Heiko Mell

Bewertung meines Lebenslaufs

Teil 1:
Wenn Sie sich meinen bisherigen Werdegang ansehen, werden Sie feststellen, dass ich eigentlich alles diametral anders gemacht habe, als Sie es stets empfehlen: Ich habe nach dem Abitur zunächst eine gewerbliche Lehre gemacht, habe dann, weil ich daneben arbeiten musste und auch wollte, zu lange studiert sowie anschließend parallel zu meiner Industriekarriere extern promoviert – das Ganze mit Noten im 2-er und 3-er Bereich. Es war eine echte „Ochsentour“, die ich aber nicht missen möchte und zu der mich Ihre Meinung interessieren würde, was z. B. meinen Arbeitsmarktwert betrifft.
In Erwartung Irrer Antwort …

Teil 2:
Meine Dissertation war ein 100 %iges „Privatvergnügen“ und hatte lediglich inhaltlichen Bezug zu meinem Tätigkeitsbereich. Mittelbar mit der Promotion in Zusammenhang stehend, bin ich vor Kurzem eine Führungsebene aufgestiegen. Ich überlege aber trotzdem, ob ich mit diesem Abschluss nicht doch langsam einmal wechseln müsste. Ich habe zwar verschiedene Positionen innegehabt, bin aber seit zehn Jahren in einem Konzern an einem Standort. Ist es nicht sogar zwingend erforderlich, meinen zwar stabilen Job gegen eine neue Herausforderung zu tauschen, um der akademischen Zusatzqualifikation Rechnung zu tragen?

Antwort:

Teil 1:

Ihre „Irre“ Antwort, die Sie da am Schluss von mir erwarten, amüsiert mich ungemein. Wäre ich Freud, würde ich Ihnen glatt etwas unterstellen. Bin ich aber nicht.

Aber ich finde auch so meine Ansatzpunkte:

Es liegt ein Lebenslauf bei. Lesen Sie einmal aufmerksam Ihre abgedruckte Einsendung: Sie sprechen viel und lange über Abitur, Ausbildung und Studium mit gewerblicher Nebentätigkeit sowie die nebenberufliche Promotion. Inzwischen sind Sie ein Mittvierziger mit so etwa zehn Jahren „richtiger“ Berufspraxis nach Studienende. Dieser Praxis gebührt in einer heutigen Gesamtbewertung ein „Wert“ von etwa 100 fiktiven Punkten, der ganze alte Ausbildungskram ist unter diesen Aspekten vielleicht noch etwa 30 Punkte wert. „Wes des Herz voll ist, des geht der Mund über“ (Matth. 12, 34), wussten schon die Altvorderen.

Und Ihnen bedeutet diese entsetzlich lange Ausbildungsgeschichte immer noch erkennbar mehr als die Berufsausübung, darf man daraus schließen. Sie haben für alles einen Sonderweg gewählt, der vor allem länger war, deutlich länger als der von mir empfohlene Standardweg. Kurz aber ist im eigenen Interesse anzustreben. Auch später will man ja Mitarbeiter haben, die eine gestellte Aufgabe eher schneller denn langsamer als der Durchschnitt lösen.

Sie hatten erst eine Lehre, dann die Bundeswehr, dann 10 Jahre (= 20 Semester) Uni-Studium, an dessen Ende waren Sie 34 Jahre alt, 27 Jahre sind anzustreben, eher weniger in der Zukunft. Sie haben während des Studiums gearbeitet („weil ich auch arbeiten wollte“), aber es fehlen Ihnen nun sieben praktische Jahre, die aus Karrieregesichtspunkten anders besser angelegt gewesen wären (dann hätten Sie bei gleichem Lebensalter siebzehn Berufsjahre – verbunden mit all den davon abhängenden Chancen).

Und Ihre Frage geht in Richtung Arbeitsmarktwert. Klare Aussage dazu: Der wäre höher bei klassischem Lebenslauf – aber zehn Jahre Praxis sind ja auch schon was, und ich habe selbst gesagt, die Ausbildung sei bei Ihnen nur noch 30 Punkte von etwa 130 Gesamtpunkten „wert“. Bei der Gelegenheit: Berufsbegleitend zu promovieren ist nicht ganz einfach, aber Ihre acht Jahre dafür sind wieder einmal ziemlich lang.

