Heiko Mell

Welcher Top-Konzern ist zum Einstieg besser?

Frage/1: Ich bin Student des Maschinenbaus an einer TH und habe meinen Bachelor mit der Vertiefung Produktionstechnik (unter den 25% der Besten des Jahrgangs) abgeschlossen.

In dieser Zeit war ich fünf Monate lang Praktikant bei dem Automobilhersteller A AG (mit anschließender Aufnahme in den Talentförderpool) und habe meine Bachelorarbeit extern fünf Monate lang bei der B AG geschrieben (Note 1,3 und ein Arbeitszeugnis mit Note 1). Die jeweiligen Tätigkeitsgebiete in beiden Unternehmen haben mir sehr viel Spaß gemacht und ich könnte mir gut vorstellen, dort später auch zu arbeiten. Zurzeit studiere ich den konsekutiven Masterstudiengang meines Fachgebietes an dieser TH und strebe in etwa einem Jahr den Abschluss mit anschließendem Berufsstart an.

Ich habe mir als Karriereziel gesetzt, einmal Vorstand für Produktion bei einer Firma der Branche zu werden, zu der A und B gehören. Dass diese Zielfirma ein OEM sein wird, halte ich aber eher für unrealistisch. Ich halte mich da an Ihre Aufstiegsformel: Alle fünf Jahre (wenn nötig) zu einer kleineren Firma wechseln und dort jeweils einen höheren Posten bekleiden.

Das bedeutet, dass ich für mich als realistisch erreichbares Ziel den Produktionsleiter eines mittelständischen Unternehmens anstrebe.

Frage/2: Ich bin mir dessen bewusst, dass man seine Karriereziele nicht auf einzelne Firmen beschränken, sondern eine ganze Branche in Betracht ziehen sollte. Dennoch gehe ich davon aus, dass wegen meiner bisherigen Leistungen Einstiegsangebote von den beiden oben genannten Firmen A und B nicht unrealistisch sind. Vielleicht kann man meine konkrete Fragestellung daher auch als allgemeine Frage nach der geeigneten Firmengröße formulieren.

Frage/3: Wie sind die beiden oben genannten Konzerne bei einem Berufseinstieg zu werten? Ist die abweichende Unternehmensgröße ein Kriterium? Die größere Firma bietet in meinen Augen viel mehr Möglichkeiten zum internen Wechsel und zum Aufstieg. Bei der kleineren sehe ich einen größeren Wettbewerb um Stellen und damit eine größere Reputation, wenn man den Einstieg schafft. Könnte bei dem kleineren Unternehmen der wiederum noch größere Mutterkonzern eine positive Rolle (Chancen) spielen?

Antwort:

Antwort/1:

Wir müssen zunächst ein wenig Vorarbeit leisten, damit wir uns dann umso unbeschwerter der nachfolgenden Kernfrage Ihrer Einsendung widmen können:

1. Zu Ihnen: Sie haben einen Bachelor-Abschluss von 2,4. Das kann sich gerade noch sehen lassen; wenn man elitäre Absichten hegt, ist es aber auch schon fast ein bisschen dünn. Vor allem, wenn man ein Abiturergebnis von 1,6 hatte. „Rabatt“ bekommen Sie in der Betrachtung, wenn man Ihre Leistungskurse in Geschichte und Englisch sieht – andererseits: Warum haben Sie die überhaupt gewählt? Als künftiger Dipl.-Ingenieur und Produktionsvorstand? Einigen wir uns wie folgt: Sehen Sie zu, dass Ihr Masterabschluss wieder näher an den Standard heranrückt, den Sie mit dem Abitur selbst gesetzt hatten. Man kann mit Top-Resultaten nicht früh genug anfangen.

2. Zu Ihrem Ziel: Die meisten größeren Unternehmen (so ab 1.000 Mitarbeitern aufwärts) sind Kapitalgesellschaften, Rechtsformen sind die AG und die GmbH. Diese Gesellschaften haben jeweils ein „Organ“, das die Unternehmung leitet. Das nennt sich Vorstand bei der AG und Geschäftsführung bei der GmbH. Als Faustformel kann gelten: Von den ganz großen Konzernen sind die weitaus meisten AGs, je kleiner die Unternehmen sind, desto häufiger sind sie GmbHs. Den Unterschied können wir hier vernachlässigen. Für unsere Belange gilt: Ein Vorstand und ein Geschäftsführer sind vom Resultat ihrer Karriereentwicklung her absolut gleichwertig, nur Laien sehen im Vorstand oft „mehr“ als im GF. Mit Ihrem „Karriereziel Vorstand“ reduzieren Sie Ihre Zielfirmenliste also auf AGs, wofür es keinen Grund gibt. Besser hieße es „Vorstand oder Geschäftsführer“.Dann schreiben Sie „Vorstand für Produktion“, reduzieren das dann auf „Produktionsleiter eines mittelständischen Unternehmens“. Das wiederum passt nicht zusammen:

