Heiko Mell

Über Abwerbung reden?

Seit 1985 lese ich Ihre Karriereberatung. Das Einhalten Ihres karrierefördernden Rates hat sich in meinem Berufsleben immer positiv ausgewirkt – so wurde z. B. aus fast jeder ernstgemeinten Bewerbung ein Vorstellungsgespräch (auch bei Topunternehmen), es gab in ca. 50 % der Fälle eine konkrete Zusage. Ebenso hat sich das Nichteinhalten Ihres Rates mit sehr hoher Verlässlichkeit negativ niedergeschlagen (kein Karriereaufstieg).

Seit einigen Monaten bin ich neu in einer mittelständischen Firma im Segment Automobilzubehör. Im „Halbzeitgespräch“ innerhalb der Probezeit informierte ich meine Chefs über ein spezielles Erlebnis: Ich hatte auf einer Messe, die wenige Wochen zuvor stattgefunden hatte, einen Stand unseres Hauses verantwortlich betreut. Dort wurde ich mehrfach im Hinblick auf die Übernahme einer Führungsposition bei anderen Unternehmen angesprochen.

Wie kritisch ist so eine Mitteilung gegenüber dem Chef/der Personalreferentin? Ich plane, mindestens ein bis zwei Jahre in der Firma zu bleiben, um keinen weiteren Bruch in der Vita zu bekommen (ich habe nach langjähriger Dienstzeit gerade ein geplatztes Experiment von kurzer Dauer hinter mir).

Im Vorstellungsgespräch ist mir nach der Probezeit eine Teamleiterstelle in Aussicht gestellt worden. Wenn aber nichts daraus wird, dann habe ich attraktive Möglichkeiten (Ansprache auf der Messe) sausen lassen und bin weiterhin nur Sachbearbeiter. Oder ist es sinnvoller, sofort den Karriereaufstieg zu wagen, auch wenn dies mit einem weiteren Bruch in der Vita verbunden ist (in der Probezeit gewechselt)?

Antwort:

Er und sie in vertrauter heimischer Umgebung auf dem Sofa. Er: „Ich hatte dich, wie du weißt, in letzter Zeit mehrfach gebeten, mir mehr entgegenzukommen. Nun habe ich meine alte Jugendfreundin Kathrin wiedergetroffen, die nicht nur Interesse an einer Beziehung mit mir geäußert, sondern auch sofort Entgegenkommen bei den Streitpunkten signalisiert hat, die ich mit dir ständig diskutiere.“ Sie: „Nun mein Schatz, wenn du ein Konkurrenzangebot hast, muss ich wohl meine bisherige Einstellung überdenken und deine Wünsche uneingeschränkt erfüllen.“Wie wahrscheinlich ist das wohl? Übrigens: Den eigenen Arbeitgeber gelegentlich wie die Partnerin/den Partner zu betrachten und ihm ähnliches Denken zu unterstellen, das ist gar nicht so falsch.Arbeitgeber betrachten den Wink mit den Angeboten fremder Firmen gern als „Erpressung“. Das ist juristisch nicht richtig, aber so eng sehen Nichtjuristen das nicht. Mitarbeiter, die als Erpresser bezeichnet werden, haben keine große Zukunft.

Und nun zur Kernfrage:

1. Sie sollten jetzt keinesfalls in der Probezeit wechseln! Geht nämlich Ihr mögliches neues Engagement schief, stehen Sie mit drei Katastrophen im Lebenslauf da:

a) Ihr „geplatztes“ (berufliches) Experiment von kurzer Dauer vor Eintritt beim heutigen Arbeitgeber,

b) das geplatzte Engagement beim heutigen Arbeitgeber mit nur wenigen Monaten Dienstzeit,

c) das geplatzte Engagement (erstmals in einer Führungsposition) beim nächsten Arbeitgeber. Das wäre eine bedrohliche Häufung!

 

2. Sie verfügen überhaupt noch nicht über ein Angebot eines fremden Unternehmens, das Sie bloß anzunehmen brauchten. Sie verantworteten den Betrieb auf dem Messestand, haben dabei vermutlich einen sehr guten Eindruck gemacht. Und dann hat Sie ein Vertreter eines anderen Unternehmens eher beiläufig gefragt, ob Sie sich auch einen Wechsel vorstellen könnten. Der kennt Sie und Ihre Daten doch im Detail noch gar nicht. Der hat Ihren Lebenslauf und Ihre Zeugnisse noch nicht gesehen, weiß nichts über Ihr jüngstes geplatztes Experiment. Und mit Sicherheit hat der Ihnen bisher keinen Vertragsentwurf vorgelegt, den Sie nur noch zu unterschreiben brauchten. Es ist also höchst unklar, ob Sie überhaupt wechseln könnten, selbst wenn Sie wollten.

