Heiko Mell

Genau so war es bei mir

Frage/1: Sie stellen immer wieder Behauptungen auf und können diese nicht beweisen. Ich möchte Ihnen nun Schützenhilfe anbieten, denn der in Frage 2.490 geschilderte Sachverhalt hat sich bei mir genau so zugetragen.

Mein Abitur vor neun Jahren zeigte ebenfalls die Note 3,7, sie lässt sich mit mangelndem Ehrgeiz begründen. Es folgte das TU-Studium E- und Informationstechnik. Ich war 18, Zivildienst/Bundeswehr entfiel.

Sie ahnen es bereits und ich muss Ihnen völlig recht geben, ich bin durch alle Prüfungen gefallen und musste bereits nach dem ersten Semester aufgeben. Ich wechselte dann an der TU zur Fachrichtung Maschinenwesen – und war dort nach vier Semestern am Ende.

Diese misslungenen Versuche haben dazu geführt, meine Situation noch einmal zu überdenken. Ich entschied mich für einen dritten Anlauf, diesmal an der FH (Mechatronik).

Sie gehen sicher davon aus, dass ich einige Noten hätte mitnehmen und mir Fächer hätte anrechnen lassen können. Dem wäre sicher so gewesen, wenn ich irgendwelche Fächer an der TU bestanden hätte. So aber musste ich wieder im 1. Semester anfangen.

Die vorigen Fehlschläge hatten mir deutlich gezeigt, dass ich so wie bisher nicht weitermachen konnte. Also wurde ich fleißiger, ehrgeiziger und habe das FH-Studium in der Regelstudienzeit mit 2,2 beendet. Mein gesamtes Studium hat damit vierzehn Semester umfasst und ist am Ende zu einem guten Abschluss gekommen.

Frage/2: Seit meinem Studium an der FH lese ich die VDI nachrichten, wobei ich grundsätzlich auf der letzten Seite anfange und anschließend Ihren Beitrag aufschlage. Die Lektüre Ihrer Karriereberatung hat dazu geführt, dass ich bereits während des Studiums wichtige Informationen über das Berufsleben bekommen habe. Zudem haben Sie dazu beigetragen, dass ich einen scharfen Blick für den korrekten Umgang mit der deutschen Sprache entwickele. Ich freue mich jedes Mal, wenn Sie kleine sprachliche Ungenauigkeiten richtigstellen.

Das Lesen Ihrer Beiträge hat sicher dazu geführt, dass ich mir in der Bewerbungszeit meiner Probleme im Lebenslauf bewusst war und gewappnet in die Vorstellungsgespräche gehen konnte. Dort habe ich den Umstand direkt angesprochen und deutlich gemacht, dass ich ein fauler Schüler gewesen war, der dann dachte, im Studium genau so weitermachen zu können. Der dann einsehen musste, dass es auf diese Weise nicht funktioniert und sich nach zwei Studienabbrüchen voll und mit Ehrgeiz auf sein drittes Studium konzentriert hat. Zudem habe ich die sichtbare Verbesserung meiner Abschlussnoten von 3,7 (Abitur) auf 2,2 (Diplom) deutlich gemacht. Dabei habe ich mich nicht gescheut, meinen Jugendfehler einzugestehen und diesen als notwendige Lebenserfahrung auf dem Weg zum Ingenieur herauszustellen.

Dieses offene Ansprechen führte stets zu einer positiven Reaktion im Bewerbungsgespräch und hat schlussendlich zu einer Einstellung geführt. Jetzt arbeite ich als Entwicklungsingenieur bei einem Zulieferer und kann fast täglich die Weisheiten aus der Karriereberatung anwenden.

Gerade Ihr Tipp, den ich nur inhaltlich wiedergeben kann, „Ihre Aufgabe ist es, Ihren Vorgesetzten zufriedenzustellen“, hat mir sehr geholfen und dazu geführt, dass ich einen guten Berufsstart hatte. Mein Chef und sein Chef sind mit meiner Leistung vollstens zufrieden. Ich möchte behaupten, dass Ihre Beiträge daran nicht ganz unbeteiligt waren.Auf diesem Weg möchte ich mich bei Ihnen für die vielen Beiträge bedanken.

Antwort:

Antwort/1: Ihr Fall hat sich lehrbuchgemäß entwickelt. Mit 3,7 sind Sie an einer TU verloren, Sie sitzen im Hörsaal und verstehen gar nichts. An der FH erreicht man nach meinen langjährigen Beobachtungen generell ein Diplom mit einer ganzen Note besser als das Abitur es war (macht 2,7). Dann führte plötzlich einsetzender Fleiß bei Ihnen zu einer Steigerung um eine weitere halbe Note, so ergeben sich Ihre 2,2. Das liegt alles gut im zu erwartenden Rahmen.

