ihr Unterbewusstsein, geprägt durch jene mehr als 20 Jahre ohne externen Wechsel, zeigt uns hier, wie „undenkbar“ Ihnen eine Trennung von dieser einzigen Arbeitgeberlandschaft, die Sie kennen, immer noch erscheint.

Falls jemand meine Gedanken nicht spontan nachvollziehen kann: Zunächst einmal würde man als Einleitung „in dieser Situation“ sagen, nicht „bei“. Aber das ist eine Lappalie. Dann aber „erwäge ich den Gedanken des Wechsels“. Das ist zunächst einmal nicht schön: „Gedanke des Wechsels“ taugt nichts, es müsste dann „Gedanken an einen Wechsel“ heißen. Aber allein „erwäge ich den Gedanken“ ist irgendwie enorm. Ob wohl einer unserer großen alten Philosophen schon einmal darauf gekommen war? Ein Mann der Tat macht sich Gedanken und erwägt Handlungen, das reicht völlig aus. Ein kühl und sachlich denkender Ingenieur hätte hier beispielsweise formuliert: „In dieser Situation erwäge ich einen Wechsel“ oder „… trage ich mich mit dem Gedanken an einen Wechsel“.

Nein, bei Ihnen glaubt man förmlich den Gefühlsausbruch zu spüren, den der Gedanke an einen Wechsel jetzt auslöst – und den er vermutlich schon immer ausgelöst hat.

Es gilt jedoch: Angestellte haben Arbeitsverträge mit beiderseitigen Kündigungsmöglichkeiten. Jederzeit ist damit zu rechnen, dass die eine oder die andere Seite davon Gebrauch macht. Es ist also ein völlig normaler Vorgang, wenn ein Angestellter (auch ein leitender) während des Arbeitslebens mehrfach wechselt. Leute wie ich empfehlen heute sogar, auch ohne drängenden Grund so nach etwa zehn bis fünfzehn Dienstjahren bei einem Arbeitgeber zu wechseln. Dies geschieht auch, damit Sie in Übung sind und nicht aus allen Wolken fallen, wenn Sie denn eines späteren Tages doch gehen müssen. Letzteres kann, wie Sie bei mir immer wieder nachlesen können, jederzeit geschehen. Dann jedoch sollte die Suche nach einem neuen Arbeitgeber keine fast undenkbare Ungeheuerlichkeit sein, sondern ein einigermaßen vertrauter Routinevorgang.

 

Antwort/3:

Ich kann Ihnen in bestimmten Bereichen helfen, aber ich kann Ihr Zentralproblem nicht lösen. Dazu müssen Sie eine jener typischen Entscheidungen treffen, bei denen Sie nicht wissen, was bei den Handlungsmöglichkeiten jeweils herauskommt (Im Augenblick sind es aus Ihrer Sicht nur zwei, nämlich „bleiben“ oder „wechseln“; wenn es dann aber so richtig losgeht, kommen noch die Probleme hinzu, ob das externe Angebot A besser ist als B oder ob Sie nicht doch C wählen sollten. Glauben Sie mir: Dann wird es erst richtig schwierig).

Tasten wir uns an die relevanten Problembereiche heran:

a) Ihre bisherige Karriere: Aus der Sicht des Außenstehenden hat die vor einigen Jahren ihren Höhepunkt überschritten. Sie waren davor Geschäftsführer einer Vertriebsgesellschaft mit xxx Umsatzmillionen und einer Verantwortung für sehr viele Mitarbeiter in sehr vielen Ländern. Seitdem sind Sie in anderer Funktion nicht mehr GF, Ihre Umsatzverantwortung liegt heute bei etwa einem Drittel, Ihr Führungsumfang bei weniger als einem Zehntel alter „Größe“. Nun mag es für den Eingeweihten Erklärungen dafür geben, aber alle drei Indikatoren (Rang, Umsatz, Mitarbeiter) zeigen nach unten, daraus lässt sich so einfach kein Aufstieg herauskitzeln. Es geht nicht darum, ob Sie die „Schuld“ tragen an jener Veränderung, ob das mit Ihren Leistungen zusammenhängt oder nicht.

Es geht hingegen schlicht um die Frage: Warum haben Sie sich den vor einigen Jahren erfolgten Einschnitt gefallen lassen? Sie waren damals jünger und hatten einen guten Grund für einen Schritt nach draußen! Wenn jener Zeitpunkt mit dem erwähnten Eigentümerwechsel zusammenfiel, dann hätten Sie sogar zwei sehr gute Gründe gehabt.

b) Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt, speziell unter Berücksichtigung Ihres Alters: Aus bestimmten Details Ihrer Einsendung glaube ich zu erkennen, dass diese Frage Sie besonders drückt. Das wiederum ist absolut nicht gerechtfertigt. Denn die Antwort auf diese Teilfrage erhalten Sie ohne großen Aufwand und ohne besonderes Risiko: Schreiben Sie einfach einmal ca. zehn Bewerbungen, dann sehen Sie, ob Sie interessant sind.

