Heiko Mell

Direkt Papas Firma übernehmen?

Zurzeit studiere ich Maschinenbau an der Hochschule in …, werde allerdings für den Bachelor aufgrund von Anfangsproblemen mit Mathe und wegen eines speziellen studentischen Engagements etwa zwei Semester mehr benötigen.

Mein Vater ist Geschäftsführer und Gesellschafter eines mittelständischen Automobilzulieferers, das Unternehmen läuft momentan sehr gut. Man war nicht von der Wirtschaftskrise betroffen und hat auch für die nächsten Jahre bereits Aufträge von namhaften Automobilherstellern und wichtigen großen Zulieferern.

Nach den Vorstellungen meines Vaters soll ich direkt nach dem Studium die Firma übernehmen, sodass er sich, nachdem er mich eingearbeitet hat, zurückziehen und in Rente gehen kann. Da er die Firma ungern einfach so schließen will, möchte er von mir eine relativ schnelle Entscheidung in dieser Angelegenheit, sodass gegebenenfalls noch Zeit bleibt, eine Alternative zu finden.

Ich persönlich bin mir sehr unschlüssig darüber (streichen Sie „persönlich“, „mir“ und „darüber“, dann wird es kürzer und präziser; H. Mell), ob es eine gute Idee ist, direkt nach dem Studium ohne große Berufserfahrung in die Geschäftsführung aufzusteigen. Andererseits wäre das eine einmalige Chance für mich und meine Karriere. Ich weiß, dass ich auf jeden Fall später einmal in die Geschäftsführung möchte und habe auch schon in den Ferien in der väterlichen Firma einiges mitbekommen.

Aber so direkt nach dem Studium? Was wäre, wenn ich scheitere? Ich habe bei Ihnen schon oft gelesen, dass es schwierig ist, als gescheiterter Geschäftsführer eine neue Position zu finden.

Antwort:

Die Versuchung ist an Sie herangetreten – und Sie haben immerhin gemerkt, dass es eine ist. Versuchungen sind dadurch geprägt, dass sie ein äußerst reizvoll erscheinendes Angebot einschließen, für das entweder ein ebenso hoher Preis zu zahlen oder bei dem ein besonders großes Risiko in Kauf genommen werden muss.

Ich weiß nicht, welche Argumente Ihr Vater hat, um jetzt diesen Druck zu machen (sein Alter, Gesundheitszustand, anderweitige Interessen), also konzentrieren wir uns auf Ihre Seite der Angelegenheit:

 

1. Die Führung eines produzierenden Industrieunternehmens im harten geschäftlichen Umfeld der Automotive-Branche ist kein Job für einen Berufsanfänger und „rüstigen Anfangszwanziger“, auch nach Einarbeitung durch den bisherigen Inhaber nicht.Die Wahrscheinlichkeit ist extrem hoch, dass Sie damit überfordert wären und den Betrieb letztlich gegen die Wand fahren würden.

Drei Aspekte sind zusätzlich zu bedenken:

a) Die Kunden, die den größten und wichtigsten Aktivposten eines solchen Unternehmens darstellen, suchen in der Neubesetzung der Chefposition die Sicherheit, dass ihren Anforderungen stets und zuverlässig entsprochen wird. Schließlich würde die Versorgung ihrer Produktionsbänder mit entsprechenden Teilen und Baugruppen von Ihrer Person abhängen. Dieses Vertrauen würden sie Ihnen in den nächsten Jahren nicht entgegenbringen. Als Faustregel: nicht bevor der neue Firmenchef wenigstens(!) 30 Jahre alt ist. Das allein würde noch deutlich mehr als fünf Jahre dauern.

b) Als Chef an der Spitze eines mittelständischen Betriebes dieser Art sind Sie als Produktions- wie als Entwicklungstechniker ebenso gefordert wie als Kaufmann in Bilanz- und Steuerfragen sowie als Einkäufer in Verhandlungen mit Lieferanten. Selbstverständlich hätten Sie Mitarbeiter in allen diesen Bereichen, aber die letzte Entscheidung bliebe stets Ihnen vorbehalten. Und wie Banken auf Sie reagieren würden, sollten Sie Kredite brauchen, ist auch leicht vorstellbar. Die Anforderungen an Ihre Qualifikation wären hoch, der Erbenstatus allein reichte nicht.

c) Für den Aufstieg in fremden Unternehmen haben sich für junge Menschen Regeln herausgebildet: Sie arbeiten ein paar Jahre auf Ausführungsebene, übernehmen dann zunehmend sachliche Verantwortung und Personalführung. So mit etwa 38 Jahren findet man unter ihnen die ersten Bereichsleiter oder auch schon Geschäftsführer. Dabei halten sich steigende persönliche Reife, Kenntnis- und Erfahrungszuwachs sowie wachsendes Leistungsvermögen etwa die Waage. Dieser Aufstiegsweg sollte auch im familieneigenen Unternehmen allgemeine Richtschnur sein, wobei der Weg nach oben durchaus etwa eine Stufe steiler und schneller sein darf als er es draußen wäre (es gibt weniger Widerstände, wenn allen klar ist, dass hier der künftige Chef heranwächst; dieser kann vor dem Hintergrund seiner besonderen Stellung etwas mehr riskieren als fremde Manager, er hat mehr Informationen und genießt umfassendere Unterstützung).

