Heiko Mell

Studienwahl, Kinder, Karriere

Frage/1: Nach dem Abitur (2,5) begann ich (w) ein TU-Studium. Die Wahl des Studienfachs fiel mir damals nicht sehr leicht, denn in der Schulzeit gab es für mich keine richtige Orientierung anhand meiner Noten. Alles fiel mir gleichermaßen „leicht“, ob es sich um naturwissenschaftliche Fächer handelte, um Musik, Sport oder sonst irgendetwas. Zunächst interessierte ich mich für die englische Sprache, konnte mir aber keinen richtigen Job daraus ableiten.

Nach einer Studienberatung und mit Hilfe meiner Familie entschied ich mich für einen Ingenieur-Studiengang. Im Grundstudium erzielte ich keine guten Noten. Im Hauptstudium hingegen, als ich mich endlich auf Verfahrenstechnik spezialisieren konnte, machte mir das Studieren richtig Spaß und meine Noten wurden sichtlich besser.

Ich verbrachte ein Semester im Ausland, was mich in meiner persönlichen Entwicklung sehr voranbrachte. Gegen Ende meines Studiums (Abfallwirtschaft und Altlasten) begann ich ein interessantes Praktikum in einem Unternehmen zur Herstellung spezieller Baustoffe. Ich konnte helfen, die verfahrenstechnischen Abläufe in der Anlage zu verbessern und arbeitete eng mit der Produktion zusammen. Ich konnte meine Diplomarbeit dort anfertigen (1,3) und schloss mein Studium mit 1,9 ab.

Frage/2: Über einen ehemaligen Mitarbeiter des Unternehmens, bei dem ich die Diplomarbeit erstellt hatte, bekam ich ein Angebot eines Maschinenbauunternehmens als Projektleiterin.

Mittlerweile bin ich fünf Jahre in diesem Unternehmen und habe zwei Kinder bekommen. Nach der ersten Babypause von 1,5 Jahren stieg ich problemlos wieder in meinen Job ein und ging in Vollzeit arbeiten. Jetzt bin ich mit meinem zweiten Kind noch einige Monate zuhause.

Das eine Jahr beruflicher Tätigkeit nach dem ersten Kind hat mich körperlich sehr beansprucht und erforderte zu mancher Zeit auch eine Höchstleistung im Bereich Zeitmanagement. Ohne familiäre Unterstützung hätten mein Partner und ich nicht weiter so flexibel arbeiten gehen können. Nun ist diese familiäre Unterstützung nicht mehr gegeben, wohl aber haben wir jetzt zwei kleine Kinder.

Für mich bedeutet das, ich muss beruflich kürzer treten. Der Job als Projektleiterin macht mir jedoch richtig Spaß. Ich möchte unbedingt in dieser Richtung weitermachen, sobald die Kinder größer und selbstständiger sind. Ich habe oft in Ihren Beiträgen gelesen, dass man bzw. Frau sich zwischen Familie und der Karriere entscheiden muss. Ich sehe das prinzipiell genauso. Es ist utopisch anzunehmen, man könne beides in vollem Umfang bedienen. Zumindest gilt das für meine derzeitige Situation mit zwei sehr kleinen Kindern.Doch ich sehe meine berufliche Karriere als „verschoben“, aber nicht „aufgehoben“ an. Ich werde demnächst 30 und in zehn, zwölf Jahren möchte ich wieder voll durchstarten.

Aus diesem Grund meine Frage: Wie verbringe ich die Zwischenzeit so, dass ich mir für die Zukunft nichts verbaue? Ist meine Vorstellung, dass ich, wenn die Kinder größer sind, wieder als vollwertige Managerin arbeiten kann, reine Fantasie oder gibt es solche Beispiele aus der Praxis?

Antwort:

Antwort/1:

Bevor sich das jemand fragt: Dies hat eigentlich alles noch nichts mit dem Thema der späteren Frage zu tun. Aber es ist ein schönes Lehrstück aus der Praxis zum Kapitel „Berufsfindung/Studienwahl“.

