Heiko Mell

Vom Facharbeiter zum Vorstand

Frage/1: Ich hoffe auf Ihren Rat, welche Strategie ich verfolgen soll, um in ca. zehn Jahren mein Fernziel Vertriebsleiter bzw. noch besser Vertriebsvorstand/-geschäftsführer in einem großen mittelständischen Unternehmen (ca. 2.000 bis 10.000 Mitarbeiter) zu erreichen und wie ich mit meinem Vorhaben, einen MBA zu erreichen, am geschicktesten umgehe.

Nach einer Ausbildung zum Facharbeiter hatte ich mehrere fachspezifische Weiterbildungen erfolgreich abgeschlossen. Danach war mein Wissensdurst so richtig geweckt. Als dann noch mein damaliger Chef sagte: „So kommen Sie hier nicht weiter. Wenn Sie bei uns oder anderswo Karriere machen wollen, dann müssen Sie ein Studium vorweisen. Seien Sie also lieber zufrieden mit dem, was Sie haben“, hat mich das zur Aufnahme eines FH-Studiums des Maschinenbaus bewogen. Trotz gewisser anfänglicher Schwierigkeiten (Mathe, Physik usw.) habe ich einen sehr guten Erfolg erzielen können und konnte sogar noch einen zusätzlichen ausländischen Studienabschluss während dieser Zeit erwerben.

Den Berufseinstieg fand ich bei einem kleinen mittelständischen Automobilzulieferer (kleiner als 300 Mitarbeiter), wo ich schon nach kurzer Zeit Nachfolger des Vertriebsleiters werden konnte. Leider „schlitterte“ das Unternehmen in die Insolvenz. Da während der allgemeinen Finanz- und Automobilkrise ein Wechsel nahezu unmöglich war, „entschied“ ich mich, dort zu bleiben. Ich war maßgeblich daran beteiligt, Investoren zu finden, musste Mitarbeitergespräche führen, Leistungsträger im Unternehmen halten, aber auch Trennungen einleiten. Und ich habe sehr eng(!) mit dem Geschäftsführer/Inhaber zusammengearbeitet.

Bereits nach wenigen Monaten hatten wir es geschafft, einen adäquaten Investor zu finden. Da ich mich mit den neuen Eignern gut verstand, entwickelten sich zwischen dem ehemaligen geschäftsführenden Gesellschafter, der Geschäftsführer geblieben war, und mir heftige Spannungen. Dieser schwelende Kampf wurde immer extremer und offensichtlicher, ich zog meine Konsequenzen und wechselte zu meinem heutigen Arbeitgeber.

Frage/2: Ich bin jetzt in einem sehr viel größeren Unternehmen, das meiner eingangs genannten Zielgröße entspricht, statt bisher Vertriebsleiter nur Account Manager. Aber ich habe eine deutlich größere Umsatzverantwortung und betreue einen OEM (statt früher Lieferanten der nachfolgenden Stufen).

Das neue Unternehmen ist aufstrebend und hat enormes Wachstumspotenzial. Nur das Produkt finde ich nicht so interessant wie das früher vertretene. Obwohl die Arbeitsbelastung relativ hoch ist, fühle ich mich nicht mehr richtig gefordert. Meinen Wunsch mich weiterzuentwickeln hat man zur Kenntnis genommen, aber man hat mich vertröstet: Ich solle „nicht ungeduldig sein“. Das verstehe ich, da ich ja erst ein Jahr dabei bin.

Mein Chef und dessen Chef haben mich auf meine jetzige Aufgabe eingeschworen, ich soll mich noch etwa drei Jahre darauf konzentrieren, das anstehende Projekt sei zu wichtig. Es wird sich in den nächsten zwei Jahren kaum eine neue Herausforderung dort für mich ergeben (ausgenommen eine denkbare Nenn-Beförderung).

Frage/3: Um mein ganzheitliches Verständnis für ein Unternehmen zu verbessern, spiele ich bereits seit meinem Maschinenbaustudium mit dem Gedanken, den MBA zu machen. Dieser Gedanke hat sich inzwischen zu einem Herzenswunsch entwickelt. Bisher hat kein Arbeitgeber das unterstützt und auch mein jetziger Chef misst diesem Wunsch nur wenig Bedeutung bei. Auch das kann ich verstehen (Kosten + Arbeitsausfall).

Dennoch verfolge ich ernsthaft den Gedanken, den MBA auf eigene Kappe zu finanzieren und ihn berufsbegleitend durchzuziehen.