Völlig unsinnig und nun wirklich vergeudete Zeit war der zweite TU-Versuch in etwas anderer Fachrichtung. TU ist TU, die Anforderungen in verschiedenen ingenieurwissenschaftlichen Studienrichtungen ähneln sich sehr. Das wissen Sie nun auch.Was ich nicht verstehe ist, warum sich im Volk diese einfachen Zusammenhänge immer noch nicht herumgesprochen haben. Vielleicht drücke ich mich auch unverständlich aus. Ich zeige mich lernfähig und versuche einen neuen Ansatz, deutlich weniger sprachlich elegant, aber von dramatischer Einfachheit:

Abitur 3,7 ist gottsjämmerlich saumäßig schlecht. TU ist Elite. Gottsjämmerlich saumäßig schlecht ist keine Basis für Elite. Ich habe gesprochen, aus.Man werfe mir keine Bildungsarroganz vor, ich habe überhaupt kein Abitur und natürlich auch keine TU besucht. Aber ich sehe und höre halt viel.

Antwort/2: Ich freue mich sehr über Ihre Zuschrift. Sie bestätigt nicht nur mich in meiner Arbeit, sie zeigt auch einer neu heranwachsenden Generation – die sich meinen Aussagen wie üblich voller Zweifel nähert -, dass da „vermutlich doch etwas dran ist an dem, was er sagt“.

Sie verstehen aber auch, dass ich nicht so recht glücklich bin über Ihre jahrelangen Fehlversuche. Die wären nicht nötig gewesen, entsprechende Warnungen sind hier mehrfach veröffentlicht worden.

Und wenn viele Studenten von sich aus nicht darauf kommen, sich erst zu informieren, bevor sie dann handeln: Gerade hab ich mit einem Personalleiter telefoniert, der mir erzählte, in seinen „jungen Jahren“ habe sein Vater ihn an diese Karriereberatung herangeführt und ihn (am Anfang) zum Lesen gedrängt. Heute ist er selbst Fachmann und liest diese Serie noch immer – offensichtlich mit Gewinn. Also, ihr Väter …

Es hilft aber nichts, ich muss noch etwas anhängen: So schön das von unserem Einsender dargestellte Beispiel auch ist, ich darf nicht den Eindruck bei jüngeren Lesern entstehen lassen, es gehe doch, kein Grund zur Aufregung, die 3,7 hätten ja gereicht, Faulheit sei also völlig unproblematisch, man müsse nur später ein wenig auf die Tränendrüse drücken, auf „Ich habe mich geändert“ machen – und alles sei gut.

Daher hier die Hinweise auf Probleme und vor allem Risiken, die mit diesem Weg verbunden sind:

1. Wer auf ein Abitur mit 3,7 hinarbeitet, riskiert natürlich, dass er haarscharf über eine gewisse Grenze rutscht und dann gar kein Abi mehr hat.

2. Seit früher Jugend an Leistung und Erfolge gewohnt zu sein, das ist wie eine Art seriöses Doping im Hinblick auf jede neue Herausforderung. Ein Flugzeug, das einmal in großer Höhe fliegt, braucht relativ wenig Energie, um dort zu bleiben, während eine Maschine, die erst aufsteigen muss, dafür ungleich mehr Energie verbraucht. Wer gewohnt ist, immer irgendwo vorn mitzumischen bei dem, was er gerade berufsrelevant macht, packt auch jedes neue Problem optimistisch, siegesgewohnt und mit guten Erfolgsaussichten an. Auch ein Unternehmen, das wirtschaftlich gesund ist, lässt sich leichter zum weiteren Erfolg führen als eines, das bereits knapp an der Insolvenz vorbeischrammt.

(Unter uns: Ich kann gut verstehen, dass jemand faul ist. Nicht verstehen kann ich, dass jemand dabei das Resultat akzeptiert, die denkbar schlechteste Note überhaupt zu kassieren. Dieser Preis wäre mir dann doch zu hoch.)

3. Die Geschichte mit dem Abitur von 3,7 und der dann besuchten TU ist längst Allgemeinwissen, es steht öffentlich geschrieben. Unseren Einsender hat es etwa drei Jahre seines Lebens gekostet, das nun auch herauszufinden. Die Kosten-/Nutzenrelation dieser Episode ist höchst unbefriedigend.

4. Es ist schön, dass die – durchaus richtige – Strategie Erfolg hatte, im Vorstellungsgespräch offensiv mit seinem Problem umzugehen. Aber es ist nicht garantiert, dass jeder Arbeitgebervertreter das gleichermaßen würdigt. Und ganz klar ist auch: So manche Bewerbung mit dieser Leistungsbilanz im Ausbildungsbereich wird gar nicht erst zu einer Einladung zur Vorstellung geführt haben und kann auch in Zukunft noch zu deutlicher Zurückhaltung führen (bei Bewerbungen in Krisenzeiten mit absoluter Sicherheit). Und spezielle Stellenangebote, wie z. B. die Traineeausbildung im Konzern, waren und bleiben unerreichbar. Gut, dass der vorliegende Fall vorläufig gut ausgegangen ist – zur Nachahmung empfehle ich ihn nicht.

Kurzantwort:

1. Eine Abiturnote an der unteren Schmerzgrenze führt beim Studium an der TU/TH/Uni mit hoher Sicherheit zum Abbruch ohne Abschluss. Das sollte man wissen, das kann man sich sogar denken.

2. „Leichen im Keller“, also erkennbare Problemphasen im Lebenslauf, sind mit einer Anstellung danach nicht verschwunden. Sie können auch fünf Jahre später bei Bewerbungen noch zur Absage führen.

Frage-Nr.: 2530
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-12-16

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