Heiko Mell

Was mache ich nun bis zur Rente?

Ich bin 51, habe in einem größeren Unternehmen den Aufstieg bis in die Führungsebene unterhalb des Vorstandes hinter mir, bin weiter erfolgreich und recht zufrieden. Aber was mache ich nun in den nächsten fünfzehn Jahren?

Antwort:

Kurzfassung: Dasselbe wie heute.Da das sicher als unbefriedigend empfunden wird, muss noch eine Langfassung folgen:

 

1. Grundsätzlich gelten alle nachstehenden Punkte sowohl für Führungskräfte als auch für ausführend tätig Angestellte. Wo es Unterschiede gibt, werde ich darauf hinweisen.

 

2. Ihre persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten (Aufstieg, mehr Verantwortung) gelten jetzt als ausgeschöpft. Rechnen Sie also nicht mehr mit einer weiteren positiven Laufbahnentwicklung. Es gilt allerdings: Bei Führungskräften sind die Chancen, doch noch einmal einen Sprung nach oben zu machen, größer. Hier ist die Altersbegrenzung etwas flexibler.

 

3. Unternehmensintern können Sie problemlos alles mitnehmen, was sich in Sachen positiver Weiterentwicklung eventuell doch noch anbietet. Aber hinsichtlich externer Bemühungen empfehle ich Zurückhaltung (bei Nichtführungskräften noch sehr viel energischer als bei Managern).

Hintergrund dafür ist nicht so sehr die Frage, ob Sie jetzt mit externen Bewerbungen noch etwas erreichen könnten – das würden Sie ja merken. Die Probleme begännen erst, wenn Sie Erfolg hätten. Denn die Existenz des Angestellten ruht auf zwei Säulen:

a) dem derzeitigen Job und

b) der Gewissheit, beim jederzeit(!) möglichen Jobverlust nach einem Wechsel wieder eine adäquate Position extern erringen zu können.

Sie beispielsweise sind heute weitgehend zufrieden mit Ihrer Position unterhalb des Vorstands. Ein externer Wechsel lohnte sich also nur, wenn er Sie zum Vorstandsmitglied machte. Verlören Sie diesen Job nach ein bis drei Jahren, sähen Sie auf dem Arbeitsmarkt nicht „gut“ aus: 52 bis 54 Jahre alt, eine zu kurze Dienstzeit in der dann aktuellen Position, erstmals Vorstand gewesen und damit vermutlich nicht zurechtgekommen (zu alt?). Und niemand würde einen Ex-Vorstand wieder als Führungskraft unter dieser Ebene einstellen wollen („einmal Vorstand, immer Vorstand“).

 

4. Also ergeht der dringende Rat, beim heutigen Arbeitgeber in der heutigen Position zu verbleiben und damit Ihren „Frieden“ zu machen. Die Zeit der rasanten beruflichen Weiterentwicklung ist oder geht zu Ende, wie so viele andere Phasen im Leben auch „ihre Zeit“ haben und irgendwann vorbei sind. Wegen Nr. 3 müssen sich Ihre strategischen und taktischen Bemühungen in eigener Sache nun vorwiegend auf den Erhalt des Erreichten richten. Wichtig ist es nicht mehr, sich für den nächsten Schritt nach oben zu qualifizieren, sondern die heutige Position zu sichern. In diese Haltung kommen Sie, wenn Sie meine Argumentation als logisch anerkennen, quasi „automatisch“ hinein.

Das ist, dies sei warnend gesagt, einer der Gründe für denkbare Differenzen zwischen älteren Managern der zweiten Ebene und jüngeren, vollblutdynamischen Vorstandsvorsitzenden. Letztere wollen (müssen?) „die Welt“ erobern, auch um sich zu profilieren, erstere sehen vor allem auch das damit verbundene Risiko. Also Achtung: Werden Sie nicht zum erkennbaren Bedenkenträger, erobern Sie immer schön mit, aber setzen Sie nicht alles auf eine Karte. Ihr Vorgehen wird zwangsläufig risikominimierender.

Und da ich gerade bei den Warnungen bin: Ich sehe unverhältnismäßig viele Anfangsfünfziger, die gerade ihren Job verloren haben. Diese Phase scheint dafür ein kritisches Alter zu sein. Man fühlt sich durch große Erfahrungen und lange Dienstzeiten ziemlich unangreifbar, tut die Belange insbesondere neuer (jüngerer?) Vorgesetzter als nicht ernstzunehmende Marotten ab – und ist oft sehr schnell „draußen“.

