Heiko Mell

Aus der Selbstständigkeit zurück

Frage:

Nachdem ich ein Konstruktionsteam sechs Jahre lang erfolgreich geleitet hatte, übernahm ich die Technische Leitung bei einem Anlagenbauer in Asien. Die Stelle war äußerst interessant, da ich gleichzeitig im 4-köpfigen Geschäftsleitungsteam aktiv war und die Firma keinen CEO in einzelnen Standorten/Ländern hatte. Leider war aber das lokale GL-Team von starken internen Machtkämpfen geprägt. Daher verließ ich die Firma nach anderthalb Jahren und startete eine eigene Maschinenbau-Firma in Asien.

Nach knapp 3,5 Jahren ist die Firma auf zehn Mitarbeiter gewachsen und seit dem zweiten Geschäftsjahr profitabel. Jedoch konnte ich meine persönlichen finanziellen Ziele bis dato noch nicht erreichen resp. sie sind mit einer Großkunden-Insolvenz nochmals in weite Ferne gerückt. Aus diesem Grunde plane ich, die Firma zu verkaufen und wieder eine Stelle im Bereich Entwicklungsleitung, Technische (GL-)Leitung etc. in Europa oder Asien zu suchen. Bitte zeigen Sie mir die kritischen Punkte für diesen Übergang auf.

(Ich möchte mit meinem Beitrag keine Diskussion über gerechte/gesunde Entlohnung auslösen, sondern eher auf den Punkt bringen, dass viele Kleinunternehmer vor lauter Freude am eigenen Unternehmen die eigenen privaten Taschen vergessen.)

Antwort:

Fangen wir mit dem letztgenannten Aspekt an: Wer ein eigenes Unternehmen gründet, ist tatsächlich gut beraten, genau das zum Ziel zu erklären – und erst einmal zufrieden zu sein, in den kommenden Startjahren wenigstens überleben zu können. Viele Unternehmensgründer verdienen zunächst deutlich weniger als ein vergleichbarer Angestellter. Auch später sind immer wieder empfindliche Rückschläge bis in den Minusbereich möglich. Ihr Beispiel schildert einen typischen Fall: Ein Großkunde fällt als Auftraggeber aus oder zahlt für bereits erbrachte Leistungen nicht (warum auch immer). Da droht schnell die eigene Pleite. Oder um es so zu formulieren: Als Inhaber eines kleinen Unternehmens kämpft man praktisch immer wieder ums Überleben – wenn es zwei Jahre lang gut gegangen ist, kommt irgendeine Bedrohung im dritten. Daher darf langfristige finanzielle Sicherheit oder gar Reichtum für die ersten Jahre nicht das zentrale Ziel sein!

Später löst man das so: Der Inhaber und Firmenleiter in einer Person setzt als Ausgleich für den Wert seiner Arbeitskraft zumindest kalkulatorisch ein festes Gehalt ein, das beispielsweise seinen letzten Angestellten-Bezügen entspricht. Erzielt er dann insgesamt noch Gewinn, steckt er den zusätzlich ein. Aber oft wird er im Anfang sein Gehalt nicht, nicht voll oder nicht pünktlich auszahlen können – das Geschäft geht vor. Und wenn dann ein tragender Kunde ausfällt, kommt leicht der Wunsch hoch, doch lieber wieder als Angestellter zu arbeiten. Sie, geehrter Einsender, wissen das schon, aber wir haben ja noch einige zigtausend andere Leser, die wir vor Illusionen bewahren müssen.

Zur Rückkehr aus der Selbstständigkeit (insbesondere bei Firmengründern mit Mitarbeitern):

a) grundsätzlich:

– sie ist schwer bis sehr schwer;

– der Weg aus der früheren Angestelltentätigkeit in die Leitung der eigenen Firma steht auch für den Wunsch, der Abhängigkeit von Chefs und von ihren Weisungen, von internen Abwicklungsvorschriften und der ganzen lästigen Administration zu entkommen und sein „eigener Herr“ zu werden;

– überspitzt ausgedrückt ist die Interpretation erlaubt: Der Schritt in die Selbstständigkeit ist wie ein umgehängtes Schild „Ich eigne mich nicht zum Angestellten“;

– der Angestellte hat „Papiere“ (Zeugnisse / Beurteilungen / Beschäftigungsnachweise); Vergleichbares hat der Selbstständige nicht;

– Selbstständige bewerben sich immer(!) nur, wenn ihre Firma nicht „läuft“, sie kommen stets aus einer Misserfolgssituation – als Angestellten-Bewerber wird aber der „Erfolgstyp“ bevorzugt;

– „Sie tun es immer wieder“ (gilt nach Heiko Mell für fast alle Menschen); also besteht die Gefahr, der Bewerber hole nur kurz Luft (finanziell) und strebe dann wieder eine neue Selbstständigkeit an.

