Heiko Mell

Intern erfolgreich, extern nicht

Vor Kurzem habe ich mein nächstes Karriereziel erreicht und freue mich auf mein neues Aufgabengebiet.

In der vergangenen Bewerbungsphase konnte ich extrem unterschiedliche Reaktionen auf meine Bewerbungen beobachten, die ich nicht einordnen kann. So wurde ich bei allen drei internen Bewerbungen bei meinem langjährigen Arbeitgeber, einem bedeutenden Zulieferer, zum Vorstellungsgespräch eingeladen, und ich habe mich für die erste mir angebotene Stelle entschieden.

Meine Bewerbungen bei externen Arbeitgebern waren sehr viel weniger erfolgreich. Ich habe mich zehnmal beworben und wurde nur einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich erhielt eine Absage, hätte aber auch selbst abgesagt, weil das Stellenangebot im Internet vom mündlich vorgestellten Aufgabengebiet abwich.

Meine Mutmaßungen, warum ich extern so wenig erfolgreich war:

1. Im Vergleich zu meinen Mitbewerbern weniger Berufserfahrungen als Ingenieur (Sie haben zehn Jahre, das reicht grundsätzlich „für alles“; H. Mell).

2. Ich bin zu lange bei meinem heutigen Arbeitgeber beschäftigt (Sie sind „erst“ zehn Jahre dort, das ist absolut unproblematisch; H. Mell).

3. Meine Beschäftigungsdauer in der letzten Abteilung war zu kurz (Dauer ein knappes Jahr; so etwas fällt hier unter dem Aspekt „Wechselhäufigkeit/Dienstzeit“ überhaupt nicht ins Gewicht, das wird von den zehn Jahren bei eben diesem Unternehmen zugedeckt; H. Mell).

4. Der jüngste Wechsel von der Produktion zur (techn.) Projektleitung mit Kundenkontakt ist ungewöhnlich bzw. kritisch.

5. Ein Wechsel von Unternehmenstyp, Branche, Produktspektrum könnte als schwierig gelten.

6. Der überwiegende Anteil der externen Bewerbungen erfolgte über Personalberatungsunternehmen. Werden solche Bewerber vom suchenden Unternehmen eher benachteiligt, weil eine erfolgreiche Vermittlung mit erheblichen Kosten verbunden ist?

7. Mein ungewöhnlicher Name (Vor- und Familienname).

Die nächste Bewerbungsphase kommt für mich sicher erst in ein paar Jahren. Trotzdem möchte ich die Gründe für das schlechte Abschneiden meiner externen Bewerbungen kennen und bitte um Ihre Hilfe. Unterlagen sind beigefügt.

Antwort:

Fragen Nr. 1 – 3 habe ich schon durch kurze Anmerkungen erledigen können, bleibt uns der Rest. Und um die Neugier der anderen Leser zu befriedigen („wie heißt der denn nun?“) fange ich hinten an:

 

Zu 7.: Da ist nichts Ungewöhnliches an Ihrem Namen (soweit ich das beurteilen kann), Sie sind ganz einfach erkennbar türkischstämmig. „Türke“ ist die umgangssprachliche Einstufung, die Sie bei praktisch allen Bewerbungsempfängern erfahren werden. Sie sind in der Türkei geboren, bei der Stadt oder Region geben Sie noch eine zusätzliche Abkürzung an, die geheimnisvoll klingt, aber dahinter steht dann „Türkei“.

In der Sache ist das, streng staatsbürgerschaftlich betrachtet, ganz anders: Inzwischen ist Ihre Staatsangehörigkeit „deutsch“ – offenbar schon ziemlich lange, jedenfalls sind Sie schon in Deutschland zur Schule gegangen, haben hier Ihre Ausbildung und Ihr FH-Studium absolviert (mit vorzeigbarem Resultat nach 2. Bildungsweg). Offiziell heißt das wohl „Deutscher mit türkischem Migrationshintergrund“, das sagt aber niemand, die Leute sagen „Türke“ – so wie sie auch „Ostfriese“ oder „Sachse“ sagen würden, selbst wenn der seit vielen Jahren in Bayern lebte.

Das beinhaltet in einem solchen Fall absolut nichts Negatives! Schön, es gibt immer Menschen, die pauschal andere auch aus landsmannschaftlichen Gründen ablehnen – das kann auch Europäern in Europa oder eben Deutschen in Deutschland geschehen. Aber bei Ihrem speziellen Hintergrund mit Schule, Studium und zehn Jahren Praxis in Deutschland sollte eher die große Akzeptanz typisch sein, die Sie beim heutigen Arbeitgeber genießen. Die Ablehnung Ihrer externen Bewerbungen in dieser massiven Form kann an dem von Ihnen als Vermutung eingebrachten Namen (Sie meinen eigentlich Status) nicht liegen.

