Heiko Mell

Flexibel, mobil und ewig zur Miete?

Ich bin als Dipl.-Ing. Maschinenbau seit vielen Jahren im Bereich der erneuerbaren Energien tätig, seit mehreren Jahren als Teamleiter. Demnächst werde ich 40. Meine Frau widmet sich ganz der Erziehung unserer Kinder.

Seit Jahren propagieren Sie in der Karriereberatung, dass ein Ingenieur gut daran tut, sich nicht örtlich zu binden. Ich habe diese Regel bis heute befolgt und muss sagen, dass ich mich gerade bei meinem letzten Wechsel, der jetzt ein paar Jahre zurückliegt, substanziell verbessert habe. Bei einem lokalen Wechsel wäre das nicht möglich gewesen, zumal meine Branche – noch – recht eng ist.

Wir wohnen im Moment in einer Doppelhaushälfte zur Miete und fühlen uns in dem ländlichen Umfeld wohl. Wir planen jetzt einen Umzug in eine Kleinstadt. Zum einen wünschen wir uns weiterführende Schulen für unsere Kinder am Ort, zum anderen möchten wir Haus und Garten nun endlich einmal nach eigenen Vorstellungen gestalten. Daher möchten wir am neuen Ort ein Haus bauen oder kaufen. Damit würden wir uns regional langfristig binden. Man baut ja nicht, um gleich wieder auszuziehen. In einem solchen Fall verlöre man, realistisch gesehen, die Bau- oder Kaufnebenkosten i. H. v. 15 – 20 Prozent voll, den Wert gestalteter Außenanlagen etc. etwa zur Hälfte.

Nun wird in vielen Ratgebern zu Altersvorsorge und Vermögensaufbau die Devise „mietfrei in Rente“ ausgegeben. Kann dieses Ziel auch für karrierebewusste Ingenieure gelten? Oder muss ich, um flexibel zu bleiben, die nächsten 27 Jahre zur Miete wohnen?

Antwort:

Es ist im Grunde ein Teil des alten Zentralproblems „Beruf contra Privatleben“, den Sie nachvollziehbar beschreiben. Konzentrieren wir uns, der Frage entsprechend, auf das Hausproblem:Eine pauschale, immer und überall umsetzbare Lösung gibt es nicht! Letztlich bleibt nur, im Einzelfall unter Abwägung aller Aspekte einen Kompromiss zu finden. Als Hilfestellung dafür können gelten:

1. Im Mittelpunkt dieser Serie stehen berufliche Aspekte. Hier gilt eindeutig: Wer Karriereambitionen hat und sein Potenzial voll ausreizen will, muss zu jedem Zeitpunkt bereit sein, eine Position mit Dienstsitz überall in Deutschland anzunehmen. Das gilt sowohl für den externen Wechsel als auch für die interne Versetzung.

Prinzip: Man lehnt den Vorstandsvorsitz von VW nicht ab, weil dann der Dienstsitz Wolfsburg wäre (das ist nur ein Beispiel, ich will den heimatliebenden Bewohnern dieser Stadt nicht zu nahe treten).

 

2. Selbst ein Angestellter, der bereit ist, zugunsten seines Hauses auf Karriere zu verzichten, kommt um das Prinzip gem. 1. nicht herum: Eines Tages verliert er – mit oder ohne Schuld – seinen Job und findet in der näheren Umgebung nichts. Dann steht er doch wieder vor der Wahl: arbeitslos im alten Haus oder bereit zum räumlichen Wechsel.

 

3. Wechsel des Arbeitsortes, die während einer Laufbahn nur wenigen Menschen erspart bleiben, lassen sich etwa so „räumlich verarbeiten“:

3.1 Sie pendeln täglich über sehr große Entfernungen hinweg (z. B. mehr als 50 – 80 Entfernungskilometer). Das kostet Zeit, Nerven, Pkw-Betriebskosten und missfällt manchem Chef. Auf Dauer ist das ein „Schrecken ohne Ende“ und unbefriedigend.