 

5. Das Bisherige (1 – 4) klang ja je nach Einstellung des Lesers dazu nicht so furchtbar toll, jetzt zum Ausgleich etwas Beruhigendes:Sie erleben die kommenden fünfzehn Jahre mit ihren schwindenden (vorsichtig gesagt) beruflichen Möglichkeiten nicht mit der Persönlichkeit eines jungen Mannes in seinen besten Sturm- und Drangzeiten. Das wäre allerdings furchtbar.

Aber der älter werdende Mensch wird nicht nur mit veränderten Gegebenheiten seiner beruflichen Umwelt konfrontiert, er verändert sich auch selbst. Seine Fähigkeiten bleiben nicht so wie sie waren, seine Erfahrungen wachsen, dafür sinkt seine Bereitschaft, auf jeden neuen Zug erst einmal aufzuspringen (kämpfen Sie gerade dagegen zumindest partiell an: Lassen Sie sich weder in Fragen der PC-Technik noch beim Bedienen von Handy und Navigationssystemen von Jüngeren abhängen – das würde das Vorurteil gegen Ältere nur stützen). Manche Dinge werden einfach weniger wichtig, andere nehmen ihren Platz ein.

Natürlich entwickelt sich das individuell verschieden – aber irgendwie betroffen ist jeder. Dann kommt der gesundheitliche Aspekt hinzu. Und eines Tages sagen Sie nicht mehr „Vorstand müsste man sein“, sondern sind stolz drauf, die Anforderungen an Ihren Job auf der Ebene darunter immer noch erstklassig erfüllen und gegenüber jüngeren Kollegen immer noch sehr gut bestehen zu können.Sie haben bisher stets oder doch überwiegend gute, engagierte Arbeit geleistet und haben sich Ihren Chefs als nahezu ideale Positionsbesetzung mit Potenzial für „mehr“ empfohlen. Diesen Arbeitsstil, Ihr Engagement etc. behalten Sie bei und empfehlen sich dadurch auch weiterhin Ihren Chefs als nahezu ideale Positionsbesetzung. Nur den Versuch, Potenzial für „mehr“ zu zeigen, ersetzen Sie durch das Ziel, trotz des beginnenden Nachlassens so mancher körperlicher und geistiger Fähigkeiten (die Sie anderen nicht eingestehen müssen) eine nahezu ideale Positionsbesetzung zu bleiben.

Ich verspreche Ihnen, in den nächsten Jahren beginnt diese Argumentation Ihnen einzuleuchten (spätestens mit 55).

 

6. Bleibt die Frage: „Na schön, kein Aufstieg mehr, aber weitere fünfzehn Jahre denselben Job?“ Auch dafür gilt der Trost: Der Wunsch nach Neuem lässt mit steigendem Alter nach. Außerdem werden Ihrem Vorstand diverse Restrukturierungen einfallen, die Eintönigkeit erfolgreich verhindern. Und eines Tages reichen Ihnen die Veränderungen, die durch neue IT-Systeme, neue Organisationsabläufe, neue Mitarbeiter und vor allem neue Chefs gekennzeichnet sind, völlig aus.

Wenn Sie mich nun noch fragen, ob ein Unternehmen mit mehr jungen oder mehr alten Mitarbeitern (gerade auch im Führungsbereich) besser fährt, dann ist meine Überzeugung: Es braucht eine ausgewogenen Mischung aus allen Altersgruppen, nur das hat Zukunft. Sie brauchen die jungen Himmelsstürmer, fortschrittsgläubig und idealistisch, sie brauchen ebenso die langjährig Erfahrenen, die allzu viel Sturm und Drang abbremsen. Wenn die beiden Gruppen, gestützt auf eine breite „mittlere“ Gruppe dazwischen, zu einer harmonischen Zusammenarbeit finden, ist ein Optimum erreicht.

Kurzantwort:

1. Dem „rüstigen“ Anfangsfünfziger mögen fünfzehn bevorstehende Jahre im selben Job zunächst als unzumutbar erscheinen. Aber spätestens mit Mitte 50 verändern sich auch seine Wertmaßstäbe und Zielvorstellungen. Er arrangiert sich mit den Umständen – und kann so nach wie vor engagiert, zufrieden und erfolgreich die erreichte Position ausfüllen.

2. Die derzeitig geltenden Regeln unseres Systems gehen davon aus, dass der akademisch gebildete Mitarbeiter so etwa ab 45 den Höhepunkt seiner Gesamt-Leistungsfähigkeit erreicht (Fußballer und Rennfahrer deutlich eher). Unterstellen wir doch einmal, dem wäre so.

Frage-Nr.: 2556
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-05-03

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