 

2. Sollten Sie aus irgendwelchen Gründen nach einem Scheitern eines Tages als Bewerber auf dem Arbeitsmarkt auftauchen wollen oder müssen (beides ist denkbar), dann gilt:

a) Es ist geradezu eine „Lebensversicherung“, wenn Sie vor Eintritt in das familieneigene Unternehmen einige Jahre extern erfolgreich und mit sehr guter Beurteilung als Angestellter gearbeitet haben. Dann kehrten Sie in jenem Ernstfall in Ihre alte berufliche Heimat zurück, ohne diese Basis würden Sie jedoch totales Neuland betreten.

b) Ihre gesamte „Karriere“ im familieneigenen Unternehmen, Ihr Aufstieg dort, die Zeugnisse, die man Ihnen gibt – alles hätte „draußen“ praktisch keinen Wert. Man weiß, dass „Blut dicker als Wasser“ ist und dass in Unternehmen dieser Art auch schon ziemlich unfähige Erben „aufgestiegen“ sind. Und: Wer später über Ihre mögliche externe Bewerbung entscheidet, hat sich alles selbst erarbeiten müssen, da war kein „vorgewärmter Chefsessel“ nach dem Studium. Sie dürfen ihm ruhig Neid unterstellen, an der Intensität seiner Ablehnung ändert das nichts.

 

3. Sowohl für Ihre Persönlichkeitsentwicklung als auch für Ihre Fachqualifikation wäre es gut, erst einmal in einem fremden Unternehmen gearbeitet und gelernt zu haben. Auch Ihre eigene Firma profitiert davon. Es ist nützlich, solche Erfahrungen in der passenden Branche zu sammeln, der Arbeitgeber sollte eher größer sein als das später zu leitende Unternehmen.

 

4. Die Übernahme eines bereits bestehenden, gut aufgebauten Unternehmens aus dem Besitz der eigenen Familie ist grundsätzlich ein „Weg ohne Wiederkehr“. Läuft alles gut, hat man eine einmalige Chance im Leben gehabt und erfolgreich realisiert. Geht es schief, besteht die spätere Lösung nicht einfach in einem Wechsel in vergleichbare Positionen als Angestellter. Dann ist es schon besser, man hat ein wenig Vermögen übrigbehalten und baut sich etwas Neues im selbständigen Bereich auf oder man zieht sich ins Privatleben zurück, je nach Dauer des „Experiments“ und Größe der abschließenden Katastrophe. Im einen Fall hat man „gespielt und gewonnen“, im anderen „gespielt und verloren“.

 

5. Ausnahmsweise, also bei Vorliegen besonderer Umstände, ist die vor dem Aufstieg in die Geschäftsführung liegende Zeit beruflicher Tätigkeit mit viel Lernanteil und Erfahrungserwerb auch bereits im familieneigenen Unternehmen denkbar. Aber: Man erkennt seine Grenzen nicht, weil alle wissen, hier steht der Sohn des Inhabers und künftige Chef; man lernt nur, was in der Firma schon bekannt ist, man bringt später keine neuen Impulse mit, das Unternehmen kocht langfristig fachlich „im eigenen Saft“ (was immer gilt, wenn stets nur eigene Mitarbeiter befördert werden und neue Manager nie von draußen kommen). Und wenn es eines Tages schiefgegangen ist, schlagen die Bedenken aus 2a und 2b voll durch.

 

6. Ohne die Umfeldsituation in Ihrem Familienunternehmen zu kennen, hier also die pauschale Empfehlung:

a) Sie beginnen in einem größeren, namhaften Automotive-Unternehmen, bleiben dort mindestens drei, besser fünf Jahre, bemühen sich um möglichst vielseitige, abwechslungsreiche Tätigkeitsgebiete und streben an, so hoch aufzusteigen wie eben möglich und mit sehr guter Beurteilung (Zeugnis als „Lebensversicherung“) abzugehen. Dann erst treten Sie ins väterliche Unternehmen ein, sofern das dann noch existiert.

b) Ihr Vater überbrückt diese Jahre, indem er entweder länger dort bleibt als beabsichtigt oder indem er einen Interimsgeschäftsführer einstellt, der für die nächsten Jahre die Firma führt, Ihnen die Nachfolge offenhält und zu Ihrer Einarbeitung zur Verfügung steht. Oder er verkauft und hinterlässt Ihnen entsprechendes Vermögen. Damit im Rücken macht Ihnen entweder Ihr künftiges Angestelltendasein viel mehr Spaß oder Sie bauen sich Ihre eigene selbstständige Existenz auf.

 

Als abschließende allgemeine Warnung: Für ehrgeizige junge Leute scheint der eigene Vater oft schon grundsätzlich ein Problem zu sein. Das wird nicht leichter, sofern dieser Vater dann auch noch der Chef wird. Und: Traue nie einem Inhaber, der da sagt, er werde sich zurückziehen. Letztlich wird er es nicht tun – also sind in jedem Fall klare, unbedingt auch schriftlich fixierte Absprachen zu treffen.

Kurzantwort:

1. Die Übernahme der Geschäftsführung eines Industrieunternehmens durch einen Berufsanfänger ist nicht zu verantworten und liegt weder im Interesse des jungen Menschen noch des Betriebes.

2. Die Übernahme eines familieneigenen Unternehmens als Geschäftsführer und Gesellschafter sollte vorsichtshalber als „Weg ohne Wiederkehr“ gesehen werden. Im Falle eines Scheiterns kann man die Katastrophe für den GF durch Vorsorgeplanung mildern, nicht jedoch ausschließen.

3. Im marktwirtschaftlichen System sind im Regelfall Chance und Risiko gleich stark ausgeprägt; es gibt keine Top-Chance ohne adäquates Risiko. Letztlich ist das fast ein wenig „gerecht“.

Frage-Nr.: 2550
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-03-22

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