 

Zu 6.: Das verstehe ich nicht so ganz. Ich kenne

a) Anzeigen von suchenden Unternehmen, in denen von Beratern nicht die Rede ist und auf die hin sich Bewerber bewerben. Dabei gibt es keine Probleme.

b) Anzeigen von Beratern, in denen das eigentlich suchende Unternehmen entweder genannt wird (manchmal) oder auch nicht (meistens). Hier hat der Berater einen Auftrag, passende Bewerber zu suchen. Das Unternehmen weiß vorher, dass ein Beraterhonorar fällig ist und in welcher Höhe. Auch hier gibt es keine Probleme für den Bewerber, auch keine Nachteile (da es ja der einzige Weg ist).

c) Jetzt muss ich spekulativ operieren: Sie haben offensichtlich pauschal Beratern Ihre Unterlagen anvertraut. Diese Berater haben, so verstehe ich Sie, gar keinen konkreten Beschaffungsauftrag, sondern lesen veröffentlichte Stellenanzeigen von Unternehmen und legen dann dort z. B. Ihre Unterlagen vor – und erwarten dafür vom suchenden Unternehmen Vermittlungshonorar oder -provision. Ja, warum tun Sie denn so etwas? Sie können die veröffentlichen Stellenagebote ja auch selbst lesen und selbst dorthin schreiben. Also wenn suchende Unternehmen mit ihrem Bedarf an die Öffentlichkeit gehen und anschließend zwei Gruppen ähnlich qualifizierter Bewerber bekommen, von denen die eine Vermittlungsgebühr kostet und die andere nicht, dann fürchte auch ich, dass die nichts kostende Gruppe klar im Vorteil ist.

 

Zu 5.: Schauen wir uns doch einfach einen Ihrer beigefügten Fälle an:Zunächst schreiben Sie „sehr geehrte Fr. Müller“; tun Sie das nicht! In der Adresse mag das schon einmal angehen, klug ist es auch da nicht. Man schreibt in der direkten Anrede stets „Frau“ – so viel Zeit muss sein. Das gilt auch für „Herrn“.Dann aber sind wir voll im Thema Ihrer speziellen Frage:

Der anvisierte Job ist ein „Projektleiter im Bereich Projektmanagement“ (ich habe die Schlagzeile nicht getextet), es geht um die „Leitung von Kundenprojekten“, es geht um „Einrichtung einer Projektstruktur“ und „Planung, Überwachung und Steuerung des Projektablaufs“ bei einem namhaften Zulieferer. Gesucht wird „Vertrautheit mit den Instrumenten und Methoden des Projektmanagements“, fließendes Englisch und weitere Sprachen – sowie „Erfahrung in der Führung von interdisziplinären Teams“.

Sie geben in Ihrem Lebenslauf für die heutige Position „Projektingenieur“ an, die Tätigkeit davor heißt „Prozessingenieur“. Wiederum davor gab es dann auch einmal eine Projektleitungsfunktion, aber da ging es um die hier „falsche“ Fertigungsplanung. Das Problem dabei: Ihre ganze Entwicklung wirkt auf den Leser so als hätte man Sie degradiert: erst Projektleiter (im falschen Fachbereich), dann zweimal „Ingenieur“ ohne Leitung. Das ist keine gute Basis für eine Aufstiegsbewerbung.

Dann will der Bewerbungsempfänger auch noch möglichst Praxis aus dem Fahrwerksbereich, Ihre Erfahrungen kommen aus „höheren Regionen“ (eines Autos). Schließlich wollen Sie Ihre „Wechselmotivation erst im persönlichen Gespräch“ offenbaren – und definieren Ihre konkret genannte Soll-Vergütung als eine Art „angemessenen“ Wunsch. Das ist kein Optimum.

Beim Lesen Ihres Lebenslaufs drängt sich mir noch eine Vermutung auf: Sie haben alles beispielhaft deutlich, korrekt und übersichtlich dargestellt, sicher benutzen Sie für die Darstellung der einzelnen Tätigkeiten die intern üblichen Bezeichnungen. Die versteht intern jeder Leser. Darauf beruht auch die hohe interne Akzeptanz.

Aber: Die Unternehmen sind unterschiedlich organisiert, benutzen verschiedene (verschieden hochtrabende) Bezeichnungen für bestimmte Aufgaben und Tätigkeiten. Der externe Leser – z. B. ich – hat große Schwierigkeiten, die simple, aber fundamentale Frage zu beantworten: Was macht dieser Bewerber da eigentlich? Daran hängt die Frage: Was kann er? Denn nur was man gemacht hat, kann man beweisbar. Alles andere ist spekulativ. Sie müssen auch an die lesenden Referenten aus der Personalabteilung denken. Die sind Dipl.-Kaufleute oder -Betriebswirte, vielleicht sogar („sogar“ im Sinne von „noch weiter weg von der Technik“) Dipl.-Psychologen. Und die verstehen nicht alles, aber sehen schnell: In Ihren – wichtigen – letzten beiden Positionen kommen die Zentralbegriffe der Anzeige („Projektleiter“ und „Projektmanagement“) gar nicht vor. Das hat so keine Chance.

 

Zu 4.: Sie schreiben oben: „Der jüngste Wechsel von der Produktion zur (techn.) Projektleitung mit Kundenkontakt ist ungewöhnlich …“ Ist er. Aber wo bitte steht im Lebenslauf heute „Projektleitung“ und wo „Kundenkontakt“ (in der Beschreibung der beiden letzten Positionen)?

Im letzten Zwischenzeugnis steht: „Er erledigte seine Aufgaben sehr ordentlich, schnell und gewissenhaft.“ Das ist – ganz anständig, beschreibt aber noch kein überzeugendes Potenzial für die weitergehende Karriere.

 

Fazit: Intern kennt man Sie, kaum jemand liest Ihre Bewerbung im Detail – und wenn, versteht man sofort alles. Als es galt, sich „draußen“ zu präsentieren, sind Sie an Fakten (früher Leiter, heute nicht mehr) und an Ihren Fähigkeiten zur Präsentation gescheitert. Gerade beim Sprung in die Führungsebene darf es bei externen Bewerbungen keine Zweifel oder offenen Fragen geben. Intern lag Ihre Qualifikation offen auf dem Tisch, exten wäre – bei identischen Unterlagen – auch ein „Max Müller, geb. in München“ gescheitert.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2568
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 26
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-06-28

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