Heiko Mell

Beförderung erwünscht

Ich bin seit mehr als fünf Jahren als Ingenieur tätig, mehr als drei Jahre davon beim zweiten Arbeitgeber. Ich werde dort als „Engineer“ geführt, die nächsthöhere Bezeichnung ist der „Senior Engineer“.

Meine jährliche persönliche Bewertung fällt normalerweise leicht überdurchschnittlich aus (3+ auf einer Skala von 1/Überflieger bis 5/ungenügend), wobei ich dazusagen muss, dass im Unternehmen darauf geachtet wird, dass der Abteilungsdurchschnitt ziemlich genau „3“ sein soll.

Nun stellt sich mir die Frage, ob ich in naher Zukunft mit einer Beförderung rechnen kann. Sollte ich diese vielleicht sogar fordern oder sollte ich nur abwarten? Falls ich den Arbeitgeber wechseln sollte, bevor ich befördert werde: Kann ich beim neuen Arbeitgeber fordern, als „Senior Engineer“ eingestellt zu werden, ohne überheblich zu erscheinen?

Antwort:

Darstellung und Frage berühren mehrere Aspekte:

1. „Engineer“ und „Senior Engineer“ sind keineswegs industrielle Standardbezeichnungen, die überall oder auch nur überwiegend angewendet werden. Es kann also sein, dass Ihr Problem beim nächsten Arbeitgeber gar nicht existiert und dort auch nicht verstanden wird. Falls Sie sich bewerben, achten Sie darauf, wie die neue Position in der Stellenanzeige bezeichnet wird.

Es dürfte sich bei den beiden genannten „Stufen“ um unternehmensspezifische Bezeichnungen handeln. Außerdem vermute ich, dass sich der „Senior“ vom „Engineer“ weniger durch eine echte Personalführungskomponente abhebt, sondern dass er mehr den besonders erfahrenen, bewährten Sachbearbeiter ohne Führung, aber mit besserem Gehalt bezeichnet. Früher hieß so etwas meist „Hauptsachbearbeiter“ oder „Sachgebietsleiter“.

 

2. „Echte“ Beförderungsstufen sind demgegenüber z. B. Teamleiter oder Gruppenleiter – mit schon fachlicher, aber noch ohne disziplinarische Führungsfunktion.Es kommt auf Ihre Zielsetzung an: In Ihrem Hause kann es interessant, für weitere Beförderungen sogar empfehlenswert bis zwingend erforderlich sein, „Senior“ zu werden. Eine externe Bewerbung lohnt eigentlich nur wegen dieser Stufe nicht. Sie lohnt hingegen, um dabei Projekt-, Team- oder Gruppenleiter zu werden.

Natürlich würde ein neuer Arbeitgeber Sie für diese „echte“ Stufe nicht in Betracht ziehen, wenn er wüsste, dass Sie beim „alten“ Arbeitgeber „noch nicht einmal Senior“ waren. Vermutlich aber kennt er diese „gehobene Sachbearbeiterstufe“ gar nicht und vermisst bei Ihnen nichts. Also wird er Ihre Bewerbung vorurteilsfrei prüfen.

 

3. Aber: Ich an der Stelle Ihres heutigen Chefs würde einen „3+“-Mann nicht befördern! Das wäre ja nur ein kleines Stüfchen über dem Durchschnitt; so etwas reicht zur Absicherung gegen Entlassung, aber nicht zur Beförderung. Dafür brauchen Sie im Normalfall eine 2. Es gilt also, darum zu kämpfen – nicht durch Diskussionen (Chefs hassen das), sondern durch deutlich über dem Durchschnitt liegende Leistung.

 

4. Auf dieser Basis (Sie versuchen so viel zu leisten, dass eine Bewertung mit 2 denkbar wird) gilt dann zusätzlich:Man fordert eine Beförderung nicht, das führt zu nichts. Man ist hingegen ein solcher Leistungsträger in der Abteilung, dass der Chef Angst hat, dieser Top-Mitarbeiter könnte gehen – und ihn z. B. befördert, um ihn möglichst zu halten.

Begleiten kann man diese Strategie mit dem „Anmelden des Anspruchs“. Sie fordern nichts, Sie machen aber deutlich, dass Sie die nächste Stufe unbedingt anstreben. Das lässt sich am besten mit einer Frage einleiten.Mitarbeiter: „Wie sehen Sie meine Möglichkeiten im Hinblick auf eine Weiterentwicklung in die nächste Stufe/Ebene hinein?“ Chef: „Warten Sie einmal ab, wir werden sehen, eines Tages, nur jetzt im Moment …“ Mitarbeiter: „Gibt es etwas, das ich in meinem Auftritt, bei meiner Leistung, meiner Arbeitsweise verbessern, anders machen könnte oder sollte?“ Chef sagt irgendetwas. Mitarbeiter: „Das ist für mich sehr interessant, danke dafür. Ich werde das alles berücksichtigen und mich entsprechend anstrengen. Für mich ist das sehr wichtig, denn ich möchte mich unbedingt für die nächste Stufe qualifizieren.“

Damit ist der Anspruch angemeldet. Chefs haben ein feines Gehör dafür und wissen jetzt: Wenn er nicht bald Senior wird, ist er eines Tages weg. Und genau das muss er nicht schulterzuckend abtun, sondern fürchten.

Kurzantwort:

1. Nicht alle firmeninternen Tätigkeits- oder Rangbezeichnungen sind in anderen Unternehmen üblich oder haben dort eine vergleichbare Bedeutung.

2. Die Begriffe „Beförderung“ und „Durchschnitt“ passen nicht zusammen. Wer befördert werden will, muss deutlich über dem Durchschnitt stehen.

3. „Überdurchschnittlich“ ist ein relativer Begriff. Wer befördert werden will, muss nicht objektiv „gut“ sein, nur besser als die jeweils anderen.

Frage-Nr.: 2479
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 17
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2011-04-28

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