Da Sie sich den Geschäftsführer und die sehr hohe Umsatz- und Mitarbeiterverantwortung haben kampflos wegnehmen lassen (so sieht es aus), bewerben Sie sich am besten auf (Teil-)Vertriebsleitungen, die Ihrem heutigen Verantwortungsbereich entsprechen. Branche und Kundenkreis sollten dem heutigen Umfeld so nahe kommen wie möglich.

Das Prinzip: Der Bewerber um und vor allem über 50 vermarktet, was er beweisbar kann, also bisher gemacht hat. Demgegenüber vermarktet der Enddreißiger sein zu vermutendes Potenzial für das, was er eventuell können könnte. Der 50-Jährige, so die Vermutung, hat bereits alles aus sich herausgeholt, was drinsteckte; das, was er heute tut (oder zuletzt tat), kann er, diese Qualifikation bietet er an. Das wiederum ist sein Vorteil gegenüber dem jüngeren Aufsteiger, der in genau der jetzt zur Debatte stehenden Verantwortung noch nie tätig war.

Und Sie brauchen einen nachvollziehbaren Grund für den jetzt angestrebten Wechsel. Mit dem schon im Bewerbungsanschreiben stehenden Hinweis auf „wirtschaftliche Unsicherheiten“ und „Unsicherheiten im Hinblick auf den weiteren Bestand des Unternehmens in der bisherigen Form“ haben Sie solche – guten – Gründe. Fehlten die, gäben Sie der Vermutung Raum, Ihre Chefs seien mit Ihrer Leistung unzufrieden.

Was Sie nun tun sollen? Probieren Sie Ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt doch einmal aus, die endgültige Entscheidung brauchen Sie ja erst zu treffen, wenn unterschriftsreife Arbeitsvertrags-Angebote vorliegen. Nur zur Sicherheit: Man bewirbt sich „heimlich“ hinter dem Rücken des bisherigen Arbeitgebers und kündigt erst, wenn man einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Der Arbeitsmarkt gibt – insbesondere im Mittelstand – Führungskräften um 50 gute Chancen.

c) Risiken des Verbleibs beim heutigen Arbeitgeber:

– die Situation kann noch schlechter werden;

– der GAU ist dann die arbeitgeberseitige Kündigung, wenn Sie noch drei Jahre älter (und immer noch fern der Rente) sind;

– niemand kann Ihnen Sicherheit geben, auch Ihr Chef nicht; der dürfte sich ähnliche Sorgen machen wie Sie; wenn jemand überhaupt etwas weiß, dann die Eigentümer, die werden sich jedoch nicht verbindlich äußern.

d) Risiken bei einem Wechsel (oder dem Versuch dazu):

– dass Sie eventuell keinen neuen Job finden, gehört nicht zu den Problemen; dann müssen Sie einfach bleiben, haben gar keine Wahl und haben mit dem Bleiben auch nichts wirklich falsch gemacht;

– Sie sind seit zwanzig Jahren auf eine bestimmte Firmenumgebung eingestellt, darauf ist Ihr instinktives Denken und Handeln ausgerichtet; Sie werden sich wundern, wie „anders“ andere Unternehmen in allen Bereichen sein können; die Gefahr, gerade am Anfang schwerwiegende Fehler zu machen, ist groß;

– Ihnen fehlt es an Routine, aus Anzeigen und Stellenbeschreibungen passende Positionen auszuwählen, im Vorstellungsgespräch den Charakter eines Chefs zu erkennen; Sie wissen nicht, welche Fragen man stellen darf, wie man gute Angebote von schlechten unterscheidet etc.; statistisch gesehen unterliegen Sie einer großen Gefahr, sich nach ca. ein bis zwei Jahren erneut bewerben zu müssen oder zu wollen (dann aber wären Sie deutlich schlechter dran als heute);

– ohne dass Sie eine Chance haben, das vorher zu erkennen, können Sie vom Regen in die Traufe kommen – beim neuen Arbeitgeber können die Probleme größer sein als beim alten (es sind schon Firmen drei Tage nach Eintritt einer neuen Führungskraft verkauft worden).

 

Fazit: Ihr Hauptproblem „Wie begehrt bin ich in meiner speziellen Situation noch auf dem Arbeitsmarkt?“ ist leicht zu lösen – probieren Sie es einfach aus. Solange Sie keinen Vertrag unterschreiben, geschieht ja nichts von endgültiger Bedeutung. Will Sie niemand haben (was ich nicht glaube), entfällt jede Entscheidung für Sie. Dann gilt: eisern auf Dabeibleiben setzen. Aber Sie hätten dann Ihre einzige Waffe im Existenzkampf, jenes unsichtbare Schwert an Ihrer Seite, auf dem „Kündigung“ steht, endgültig abgelegt.

Kurzantwort:

1. Die Karriereregeln haben schon ihren Sinn. Dazu gehört auch: mehr als zwanzig Jahre bei einem Arbeitgeber sind ein großes Risiko, man ruiniert seine Flexibilität und mindert seinen Wert auf dem Arbeitsmarkt.

2. Wenn im Lebenslauf eine als Rückschritt zu interpretierende Veränderung auftaucht, ist Vorsicht angesagt: Wer gleich wechselt, hat gute Gründe dafür, wer das jedoch versäumt, gerät später in einen Erklärungsnotstand.

Frage-Nr.: 2592
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 47
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-11-21

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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