Heiko Mell

Zu früh am Ziel?

Frage/1: Auch aufgrund Ihrer vielen hilfreichen Denkanstöße bin ich mit dem Verlauf meines Berufslebens in Summe sehr zufrieden.
Meine Karriereambitionen sind nicht sehr ausgeprägt, die Tätigkeiten nahe am Tagesgeschäft bereiten mir Freude, die Nähe zu technischen Detailaufgaben möchte ich nicht gänzlich missen. Als berufliches Ziel schwebte mir grob vor, „irgendwann einmal“ die Leitung einer technischen Abteilung innezuhaben. Mein Verantwortungsbereich in meinen bisherigen Positionen hat sich mit der Zeit kontinuierlich erweitert, leitende Aufgaben wurden mir nach und nach ebenfalls übertragen, die ich nach allgemeinem Bekunden auch sehr ordentlich erledige. Man wächst halt mit seinen Aufgaben …

Frage/2: Getreu Ihrer Devise, dass nur ein Ziel auf der Rangliste ganz oben stehen kann, habe ich mich ganz bewusst dafür entschieden, meiner angestammten Heimat treu zu bleiben. Die Gründe dafür …

Frage/3: Nun stehe ich unmittelbar vor einem externen Wechsel: Ich werde die Leitung einer Konstruktionsabteilung bei einem Unternehmen übernehmen, das ich schon lange als attraktiven Arbeitgeber gesehen hatte.

Damit erreiche ich meine eher vage formulierten Karriereziele quasi „zu früh“ – und was jetzt?
Ich kann mir vorstellen, dass Sie jetzt antworten werden, ich solle mich freuen (tue ich!) und mich in der neuen Aufgabe erst einmal etablieren (habe ich vor!) und dort tolle Ergebnisse präsentieren (traue ich mir auch zu!), dann werde sich diese Frage von ganz allein erledigen.

Aber: Ich bin jetzt Anfang 40 und habe noch ca. 25 Berufsjahre vor mir, für die ich kein konkretes „Fernziel“ mehr habe. Bisher habe ich ca. alle sechs Jahre meinen Arbeitgeber gewechselt, mit zunehmendem Alter wird ein externer Wechsel für mich zunehmend unwahrscheinlich. Der Gedanke, bei einer Firma bis zur Rente zu bleiben, kommt mir irgendwie befremdlich vor.

Mein Werdegang erscheint mir sowohl im beruflichen Sinne als auch meine Persönlichkeit betreffend wie ein organisches Wachstum. Diese Entwicklung halte ich für noch nicht abgeschlossen. Allerdings fehlt mir jetzt die konkrete Perspektive.“Habe im Leben alles erreicht“, „welchen Sinn hat das alles noch?“ – das hört sich schwer nach Midlife-Crisis an, das wäre ja auch nicht ganz untypisch für mein Alter.

Nun sehe ich die Gefahr, dass ich mich -ohne es zu merken oder zu wollen – in der neuen Position „einniste“, also entgegen meiner eigentlichen Art, die Aufgaben eher verwalte, statt sie aktiv zu lösen. Meine Motivation, außergewöhnliche Leistungen vollbringen zu wollen, um sich für einen solchen Job zu empfehlen, könnte verloren gehen, weil ich diesen tollen Job ja jetzt habe. Ich bin – wie immer – sehr gespannt auf Ihre Ausführungen.

Antwort:

Antwort/1: Eine singende Amsel ist eine Amsel, die singt. Eine „leitende Aufgabe“ ist demnach eine Aufgabe, die (…) – und da verließen sie ihn. Es geht also so nicht. Schenken wir uns die Begründung und stützen wir uns auf den Sprachgebrauch. „Leitende Aufgabe“ ist nicht, „mit Leitungsfunktionen verbundene Aufgabe“ geht, „leitende Position“ ginge von der Sache her, passte aber nicht in Ihre Darstellung. Wem dieser Exkurs nicht gefällt, der gebe wenigstens zu, dass man auf die Idee mit der Amsel erst einmal kommen muss.

Mein ernsthaftes Anliegen: Ich will vermeiden, dass solche unglücklich gewählten Wortkombinationen in wichtige Ausarbeitungen (Bewerbungen u. Ä.) hineinrutschen.

 

Antwort/2: … können wir uns hier schenken. Wenn der deutsche Akademiker auf einem Gebiet keine Beratung braucht, dann bei der Suche nach Argumenten, die gegen einen Umzug sprechen. Ich will auch nicht einen einzigen Leser auf Ideen bringen, die er bisher noch nicht hatte. Wir halten fest: Sie wollen dort wohnen bleiben, das steht auf Ihrer Liste als Nr. 1.

