Heiko Mell

Mitte 40 – und andere sind weiter

Frage/1: Ich bin Dipl.-Ing. (FH) und seit einer Reihe von Jahren als Leiter Logistik mit unterschiedlicher Zusatzverantwortung in Teilbereichen größerer Unternehmen tätig. Bis vor zwei bis drei Jahren war ich eher unbekümmert und habe die Herausforderungen genommen, wie sie kamen. Nun, knapp Mitte 40, merke ich eine seltsame Entwicklung in mir: Einerseits weiß ich, dass ich nach aktuellem Stand noch 34 Berufsjahre vor mir habe. Andererseits ist man ab Mitte 40 nicht mehr in der Zielgruppe des Interesses bzw. darf man sich keinerlei Fehler in seiner Berufsplanung mehr erlauben.

Frage/2: Ich sehe um mich herum Kollegen, die aufgrund einer sorgfältigeren Karriereplanung schneller und weiter vorangekommen sind als ich. Obwohl ich nicht unzufrieden bin mit dem bisher Erreichten, erkenne ich, dass mein Umfeld sich in den wichtigen Gesprächen (beim Vorstand, bei den Bereichsleitern, bei interdisziplinären Meetings …) anders benimmt als ich. Mir scheint, dass der Anteil „Eigeninteresse“ gegenüber dem „Unternehmenswohl“ bei anderen Kollegen deutlich ausgeprägter ist.

Frage/3: Nun muss ich für mich einerseits eine Strategie entwickeln, um mich selber zu schützen und andererseits muss ich erkennen, ob ich am Ende meiner Möglichkeiten bin oder ob ich noch einen Schritt weiter (Werkleiter, GF o. Ä) wagen sollte. Welche Entscheidungsparameter sind zu berücksichtigen? Wie komme ich schnellstmöglich aus meiner persönlichen Unsicherheitsphase wieder heraus?

Antwort:

Antwort/1: Korrigieren Sie erst einmal Ihre Rechnung mit den vor Ihnen liegenden 34 Berufsjahren – Sie wären dann immerhin fast 80. Auch stimmt die Vermutung mit der „Zielgruppe des Interesses“ so nicht (glücklicherweise): Führungskräfte in Ihrer Altersgrößenordnung sind grundsätzlich begehrt, das gilt bis Ende 40 ziemlich uneingeschränkt, bei höheren Managementpositionen ist auch „über 50“ noch eine Chance gegeben, falls sonst alles stimmt.

Antwort/2: Ich gratuliere zu der brillanten Analyse: Andere, die anders denken und handeln als Sie, sind weiter gekommen. Und, das steckt da unausgesprochen drin, der Vorstand und die Bereichsleiter wissen auch, dass Sie „anders“ sind und auftreten als der Rest. Wenn Ihnen diese Unterschiede (Ihr Denken ist der Maßstab) auffallen, dann registrieren auch die Leute über Ihnen Ihre Abweichungen (wobei nun deren Denken der Maßstab ist). Sie sind also fast eine Art Außenseiter im Managerkreis. Wobei die anderen „schneller + weiter“ vorangekommen sind. Das ist nicht gut (für Sie), sofern Sie plötzlich etwa Nachholbedarf entwickeln.Warum beschleicht mich jetzt bloß das ungute Gefühl, Sie hielten sich nebenbei noch für den besseren Menschen, der – natürlich – „Unternehmenswohl“ auf seine Fahnen gestickt hat, während die anderen brutales „Eigeninteresse“ demonstrieren.

Speziell dazu ein Musterbeispiel für meine „Spielregeln“: Ich rate – auch hier – von der Verfolgung des Unternehmenswohls durch Angestellte unterhalb der Vorstands-/GF-Ebene ab, empfehle hingegen, sich um die „Erheiterung“ (Zufriedenstellung) der Vorgesetzten zu kümmern – und sich im Übrigen wie eine kleine Firma zu sehen, die ihre ureigenen Interessen verfolgt. Das Unternehmenswohl des Arbeitgebers zu definieren, zu realisieren und die Umsetzung zu überwachen, ist Sache der Eigentümer.

Zwei Ergänzungen dazu:

a) Wenn Sie sich wie eine eigene kleine Firma sehen und Ihre Eigeninteressen im Auge haben – dann sind Sie wieder voll „auf Linie des Systems“, weil Sie sich als „Eigentümer“ um das Wohl Ihrer Firma kümmern, nur eben um das Ihrer eigenen 1-Mann-Unternehmung, die Sie durch alle Widrigkeiten des Lebens steuern.

b) Es gehört sich, dem Vorgesetzten einen „guten Morgen“ zu entbieten, auch wenn man ihn zum Teufel wünscht. Ebenso gehört es sich, ständig das Wohl des arbeitgebenden Unternehmens im Munde zu führen, obwohl man letztlich an das der eigenen „Firma“ denkt. Ein Ritual halt, mehr nicht.Es gibt Menschen, denen diese Erkenntnis (es ist eine aus den Gegebenheiten des real existierenden Systems gewonnene) nicht gefällt. Warnend sei ihnen gesagt, dass das arbeitgebende Unternehmen, dessen Wohl der mittlere Manager oder kleine Angestellte im Auge haben könnte, letztlich nur ein dummes Stück Papier im Handelsregister ist, das sich für erwiesene Wohltaten nicht revanchieren kann. Es hat nicht einmal eine Hand, die es Ihnen anlässlich der Entlassung nach 25 Dienstjahren dankbar schütteln könnte. Ihre Vorgesetzten jedoch könnten sich revanchieren und haben Hände …Fazit: Im Sinne des Systems haben Ihre Kollegen recht und Sie laufen Gefahr, eines Tages als „armes Haustier“ (das mit den Koteletts) zu enden. Keine Prognose, eine Warnung.

Antwort/3: Das Thema wird Sie nicht wieder loslassen, ich verspreche es Ihnen (es ist typisch für die Midlife-Krise). Also wäre „warten Sie einfach, bis es vorüber ist und machen Sie weiter wie bisher“ keine Lösung.

Ich gebe Ihnen drei Jahre Zeit, um eine Veränderung zu erreichen: Versuchen Sie, so zu sein wie die anderen Kollegen. Merken Sie dabei, dass Sie das nicht wollen (oder können), dann bleiben Sie wie Sie sind und begraben Sie das Projekt. Gelingt es Ihnen, gewinnen Sie Freude daran und haben Sie Erfolg damit, dann überlegen Sie am Ende dieser drei Jahre, ob Sie den Sprung nach oben wagen wollen. Sie wären dann immer noch in einem akzeptablen, soliden Alter für diesen Schritt.

Zusätzlich können Sie in der nächsten Zeit daran arbeiten, Ihren Werdegang (heutiger Verantwortungsbereich) so auszurichten, dass er möglichst gut zum nächsten Ziel passt (weder die Position, um die Sie sich im heutigen Unternehmen ursprünglich beworben hatten, noch diejenige, die man Ihnen – lt. beigefügtem Lebenslauf – ersatzweise zunächst übertrug, passen dazu).

Ich zitiere Sie: „… war ich eher unbekümmert.“, „… habe Herausforderungen genommen, wie sie kamen“, „… Kollegen sind aufgrund sorgfältigerer Karriereplanung schneller und weiter vorangekommen.“ So was kommt von so was, sagt der Volksmund.

Kurzantwort:

Um Mitte 40 fragt sich der Mann, ob „das nun schon alles gewesen“ ist. Eine mögliche Antwort lautet übrigens „Ja“.

Frage-Nr.: 2421
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 30
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-07-29

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