Heiko Mell

Abwärts ab Mitte 40

Ich bin 48, Führungskraft im technischen Management größerer mittelständischer Unternehmen. Beim Versuch einer selbstkritischen Betrachtung meines Lebenslaufes habe ich etwas erschreckt festgestellt, dass zwar der Trend in Sachen Hierarchie/Verantwortungsumfang bei den Arbeitgeberwechseln der letzten Jahre nach oben geht, dass aber die Dienstzeiten und – so meine ich – der Tenor meiner Dienstzeugnisse in letzter Zeit einen Trend aufweisen, den man durchaus kritisch nennen könnte. Kurz: Die Zeiten pro Unternehmen werden kürzer, die Zeugnisse in der Aussage zurückhaltender.

Ich habe absolut überzeugende Erklärungen für jeden Einzelfall, bin mir aber nicht sicher, ob ein misstrauischer Bewerbungsleser mir glaubt oder ob er meine Erklärungen überhaupt hören will.

Liegt das an der Wirtschaftskrise – und vor allem, wie gehe ich damit um?

Antwort:

Die Entwicklung, die Sie beschreiben, ist durchaus typisch für Manager so ab Mitte 40. Und es geht schon um eine Krise, ich komme darauf zurück.

 

Es beginnt mit dem Verschlafen einer Entwicklung: So um Ende 30 hat man seine erste richtige Führungsposition, alles läuft prächtig, auch im privaten Bereich. Das Haus, die Kinder, überall sind die Anlaufschwierigkeiten überwunden – es „macht sich“ an allen Fronten.Vielleicht sieht man ja, dass mit etwa 43 die nächste Beförderung kommen müsste. Aber hausintern ergibt sich gerade nichts und ein Umzug käme wegen der Schulsituation der Kinder derzeit besonders ungelegen. Also verpasst man den optimalen Zeitpunkt für den fälligen nächsten Schritt. Dabei begräbt man weitere berufliche Ambitionen nicht etwa (was eine echte Problemlösung hätte sein können), man verdrängt sie nur. Eines Tages kommt das Erwachen: Man ist Ende 40 – und zehn Jahre lang ist nichts passiert, was man als Erfüllung weiterer Karriereträume hätte verbuchen können. Die Uhr aber tickt unerbittlich, jetzt ist schnelles Handeln angesagt, in Kürze ist man 50, dann geht kaum noch etwas.

Nun ergibt sich ein besonderes Dilemma: Man hat einen Aufstiegsschritt versäumt, jetzt wäre schon der nächste fällig. Also sucht man nach der Super-Traumposition und hofft, den ausgelassenen Schritt von vor fünf Jahren gleich mitnehmen zu können. Irgendwie. Die Praxis jedoch mag „Überflieger-Bewerber“ nicht so sehr. Würde man bei der jetzt mit Hochdruck durchgezogenen Suche nach der Super-Position einfach nur nicht fündig werden, wäre dies das kleinere Übel: Es geschähe ja nichts Schlimmes. Aber da ist der Markt mit seinen Gesetzen. Und so wie es natürlich auch Gebrauchtwagen gibt, wenn man nur 1.000 EUR zahlen kann (nur halten die nicht lange durch), so gibt es dann auch Positionen, die scheinbar alles bieten, was gewünscht war. Und wie bei diesem Bewerber nicht alles in Ordnung ist (zehn Jahre Aufstiegspause waren viel zu lange und der jetzt gesuchte Sprung ist viel zu groß), so hat auch das letztlich gefundene Vertragsangebot seine „Macken“: Die interne Konstellation ist extrem schwierig; solide Aufstiegsbewerber, die wählen können, suchen sich andere Jobs – also bleiben auf Arbeitgeber- und Bewerberseite je ein Partner, die keine große Auswahl mehr haben.

Aber beide merken nicht, dass das, was sie bieten, Tücken hat – und dass nach den Gesetzen des Marktes dann auch das, was sie jeweils bekommen, problematisch ist. Und recht kurz nach Dienstantritt „knallt“ es dann, für den Manager wird ein neuer Wechsel fällig. Dabei besteht Zeitdruck (Arbeitslosigkeit droht).

Oder es „knallt“ nicht, aber Ernüchterung macht sich bei der frisch eingetretenen Führungskraft breit. „Das“ darf es keineswegs gewesen sein, das trägt nicht bis 67, das war ein Reinfall, es muss erneut gesucht werden.

Wie auch immer, die unter erschwerten Bedingungen unter der Belastung einer zu kurzen Dienstzeit (die diverse Fragen aufwirft) durchgeführte Suche nach einer Ersatzlösung ist noch weniger aussichtsreich als jene erste nach den ruhigen zehn Jahren. Die schließlich gefundene neue Position ist problematischer als die frühere, auch hier bleibt die Dienstzeit folgerichtig kurz. Dann sind wir bei der Beobachtung, die Sie in Ihrem Lebenslauf gemacht haben.

Und für den Fall, dass Ihnen diese Beispiele nicht gefallen, weil sie auf Sie nicht so recht passen, habe ich noch eine andere Erklärung: Ein Manager, der wirklich und unbestreitbar erhebliches Potenzial für den weiteren Aufstieg gehabt hätte, der hätte sich nicht zehn lange Jahre auf jener unteren Position halten lassen. Die Kombination von Ehrgeiz und Talent hätte das nicht zugelassen. Vielleicht also war dieses zu lange Abwarten ein Zeichen, dass die eigenen Grenzen überschritten wurden – und hier schlicht Überforderung im Spiel ist.

Wenn Sie diese Symptome in Ihrem Lebenslauf schon erkennen, dann bleibt Ihnen nur vorsichtiges Handeln. Eine Lösung könnte darin bestehen, die heutige/letzte Position in einer neuen Bewerbung tiefer zu hängen und auf dieser Basis einen „kleineren“ Job anzustreben, dem Sie besser gewachsen sind. Noch helfen kann man demjenigen, der seine zehn Jahre in der alten Position hinter sich gebracht hat und gerade „aufgewacht“ ist. Er muss erkennen, dass verlorene Zeit nicht wieder einzufangen ist. Der vor fünf Jahren fällige Schritt kann nicht übersprungen werden, er ist jetzt zu vollziehen. Das „Opfer“ wurde einem harmonischen Familienleben gebracht, das kann durchaus sinnvoll und lohnend sein. Aber man darf nicht versuchen, jetzt „mit einem Schlag“ den damals versäumten Schritt so nebenbei nachzuholen.

Und wer gerade die erste Hälfte jener „glücklichen zehn Jahre“ hinter sich hat, muss eine bewusste Entscheidung treffen. Aber so wie man Geld nur einmal ausgeben kann, so kann man auch Zeit nur einmal investieren, z. B. eben ins Familienleben. Irgendwann mit einem Gewaltschlag alles wieder „gutzumachen“, das funktioniert im Berufsleben so wenig wie beim Glücksspiel.

Also gilt: Ihre Vermutung, geehrter Einsender, es könnte eine Krise dahinterstecken, war richtig. Nur war es nicht die der Wirtschaft, sondern Ihre ganz persönliche. Akzeptieren Sie das Problem und versuchen Sie nicht, es auf einen Schlag zu lösen.

Kurzantwort:

Lebensläufe von Managern ab Mitte 40 zeigen oft hektische Wechsel mit kürzeren Dienstzeiten in den letzten Jahren. Ursachen sind auch ein „Verschlafen“ notwendiger Schritte im jüngeren und Hektik nach plötzlichem „Erwachen“ im höheren Alter.

Frage-Nr.: 2512
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 41
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-10-14

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