Heiko Mell

Die Abiturnote hängt wie ein schwarzes Tuch …

Ich bin Ende 20, studierte Maschinenbau in neun Fachsemestern (Regelstudienzeit) und arbeite seit einiger Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit der Absicht promoviert zu werden. Dieses Vorhaben läuft soweit auch exzellent. Zuvor hatte ich auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur nach dem Realschulabschluss nachgeholt. Leider mit einer Abiturnote von 3,1.

Meine Noten haben sich seit dem einschneidenden Fehler von damals zunächst um 0,5 Notenpunkte (Vordiplom) und danach nochmal um 1,0 Punkte verbessert (Examensnote 1,6). Jetzt liegt meine Examensnote 0,5 Notenpunkte über dem Jahrgangsdurchschnitt, ich bin zugegebenermaßen sehr stolz über meine Entwicklung seit dem Abitur. Auch in den bisherigen Personalgesprächen wurde mir immer eine exzellente Arbeit bescheinigt, die dann hoffentlich in ein mustergültiges Arbeitszeugnis mündet.

Dieser Fehler (Abiturnote), wie ich ihn nenne, hängt jedoch wie ein schwarzes Tuch über meinem Leben. Werde ich auf die Abiturnote angesprochen, sei es in persönlichen Gesprächen oder nach dem Studium in Vorstellungsgesprächen, merke ich erst wieder, was ich mir damals angetan habe. Aus meiner heutigen Sicht, und so argumentiere ich bis heute, ist mir ein Fehler unterlaufen, der mir nicht ein zweites Mal passieren darf und auch nicht passieren wird. Die Note ist nicht zu entschuldigen, und ich versuche sie auch nicht schön zu reden bzw. mich in dieser Angelegenheit herauszureden.

Ich verweise auf meinen weiteren Werdegang und versuche so eine weitere Entwicklung zu extrapolieren. Mit dem Doktorgrad versuche ich mich gewissermaßen zu rehabilitieren, um mir selbst und „der Welt“ zu zeigen, dass ich es doch kann (was aber nicht der Hauptgrund für eine Promotion war).

Ist meine Argumentation bzw. mein angedeutetes Verhalten in Vorstellungsgesprächen, die mir sicher nach der Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter bevorstehen, von Ihrer Seite aus richtig? Muss ich vielleicht offensiver mit diesem Thema umgehen, um somit gleich den Gesprächspartnern „den Wind aus den Segeln“ zu nehmen?

Zuletzt möchte ich noch „Gleichgesinnten“ Mut zusprechen. Es ist wichtig, dass man stets an sich glaubt und weiter an sich arbeitet. Und Ihnen, Herr Dr. Mell, möchte ich für Ihre Arbeit danken und hoffe, dass Sie noch viele Jahre …

Antwort:

Wäre ich wesentlich jünger, hätte ich Ihnen vielleicht einfach erklärt, dass Ihr Problem keines sei und wäre zur Tagesordnung übergegangen. Oder ich hätte darauf hingewiesen, dass es Leute ganz ohne Abitur gäbe, die dennoch etwas „geworden“ wären. Aber heute weiß ich, dass es damit nicht getan ist. Wenn der Mensch sich erst einmal eingeredet hat, er habe ein alles überstrahlendes Handikap, dann träumt er Tag und Nacht davon, starrt darauf wie das Kaninchen auf die Schlange und führt jede der – unvermeidbar kommenden – beruflichen Niederlagen auf jenes vermeintliche Problem zurück. Nein, ich werde mir wohl ein wenig mehr Mühe geben müssen. Alsdann:

1. „So“ dramatisch wichtig ist das Abitur bei Ihrem Werdegang gar nicht. In der Ausbildungskette „Schulabschluss, Studienexamen, Promotionsnote“ ist es das Glied mit der allerschwächsten Bedeutung. Andersherum gesagt: Ein Einser-Abitur, ein Dreier-Studienexamen und ein geplatztes Promotionsvorhaben (fünf Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter und kein Dr.-Grad) wären um ein Vielfaches schlimmer.

 

2. Sie zeigen eine „positive Tendenz“: „Früher schwächer – heute stärker“, das ist toll. Beim Abitur ist man ja noch sehr jung, das schließt das Recht auf Fehler ebenso ein wie auf ein noch fehlendes Bekenntnis zur Leistung. Jeder Fachmann sieht das so.

 

3. Sie kamen über die Realschule. Das ist ein härterer Weg als der über alle Gymnasialklassen. Und der Übergang trifft den Jungen mit 16 Jahren, also in einem ohnehin nicht ganz einfachen Alter.

 

4. Sie werden in absehbarer Zeit Dr.-Ing. sein. Einer der großen Vorteile dieses Titels ist ein automatisch ablaufender Denkprozess bei jedem Menschen, der Ihren Briefkopf sieht, Ihre Bewerbung liest, Sie beim Friseur kennenlernt oder Ihnen im Vorstellungsgespräch gegenübersitzt. Etwa in der Art: „Der Mann hat einen akademischen Abschluss, eine Examensnote von mindestens gut (sonst wird man im Normalfall gar nicht zur Promotion zugelassen), er muss also ein halbwegs intelligenter Mensch sein.“ Ein Abitur ist dabei generell „im Preis inbegriffen“, es wird grundsätzlich auch in Ordnung sein (Lebenserfahrung), die Frage nach der Abi-Note ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung.

 

5. Für Sie speziell der Rat: Machen Sie im Lebenslauf Ihren Weg über die Realschule deutlich, geben Sie einfach „Abschluss: Abitur“ bei dem entsprechenden Schulabschnitt (Gymnasium, Abendschule o. Ä.) an – und lassen Sie die Note weg. Sie verstoßen damit gegen kein Gesetz. Bei Studium und Promotion jedoch geben Sie die (erwartete) Note an. Und das Abiturzeugnis fügen Sie nicht bei, nehmen es aber zu Vorstellungsgesprächen mit (für den Fall, dass jemand fragt).

Im Vorstellungsgespräch sprechen Sie die Abiturnote nicht an. Fragt jemand danach (ist absolut nicht Standard), dann lächeln Sie, gestehen ein, dass es Ihnen ein „bisschen peinlich“ ist, aber damals sei Ihnen der Wechsel von der einfacheren Arbeit an der Realschule zum komplexeren Stoff des Gymnasiums erst einmal schwergefallen, dann aber hätte es Sie gepackt, Sie hätten sich hineingekniet in schwierige Themen – siehe Examensnote, siehe Promotion.

 

6. Mehr ist nicht. In Wahrheit haben Sie kein Problem, vergessen Sie das „schwarze Tuch“ über Ihrem Leben. Dieses ist nur ein Wölkchen, die richtigen „Tücher“ kommen erst noch.

 

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2483
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 18
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-05-05

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