3.2 Sie nehmen sich am neuen Dienstort eine kleine Wohnung, die Familie behält den alten Wohnsitz bei, Sie pendeln am Wochenende. Das beschert Ihnen an vier Wochentagen abends viel Zeit, die Sie beruflich einsetzen können, bringt am Wochenende aber jeweils recht große Belastungen durch die Fahrerei mit sich und kann(!) Sie Ihrer Familie entfremden. Außerdem missfällt auch das manchem Chef. Insbesondere mittelständische Unternehmen „in der Provinz“ sehen es oft gern (oder bestehen darauf), dass der (leitende) Mitarbeiter seinen Lebensmittelpunkt am Dienstort hat. Auch diese Pendellösung hat also etwas vom „Schrecken ohne Ende“.

Zu 3.1 und 3.2: Fast alle Arbeitgeber haben schon schlechte Erfahrungen mit diesen Varianten gemacht: Oft werden die daraus resultierenden Belastungen nach einiger Zeit vom Mitarbeiter und/oder seiner Familie als unerträglich empfunden – eine bessere Lösung muss her! Diese liegt praktisch niemals im Familienumzug an den Dienstort, sondern mündet in Aktivitäten des betroffenen Mitarbeiters, sich am vertrauten („alten“) Wohnort einen neuen Job zu suchen. Dann verliert der aktuelle Arbeitgeber den neuen Mitarbeiter wieder – ohne jede Chance, etwas dagegen tun zu können.

3.3. Die „sauberste“ Lösung ist Verkauf oder Vermietung des immobilen Objekts im Zusammenhang mit einem Umzug.

Das kann durchaus mit finanziellen Einbußen verbunden sein, keine Frage. Aber: Stets wechselt man ja den Job (meist auch noch den Arbeitgeber und hier dann eben auch den Ort), weil mit dem neuen Engagement Vorteile – auch finanzieller Art – verbunden sind. Dann muss man halt gegeneinander aufrechnen. Und: Wenn ich Sachbearbeiter bin und eines Tages Bereichsleiter werden will, dann muss ich irgendwann auf dem Weg zu meinem individuellen Ziel beispielsweise Abteilungsleiter gewesen sein, keine Frage. Wenn ich nun beim Sprung vom Gruppen- zum Abteilungsleiter auf einem Gebiet auch Nachteile hinnehmen muss, so kann das in der Gesamtbetrachtung doch völlig in Ordnung sein! Am Schluss wird Bilanz gezogen, nicht alle paar Wochen – jene betriebswirtschaftliche Perversion („Quartalsbilanz“) mit all ihren verrückten Auswirkungen wollen wir ja nun in die private Erfolgsbetrachtung keinesfalls einführen.

 

4. Aus irgendeinem Grund sind wir ein Volk, das der Angst vor allem Möglichen, sogar noch vor dem Unwahrscheinlichen, großen Raum gibt. Nachdem wir einst – größenwahnsinnig – die Welt erobern wollten, exportieren wir heute die „German Angst“. Wir sollten es damit nicht übertreiben. Ein Leben ohne Risiko ist nicht möglich, aber man muss keinem Fußballspiel fernbleiben, nur weil ja ein vollgetanktes Passagierflugzeug aufs Stadion fallen könnte.

 

5. Wenn wir also mit einem begrenzten Risiko leben müssen und können(!), dann gilt für Ihre Hausbaupläne:

5.1 Wenn Sie mindestens 1 – 2 Jahre bei Ihrem Arbeitgeber tätig sind, wenn von Ihrer Laufbahnplanung her nichts dagegen spricht, dort mindestens noch 5, besser sogar 10 Jahre bleiben zu können, wenn alles, was Sie an Informationen über Firma und Chefs haben, kein besonderes Risiko erkennen lässt, dann bauen oder kaufen Sie Ihr Haus. In 80 von 100 Fällen bewährt sich das. Vertrauen Sie darauf, zu jenen 80 zu gehören.