Klar ist: Neben den Aufgaben, die von der und durch die Schule gestellt werden, hat der künftige Abiturient unbedingt noch das Problem zu lösen, welche Studienrichtung er denn wählen soll. Dabei sollen drei Aspekte berücksichtigt werden:Interesse, Begabung, Arbeitsmarkt. Ja, auch der Arbeitsmarkt spielt eine wichtige Rolle. Wer Angestellter werden will, braucht jemanden, der ihn anstellt. Nie falsch ist bei diesem Kriterium die Wahl, wenn der Beruf auf dem Arbeitsmarkt in großer Zahl nachgefragt wird! Selbst wenn es dann auch viele Studenten dieser Fachrichtung geben sollte, so findet der Tüchtige immer seine Chance: Besser man ist einer von 10.000 Absolventen, die sich um 2.000 Arbeitsplätze bemühen als einer von zehn Einsteigern, die um zwei Plätze in Deutschland kämpfen. Überlegen Sie einmal: 2.000 offene Stellen, die übers Jahr verteilt ausgeschrieben werden. Das bedeutet 2.000 Chancen, mit immer wieder neuer Argumentation anzutreten, bedeutet neue Hoffnungen im nächsten Monat, im folgenden Quartal.

Aber bei nur zwei offenen Stellen pro Jahr kann innerhalb einer Woche „alles vorbei“ sein. Nein, scheuen Sie die Studiengänge nicht, deren Absolventen absolut gesehen stark nachgefragt sind. Es ist eine revolutionäre Theorie, ich weiß. Und mathematisch unsinnig ist sie auch. Aber hilfreich ist sie dennoch. Denn der Mensch lebt nicht von der statistischen Wahrscheinlichkeit allein …Und da wir gerade dabei sind: Mir liegt seit heute eine andere Leserzuschrift vor. Von einem, der auszog, Magister für Neuere und Neueste Geschichte zu werden (und dessen Probleme nach unseren Regeln hier nicht hingehören). Aber sein Brief kann als abschreckendes Beispiel dienen:

„Der fachnahe Arbeitsmarkt ist überrannt; auf eine Stelle kommen oft hundert Bewerber und selbst für Volontariate, etwa im Museum, wird für 1.200 EUR brutto auch noch eine Promotion erwartet. Ich konkurriere mit Heerscharen an geisteswissenschaftlichen Absolventen, die absolute Musterlebensläufe vorweisen können und sich gern zum Hungerlohn ausbeuten lassen. In meinem Umfeld sieht es ebenfalls düster aus. Ich kenne bisher nur dauerarbeitslose Soziologen, Anglisten und Historiker mit Einser-Abschluss, fahrscheinverkaufende Germanistinnen oder Fälle, wo es ganz aufgegeben wurde und nach dem Studium eine fachfremde betriebliche Ausbildung folgte.“ Ende des Zitats aus jener anderen Zuschrift.

Also unbedingt auch: Blick auf den Arbeitsmarkt bei der Berufswahl.Wenn also drei Kriterien für die Entscheidung wichtig sind, dann gilt dabei selbstverständlich: Man darf nicht hoffen, zu den seltenen Glücksfällen zu gehören, bei denen Interesse, Begabung und Arbeitsmarkt von Anfang an ohne jegliche Abstriche zu einem klaren Berufsbild passten und einfach umgesetzt werden konnten. Nein, wer drei Aspekte unter einen Hut bringen will, muss mindestens bei einem davon zu Abstrichen am Ideal bereit sein. Die zugehörige Eigenschaft heißt „Kompromissbereitschaft“ und ist überlebenswichtig im beruflichen Alltag. Es mag ungewöhnlich klingen, aber mir scheint der Punkt „Interesse“ besonders empfehlenswert für Kompromisse. Zum Interesse kann ich mich zwingen, zur Begabung nicht und den Markt zwingt überhaupt niemand. Und wer „kein Interesse an gar nichts“ hat, macht halt das, was er wenigstens kann.