1. Was halten Sie davon?

2. Wie kann ich meinen Arbeitgeber dafür gewinnen, es zumindest gutzuheißen?

3. Ist in meinem Werdegang ein roter Faden zu erkennen?

4. Scheint mein Fernziel erreichbar zu sein?

5. Was kann ich in der Zukunft tun/verbessern, um dieses Ziel zu erreichen?

Antwort:

Antwort/1:

Arbeiten wir das einmal bis hierhin ab, sonst werden Fragen und Antworten zu lang:

Also Sie wissen sehr genau, wo die berufliche Reise hingehen soll. Gemessen am Durchschnitt junger Akademiker sogar extrem genau. Der Vorteil: Sie können den weiteren Weg recht präzise planen (die Realisierung hat dann ihre eigenen Tücken). Der Nachteil: Wenn man das Ziel zu sehr eingrenzt, kann das den Blick für Alternativen, für sich plötzlich auftuende Chancen am Wegesrand verstellen.

Damit können wir auch schon Ihren ersten Fehler orten: Wenn man eines Tages in Firmen der Größe von 2.000 bis 10.000 Mitarbeitern seine Karriere „krönen“ will, dann ist es sehr klug, zunächst in noch größeren Firmen anzufangen und den weiteren Weg nach der Devise zu vollziehen: beim Firmenwechsel eine Stufe in der Unternehmensgröße hinunter und dafür in der Hierarchie eine Stufe hinauf. Oder Sie steigen wenigstens gleich in der Zielgrößenordnung ein und bleiben der bei jedem Wechsel treu.

Oder aber Sie fangen „klein“ an und müssen irgendwann in der Firmengröße „hoch“, das knirscht jedoch meist im Hierarchie-Getriebe (wir werden es gleich sehen).

Hinsichtlich Ihrer „Wurzeln“ ist die Spekulation erlaubt, dass Sie aus einem nichtakademischen Elternhaus kommen, in dem niemand Ihre Begabung erkannt hat. Nun mussten Sie sich hocharbeiten. Das hat Konsequenzen, z. B. beim Alter am Tage des Studienabschlusses. Und, bitte vergessen Sie das nie, auch die Persönlichkeitsformung verläuft auf einem gänzlich „anderen“ Weg ebenfalls „anders“ als bei jenen Ingenieuren, die mit 19 ihr Abitur und mit 23 oder 24 ihr FH-Examen machten. Ich sage „anders“, nicht „besser“ und nicht „schlechter“. Natürlich bringt Ihr spezieller Weg auch manche Vorteile mit sich, aber eben auch manche Besonderheiten, die eines Tages zu Problemen führen können. Ein Indiz: Niemand kommt auf die Idee, Ihren Weg zum „Standard für alle“ zu erheben. Und sei es, weil Ihnen stets so sechs bis sieben Jahre Berufserfahrung als Ingenieur fehlen. Selbstverständlich haben Sie Anerkennung verdient für Ihre speziellen Leistungen. Aber bedenken Sie dabei: Die „Anderen“, die im üblichen Rahmen aufgewachsen sind, bilden den Maßstab, an dem auch Sie gemessen werden.

 

Damit Sie ein Beispiel haben für Aussagen dieser Art: Nach meinen Beobachtungen neigen Menschen mit Ihrem Hintergrund dazu, Detailfragen der Ausbildung (noch ein weiteres Studium) überzubewerten. „Wenn ich jetzt noch den MBA hätte, dann …“ – der andere Typ hingegen hat ein Studium hinter sich, von dem er 5 bis 10 % in der Praxis anwenden kann, sieht dann, dass Chefs und Kollegen mit unterschiedlichen Studien Unterschiedliches und Ausbildungsunabhängiges erreicht haben, krempelt die Ärmel auf, macht (im Vertrieb) „haufenweise“ Umsatz und wird stetig befördert.

Sagen wir es so: Sie haben ein Studium. Um Vertriebsgeschäftsführer zu werden, brauchen Sie Vertriebstalent, Erfolg, die passende Persönlichkeit, Ehrgeiz und die Bereitschaft, den Preis zu zahlen, der für dieses Ziel gefordert wird. Ich sage ja nicht, dass der MBA stören würde. Aber wenn eine der genannten Voraussetzungen fehlt, nützt der MBA gar nichts. Schön, Sie brauchen betriebs- und volkswirtschaftliche Kenntnisse, aber die kann man sich auf unterschiedliche Weise aneignen. Hatte man Sie beim alten Arbeitgeber nicht an der Suche nach Investoren maßgeblich mitwirken lassen, ganz ohne MBA? Das meine ich.