 

3. Es ist durchaus denkbar, dass im weiteren Verlauf des Entscheidungsprozesses beim potenziellen neuen Arbeitgeber ein „höherer Dienstgrad“ (Bereichsleiter, Geschäftsführer) diese Überlegung anstellt:“Da bekommt der Mann nach seinem gescheiterten beruflichen Experiment von der XY GmbH eine neue Chance. Dann hat er nichts Besseres zu tun als dem erstbesten Abwerbungsangebot (auch wenn es von uns kommt) nachzulaufen. Das alles würde er natürlich eines Tages dann auch mit uns machen – und unser Vertrauen enttäuschen. Nein, den stellen wir nicht ein.“

 

4. Bleibt Ihre Befürchtung: „Wenn aus der in Aussicht gestellten Teamleiterstelle nichts wird …, dann bin ich weiterhin nur Sachbearbeiter.“ Bei Ihrer Einstellung ins heutige Unternehmen konnte (vielleicht war damals keine entsprechende freie Stelle vorhanden) oder – wahrscheinlicher – wollte man Ihnen wegen diverser offener Fragen rund um Ihre Person keine Teamleiterstelle geben. Aber man hat eine „in Aussicht“ gestellt. Das, was man damals zu Ihnen gesagt hat, war ehrlich gemeint. Die Frage ist nur, was man wie dazu formuliert hat, wie Sie das in der Aufregung des Vorstellungsgesprächs verstanden und wie Sie das letztlich interpretiert und im Gedächtnis gespeichert haben.Zwei Einschränkungen gibt es in jedem Fall:

a) Die betriebsinternen Gegebenheiten könnten sich ändern, die für Sie in Betracht kommende Teamleiterposition gibt es plötzlich nicht mehr (droht immer).

b) Ihre Persönlichkeit und/oder Ihre fachlichen Leistungen könnten Ihre Chefs nicht überzeugen.Eine Entwicklung dieser Art reicht aus, um Chancen zu ruinieren. Aber b haben Sie in der Hand. Nur „erpressen“ dürfen Sie Ihren Arbeitgeber natürlich nicht.Nun noch zwei realistische Beispiele dessen, was Ihre Chefs im Vorstellungsgespräch gesagt haben könnten:

I. „Aufstieg? Zum Teamleiter? Also so etwas ist bei uns absolut möglich! Gehen Sie einmal davon aus, dass hier eine echte Chance für jeden qualifizierten Mitarbeiter zur Weiterentwicklung besteht. Sie brauchen nur gute Arbeit abzuliefern.“Substanz dieser Aussage: fast gar keine, alles nur Allgemeinplätze, nichts wurde konkret(!) in Aussicht gestellt. Übliche Interpretation durch den Bewerber: „Man hat mir zugesagt, dass ich Teamleiter werde.“

II. „Wir haben Verständnis für Ihr Interesse am weiteren Aufstieg. Natürlich ist dafür die überzeugende Bewährung in Ihrer Einstiegsposition Voraussetzung – aber das werden Sie schon schaffen. Tatsächlich müssen wir in etwa 1,5 Jahren eine Teamleiterposition neu besetzen, für die es derzeit keinen internen Kandidaten gibt. Dort hätten Sie schon wegen Ihrer Aufgabenstellung in der Einstiegsposition sehr gute Chancen.“ Da hätte man wirklich etwas in Aussicht gestellt!Planen Sie übrigens, etwa drei bis fünf Jahre in der Firma zu bleiben. Ihre angekündigten ein bis zwei Jahre sind zu wenig.

Kurzantwort:

1. Es ist ein gefährliches „Spiel“, dem eigenen Arbeitgeber über erhaltene Abwerbungsangebote zu berichten, um eigene Pläne im heutigen Unternehmen zu untermauern (z. B. Aufstieg in Führungspositionen). Die Vorgesetzten werten das leicht als „Erpressung“.

2. „Versprechungen“, „Zusagen“ oder „klare Absprachen“ bei der Einstellung, die sich nicht im Arbeitsvertrag niederschlagen, sind meist nur Wunschträume des neuen Mitarbeiters. Erfahrene Chefs sind viel zu clever, um sich auf das Glatteis verbindlicher Verpflichtungen zu begeben – aber der Bewerber hört, was er hören will.

Frage-Nr.: 2507
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 38
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-09-23

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