Noch etwas zeigt das Beispiel, das unsere Einsenderin hier gibt: Der Appetit kommt oft beim Essen.

Will heißen: Wenn man erst einmal drin ist in einem Studium oder später in einer betrieblichen Tätigkeit, sich öffnet für die Gegebenheiten und Herausforderungen dieser Richtung, denn erwacht oft auch das Interesse daran, mitunter entwickelt sich sogar eine Leidenschaft daraus, die man selbst vorher nicht für möglich gehalten hatte.

Also: Der Reiz des vorabituriellen jugendlichen Alters darf nicht nur in der Neugier bestehen, wieviel Bier man bei intensivem Training verträgt; die hoffentlich grundsätzlich vorhandene Wissbegier muss auch auf die Fragen gelenkt werden, wo Interesse und Begabung liegen und wie der Arbeitsmarkt beschaffen ist.

Bleiben wir bei der jugendlichen Wissbegier: Das Internet „weiß“ fast alles über jeden denkbaren Beruf, berufstätige Väter und Mütter, Onkel und Tanten, Nachbarn und fremde Fachleute reden gern über ihre Tätigkeit – sofern man sie fragt oder ihnen zuhört. Wenn ich mit erwachsenen Berufstätigen darüber spreche, bestätigen sie meinen Verdacht: Kaum einer von ihnen ist je von Schülern aus höheren Klassen diesbezüglich um Informationen angegangen worden.

Fazit: Diejenigen Schüler, die bei der Abiturprüfung immer noch nicht wissen, was sie studieren wollen, haben zum großen Teil schlicht ihre Hausaufgaben nicht gemacht (und die fahrscheinverkaufende Germanistin wohl auch nicht).

 

Antwort/2:

Auch ich gehe davon aus, dass Sie die Betreuung zweier kleiner Kinder und eine fordernde, anspruchsvolle ganztägige Berufstätigkeit im Normalfall nicht unter einen Hut bringen können. Sie sehen ja, wie Sie schon das eine Kind trotz massiver familiärer Unterstützung gefordert hat. Dass es immer wieder Frauen oder Familien gibt, die es dennoch irgendwie zu schaffen scheinen, muss als Ausnahme von der Regel gesehen werden.

Ihr vorübergehender Rückzug aus der Karriere ist also absolut nachvollziehbar, auch spätere Bewerbungsleser werden das problemlos verstehen. „In zehn bis zwölf Jahren möchte ich wieder voll durchstarten“, schreiben Sie. Auch dieser Wunsch ist nachvollziehbar. Aber:

  • Eine sinnvolle Planung konkreter beruflicher Schritte ist für einen Zeitraum von sechs Monaten(!) gut möglich, wird aber für Termine, die später als etwa zwei Jahre in der Zukunft liegen, praktisch illusorisch.
  • Auch die Industrie plant in konkreten personellen Angelegenheiten nicht über diese zwei Jahre hinaus. Für alles, was weiterreichen würde, sind die Unsicherheiten an allen Ecken einfach zu groß. In zehn bis zwölf Jahren wird sich in der Technik, in den Köpfen der Menschen, im wirtschaftlichen Umfeld und auch bei den politischen Rahmenbedingungen derart viel geändert haben, dass jeder heute ausgearbeitete Planungsansatz ins Leere liefe. Ich will richtig verstanden werden: Es geht hier um das Weiterführen einer gerade begonnenen Führungslaufbahn, nicht darum, in zehn bis zwölf Jahren irgendeinen Job zu bekommen.
  •  Bedenken Sie bei weit in der Zukunft liegenden Planungen auch: Der ganze zweite Weltkrieg, der gewaltige Veränderungen zur Folge hatte, hat nur ca. sechs Jahre gedauert. Und für die Menschen in den heutigen neuen Bundesländern ist in den drei Jahren nach der Wiedervereinigung auch extrem viel über den Haufen geworfen worden, jede Planung wurde Makulatur. Oder bedenken Sie, wie viele neue Unternehmen, Produkte, Gewohnheiten und Berufe allein durch das Internet entstanden sind – von dem vorher niemand auch nur geträumt hatte.
  • Auch Sie werden sich verändern in den vielen Jahren. Ziele werden sich verschieben, neue kommen hinzu. Was Ihnen heute wichtig ist, kann bedeutungslos werden – oder noch wichtiger.

