Heiko Mell 02.01.2016, 04:10 Uhr

Sie will nicht

Ich bin Leiter … in einem größeren Unternehmensverbund.

Es geht um meine jüngere Tochter (25). Während meine ältere Tochter nach ihrem Diplom bereits seit über einem Jahr bei einem internationalen Konzern arbeitet mit einem 11 – 12 Stunden-Arbeitstag und Wochenendarbeit, hat die Jüngere regelrecht Angst vor einem solchen Leben, obwohl auch erste Jahrgangskollegen schon Stellen mit ähnlicher Arbeitsbelastung angetreten haben. Hinzu kommt, dass sie selbst nach der Erfahrung aus diversen Praktika keine konkrete Vorstellung hat, in welche Richtung sie sich beruflich begeben soll.

Es geht um den Grund, weshalb meine Tochter Angst vor einer Karriere und vor Verantwortung hat. Es geht dabei keineswegs ausschließlich um die Abneigung gegen „unmenschliche“ Arbeitszeiten. Tatsächlich traut sie es sich nicht zu, Verantwortung zu übernehmen und weitreichende Entscheidungen zu treffen.Man stelle sich also folgendes Persönlichkeitsbild eines Studenten vor:

Uni-Studium des Wirtschaftsingenieurwesens, Diplomarbeit steht an. Nach diversen Praktika kommt er zu dem Ergebnis, dass er beruflich nicht technikbezogen arbeiten möchte. Er hatte von Anfang an eine Vorliebe für Psychologie und strebt nun auf der Grundlage seines Studiums eine Tätigkeit an, die mit Menschen zu tun hat und mit Beraten, Organisieren und Koordinieren. Zurzeit könnte er sich vorstellen, im Bereich Personalwesen, z. B. Weiterbildung, zu arbeiten.

Der Student ist intelligent. Abitur mit Auszeichnung (Physikpreis der Schule), Studium in der Regelzeit, Statistik-Tutor, Auslandssemester, Englisch & Französisch fließend, diverse Jobs parallel, voraussichtlich gutes Diplom, Praktika mit guten Zeugnissen, ist bei allem engagiert.

Und jetzt kommt’s: Gleichzeitig werden folgende Anforderungen an einen zukünftigen Beruf gestellt: Ich möchte keine Karriere machen. Ich möchte keine Verantwortung tragen. Ich möchte nach einem acht- bis neunstündigen Arbeitstag nach Hause gehen, ohne an die Arbeit denken zu müssen und meine Freizeit genießen.

– Welche Möglichkeiten gibt es in der heutigen Berufswelt unter diesen Voraussetzungen?
– Welche Schwierigkeiten sind zu erwarten?
– Was raten Sie Studenten mit dieser Einstellung?

Antwort:

Es kommt selten vor, dass ich eine Einsendung mehrfach lesen muss, um die Richtung für eine Antwort zu finden. Hier war das so – und Ihr Umschwenken von „meine Tochter“ auf „ein Student“ hat das Verständnis nicht erleichtert.

Ich muss hier vorab noch etwas erwähnen, das zwar allgemein bekannt ist, aber deutlich gesagt werden sollte: Weder bin ich Psychiater oder Psychologe, noch darf jemand erwarten, auf der Basis einer kurzen schriftlichen Aussage eines Dritten (auch wenn es der Vater ist) ein Gutachten als Ferndiagnose erstellen zu können, das allerhöchste Ansprüche befriedigt. Natürlich schrecke ich wegen solcher „Kleinigkeiten“ nicht vor einer Antwort zurück. Mag sie unvollkommen sein, so gebe ich sie doch nach bestem Wissen und Gewissen.

Fangen wir vorn an: Ein Abitur mit Auszeichnung ist durch Einsen in praktisch allen Fächern gekennzeichnet – von Mathematik über Erdkunde bis Religion. Schön, aber schon kommt das erste Problem: Welche der üblichen engen Fachrichtungen studiert jemand, der erst einmal „alles“ kann – und der vermutlich ein Examen in Tiermedizin ebenso hinbekäme wie eines in Jura oder Archäologie. Dass mit hoher Intelligenz häufig Entscheidungsschwäche einhergeht, verschärft das Problem.

