Heiko Mell

Wie komme ich wieder nach unten?

Viele Leser werden meinen Fall als Luxusproblem abtun. Meine wichtigsten Daten: Alter deutlich über 50, Dr.-Ing., seit mehr als zehn Jahren in einem kleinen Unternehmen im Familienbesitz. Dort zunächst Entwicklungsleiter, dann Geschäftsführer, schließlich alleiniger Geschäftsführer.

Die ersten Jahre beim jetzigen Arbeitgeber waren eine tolle Zeit. Als Entwicklungsleiter habe ich ein Team aus netten, gewissenhaften, fähigen Mitarbeitern geleitet. Recht schnell stellten sich Erfolge ein, wir konnten Wachstum und ein deutlich besseres Ergebnis verzeichnen. Dann baten mich die Gesellschafter, in die Geschäftsführung einzutreten. Ich habe dem Wunsch entschieden und unmissverständlich widersprochen, es hätte auch andere Lösungen gegeben. Trotzdem hat man mich so massiv bedrängt, dass ich schließlich doch zugesagt habe.

Dies war ein Fehler! Mein Wunsch, eine Art Ausstiegsklausel in den Vertrag aufzunehmen, die mir nach einigen Jahren die Rückkehr in meine alte Position ermöglicht hätte, stieß auf taube Ohren.

Ich hasse es, Dinge zu tun, die ich nicht beherrsche. Ich hasse es, mich um jeden Kehricht zu kümmern, der notwendigerweise in so einem kleinen Unternehmen anfällt. Am meisten aber hasse ich es, dass mir viel zu wenig Zeit bleibt, mich um die Dinge zu kümmern, die mir wichtig sind und die ich gut beherrsche. Eine vernachlässigte Produktentwicklung ist eine tickende Zeitbombe.

Also möchte ich wieder zurück in meinen alten Job, nur wie fange ich das an? Da ich eher sparsam bin, ist mir das Geld nicht so wichtig, Dienstwagen und Status auch nicht. Aber wie vermittle ich den Gesellschaftern meinen Wunsch? Ich möchte ein oder zwei Sprossen herabsteigen aber nicht springen.

Antwort:

1. Die sachlich-„technische“ Seite der Angelegenheit:

1.1 Für schwierige unternehmensinterne Probleme, auf die ein Manager stößt, gibt es zunächst einmal die Lösung über den externen Arbeitsmarkt. Der hilft uns hier aus zwei Gründen nicht weiter (in der Kombination beider Aspekte ist die Geschichte hoffnungslos):

1.1.1 Für klassische Wechsel jeder Art sind Sie inzwischen zu alt.

1.1.2 Niemand mag externe Bewerber, die derzeit in einer wesentlich ranghöheren Position als in der angestrebten tätig sind. Wer einmal Alleingeschäftsführer war, hat schon Probleme, wenn er danach „nur“ Ressortgeschäftsführer werden will – auf Abteilungsleiterebene ist der Ex-„Alleinherrscher“ überhaupt nicht mehr zu gebrauchen.

1.2 Ob die Gesellschafter es nun mitmachten oder nicht: Es würde nicht funktionieren, gingen Sie intern entsprechend zurück. Sie würden Ihr Gesicht verlieren, würden riskieren, in- und extern zur traurigen Figur zu werden – und niemand würde glauben, dass Sie es freiwillig getan haben. Ein solcher Schritt kommt so selten vor, dass niemand etwas damit anfangen kann. Der übliche Umgang mit einem Allein-GF, der es nicht mehr kann (in den Augen der Gesellschafter) oder der es nicht mehr will (was der Umwelt kaum zu vermitteln ist): Der Mann geht, er verlässt das Unternehmen – teils unfreiwillig, teils auf eigenen Wunsch. Was „draußen“ aus ihm wird, interessiert intern niemanden mehr.

1.3 Wenn etwas eine „tickende Zeitbombe“ ist, dann ein Abteilungsleiter, der vorher schon einmal Allein-GF dieses Unternehmens gewesen war. Jeder vernünftige Nachfolger in der GF-Funktion müsste versuchen, diesen „merkwürdigen Heiligen“, der jetzt den Abteilungsleiter „spielt“, schnellstmöglich loszuwerden. Der würde nämlich nie mit Respekt zum vorgesetzten Allein-GF aufblicken und vermutlich abends zu seiner Frau sagen: „Der Herr Geschäftsführer soll sich nicht so aufblasen, ich war schließlich auch schon, was er jetzt ist.“ Und nichts auf der Welt schützt Sie vor einem Nachfolger, der als Hobby ausgerechnet die Entwicklung hat und sich dort um jedes Detail kümmert.

 

2. Die berufsphilosophische („moralische“) Seite der Angelegenheit:

2.1 Eine Standard-Persönlichkeit, wie man sie sonst auf einem solchen Stuhl findet, sind Sie sicher nicht:

2.1.1 Da ist Ihre Umschreibung des Teams in der Entwicklungsabteilung: „nett, gewissenhaft und fähig“ waren die Leute. Wer fängt denn bei der Aufzählung der Eigenschaften eines für die Existenz des Unternehmens enorm wichtigen Teams mit „nett“ an? Man setzt instinktiv das an die Spitze, was man als am wichtigsten einstuft. Nett?

2.1.2 Im vorletzten Absatz Ihrer Darstellung toben Sie so richtig los: Drei Mal steht „ich hasse“, es geht um Dinge, die „mir wichtig sind“. Ohne Sie in der Entwicklung droht dem Unternehmen also der Untergang. Was ist das eigentlich für ein Allein-GF, den die da haben? Wie kann der die Entwicklung vernachlässigen, wenn die doch so unverzichtbar ist? Und warum hat er dort nicht längst einen neuen Abteilungsleiter installiert, der die Dinge so gut voranbringt wie er es früher tat? Oder hat er etwa aus egoistischen Gründen und gegen seine Pflichten diesen Job freigehalten, um notfalls dort selbst wieder unterschlüpfen zu können?