Dennoch kann es natürlich niemals schaden, sich Ziele zu setzen und – im Rahmen des Sinnvollen und Machbaren – auf ihre Erfüllung hinzuarbeiten. Dazu gehört auch, dass man diese Ziele immer wieder überdenkt und an die geänderten Rahmenbedingungen anpasst. Nur: Zu sagen, ich will nach so langer Zeit da weitermachen, wo ich heute aufgehört habe, ist absolut unrealistisch. In jedem Fall ist in zehn bis zwölf Jahren alles, was Sie bisher gemacht haben, nahezu absolut „tot“ und sachlich wertlos. Selbst das im Studium erworbene Wissen veraltet total, wenn man es nicht auffrischt.

Würden Sie also jetzt viele Jahre lang beruflich gar nichts Vorzeigbares tun, eines fernen Tages plötzlich „aus der Versenkung“ auftauchen und dann auch noch etwa als Projektleiterin wieder einsteigen wollen, hätten Sie keine Chance.

Ich rate Ihnen, schlicht den beruflichen Wiedereinstieg nach einem in Ihrem Ermessen liegenden Zeitraum zu planen, damit zunächst keine(!) Erwartungen im Hinblick auf eine besonders verantwortungsvolle Position zu verbinden und z. B. eine Sachbearbeiterposition (ggf. Teilzeit) ins Auge zu fassen. Dann müssen Sie sich darin bewähren – und um den weiteren Aufstieg kämpfen (bedenken Sie: Ihre Wettbewerber sind dann Ingenieure, die in den letzten zehn bis zwölf Jahren jeden Arbeitstag als Projektleiter, Projektmanager oder schon als Leiter Projektmanagement erfolgreich tätig waren).

Aber selbst dieser spätere Wiedereinstieg unterhalb der heutigen Verantwortungsebene könnte äußerst schwierig werden, was u. a. von der dann aktuellen konjunkturellen Situation abhängt. Der wertvollste Beitrag, die Sie in den nächsten Jahren leisten können: Bleiben Sie, soweit es Ihre jeweiligen familiären Umstände (die Kinder gehen eines Tages in den Kindergarten) gestatten, dem Arbeitsleben verbunden. Versuchen Sie, sobald wie möglich wenigstens stundenweise geregelt beruflich zu arbeiten; wenn es geht, wählen Sie ein Unternehmen des Typs, bei dem Sie später wieder voll einstiegen wollen. Zusätzlich hilft es, wenn der Bereich, in dem Sie dort arbeiten, zum „Thema“ Ihrer Zielsetzung passt (z. B. Vertrieb oder Entwicklung). Was Sie in den paar Stunden tun, ist nicht so wichtig, das Sortieren von Akten ist immer noch besser als gar nichts getan zu haben, total „draußen“ gewesen zu sein.

Auch ein Fern-/Zusatz-/Aufbaustudium, das zum Fachgebiet passt und kurz vor dem geplanten vollen Wiedereinstieg erfolgreich abgeschlossen wird, ist hilfreich. Aber bleiben Sie mit der Ausrichtung in etwa beim bisherigen (Studium, Praxis) Thema, fangen Sie eher nichts völlig Neues an.

Kurzantwort:

1. Für die Studienwahl sollten Interesse, Begabung und der Bedarf am Arbeitsmarkt(!) ausschlaggebend sein.

2. Für Frauen gilt bei längerer Kinderpause: Der Wiedereinstieg wird erschwert, wenn man viele Jahre lang gar nicht beruflich gearbeitet hat; selbst stundenweise Tätigkeit mit einfacheren Aufgaben ist hilfreich.

Frage-Nr.: 2577
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-09-12

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