Großkonzerne haben – siehe oben – meist die Rechtsform der AG, damit haben sie einen Vorstand. Und sie leisten sich oft ein eigenes Vorstandsmitglied für Produktion. Der Mittelstand hat meist keinen Vorstand, wie ich eben schon erläutert habe. Er hat aber meist noch etwas anderes nicht, nämlich einen reinen Produktionsmann im Organ. Es gibt dort also auch kaum einen Produktionsgeschäftsführer. Entweder deckt ein „Technischer Geschäftsführer“ die Entwicklung, die Konstruktion, die Produktion, die Instandhaltung und weitere technische bzw. techniknahe Felder ab oder es gibt für alles (einschließlich des Kaufmännischen und des Vertriebs) überhaupt nur einen einzigen Geschäftsführer, den man dann Allein-GF nennt. Das wiederum ist – ohne einer festen Formel zu unterliegen – von der Größe des Unternehmens abhängig.

Ihre Zielsetzung könnte also realistischerweise lauten:- Produktionsvorstand (eines bedeutenden Konzerns/OEM´s) oder- Technischer Geschäftsführer (eines mittelständischen Unternehmens, wobei Sie sich dann auch noch für die zusätzliche Leitung von Entwicklung und Konstruktion qualifiziert haben müssten) oder- Produktionsleiter (eines mittelständischen Unternehmens auf einer Position der zweiten Führungsebene, meist einem Geschäftsführer unterstellt, zuständig für alle Produktionsbelange der Gesellschaft) oder- Produktionsleiter (eines organisatorisch abgegrenzten Teilbereiches, z. B. einer Division, eines Werkes oder einer Tochtergesellschaft eines großen Unternehmens oder einer Unternehmensgruppe).Die Unterschiede in der Größenordnung z. B. zwischen der erst- und der letztgenannten Zielposition sind erheblich!

Natürlich gibt es bei jeder genannten Gruppe Sonder- und Ausnahmefälle, es gibt ganz kleine AGs ebenso wie Konzerne in der Rechtsform einer Stiftung usw. Warum ich so detailliert darauf eingehe? Weil gerade Ingenieure in diesen Fragen oft ein erschreckendes Unwissen zeigen. Und weil dieses gefährlich ist: Sie brauchen nur beim Vorstellungsgespräch in einer GmbH auf die Frage nach Ihrer Langfristzielsetzung zu antworten: „Vorstand“. Dann sagen Sie damit etwa: „In jedem Fall will ich einmal einen größeren Laden leiten als den hier – und bleiben werde ich hier natürlich ohnehin nicht. Aber Sie dürfen mir, da bin ich großzügig, etwas beibringen und mir gutes Geld zahlen.“

Darf man denn kein Vorstand werden wollen, bloß weil man sich in einer GmbH bewegt? Aber natürlich – nicht das Wollen oder gar das Denken ist verboten, nur beim Reden unterscheidet man zwischen klugem, taktisch geschicktem Vorgehen und dem Gegenteil.

 

Antwort/2:

Sie arbeiten in Ihrer Einsendung mit Klarnamen, die ich hier aus Prinzip anonymisiere. Auch in Ihrem Interesse. Für die anderen Leser: Es handelt sich bei A und B um Super-Top-Adressen der deutschen Industrie, die vielen Ingenieuren als die Traumarbeitgeber schlechthin vorkommen (vor allem, so lange sie dort noch nicht tätig sind; später merkt man, dass auch dort nur mit Wasser gekocht wird). Sagen wir es so: Mehr geht in diesem Lande an Image, an Namensglanz und -gloria kaum.

Schauen wir uns an, was Sie bisher aus diesen Häusern haben:

Von A eine Kreuzchen-Beurteilung in 5 Stufen für Praktikanten. Der Fachmann schaut vor allem auf die schwächeren, eher durchschnittlichen Werte. Davon haben Sie drei (belastbar, Fähigkeit zum Strukturieren und die Fähigkeit zur Umsetzung), denen steht nur ein positiver, recht spezieller Extremwert gegenüber, nämlich ausgerechnet in Kommunikationsfähigkeit. Die zusätzliche verbale Beurteilung in diesem Dokument ist sehr gut. Das sieht insgesamt recht gut aus.-

Von B ein rein verbales Dokument über die Zeit, in der Sie dort Ihre Bachelorarbeit erstellten. Es ist ohne jede Einschränkung sehr gut und lobt Sie „an allen Fronten“.

