Heiko Mell

Wasch mir den Pelz, aber …

Ich bin Ingenieur, Anfang vierzig und seit zehn Jahren in ungekündigter Stellung im Vertrieb (zweiter Ingenieurjob meiner Laufbahn) beschäftigt. Eigentlich ist alles idyllisch: junge Familie mit Kind gegründet, kreditfinanzierte Wohnung etwas außerhalb der Stadt gekauft, regelmäßiges und zufriedenstellendes Einkommen. Jeden Abend kann ich zu Hause sein, was mir auch sehr wichtig ist, wissend und in Kauf nehmend, dass mich meine Ortsgebundenheit auf dem Stellenmarkt einschränkt.

Was allerdings meine Karriere angeht, fühle ich mich an einem Zenit angekommen. Nach einigen erreichten Erfolgen im Unternehmen hat sich seit ca. drei Jahren eine gewisse Gleichförmigkeit, fast „Langeweile“ eingestellt und ich merke, dass ich ohne internen oder externen Stellenwechsel (allerdings derzeit keine attraktiven Angebote) weder neue, interessantere Aufgaben, noch eine Gehaltsveränderung erfahren werden. Ich merke auch, dass ich auf Dauer ohne eine herausfordernde berufliche Veränderung unglücklich werde. Für eine Karriere auf der Auslaufspur bin ich zu ehrgeizig und mindestens zehn Jahre zu jung.

Aufgrund der Risiken, die mit dem Eintausch der bequemen „Idylle“ zugunsten einer neuen Stelle mit Probezeit verbunden wären, habe ich mich für eine Kompromisslösung entschieden und das Projekt Stellenwechsel auf Mitte vierzig vertagt, wenn die Tochter aus dem Gröbsten heraus und der Kredit zu einem Großteil abbezahlt ist – vorbehaltlich natürlich, dass sich nicht schon vorher unerwartet eine wirklich attraktive Möglichkeit ergeben wird.

Bis zu dieser Veränderung möchte ich zudem versuchen, das Beste aus der Situation herauszuholen und mich möglichst universell weiterzubilden (z. B. Fremdsprachen, BWL).

Welche Risiken birgt meine Entscheidung, zunächst zu verharren, und bin ich damit vielleicht schlecht beraten und sollte ungeachtet der Risiken unbedingt jetzt handeln? Wäre ich mit Mitte 40 und deutlich mehr als zehn Jahren beim heutigen Arbeitgeber für einen Wechsel vielleicht schon zu alt oder als „träge“ klassifiziert? Welche nebenberuflichen Zusatzqualifikationen wären empfehlenswert?

Antwort:

Es macht richtig Spaß, Ihre Zuschrift sorgfältig zu lesen und diesem Auf und Ab in Ihren Darstellungen und Planungen zu folgen. Teils scheinen Sie sich ganz sicher zu sein, dann wieder stellen Sie alles in Frage.

Versuchen wir, in dieses Bild widerstreitender Gefühle etwas System hineinzubringen. Vorab und ganz am Rande: Ihre Formulierung „fühle ich mich an einem Zenit angekommen“ halte ich für unglücklich. In der bildlichen Verwendung (eigentlich ist das der Scheitelpunkt des Himmels) ist man „im“ Zenit (in dem einzigen, nicht „an“ und nicht an einem) oder man hat den Zenit des Lebens überschritten. Aber das Problem ist damit natürlich noch nicht gelöst.

Ein bisschen schade ist, dass Sie nicht mehr über sich preisgeben, hilfreich wäre z. B. eine Bezeichnung/Umschreibung der heutigen Position gewesen; jetzt ist zwischen Vertriebsingenieur im Außendienst und Leiter Vertrieb Deutschland alles möglich. Auch hätte man gern gesehen, was sich durch Ihren ersten Wechsel geändert hat. Nun muss ich mit Annahmen arbeiten, und ich unterstelle: heute Vertriebsingenieur im Außendienst in nichtleitender Position. Auch muss ich über die Ziele spekulieren, die Sie gerne noch erreicht hätten (außer „interessantere Aufgaben“ und „Gehaltsveränderungen“). Auf dieser Basis nun folgende Anmerkungen:

1. Sie sind ein Mann, der stramm auf seine „Midlife-Crisis“ zumarschiert, die – mit individuellen Schwankungen – etwa „so um 45“ anzusetzen ist. Sie äußert sich u. a. dadurch, dass man sich „Sinnfragen“ stellt, etwa diese: „War das etwa schon alles? Ich hatte doch in der Jugend so tolle Pläne, wollte so viel erreichen – und nun stecke ich irgendwo fest, gehe langsam auf die 50 zu, und dann ist beruflich (fast) alles vorbei.“ Solche Gefühle und Fragen sind normal im Sinne von üblich – die meisten anderen schlagen sich auch damit herum. Irgendwie muss man da durch, eine Patentlösung gibt es nicht.

