Heiko Mell

Besser, größer, schöner, mehr

Ich, Mitte 30, bin seit ca. einem Jahr in einer Tochtergesellschaft einer deutschen AG tätig. Meine Position als Leiter eines Standortes ist mit Handlungsvollmacht ausgestattet, ich habe Personalverantwortung für ca. 10 Mitarbeiter und Umsatzverantwortung.

Intern laufen Umstrukturierungsmaßnahmen, die als Ziel die Fusionierung mehrerer Tochtergesellschaften haben. Infolgedessen wird sich nach Zusammenführung mehrerer Sektoren meine Umsatz- und Personalverantwortung erhöhen (auf ca. 45 Mitarbeiter). Seitens meines direkten Vorgesetzten bestehen keine Zweifel an der Besetzung der neuen Leitungsposition durch meine Person. Im Rahmen einer Mitarbeiterinformation zur neuen Organisationsstruktur wurde mein Name bereits veröffentlicht.

Da aber die neue Struktur noch nicht in Kraft ist und die vertraglichen Regelungen noch offen sind, mache ich mir natürlich Gedanken um die zukünftigen Aufgabenfelder sowie konkrete Punkte meinen Vertrag betreffend:

1. Welche Gehaltssteigerung halten Sie im Zusammenhang mit der Ausweitung der Verantwortung für angemessen?

2. Aufgrund der neuen Aufgabe beschäftige ich mich aktuell verstärkt mit der Thematik Weiterbildung (Master, BWL + Personal), um mir neben dem bisherigen „learning by doing“ gezielt Basiswissen anzueignen bzw. um bereits Gelerntes zu festigen und auszubauen.

Wie stehen Sie dieser Thematik gegenüber?

Antwort:

Der erfahrene Leser stutzt: „… bestehen keine Zweifel an der Besetzung der neuen Leitungsposition durch meine Person“ – das klingt nach DDR-Sprachgebrauch (sowohl „Leitung“ als auch Gebrauch der dritten Person, wenn Sie von sich sprechen). Das ist nicht falsch, ich kritisiere es auch nicht, ich weise nur darauf hin. Wenn Ihnen das gleichgültig ist, macht das auch nichts. Aber wissen sollten Sie es. Ein Blick in den Lebenslauf zeigt, dass ich richtig liege.

Zur Sache: Gemessen an der Position davor ist das heute Ihre erste „richtige“ Führungsposition. Und das „eine Jahr“, das Sie dieselbe innehaben, ist schon recht großzügig gerechnet.

Also haben Sie noch immer eine „offene Flanke“, was Ihre überzeugende Bewährung in einer Position mit Umsatz- und Personalverantwortung angeht (soll heißen, die Bewährung ist noch unbewiesen). Davor heißt es in Ihrer Aufgabenbeschreibung bei unterschiedlichen anderen Arbeitgebern immer nur „Planung, Beratung, Gutachten …“, keine Umsatzverantwortung, keine herausgestellte Führung.

Das bedeutet: Noch während Sie auf Ihrem heutigen Stuhl quasi „auf Bewährung“ sitzen (diese Phase dauert in solch einem Job etwa drei bis fünf Jahre), kommt das Schicksal und knallt Ihnen noch etwas obendrauf auf Ihre sprunghaft größer gewordene, noch immer „neue“ Verantwortung.

Sie haben völlig recht, das ist ein Problem! Aber es ist nicht das einer Gehaltsaufstockung – es ist das des Überlebens unter erschwerten Bedingungen, nachdem Sie Ihre Fähigkeit zum Leben unter „leichteren“ Umständen noch gar nicht richtig bewiesen hatten.