5.2 Planen Sie dennoch ein, dass Sie vermutlich „nicht für die Ewigkeit“ bauen. Verzichten Sie darauf, in jedem Detail Ihr individuelles Traumobjekt zu gestalten – nach Ihrem Geschmack, der ohnegleichen ist, mit Materialien oder einer Raumaufteilung, die man noch niemals zuvor gesehen hat. Bauen Sie ein Standardhaus in einer Gegend mit ähnlichen Objekten – achten Sie auf problemlose Wiederverkaufbarkeit (oder auf die Chance zur Vermietung). Befragen Sie dazu keinen Architekten, sondern (vorher) einen Makler – der weiß, was der Markt am Ort will. Makler sagen übrigens, bei einem Haus sei die Lage alles, der Rest nicht so wichtig.

5.3 Niemand zieht gern aus einem Haus aus, das er gerade bezogen hat. Zehn Jahre später sieht das anders aus: Familien verändern sich, Häuser sind starr. Und so passen sie immer nur zu einem Moment in der Familiengeschichte. Neu hinzukommende Kinder oder aufgenommene alte Eltern führen zu Platzproblemen, früh ausziehender Nachwuchs führt zu unökonomischem Leerstand. Was Ihnen also kurz nach dem Bau unerträglich vorkäme (Auszug/Verkauf), wird eines Tages wieder denkbar, sogar für Partner(innen).

5.4 Letztlich empfehle ich wieder einmal die mir sehr am Herzen liegende Mell´sche Prioritätenliste: Schreiben Sie alles auf, was Ihnen wichtig ist, ordnen Sie es nach Prioritäten – und zwingen Sie sich, jeden Platz auf dieser Liste nur mit einem Aspekt zu belegen. Schreiben Sie auf Nr. 1 „ich will ein Haus“ oder „ich will Gruppenleiter werden“ – aber eben nur eins davon, das andere kommt auf Nr. 2 oder tiefer. Sie können auch „Weltfrieden“ oder „ein Leben ohne Atomkraftwerke“ dorthin schreiben, die Hauptsache ist es, das Kernprinzip zu beachten: klare Entscheidungen bei jeder Platzbesetzung. Sie können die Liste in Kürze ändern, aber verwässern Sie nicht das Prinzip. Man lernt so übrigens, Entscheidungen zu treffen und übt sich damit in einer klassischen Managertugend. Ein Firmeninhaber kann auch nicht sagen: Ich will einen hohen Gewinn auf mein Privatkonto bekommen und viel Geld in die Firma investieren. Auch er kann die Nr. 1 nur einmal belegen. Aber auch er darf die Prioritäten im nächsten Jahr ändern.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2493
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-06-23

Top Stellenangebote

PERO AG-Firmenlogo
PERO AG Vertriebsingenieur (m/w/d) International Königsbrunn
Stadt GÖTTINGEN-Firmenlogo
Stadt GÖTTINGEN Stadträtin / Stadtrat Göttingen
KEOLIS Deutschland GmbH & Co. KG-Firmenlogo
KEOLIS Deutschland GmbH & Co. KG Referent Betriebsplanung (m/w/d) Hamm
DYWIDAG-Systems International GmbH-Firmenlogo
DYWIDAG-Systems International GmbH Ingenieur (m/w/d) für den Vertrieb von geotechnischen Systemen Königsbrunn
Dr. Schmidt & Partner Group-Firmenlogo
Dr. Schmidt & Partner Group Kalkulator (m/w/d) Infrastrukturprojekte Stuttgart,München, Großraum Nürnberg
über Dr. Schmidt & Partner Group-Firmenlogo
über Dr. Schmidt & Partner Group Bau- / Projektleiter (m/w/d) Infrastrukturprojekte Stuttgart, Großraum Nürnberg
DeguDent GmbH-Firmenlogo
DeguDent GmbH Keramikingenieure (m/w/divers) Entwicklung Strukturwerkstoffe Hanau
MSA Technologies and Enterprise Services GmbH-Firmenlogo
MSA Technologies and Enterprise Services GmbH New Product Development Project Manager / Tender Manager Operations (w/m/d) Berlin
Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen-Firmenlogo
Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste Nordrhein-Westfalen Technischer Sachbearbeiter mit taktischen Anteilen (m/w/d) Duisburg
Stuttgarter Straßenbahnen AG-Firmenlogo
Stuttgarter Straßenbahnen AG Elektroingenieur / Ingenieur als Planer von Elektroanlagen (m/w/d) Stuttgart

Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell: K…