2.1.3 Mir geht es ein bisschen viel um „ich“ und ein bisschen wenig um „das Unternehmen“, dem Sie verpflichtet sind und um „die Gesellschafter“, denen Sie ganz besonders verpflichtet sind. Sie haben das Amt – widerstrebend, aber dann doch – übernommen, nun müssen Sie es auch auszufüllen versuchen und weniger aufzählen, was Sie alles hassen. Es sei denn, Sie haben Alternativen, die ich aber konkret nicht sehe.

Der Angestellte, so gesehen ist auch der Geschäftsführer ein solcher, ist abhängig beschäftigt. Sie sind eine Art Erfüllungsgehilfe der Gesellschafter – ein Zuckerschlecken ist das eigentlich niemals. Sie sind vorrangig zur „Erheiterung“ der Gesellschafter dort angestellt, nicht jedoch um das zu tun, was Ihnen am meisten Spaß macht oder was Sie am wenigsten hassen.

2.2 Nun werden wir einmal etwas höher hinaufsteigen und dort „Schützenhilfe“ für unser Problem suchen:

2.2.1 Gerade in aller Munde gewesen, kommt uns Friedrich der Große gerade recht. Der hat auch allerhand dessen gehasst, was er sein und tun sollte, sich dann aber seiner Position angepasst und schließlich formuliert: „Ich bin der erste Diener des Staates.“ So etwas würde, etwas kleiner gefasst, auch einen Allein-Geschäftsführer gut schmücken.

2.2.2 Das Zimier (lt. Fremdwörter-Duden ein Ritterhelmschmuck) des Prince of Wales enthält ein Spruchband mit dem – tatsächlich in deutscher Sprache geschriebenen – Text: „Ich dien.“ Auch das wäre ein empfehlenswerter Denkanstoß. Demut, Bescheidenheit trotz gesunden Selbstbewusstseins.

 

3. Die Möglichkeiten, die Sie nun haben:

3.1 Eine relativ einfache, absolut saubere Chance zur Rückkehr in den alten „kleinen“ Job sehe ich nicht (einmal GF, immer GF).

3.2 Ein ernsthafter Versuch dahingehend könnte erst Ihre Gesellschafter verärgern und schließlich doch scheitern – dann wären Sie schlechter dran als vorher.

3.3 Sie können kündigen und gehen; aber eine Chance, „draußen“ den angestrebten kleinen Job zu finden, sehe ich nicht.

3.4 Sie können alles durchdenken, Ihre Gesamtsituation sorgfältig analysieren und Ihren Frieden mit Ihrer heutigen Position machen. Es ist eine Frage der inneren Einstellung. Wenn etwas zu tun ist, tun Sie es einfach, vergeuden Sie keine Zeit mit dem Einordnen in verschiedene Hass-Kategorien. Und denken Sie an die Alternativen, die Sie haben. Auch ich denke wie so viele: Es gibt Schlimmeres als sich mit einer GF-Position arrangieren zu müssen. Mancher gäbe seinen linken Arm dafür …

 

4. Für potenzielle Nachahmer:Unser Einsender war mit seiner Ablehnung des – damals wie heute – ungeliebten Top-Jobs nicht erfolgreich. Das war schade in mehrfacher Hinsicht. Ich weiß ja nicht, wie er damals argumentiert hat, vermute aber („ich hasse“), dass er vorwiegend „ich will nicht“ ins Feld führte.

Nun lässt sich ein ranghoher Chef (ein Gesellschafter), der selbst etwas will(!), kaum von dem Argument beeindrucken, dass der Untergebene dies nicht mag. Widerstände von unten sind dazu da, überwunden zu werden!

Man muss also schon mehr bieten als Trotz (will nicht), den man ja auch brechen oder durch gutes Zureden überwinden kann. Wirksamer ist es dann schon, ernsthafte, durch Druck nicht wegzubringende (scheinbare) Sachargumente vorzutragen, etwa so: „Vielen Dank, das Angebot ist eine große Ehre für mich. Ich muss aber im Interesse der Sache (Gesellschafterinteressen, Belange des Unternehmens) dankend ablehnen – weil ich der Position nicht gerecht werden kann. Sie trauen es mir zu, das ehrt mich, aber ich kenne mich besser. Ich habe mich schon in der Vergangenheit oft gefragt, ob ich irgendwann einmal Geschäftsführer sein möchte. Und dann habe ich die Position und ihre Anforderungen einer- und meine Stärken und Schwächen andererseits analysiert und bin zu dem Ergebnis gekommen: Ich darf eine solche Position nicht anstreben, weil das nicht zu verantworten wäre, ich bin nicht der richtige Mann dafür, ich kann das nicht, ich wäre überfordert. Würde ich das Angebot annehmen, müsste ich davon ausgehen, Ihnen und mir damit ein untragbares Risiko aufzubürden.“Wer ihn dann noch beförderte, würde unverantwortlich handeln.

Kurzantwort:

1. Eine Beförderung abzulehnen, ist schwer; von einer als zu hoch empfundenen Position wieder in eine deutlich tiefere Ebene hinunterzusteigen, ist fast unmöglich.

2. Der Abschied von einer GF-Position ist praktisch nur über eine Kündigung denkbar. Aber auch potenzielle neue Arbeitgeber mögen keinen Ex-GF als Abteilungsleiter: Einmal GF, immer GF.

Frage-Nr.: 2571
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 31
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-08-01

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