Ohne Studium, da hatte jener frühere Chef recht, wird man heute kaum noch etwas. Schon gar nicht auf dem Wege über externe Bewerbungen. Aber mit einem(!) Examen in der Tasche stehen Ihnen alle Türen offen, Sie müssen nur hindurchgeben. Und, prüfen Sie es nach, so furchtbar oft wird ein MBA in Stellenanzeigen gar nicht gefordert. Eine private Recherche in einer großen Internet-Stellenbörse ergab im November 2011: 16.000 ausgeschriebene Positionen in „Ingenieurwesen und technische Berufe“, davon 95(!) Stellen, in deren Anforderungen MBA genannt wurde (teils zwingend, teils nur erwünscht, teils nur unter „z. B.“ genannt).

Bleibt Ihr Ärger mit dem früheren Inhaber, der nach Insolvenz und dem Einstieg des Investors weiterhin als Geschäftsführer tätig war: Ein solcher Inhaber erleidet mit der Insolvenz seines Unternehmens eine der größten denkbaren Niederlagen. Diese wird in der Regel seine Persönlichkeit in den Grundfesten erschüttern. Danach kann er kaum noch derselbe Mensch sein. Hat er vorher mit einer Art Allmacht geherrscht, ist er jetzt nur noch angestellter Geschäftsführer von des Investors Gnaden. Diesen pflegt er zu hassen. Und intern gilt: Wer für die neuen Herren ist, ist gegen ihn. Sie nun hatten sehr (mit Ausrufezeichen) eng mit ihm gearbeitet – und waren dann zum „Feind“ (den neuen besserwisserischen Herren) übergelaufen. Also hasst er auch Sie. Nun ja, Sie hatten zu jener Zeit 1 (ein) Jahr Berufspraxis nach dem Studium. Ihr spezieller Weg hatte Sie persönlich reif gemacht, nicht jedoch einschlägig erfahren in taktischen Zusammenhängen.

Zum Glück lässt das sehr sachlich formulierte „gute“ (nicht sehr gute) Zeugnis aus dieser Zeit nichts von den Problemen dort erkennen. Wenn Sie nicht darüber sprechen, gibt es keine Probleme aus dieser Ecke.Weiter im Fall (den Weg zum Vertriebsvorstand sparen wir uns bis zum Schluss auf):

 

Antwort/2:

Der hierarchische „Abstieg“ beim Wechsel ist der Preis für Ihren Schritt vom viel kleineren ins viel größere Unternehmen. Sie haben mit Ihrem Ausbildungs- und mit Ihrem Karriereweg jeweils Sonderwege beschritten. Lassen Sie es damit genug sein.Sie sind jetzt in der für Sie richtigen Ziel-Unternehmensgröße. Bleiben Sie dabei und machen Sie keine entsprechenden Experimente, schon gar nicht wieder nach unten in der Unternehmensgröße. Sie haben ca. fünf Jahre Berufspraxis als Ingenieur, dafür ist Ihr heutiger Job toll! Aber: Wenn man einen Weg in der falschen Richtung beschreitet, dann kann einem schon einmal der eine oder andere Aspekt unverständlich vorkommen. Und der übliche Weg im Beruf ist nun einmal der vom größeren ins kleinere Unternehmen. Es bringt nichts, wenn man seine Energie darauf verschwendet, etwas herauszufinden, was längst als „Stand der Technik“ gilt.

Und noch ein ganz gewichtiges Argument: Ein Unternehmen, das einen neuen Mitarbeiter einstellt, hat ein „moralisches“ Anrecht darauf, dass dieser erst einmal fünf (gut, sagen wir mindestens drei) Jahre lang klaglos, engagiert und mit bestem Erfolg den Job macht, für den er eingestellt wurde. Dann ist – vielleicht – Zeit, über eine Beförderung zu reden. Und das reicht lässig vom Sachbearbeiter mit 23 oder 25 bis zum Vorstand mit 45. Wenn Sie anders denken, hätten Sie dort nicht unterschreiben dürfen. Ihre Chefs haben absolut recht, wenn sie meinen, Sie sollten „nicht ungeduldig“ sein. Ihre Maßstäbe sind ein wenig verschoben, alles andere ist in Ordnung.

 

Antwort/3:

Achten Sie darauf, dass dieses MBA-Projekt nicht zu etwas wird, was man eine „fixe Idee“ nennt! Sie argumentieren falsch, nämlich nicht „das brauche ich“, sondern „das will ich haben“. Eine überzeugende Argumentation würde lauten: „Ich habe festgestellt, dass 80% aller Vertriebsvorstände MBA sind. Nun will ich auch Vorstand werden. Also möchte ich vorsichtshalber auch MBA sein.“ Davon sind Sie weit entfernt mit Ihrem „Herzenswunsch“.

