Heiko Mell

Aus dem Stab in die Linie?

Ich war nach dem Studium ca. fünf Jahre in einer Tochtergesellschaft meines Konzerns als Projektingenieur beschäftigt. Das Arbeitszeugnis aus dieser Zeit ist „sehr gut“, ebenso meine Studienexamen.

Seit ca. 1,5 Jahren bin ich jetzt als Unternehmensplaner in einem vorstandsnahen Planungsstab tätig. Wir sind für werksübergreifende Projekte, übergreifende Investitions- und Personalplanungen, Investitionen und Konzernentwicklung zuständig.

Ich erhalte hier einen guten Überblick über Werke und Töchter und kann mit etlichen ranghohen Managern zusammenarbeiten (Netzwerk). Nachteile sind: geringe Aufstiegsmöglichkeiten im Bereich, hoher Druck und Aufgaben, die von einer Zentralabteilung allein gar nicht gelöst werden können. Wir können kaum etwas umsetzen, haben keine Weisungskompetenz, gefragt sind hier statt „Macher“ eher „Verwaltungstypen“ – aber darauf achtet man bei der Personalauswahl kaum, es geht eher um hervorragende Examen und Projekterfahrungen.

Jetzt ist mir im Zuge eines von mir initiierten Projekts von einem Werk indirekt die Projektleitung angeboten worden. Er geht um einen wichtigen Kundenauftrag (wir sind Zulieferer). Die Erwartungen, den Auftrag zu bekommen, sind hoch. Die Chance dazu sehe ich als nicht unwahrscheinlich an.

Wie werten Sie einen Wechsel aus dem Konzernstab in die Tochtergesellschaft? Mit meinem derzeitigen Vorgesetzten verstehe ich mich sehr gut; ich verdanke ihm sehr viel und würde in seine Abteilung eine große Lücke reißen, wenn ich mit dem Projekt „davonliefe“.

Antwort:

Stark vereinfacht, aber nicht falsch: Stab macht Spaß, Linie macht Karriere.Um hinten anzufangen: Unternehmensplanungen sind nicht dazu gedacht, ihre Mitarbeiter auf Ausführungsebene bis zur Rente zu beschäftigen, irgendwann müssen Sie da raus.Zunächst aber sind Sie drin – was völlig in Ordnung ist. Konzernstäbe sind beliebte „Goldfischteiche“ für Leute mit sehr guten Examen – und sie sind klassische „Durchlauferhitzer“ für die Karriere. Direkt „vor Ort“ werden können Sie dort nichts – aber Sie haben die Chance, dem Vorstand aufzufallen, im höheren Management der Konzern-Hauptverwaltung oder draußen bei den Töchtern „Punkte“ zu sammeln und/oder eines Tages mit einem Projekt in die Linie zu gehen oder sonst wie operative Verantwortung übertragen zu bekommen. Wenn es Ihnen ein Trost ist: Niemand erwartet, dass Sie dort bis an die Pensionsgrenze bleiben, auch Ihr Chef nicht. Im Regelfall ist die hochkarätige Stabstätigkeit für intelligente, konzeptionsstarke und ein wenig ehrgeizig-machtorientierte junge Akademiker hochinteressant. Dass jetzt – in schwieriger Zeit – auch dort manche Belastung durchschlägt, ist normal.

Was also jetzt bei Ihnen geschieht, ist eigentlich Standard, absolut in Ordnung und die typische Chance für Stabsleute. Wenn da nur nicht die in „eigentlich“ liegenden Einschränkungen wären. Ich sehe es so:

Vorteile eines Wechsels:

  • Genau so musste es eines Tages weitergehen.
  • Das Projekt ist vermutlich wichtig, Sie arbeiten unter den Augen des höheren Managements; haben Sie Erfolg (gibt es überhaupt etwas anderes?), sind Sie positiv profiliert, ein gemachter Mann.
  • Wenn die Zahlen noch schlechter werden, kann und wird man auch in der nicht lebenswichtigen Unternehmensplanung Köpfe einsparen. Dem entgehen Sie.