 

2. Irgendwann kam mir die Erkenntnis, dass in diesem marktwirtschaftlichen System Chance und Risiko in einem halbwegs ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen (müssen). Sehen Sie eine große Chance und haben Sie noch kein adäquates Risiko entdeckt – dann haben Sie noch nicht gründlich genug gesucht. Eine Chance zu wollen, aber kein Risiko eingehen zu mögen, das geht nicht – das System spielt nicht mit.

Der Volksmund nennt den Versuch, Chancen zu wollen ohne Risiken eingehen zu müssen: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Was nicht geht, wie schnell klar wird.

Sie stecken in einer speziellen Konstellation aus Privatem und Beruflichem. Nun möchten Sie etwas ändern. Aber bitte kein Probezeit-Risiko, keine Unannehmlichkeiten für die Tochter und keine Probleme beim Verhandeln mit der Bank über den Immobilienkredit. Wasch mir …, aber das hatten wir schon.

 

3. Der Mensch steht auf zwei Beinen. Am sichersten steht und geht er, wenn beide Beine gleichermaßen gepflegt werden und gesund sind. Käme er auf die Idee, sich nur noch um das linke Bein zu kümmern, es zu massieren, systematisch zu trainieren, ihm das beste Schuhwerk anzupassen, hätte das sicher dort Optimierungseffekte – aber nur bei diesem einen Organ. Das zweite Bein bliebe unentwickelt, die Gesamtsteh- oder -laufleistung des Menschen ließe zu wünschen übrig.

Der Mensch, um den wir uns hier kümmern, steht und geht auf den „Beinen“, die da „Privatleben“ und „Beruf“ heißen. Eines zugunsten des anderen stark zu vernachlässigen, das rächt sich. Heute ist Ihr „linkes Bein“ im Top-Zustand, im rechten haben Sie Muskelschwund (oder so etwas in der Art).

 

4. Eine wichtige Aussage am Schluss des ersten abgedruckten Absatzes Ihrer Einsendung ist nicht richtig: „… wissend und in Kauf nehmend, dass mich meine Ortsgebundenheit auf dem Stellenmarkt einschränkt“ – eben nicht! Sie sind nur wissend, jedoch nicht in Kauf nehmend (sonst gäbe es den ganzen Fall nicht).

 

5. Ihre „Lösung“, Maßnahmen zur Verbesserung der beruflichen Situation mehrere Jahre zu vertagen, ist keine!

Wenn man einmal so weit gekommen ist mit seinen Gedanken und kritischen Betrachtungen, dann lässt dieses Problem Sie nie wieder los. Ihre berufliche Frustration wird eher zu- als abnehmen – und am Ende hat auch Ihre Familie nichts mehr von der Wohnung in schöner Lage und einem unzufriedenen Mann und Vater, der stets abends zu Hause ist.

 

6. Weiterbildung ist immer gut, löst aber Ihr Problem nicht. Schließlich gibt es keine Garantie, dass Sie auf dieser Basis in ein paar Jahren „die“ Traumposition bekommen. Falls dann eine neue Krise herrscht, stehen Sie vielleicht vor den Trümmern Ihrer ganzen Planung.

 

7. Die Grundregel lautet: Wenn Sie ein Problem erkannt und definiert haben, dann beginnen Sie unverzüglich damit, an der Lösung zu arbeiten. Und Sie haben erkannt, dass Sie beruflich dauerhaft unzufrieden sein werden – sofern sich nichts ändert. Also ändern Sie etwas. Suchen Sie sich jetzt extern einen „besseren“ Job, wie immer Sie den definieren. Wenn Sie so weitermachen, vergeuden Sie wertvolle Jahre Ihres Lebens – und sind vielleicht in vier oder fünf Jahren so „kaputt“, dass Sie als Bewerber um eine Aufstiegsposition nicht mehr überzeugen.

Kurzantwort:

Massive Frustrationen im beruflichen Bereich bei einem Mann, der auf die Mitte 40 zugeht, werden nur sehr bedingt allein durch ein harmonisches privates Umfeld ausgeglichen.

Frage-Nr.: 2484
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-05-12

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