Natürlich sollen Sie eines Tages auch „mehr Geld“ bekommen, aber zunächst müssen Sie einmal beweisen, dass Sie der neuen, deutlich größeren Aufgabe gewachsen sind – und dass Sie 45 Leute so steuern, motivieren und „auf Trab“ halten können, dass dabei deutlich mehr Umsatz herauskommt als Ihr Standort kostet (mit Personal- und Raumkosten dieser 45 Mitarbeiter). Wenn das eindrucksvoll gelingt, dann haben Sie Ihre Aufgabe gelöst, sind im Hause ein wichtiger Mann – und haben eine starke Stellung in Gehaltsverhandlungen. Weil Ihre Chefs dann nur eine zentrale Angst haben: Der Bursche könnte kündigen und schon wäre unsere schöne Rendite am Standort in Gefahr.

Wenn Sie jetzt Forderungen stellen, stehen Sie dabei auf schwankendem Drahtseil ohne Netz und verkaufen lediglich das „Prinzip Hoffnung“. Sie sind heute in einer unternehmerisch ausgerichteten Position tätig. Solche Leute werden nicht nur nach der Größe der Verantwortung, sondern vor allem nach der Höhe der Erfolge bewertet und bezahlt. Wenn Sie den neuen, größeren Job auf der Basis Ihrer eigentlich noch unzureichenden Erfahrung nicht in den Griff bekommen, werden Sie gefeuert. Ob mit höherem Gehalt oder ohne, ist dann ziemlich gleichgültig.

 

Also zur Frage 1: Warten Sie erst einmal ab, was für einen Vertrag man Ihnen anbietet – und unterschreiben Sie den. Vielleicht belässt man es auch beim alten. Wenn Sie dann so etwa nach einem Jahr die neue Position fest im Griff haben, dort Erfolge vorweisen können und sich der wohlwollenden Beurteilung durch Ihre Chefs sicher sein dürfen, dann ist es Zeit für ein Gehaltsgespräch und Raum für Ihre Bitte um Anpassung der Bezüge.

Ihre große Chance besteht darin, dass Ihnen ein Job in den Schoß gefallen ist, in dem Sie morgen und übermorgen – auch – viel Geld verdienen können. Bei adäquatem Risiko.

 

Zu 2: Ihr Studium ist vor mehr als zehn Jahren (sehr erfolgreich) abgeschlossen worden. In der üblichen Art und Weise hatten Sie danach erst einfachere, dann immer anspruchsvollere Aufgaben. Irgendwann in dieser Phase hätten Sie sich so einrichten können, dass Sie Zeit gehabt hätten für aufwendige Weiterbildungsmaßnahmen.

Natürlich könnten Sie in der neuen Funktion das Wissen in BWL und Personalwesen gut gebrauchen – aber ich fürchte, jetzt ist ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt für solche „Nebenaktivitäten“. Wenn jemand so plötzlich eine so große neue Aufgabe mit fast fünfzig zu führenden Mitarbeitern und mit dementsprechender Umsatzverantwortung(!) übernimmt, dann heißt das erst einmal: Einsatz, Engagement, Überstunden ohne Ende – bis man so langsam die Dinge in den Griff bekommt. In dieser so ca. ein Jahr dauernden Phase haben Sie keine Zeit und keine Energie für Studienlektionen, Hausaufgaben und Klausuren. Ich gehe so weit, dass ich – etwas provokant – formulieren würde: Hätten Sie dafür Zeit, machten Sie Ihren Job nicht richtig.

Ich weiß nicht, ob ich mich damit so recht beliebt bei Ihnen mache: Sie wollten vor allem mehr Geld und dachten, Zeit für Nebenbeschäftigungen zu haben – und ich sage: „Geld vielleicht, aber erst später“ und „Arbeit ohne Ende“. Nun, so ist das Leben.

Kurzantwort:

1. Insbesondere bei Führungskräften wird mit dem Gehalt vorrangig gezeigte Leistung abgegolten, weniger der Umfang der übertragenen Aufgabe ohne Rücksicht auf den Erfolg bei deren Lösung.

2. Der beste Zeitpunkt für Gehaltsforderungen ist dann, wenn man so tolle Leistungen(!) zeigt, dass der Arbeitgeber Angst hat, man könnte gehen.

Frage-Nr.: 2375
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 50
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-12-11

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