Entscheidungen sind Festlegungen auf einzelne Handlungsalternativen, bei denen sich im Moment der Festlegung die Konsequenzen nicht übersehen lassen. Menschen, die wie ich „einen Rest von Dummheit“ mitbringen, tun es trotz der Unwägbarkeiten: „Augen zu und durch“, notfalls können Sie zehn Entscheidungen pro Tag von mir haben. Hochintelligente Menschen verweigern sich diesem Unfug – z. T. bis an die Grenze zur Lebensuntüchtigkeit. Klar ist: Entscheidungen sind das Salz in der Suppe des Managers, genau da hat Ihre Tochter eine fundamentale Schwäche, damit kommt eine klassische Karriere im Management kommerzieller Unternehmen wie es die Arbeitgeber von Ihnen und Ihrer ältesten Tochter sind, definitiv nicht infrage. Alles hat seinen Preis, dies ist ein Teil davon. Die Abneigung der jungen Frau gegen diese Art von Karriere ist vermutlich völlig richtig, dort müsste sie ständig Entscheidungen treffen.

Bleiben wir bei der Studienwahl: Die betreffende Person kann erst einmal „alles“, was die Schule so fordert, ist aber entscheidungsschwach, muss sich jetzt auf ein Fach festlegen – das wird sehr schwierig. Bei Ihnen ist Wirtschaftsingenieurwesen dabei herausgekommen. Das halte ich hier für keine glückliche Wahl, vermutlich geht ein Teil der heutigen Probleme darauf zurück. Zur Begründung: Eine Haustür ist vorrangig eine Tür (kein Haus), ein Hausarzt ist in erster Linie Arzt – und ein Wirtschaftsingenieur vor allem Ingenieur. Man kann mit dieser Ausbildung außerhalb der Technik arbeiten, bleibt aber immer irgendwo Techniker. Ihre Tochter möchte „nicht technikbezogen arbeiten“. Da wurde das „Abitur mit Auszeichnung“ bei der Studienwahl nicht optimal genutzt. Außerdem zielt das Studium des Wirtschaftsingenieurs in die Breite (technische und betriebswirtschaftliche Komponenten, späterer Einsatz gern in Schnittstellenfunktionen). Eine Begabung wie die Ihrer Tochter passt nach meinen Erfahrungen aber noch besser zu einem Studium, das irgendwo in die Tiefe geht.

Ich erlebe die Entscheidungsschwierigkeiten hochbegabter Kinder öfter. Mein durchaus bewährtes Rezept in solchen Fällen: Mädels für ein Jahr als Au-pair nach Frankreich, Jungen zur Bundeswehr. Das Prinzip dabei: raus aus der Welt von Noten und Klausuren, Studienfächern und Berufswahlstress, eintauchen in eine völlig andere Umgebung mit höchst banalen Tagesproblemen. Und nichts entscheiden müssen. Meist kommen die Kinder erholt und mit klaren Vorstellungen zurück.

Auch das muss gesagt sein: Niemand überfordert Praktikanten, niemand lässt sie wichtige Entscheidungen treffen. Wenn Ihre Tochter sich dennoch im Praktikum überfordert fühlt, könnte(!) auch ein Grenzbereich ihrer Entwicklung erreicht sein, in dem z. B. therapeutische Hilfe zumindest erwogen werden sollte.

Zurück zur konkreten Lage: Prüfen Sie den Ansatz, Ihre Tochter könnte das falsche Studium gewählt haben. Inwieweit das dann mit Anstand noch korrigiert oder durch ein wenigstens halbwegs passendes Zweitstudium sinnvoll ergänzt werden kann, muss man abwarten. Vielleicht ist Ihrer Tochter heute klarer, was sie wählen würde, müsste sie es noch einmal tun (häufig wählen z. B. Menschen, die besonders stark mit ihrer eigenen Psyche beschäftigt sind, die Psychologie als Fach. Ob Psychologen dies lesen?).