Zum Kern mit den 100 Punkten: Fachlich findet sich ein durchgängiges Element Ihrer verschiedenen Tätigkeiten (bei einem Arbeitgeber), ergänzt durch benachbarte Funktionen, aber immer wieder kehrt Ihr Weg zum Kern zurück. Das ist ein brauchbarer, gut verkaufbarer roter Faden. Früh finden sich Führungsfunktionen, auch in Ihrer vorletzten Funktion heißt es wieder „Leiter der …“ und klingt nach Abteilungsleiter innerhalb eines größeren Bereichs.

Seit sehr (uneingeschränkt viel zu) kurzer Zeit gibt es eine neue Position in einem völlig anderen Konzernbereich. Der Titel, den Sie jetzt führen, klingt schon toll, der rote Faden ist weiter vorhanden (was das im Detail ist, versteht – wie so oft – außerhalb des Konzerns kein Mensch, es muss also bei Bewerbungen erläutert werden).Gesamtbewertung: Für die Ausbildung brauchen Sie länger als andere. Intelligenz ist vorhanden, siehe auch die Promotion. Dennoch erreichen Sie trotz des enormen Aufwands keine Spitzenresultate in diesem Bereich. Ursache dürfte die fehlende kompromisslose Ausrichtung aller Ihrer Kräfte auf jeweils ein Etappenziel sein. Das wirft auch für die Zukunft Fragen auf. Der anschließende berufliche Werdegang ist grundsätzlich erfolgreich, aber von enormer Hektik geprägt. Die „Verweildauer“ in Ihren Positionen im Hause beträgt am Anfang noch Jahre, nimmt dabei aber laufend ab, in den letzten drei Positionen beträgt sie nur noch Monate (falls Sie jetzt wechselten).

In der allerneuesten Position, klingt alles irgendwie gut und positiv – aber aus den bisherigen Monaten müssten erst Jahre werden. Heute würde ein Wechsel „aus dem Chaos heraus“ erfolgen. Da wegen Ihrer „unkonventionellen“ Ausbildung ein „Anfangsverdacht“ gegen Sie bestehen könnte, sollten Sie aus dem heutigen Job dieser Konzerntochter erst einmal etwas machen. Das wäre frühestens in drei Jahren der Fall.

 

Anmerkung: Dass Sie Ihren speziellen Weg nicht missen möchten – beweist gar nichts. Sie können nichts dafür – aber ich weiß etwas, das Ihre Aussage dazu entsprechend entwertet. Basis dafür sind meine etwa zwanzigtausend persönlich geführten Vorstellungs- und Karriereberatungsgespräche. Dabei waren Menschen mit konventionellen Lebensläufen ebenso wie mit exotischen. Und alle sagen ausnahmslos(!), sie möchten ihren speziellen Weg nicht missen. Der Mensch biegt sich halt seine Philosophie so zurecht, dass er möglichst selten sagen muss: „Dies war falsch, dort habe ich mich geirrt.“

Teil 2:

Nein, absolut nicht. Erst promovieren Sie acht Jahre lang „aus Spaß an der Freud“ – dann werden Sie danach auch tatsächlich noch befördert (mittelbar darauf zurückgehend) und nun kommen Sie und meinen, man müsse Ihrer neuen akademischen Zusatzqualifikation durch einen noch besseren Job Rechnung tragen. Das ist eine Überbewertung des Doktor-Grades in diesem Fall.

Als Jungingenieur mit direkt angehängter Promotion zeigt man, dass man besonders qualifiziert und – vielleicht – ehrgeizig und in einem Fachthema tief verwurzelt ist. Außerdem formen die üblichen fünf Jahre am Institut die Persönlichkeit. Das alles honoriert der Arbeitgeber, indem er den promovierten Berufseinsteiger etwas „höher“ einstuft als den ohne Doktor-Grad. Aber Sie haben Ihre Promotion erst nach vielen, vielen Praxisjahren abgeschlossen. Da konnten Sie schon vorher alles zeigen, was in Ihnen steckt. Der „Dr.-Ing.“ eröffnet dem Mittvierziger keine neue Dimension mehr. Börsianer würden sagen, die zusätzliche Promotion ist in Ihre bisherige Karriere bereits „eingepreist“ – man kannte Sie ja, Ihre zusätzliche Doktorwürde eröffnet in Ihrer Beurteilung keine neue Dimension. Wie sagten Sie so richtig: „Privatvergnügen“. Also kein Grund zum Wechsel – und siehe auch zu 1.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2362
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-10-23

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