 

Antwort/3: Es ist jedes Mal wieder interessant zu beobachten, wie verschieden die „Geschmäcker“ (korrekt hieße es „Geschmäcke“, aber der Volksmund formuliert es eben so) doch sind. Der typische süddeutsche Bewerber, der mir in einer telefonischen Diskussion entschieden mitteilt: „Köln? Ich gehe nicht nach Norddeutschland!“ (was geografisch bodenloser Unfug ist), glaubt gar nicht, dass man dort, wo Sie leben (viel nördlicher als Köln), auch nur existieren kann. Und dass man da auch noch bleiben will, wird er niemals verstehen. Aber das nur am Rande.

Ich hätte eine Reihe von Argumenten zu bieten, die eine Lösung zumindest einkreisen:

1. Sie besetzen die Position Nr. 1 auf Ihrer Prioritätenliste mit „kein Wohnsitzwechsel“. Dieses Ziel haben Sie seit mehr als 40 Jahren erreicht. Dann dürfen Sie sich über Gefühle wie „Perspektivlosigkeit“ nicht wundern. Alles, was mit Beruf zu tun hat, steht ja auf Ihrer „Liste“ auf nachrangigen Positionen. Haken Sie also Ihr Problem als unwichtig ab, da Sie doch Ihr Ziel Nr. 1 längst erreicht haben. Seien Sie also dann bitte auch glücklich, wie es sich gehört. Ich gebe zu, dass dieser Antwortpunkt ein wenig boshaft formuliert ist.

2. Ein Hauptabteilungs-, Bereichs- oder sogar technischer Leiter ist jemand, der einige von den Abteilungsleitern führt, zu denen Sie ab jetzt gehören. Das ist also die nächste Stufe – der Unterschied zum Abteilungsleiter ist wesentlich geringer als derjenige zwischen den „Führungsvorstufen“ (Team- / Projekt- / Gruppenleiter) und dem, was Sie jetzt erst einmal werden.

Also hängen Sie Ihr Ziel im Berufsbereich einfach jene eine winzige Stufe höher (wer Abteilungsleiter „kann“, sollte das auch noch können) – und Sie sind alle bisherigen Probleme los. Bewähren Sie sich wiederum ca. sechs Jahre in Ihrer neuen Position und kämpfen Sie dann mit Ende 40 um Ihr neues berufliches Endziel (siehe dann auch Punkt 3).

3. Sie gehen ein wenig leichtsinnig um mit einem Kernelement des ganzen Komplexes: Mit der Ernennung zum …-Leiter haben Sie erst einmal nur die Eintrittskarte in die Welt der neuen Führungsebene. Diese Karte wurde Ihnen vom neuen Arbeitgeber „auf Kredit“ gegeben – den müssen Sie jetzt zurückzahlen in einem Vorgang, den man „Bewährung“ nennt. Der beginnt, wenn die Einarbeitung im neuen Job erledigt ist und dauert komplett ca. fünf Jahre. In denen Sie besser nicht gefeuert werden und in denen Sie auch nicht aus eigenem Antrieb erneut auf den Markt gehen sollten.

Denn bei einem Bewerber gilt ein Abteilungsleiterstatus, wie Sie ihn jetzt / in Kürze erreicht haben,- unmittelbar nach der Ernennung so gut wie gar nichts,- nach sechsmonatiger Tätigkeit als AL fast gar nichts,- nach zweijähriger Tätigkeit als AL schon etwas, aber natürlich erweckt ein Wechsel nach so kurzer Betriebszugehörigkeit eine Art „Pauschalverdacht“, der auch denkbare Unfähigkeit als Führungskraft mit einschließt,- erst mit etwa fünf AL-Jahren als gefestigt, dann erst können Sie völlig problemlos wieder auf den Markt gehen, sind Sie ein gestandener Positionsinhaber, der sich mit Fug und Recht auf Positionen der nächsthöheren Führungsebene bewerben könnte.

Also: Ihr heutiges Ziel ist erst erreicht, wenn diese fünf Bewährungsjahre um sind. Und es gilt: „Leiter werden ist nicht schwer, Leiter sein dagegen sehr“ (in Abwandlung einer anderen Volksweisheit).

Und wenn Sie meinen einfachen Rat annehmen, das End-Ziel nur noch eine kleine Stufe höher zu hängen, dann kann ich Sie damit zehn Jahre lang sehr anspruchsvoll auslasten:

Fünf Jahre Bewährung als AL mit gleichzeitiger Qualifizierung für die HAL- / BL-Ebene (das schließt den Zwang zu sehr guter Leistung als AL ein, gute reicht nicht) und dann noch einmal fünf Jahre Bewährung als HAL / BL. Und dann? Dann sind Sie Anfang 50, Ihre Midlife-Crisis ist „durch“, Ihre Beweglichkeit auf dem Arbeitsmarkt ohnehin stark eingeschränkt, Sie sind froh, wenn Sie eine so tolle Position halten können und behalten dürfen. Und siehe auch Punkt 5).