Sie sprechen von einem voraussichtlich guten Diplom – das ist mir zu wenig. Wenn die Studienrichtung halbwegs passt, gilt: Wie das Abi, so das Uni-Diplom. Alles unterhalb von sehr gut wäre für mich ein weiterer Beweis, dass sie „auf dem falschen Dampfer“ sitzt.

Zu den Kernfragen: „Keine Karriere“, das geht, hier ist jeder Mensch in seinen Entscheidungen frei. Keine Verantwortung geht, pauschal gesagt, für einen hochintelligenten Akademiker praktisch nicht. Jeder Sachbearbeiter, jeder Mitarbeiter im Team oder im Projekt übernimmt und trägt Verantwortung zumindest für das, was er tut. Das gilt auch für den Sachbearbeiter Personalwesen im Bereich Weiterbildung. Wer z. B. Seminare für den Vertrieb veranstaltet (eine typische Tätigkeit), ist verantwortlich dafür, dass alle potenziellen Teilnehmer eine Einladung erhalten haben, dass ein Raum gebucht ist, dass die Übernachtungen geregelt sind, dass ein Referent verpflichtet wurde, dass bei dessen Absage in letzter Minute ein Ersatz gefunden wird, dass die Teilnehmer verpflegt werden und, und, und. Deshalb muss er ständig nachfragen, sich vergewissern und darf sich nicht auf Zusagen anderer verlassen. Er (sie) ist verantwortlich, dass die Veranstaltung reibungslos läuft. Und ob jemand, der keine Verantwortung will, überhaupt gut beraten ist, „mit Menschen“ arbeiten zu wollen, sei einmal dahingestellt.

Also: „Keine Verantwortung“ geht nicht, „keine Verantwortung für andere“ (oder für die Arbeit anderer) geht, aber das sind nicht die anspruchsvollsten Tätigkeiten. Überstrahlt wird das jedoch vom nächsten Punkt:

Ein hochintelligenter Mensch mit Studium, der nach Mindestarbeitszeit regelmäßig und sicher nach Hause gehen und „nicht mehr an die Arbeit denken, sondern die Freizeit genießen“ will, darf das versuchen, aber ich erlaube mir, ihn für erschreckend unreif zu halten. Wenn man etwas engagiert macht, dann schaltet man nicht beim Verlassen des Büros ab, dann denkt man zwar nicht ständig an betriebliche Probleme, aber doch z. B. bei der Heimfahrt oder beim Zähneputzen. Wer Überstunden macht, wird nicht stets von bösen Chefs dazu gezwungen, er engagiert sich oft so, dass er erst heimgeht, wenn das Tagesgeschäft getan ist. Alle großen Leistungen sind so entstanden.

Und ich verzichte hier ganz bewusst darauf, das Klischee zu bedienen und zum Eintritt ins Beamtenverhältnis zu raten.

Meine Einstellung: Wer mit einem besonderen Talent ausgestattet wurde, hat auch die moralische Verpflichtung, es zu nutzen. Was für eine Verschwendung, wenn sich unsere Auszeichnungs-Abiturienten auf das Genießen der Freizeit spezialisieren.

Zum Schluss habe ich noch eine Idee für Ihre Tochter: Examen mit 1 (darf hier kein Problem sein!), Promotion, Hochschullaufbahn, als Professorin rein in Lehre („mit Menschen“) und Forschung (hier kann sich ein hochintelligenter Mensch so richtig austoben). Aber ohne Verantwortungsübernahme geht auch das nicht – und mit dem Ziel „Freizeitdominanz“ auch nicht so gut. Vielleicht ist Ihrer Tochter in früher Jugend vieles zu leicht gefallen und sie hat den Kampf um das tägliche Überleben nicht gelernt …

 

PS: Mein Mitgefühl gilt Ihnen besonders, wenn Sie schreiben, „zurzeit“ würde jener „Student“ mit dem Personalwesen liebäugeln. Sie haben nicht viel Hoffnung, dass das auch nächsten Monat noch gilt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2423
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-08-12

Ein Beitrag von:

  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist Karriereberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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