Nun zur Zielerreichung: Falls Sie doch – ich vermute es – heimlich vom Produktionsvorstand bei A oder B träumen, müssen Sie in dieser Unternehmenskategorie einsteigen und dürfen sie nicht nach „unten hin“ verlassen. Das gilt auch für ein eventuelles „Ersatzziel“ auf der 2. Führungsebene bei einem Unternehmen dieses Typs. Stellt keines der Unternehmen oder kein anderes dieser Kategorie Sie ein, ist das vermutlich das Ende der Träume bezüglich „Produktionsvorstand Konzern“ – aber nicht das Ende des Lebens.

Das Alternativziel „Produktionsleiter Mittelstand“ können Sie grundsätzlich nur über geplante Arbeitgeberwechsel realisieren. Begründung: Unternehmen dieser Art sind zu klein, um Ihnen die Sicherheit zu geben, jeweils zum richtigen Zeitpunkt in die nächste Hierarchieebene aufsteigen zu können.

Diese Wechsel sind möglich:

– über den allmählichen Weg vom Einstiegskonzern hinein in Unternehmen mit immer kleinerer Größe (z. B. Zulieferer), bei immer höheren Hierarchieebenen bis Sie beim letzten „Größenabstiegswechsel“ in einer der möglichen Zielpositionen ankommen oder- über den Einstieg nach dem Studium bei einem mittelständischen Unternehmen des Zieltyps; immer wenn es intern nicht planmäßig weitergeht, wechseln Sie hierarchisch aufsteigend in ein anderes (ähnliches) Unternehmen des Zieltyps, bis Sie am Schluss dort ankommen, wo Sie hinwollten. Dafür brauchen Sie die Konzerne A und B gar nicht.

Die erstgenannte Variante ist etwas leichter, setzt aber das Hineinpassen und die erfolgreiche Bewährung in Firmen höchst unterschiedlicher Größe voraus, was nicht jedem liegt.

Visieren Sie nie – wie von Ihnen bereits richtig angesprochen – eine konkrete Zielposition in einem ganz bestimmten Unternehmen an. Das ist nicht erreichbar! Weder „Produktionsvorstand bei BMW“ noch „Produktionsleiter bei Müller & Sohn“ sind realistisch formulierte Ziele für einen Berufseinsteiger. Und: Man muss viel wollen, um auch nur etwas davon zu erreichen. Planungen dieser Art müssen ständig überprüft, neu durchdacht und an wechselnde Rahmenbedingungen – zu denen auch Ihre Persönlichkeitsentwicklung gehört – angepasst werden. Schließlich werden nur wenige in einer Position pensioniert, von der sie mit 26 geträumt hatten. Dazwischen liegt, was wir „das Leben“ nennen.

 

Antwort/3:

Nun ist es genug, vergessen Sie diesen Teil der Frage einfach. Sie laufen Gefahr, die Analyse so weit ins Detail zu treiben, dass Sie keinen Blick mehr für die großen Zusammenhänge haben.

Am besten prüfen Sie zum geeigneten Zeitpunkt (so etwa sechs Monate vor Ihrem gemäß Masterstudium denkbaren Eintrittstermin), ob beide Unternehmen Sie überhaupt wollen und einstellen können. Vielleicht stecken wir dann in der nächsten Krise, woraufhin beide erklären, sie hätten jetzt Einstellstopp.

Falls beide Unternehmen Sie nehmen würden, entscheiden Sie „nach Bauchgefühl“, mehr können Sie nicht tun. Der informelle Wortführer jenes Kollegenteams, das Sie zum Einstieg bei A bekommen oder der dritte Vorgesetzte, den Sie bei B haben werden oder der plötzliche, einen ungeplanten Aufstiegsreigen bei A auslösende Tod eines Chefs können entscheidenden Einfluss auf Ihre Karriere haben, sind aber nicht planbar. Oder die „Partnerin fürs Leben“, die Sie in A-Stadt kennenlernen und die Sie dann später ruiniert (und der Sie in B-Stadt nie begegnet wären), wird zum entscheidenden Kriterium.

Kurzantwort:

Eine Entscheidung ist die Festlegung auf eine Handlungsvariante, wobei diese Festlegung zum fraglichen Zeitpunkt eigentlich gar nicht zu verantworten ist. Manager müssen das bringen. Haben sie damit Erfolg, sind sie Erfolgsmanager. Wenn nicht, dann nicht.

Frage-Nr.: 2591
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 46
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-11-14

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI-Nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI-Nachrichten.

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