 

4. Ihre Befürchtung, der Aufstieg sei „zu früh“ gekommen, ist so nicht richtig. So Mitte 30 bis Anfang 40 ist absolut das richtige, typische Alter für diesen Aufstieg.

Achtung: Auch wer „wenig“ will und eher bescheidene Ziele hat, soll sich dem üblichen Rhythmus für Aufsteiger anpassen (so etwa alle fünf Jahre eine Beförderung), bis das Ziel erreicht ist – aber nicht etwa bis zum Alter von 48 mit der ersten Beförderungsstufe warten. Das würde nicht funktionieren.

 

5. Zu Ihrer Furcht, eventuell 25 Jahre lang denselben Job in derselben Firma machen zu müssen: Sie schreiben selbst, Ihre Persönlichkeitsentwicklung sei in einer Art organischen Wachstums begriffen, die Entwicklung sei noch nicht abgeschlossen. Das ist richtig.Und dann sagen Sie, allerdings fehle Ihnen jetzt die konkrete Perspektive (im Zusammenhang mit dieser persönlichen Entwicklung). Und das ist nicht richtig! Auch wenn Sie meinem Vorschlag mit dem HAL als Ziel nicht folgen wollen (warten Sie einmal ab, der Appetit kommt beim Essen), werden Sie erkennen:

– die neue Aufgabe, die neue Tätigkeit, die neue Verantwortung formen Ihre Persönlichkeit, Ihr, „organisches Wachstum“ setzt sich fort;

– mit der zunehmenden Reife Ihrer Persönlichkeit ändern sich auch Ihre Ansprüche in allen Bereichen des Lebens, insbesondere im hier im Mittelpunkt stehenden beruflichen Bereich;

– allein mit dem steigenden Alter verschieben sich Ihre Maßstäbe und Ansprüche.

Dass die Arbeitgeber Vorbehalte gegen ältere Bewerber haben, kommt ja nicht von ungefähr. Wer die Welt verändern will, muss junge Leute um sich scharen. Mit steigendem Alter arrangiert man sich mit manchen Unzulänglichkeiten – und hält es für sinnlos, sich bei dem Versuch zu verschleißen, diese durch andere Unzulänglichkeiten zu ersetzen. Wer siebzehn Umorganisationen in einer Firma mitgemacht hat, nimmt sich nicht einmal mehr die Zeit, über die achtzehnte zu lachen – leistet hinhaltenden Widerstand und wartet, bis es vorbei ist. Auch Ihnen werden in zehn Jahren die dann noch „drohenden“ fünfzehn Jahre in jener Firma deutlich(!) weniger schrecklich vorkommen als heute die fünfundzwanzig. Und das nicht nur, weil der Rest der Dienstjahre kleiner ist, sondern weil sich Ihre Wünsche und Ziele verändern.

 

6. Energisch widersprechen muss ich Ihrer Theorie, Sie hätten ja jetzt „alles“ erreicht und würden eventuell damit aufhören, außergewöhnliche Leistungen zu vollbringen, weil es keinen Ansporn mehr gäbe. Bei „anständigen Menschen“ läuft das so nicht – sie erbringen hohe Leistungen, weil das nun mal ihre Art ist und nicht, weil am Ende irgendeine Belohnung winkt. „Wenn mein Name darunter steht, dann wird erstklassig gearbeitet“, lautet die Devise. Wenn sie demotiviert werden, hören sie ganz auf, werfen vielleicht sogar den Job hin. Aber solange sie etwas tun, geschieht das immer nach dem gleichen hohen Standard. Diese Leistungsträger werden übrigens auch nicht durch ein hohes Gehalt motiviert. Jedenfalls nicht zu sehr guter Arbeit, die ist Teil ihrer Persönlichkeit. Kündigen werden auch sie, wenn sie sich schlecht bezahlt fühlen. Aber schlechter arbeiten, weil z. B. ein Ziel fehlt, werden sie nicht. Also haben Sie keine Angst. Und vergessen Sie nicht: Sie haben einen Ansporn: sich als Top-Abteilungsleiter zu bewähren (mindestens). Und Sie wollen kein „na ja“ befürchten, wenn Ihr neuer Chef über Ihre Leistungen berichtet.

Kurzantwort:

1. Auch wer „nur“ mittlere Karriereziele anstrebt, sollte versuchen, sie im üblichen Beförderungsrhythmus zu erreichen.

2. In eine neue Rangstufe hineinbefördert zu werden, beweist noch nichts. Die Ernennung erfolgt auf Kredit, der muss zurückgezahlt werden, die Währung heißt Leistung.

3. Mit steigendem Alter und zunehmender persönlicher Reife verschieben sich Maßstäbe und Erwartungen. 25 Jahre im gleichen Job in derselben Firma arbeiten zu müssen, erscheint dem 40-Jährigen als Qual, nur zehn Jahre später „lebt“ er gut mit den noch verbleibenden fünfzehn Jahren.

Frage-Nr.: 2429
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 37
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-09-15

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