Nachteile:

  •  Das Angebot kommt zu früh (1,5 Jahre in der Abteilung sind etwas wenig) und zum falschen Zeitpunkt für Ihren Chef, dessen Wohlwollen Sie brauchen.
  • Haben Sie keinen Erfolg mit dem Projekt, waren Sie a) zu kurz in der Planung und b) danach erfolglos, das wäre in Kombination gar nicht gut.

Die Entscheidung:Eine zentrale Empfehlung für Sie kann es nicht geben; Sie müssen schon selbst handeln, Sie tragen ja auch die Verantwortung. Aber es gibt eine Hilfestellung. Sind Sie

a) der abwägende, auf Sicherheit ausgerichtete, eher risikoscheue Typ? Der würde sich für das Angebot bedanken und auf eine neue Chance zu einem besser passenden Zeitpunkt warten (hat aber keine Garantie, dass so etwas noch einmal geschieht).

b) der entschlossen zupackende, risikobereite „zum Teufel mit den Torpedos“-Typ? Der würde auf Sieg setzen. Und er würde die Frustrationsgefahr im heutigen Job als hoch ansehen (weil er „Macher“ ist und kein Aufgabenverwalter).

Typ a würde ablehnen, b würde annehmen. Beides ist vertretbar. Wenn Sie jetzt noch zweifeln (was absolut „erlaubt“ wäre), sind Sie eher a, dies als zusätzliche Orientierungshilfe.Und da es fast immer noch eine dritte Lösung gibt, hier

c) das „Gottesurteil“ (Sie provozieren eine Entscheidung, sind es dann aber letztlich „nicht gewesen“): Sie könnten ganz vorsichtig mit Ihrem Chef sprechen. Zunächst würden Sie betonen, wie gern Sie dort arbeiten und wie dankbar Sie sind. Dann würden Sie die Zukunft erwähnen und die Frage, wie es weitergehen könnte dort in der Abteilung. Dann würden Sie erwähnen, dass Sie gern irgendwann auch mal wieder als „Macher“ agieren und operative Verantwortung übernehmen würden. Aber eben „irgendwann“, nicht zwangsläufig jetzt. Und dann bitten Sie ihn um seinen Rat, erzählen von dem Angebot und sagen, gegen seinen Willen würden Sie das nicht annehmen (diese Formulierung legt nicht fest, wie Sie bei der nächsten Offerte reagieren werden). Dann soll er etwas sagen – und hat nun das Problem. Und dann stimmen Sie begeistert dem zu, was er als „Rat“ (er ist ebenso viel Egoist wie wir alle) erkennen lässt. Er übernimmt dann Mitverantwortung – und Sie sind es wie gesagt nicht gewesen.

Aber unter uns: Passt das, egal wie es ausgeht, zum Typ b? Sicher nicht – dann aber wären Sie a und können auch gleich so handeln.

Falls jemand Zweifel hat: Es gibt Chefs, mit denen man so offen reden kann – und es gibt sogar einige davon, die würden schweren Herzens dem Mitarbeiter nach bestem Wissen und Gewissen das raten, was sie nach seiner(!) Interessenlage für die richtige Lösung halten, auch wenn es ihre eigenen Aufgaben erschwert.

Kurzantwort:

1. Entscheidung ist die Festlegung auf eine Handlungsalternative, ohne zu diesem Zeitpunkt über ausreichende, abgesicherte Informationen zu verfügen. „Eigentlich“ sind Entscheidungen gar nicht zu verantworten – müssen aber dennoch getroffen werden. Jeder Manager wird immer wieder damit konfrontiert.

2. Zu jeder wirklichen Entscheidung gehört ein Rest von Dummheit, von „Augen-zu-und-durch-Mentalität“. Daher tun sich viele besonders intelligente Menschen damit besonders schwer. Auch deswegen ist ein Einser-Examen keine Voraussetzung für das Top-Management.

Frage-Nr.: 2391
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2010-02-18

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