Zu 1: Wenig. Machen Sie lieber Umsatz, lesen Sie Fachbücher und erfreuen Sie Ihre Chefs. Das hilft bestimmt, der MBA hilft Ihnen nur vielleicht.

Zu 2: Gar nicht. Erst zweigen Sie 20% Ihrer geistigen Kapazität ab, um nebenbei etwas zu erwerben, dass Sie lt. Ihren Chefs nicht zwingend brauchen. Damit gehen Sie im Hauptjob in deren Augen(!) auf 80% herunter (schlecht). Dann werden Sie, kaum ist der Stempel unter Ihrem MBA-Examen trocken, laut und nachdrücklich eine Beförderung fordern – oder gehen (sehr schlecht). Das haben die meisten anderen Zweitstudienabsolventen auch gemacht – warum nicht auch Sie? Also lieben die Chefs Ihr Projekt nicht.

Zu 3: Ja, eindeutig. Vertrieb im Automobilzulieferbereich mit steigender Umsatzverantwortung.

Zu 4: Ja, wenn Sie jetzt keine Fehler machen. Als da wären: Ihre Chefs irritieren oder verärgern, indem Sie ständig mit Ihrer „fixen Idee“ hausieren gehen oder nach nur einem Jahr Dienstzeit dort schon wieder wechseln, statt fünf (mindestens drei) Jahre erfolgreich „vor sich hin“ zu arbeiten.

Zu 5: Lesen Sie meine Antworten sorgfältig durch, ärgern Sie sich ruhig, lesen Sie sie dann zwei Tage später noch einmal. Denken Sie vor allem nach über herkunftsbedingte „andere“ Prägung, über die maßstabbildende Standard-Mehrheit und über Ihr Alter: Sie sind Mitte 30, da hätten Sie lt. Standard durchaus zehn oder zwölf Ingenieurberufsjahre aufzuweisen, wären leitend tätig und würden auch nicht alle Energie in ein Zweitstudium stecken.

Kurzantwort:

1. Auch im beruflichen Bereich werden Maßstäbe von Menschen mit Standard-Werdegängen gebildet. Wer davon abweicht, orientiere sich nicht nur an eigenen Vorstellungen, sondern behalte immer auch den Standard im Auge.

2. Kinder aus akademisch gebildeten Elternhäusern entwickeln öfter und leichter eine unverkrampfte, realitätsnahe Einstellung zum Wert von Ausbildungsabschlüssen und zusätzlichen Studien zur Gewichtung von Persönlichkeitsfaktoren gegenüber Zweit- und Drittdiplomen.

3. Der zweite Bildungsweg ist ein Segen für unser Land. Der erste hat auch seine Vorteile.

Frage-Nr.: 2542
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 8
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2012-02-23

Top Stellenangebote

Technische Hochschule Ulm-Firmenlogo
Technische Hochschule Ulm Professur - Softwareentwicklung und Embedded Systems Ulm
HBC Hochschule Biberach-Firmenlogo
HBC Hochschule Biberach Stiftungsprofessur (W2) WOLFF & MÜLLER "Baulogistik" Biberach
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof-Firmenlogo
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof Professur (W2) Elektrotechnik mit Schwerpunkt Leistungselektronik Hof
Hochschule Bremerhaven-Firmenlogo
Hochschule Bremerhaven Professur (W2) für das Fachgebiet Werkstofftechnik Bremerhaven
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg-Firmenlogo
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg Professur (W2) für Digitale Produktentwicklung im Maschinenbau Regensburg
Montanuniversität Leoben-Firmenlogo
Montanuniversität Leoben Universitätsprofessors/Universitätsprofessorin für das Fachgebiet Cyber-Physical Systems Leoben (Österreich)
Technische Universität Dresden-Firmenlogo
Technische Universität Dresden Professur (W3) für Beschichtungstechnologien für die Elektronik Dresden
Fachhochschule Südwestfalen-Firmenlogo
Fachhochschule Südwestfalen Professur (W2) für Mechatronische Systementwicklung Iserlohn
HSR Hochschule für Technik Rapperswil-Firmenlogo
HSR Hochschule für Technik Rapperswil Professorin/Professor für Additive Fertigung / 3D Druck im Bereich Kunststoff Rapperswil (Schweiz)
Beuth Hochschule für Technik Berlin
Beuth Hochschule für Technik Berlin "University of Applied Sciences" Professur (W2) Heizungs- und Raumlufttechnik Berlin
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.