 

Demgegenüber gehen alle denkbaren Pluspunkte unter, die Sie dem Selbstständigen-Status argumentatorisch vielleicht zuordnen könnten – versuchen Sie es gar nicht erst, der Bewerbungsempfänger mag keine Pro-Argumente hören. Aber dem oben genannten Vorurteil müssen Sie in Ihrer Bewerbung im schriftlichen und mündlichen Bereich entgegentreten, so weit Sie es können. Um es klar zu sagen: Der Versuch, die Selbstständigkeit als Vorteil und Zeichen einer besonders tollen Gesamtqualifikation zu verkaufen, schlägt fehl, Sie müssen sich hingegen – fast – für Ihren heutigen Selbstständigkeits-Status entschuldigen.

Bedenken Sie auch: Die Menschen, die über Ihre Bewerbung entscheiden, sind in der Regel Angestellte und waren nie etwas anderes. Und das ist ihr Maßstab.

Als letztes Problem ist dann noch das Einkommen zu nennen. Es ist nicht hilfreich, wenn der Eindruck entsteht, Sie hätten sehr viel verdient. Die wirklichen Beträge interessieren kaum, sie gelten als nicht vergleichbar. Am besten gibt man zu, dass es in diesem Bereich nicht so toll gelaufen ist und nennt hilfsweise das letzte Angestellten-Gehalt als Orientierungsmaßstab.

b) in Ihrem speziellen Fall:

– Als Empfehlung für allgemeine Managerqualitäten taugt die Selbstständigkeit praktisch kaum bis gar nicht (siehe oben), daher müssen Sie durch spezielle fachliche Erfahrungen überzeugen. Das heißt in Ihrem Falle „Asien“ plus das, was Sie als Technischer Leiter und/oder in der Selbstständigkeit gemacht haben. Wer in Asien eine solche Angestellten-Position besetzen muss, ist auf speziell landes- und branchenerfahrene Bewerber angewiesen. Davon gibt es nicht unendlich viele – das kann Ihre Chance sein;

– Je näher eine Position an der deutschen Hauptverwaltung angesiedelt ist, desto „pingeliger“ wird bei der Besetzung auf Einhaltung von Regeln und Gepflogenheiten geachtet; wer abweicht, fällt leicht durchs Raster. Es gilt der Umkehrschluss: Weit weg in Asien ist es wichtig, dass der Mann dort überhaupt hingehen will (Sie wollen und sind schon da), dass er halbwegs etwas von der Branche und der Aufgabe versteht und einen guten Eindruck macht. Sie müssen so gut zu dem angestrebten Job passen, dass Sie damit das Handicap Ihrer Selbstständigkeit glatt überspielen.

– Als Selbstständiger sind Sie Flexibilität gewohnt, ist Risikobereitschaft selbstverständlich. Also sind Sie auch bereit, riskantere Verträge zu akzeptieren (z. B. Befristung, ggf. als Interimsmanager oder mit sehr hohen Erfolgsanteilen).

– Sie müssen also vorrangig etwas vermarkten, was Sie haben und können – wobei die Selbstständigkeit nur ein kleiner Schönheitsfehler ist (in Deutschland würde das nicht funktionieren, was Sie aber heute haben, ist Asienerfahrung).

– Da es für die Wiedereingliederung ehemals Selbstständiger keine festen Regeln gibt, lässt sich auch nicht vorhersagen, welche Position Sie erringen können. Sie kann auch erst einmal „kleiner“ sein als die vor Ihrer Firmengründung.

 

PS 1: Kaum ein Selbstständiger will spontan glauben, was hier steht. Dann bleibt ihm ein Lernprozess nicht erspart.

PS 2: Schreiben Sie niemals den Namen von Leuten falsch, die etwas für Sie tun sollen. Vor allem nicht, wenn er in der Zeitung vorgedruckt ist und nur vier Buchstaben hat.

Kurzantwort:

Der Weg in die Selbstständigkeit ist grundsätzlich relativ einfach, der Weg zurück ins Angestelltenverhältnis ist es nicht.

 

Frage-Nr.: 2397
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-03-11

Von Heiko Mell

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