Heiko Mell

Abwärts

Ich habe auf dem zweiten Bildungsweg mit 27 Jahren mein FH-Studium abgeschlossen und mich über einige berufliche Positionen hinweg über den Projekt- zum Abteilungsleiter entwickelt. In dieser Funktion habe ich vor mehr als fünf Jahren bei meinem heutigen Arbeitgeber angefangen. Meinen damaligen Chef kannte ich schon aus einer früheren Anstellung.

Dieser Chef ging nach einigen Jahren der guten Zusammenarbeit in den Ruhestand. Der Geschäftsführer, mit dem ich wenig zu tun gehabt hatte, änderte die Organisation. Er schuf die Position eines übergeordneten Bereichsleiters mit umfangreicher Verantwortung für mehrere Abteilungen. Diese Position wurde extern mit einem Kandidaten besetzt, der dem Geschäftsführer und mir aus der Zusammenarbeit bekannt war. Dieser Bereichsleiter machte zur Bedingung, dass er die fachliche und personelle Führung meiner Abteilung unmittelbar bekam. Mir wurde die Führungsverantwortung entzogen, der Geschäftsführer bat mich zu bleiben.

Der neue Bereichsleiter erklärte mir, dass er auf mich nicht bauen könne und er damit rechne, dass ich mir eine Führungsaufgabe in einem anderen Unternehmen suchen würde. Und er rechne nicht damit, dass wir „dicke Freunde“ werden würden. Das ist jetzt etwa drei Jahre her. Ich bin immer noch dort.

Wie erkläre ich in einem Vorstellungsgespräch diese Veränderung plausibel? Wie die lange Zeit, die ich schon ausharre? Kann ich (Lebenslauf anbei) noch einmal das Unternehmen wechseln?

Aufgrund unseres Hauses bin ich ortsgebunden. Während der letzten Krise habe ich im 100 km-Umkreis keine Leitungsposition gefunden. Inzwischen wäre ich ggf. bereit, mir an einer neuen Arbeitsstelle ein Zimmer zu nehmen.

Antwort:

Es beginnt ganz einfach:

1. Ein Mensch mit Studium, der dauerhaft anspruchsvoll arbeiten will, sollte umzugsbereit sein.

 

2. Ein Mensch mit Studium, der eine erfolgreiche Führungslaufbahn aufbauen und dauerhaft halten(!) will, muss umzugsbereit sein, eine Immobilie darf dem nicht entgegenstehen.

 

3. Bei möglichen Konflikten zwischen beruflichen und privaten Aspekten zahlt es sich kaum jemals aus, das Berufliche zugunsten des Privaten hintanzustellen:“Der Frühzeitmensch war Jäger und Sammler.“ Wenn man diese „berufsbezogene“ Definition so liest, löst das irgendwelche besondern Reaktionen, etwa Verblüffung aus? Das tut es nicht. Verblüffen würde höchstens eine theoretisch denkbare Alternativ-Definition: „Der Frühzeitmensch eroberte eine Höhle, die er mit Zähnen und Klauen verteidigte und niemals aufgab. Zogen die Mammutherden aus jener Gegend fort, nahm er es in Kauf, nun mühsam Hasen und Vögeln nachstellen zu müssen und die Familie kaum noch ernähren zu können.“ Liest man so etwas als Definition dieses Menschentyps? Nein, eher nicht.Verblüffende Erkenntnis: Wir definieren den Menschen über sein „berufliches“ Tun (Jäger und Sammler), nicht über seinen Privatbereich. Wir klassifizieren noch heute: „Herr Müller ist Förster.“ Nicht etwa: „Herr Müller hat eine Eigentumswohnung.“

 

4. Was Ihr neuer Bereichsleiter Ihnen damals gesagt hatte, war die deutliche Aufforderung zu gehen. Diese Aufforderung war auch noch sachlich richtig – niemand mag einen degradierten Ex-Abteilungsleiter unter sich als Mitarbeiter haben. Hier lautet die Grundregel: Wer degradiert wird, sollte sich extern verändern, so schnell wie möglich.

 

5. Sie haben, so weist es auch Ihr Lebenslauf aus, diese Degradierung fast drei Jahre hingenommen. Das war viel zu lange. Jetzt haben Sie zwei Dilemmata zur Auswahl:

a) Sie erklären, Sie hätten sich seit drei Jahren intensiv um eine Leitungsposition beworben, aber niemand hätte Sie genommen. Das wäre schlecht.

b) Sie erklären, Sie hätten fast drei Jahre gebraucht um zu erkennen, dass Ihnen die Degradierung missfällt, und Sie bewürben sich erst ab jetzt. Das wäre auch schlecht.

 

6. Eine wirklich überzeugende Begründung für die Hinnahme dieser „negativen Beförderung“ fällt auch mir nicht ein – die verstrichene Zeit ist einfach zu lang. Man wird daraus schließen, die „Flamme“, führen zu wollen und das auch zu können, brenne in Ihnen nicht heiß genug. Auch der für die Wegnahme verantwortliche Geschäftsführer wird sich irgendetwas dabei gedacht haben, Ihnen diese Verantwortung nicht länger zu lassen (dass er Sie zu bleiben bat, bedeutet gar nichts). Und selbst Ihr neuer Chef, der Sie vor seinem Eintritt irgendwie kannte, wollte Sie als Unterführer nicht haben und hat Ihre ehemaligen Mitarbeiter lieber selbst führen wollen. Das alles verdichtet sich zu einem Meinungsbild, das den Erfolg einer heute erfolgenden Bewerbung um eine Führungsposition wenig wahrscheinlich macht.

 

7. Mein Rat: Sie sollten die Firma verlassen. Der neue Job sollte bevorzugt auf der Ebene Ihrer heutigen Tätigkeit gesucht werden (dafür sind die drei Jahre, in denen Sie ohnehin schon ohne Führungsverantwortung gearbeitet haben, wiederum günstig). Und dann müssen Sie beim neuen Arbeitgeber durch Leistung überzeugen und auf interne Chancen hoffen. Im heutigen Unternehmen, in dem jeder Ihr Schicksal kennt, haben Sie keine Perspektive mehr.

Kurzantwort:

Nimmt ein Arbeitgeber einem „…-Leiter“ die komplette Führungsverantwortung weg und unterstellt diesen Mitarbeiter einem anderen Manager, so rechnet das Unternehmen damit, dass der Ex-Leiter geht. Auch spätere Leser des Lebenslaufs erwarten das und zwar kurzfristig.

Frage-Nr.: 2485
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-05-12

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