Heiko Mell

2 x abgelehnt und dennoch Freunde

(Jubiläumseinsendung): Eine kuriose Geschichte aus meinen nun fast zehn Jahren beim heutigen Konzern. Sie beleuchtet etwas das heutige System in der Praxis.

Die Führungskraft X aus einer Nachbarabteilung hatte mir zwei Mal eine Stelle angeboten, zwei Mal hatte ich sein Angebot ausgeschlagen. Bei der letzten Umstrukturierung wurde er mein Chef. Ich kann es selbst kaum glauben, aber er sagte mir, dass er sich freue, mich beim dritten Anlauf endlich bekommen zu haben – und unser Verhältnis ist ungetrübt.

Antwort:

Wie auch ich hier schon geschrieben habe, ist es äußerst problematisch, konkrete Angebote von Chefs abzulehnen. Oft muss man danach die Karriere in diesem Haus als beendet ansehen. Begründung: Chefs sind sehr oft empfindlich wie Mimosen und ertragen Zurückweisungen nicht gut.

In Ihrem Fall jedoch lagen die Dinge anders: Die das Angebot unterbreitende Führungskraft war damals gar nicht Ihr Chef. Als „Fremder“ darf er sich weder wundern, noch beleidigt sein, wenn Sie seine Offerte ablehnen und lieber bei Ihrem bisherigen Chef bleiben. Daher ist seine Freude, Sie dann endlich doch noch bekommen zu haben, absolut glaubhaft und nachvollziehbar.

Meine Regel hingegen betrifft das recht komplizierte Verhältnis zwischen Chef und dem ihm unterstellten Mitarbeiter. Wenn dieser Chef eine Ausarbeitung bis morgen Abend haben will oder Ihnen „vorschlägt“, doch diesen oder jenen Job zu übernehmen, erwartet er schlicht, das Sie tun, was er gern hätte. Eine Ablehnung seiner „Bitte“ oder „Empfehlung“ ist mindestens eine Enttäuschung. Und die Grundregel lautet:

Jede Art von Missachtung (auch eingebildete) empfindet ein Chef als Hochverrat.Und weil wir damit die Vorstellung der Jubiläums-Einsendungen abschließen, hier noch ein passende Geschichte von mir, natürlich eine selbst erlebte:

Ein deutscher Maschinenbaukonzern in der Blüte seiner Jahre. Der Leiter des Bereichs X ist in Ungnade gefallen: Auflösungsvertrag, Freistellung usw. Abteilungsleiter A von X wird „sofort“ zum Vorstandsvorsitzer (der Bereich gehört zu dessen Ressort) bestellt. Bangen Herzens, aber tapferen Schrittes marschiert er los. Und kommt leichenblass und völlig am Boden zerstört zurück. Mühsam ziehen ihm die Kollegen und Mitarbeiter Informationen aus der Nase: „Ich bin befördert worden und soll Leiter von X in unserem Tochterwerk (ca. 6.000 Mitarbeiter) in einem anderen Bundesland werden.“

Und genau da will er unter keinen Umständen hin. Geprägt von der Region, aus der er kommt, in der er wohnt und deren Dialekt er unüberhörbar spricht, ist der Gedanke an die ungeliebte andere Stadt schier unerträglich. Aber wie lehnt man die in eine Weisung verpackte Beförderung des höchsten Bosses ab („Sie übernehmen ab … die Funktion des … in … Herzlichen Glückwunsch.“ Händeschütteln, Abgang)? Es gibt keinen Ausweg, so oder so ist er „tot“.

Zur gleichen Zeit hat der Vorstandsvorsitzer ein Problem. Er hat im Laufe des kurzen Kontakts mit Abteilungsleiter A Zweifel bekommen, die er inzwischen bestätigt fand: Den Mann hatte er gar nicht gemeint. Er hatte die Namen verwechselt und den falschen Abteilungsleiter rufen lassen. Anfangs war er unsicher, wollte sich dann aber keine Blöße geben und zog seine Show durch.

Jetzt aber weiß er: Das war der völlig falsche Mann. Aber wie kommt er davon wieder runter? Der Kerl da unten (Vorstandsvorsitzer in Verwaltungshochhäusern sitzen immer oben, über den anderen) trinkt vielleicht schon Sekt wegen der Beförderung!

In seiner Not ruft er den Betriebsratsvorsitzenden an, der ja auch sein stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender ist: „So und so verhält es sich, helfen Sie mir, Sie kennen doch hier alles und jeden.“ Der Angesprochene akzeptiert. Und redet erst einmal mit Abteilungsleiter A: Er hätte gehört usw., und wie sich A denn fühle. Das öffnet Schleusen, A vertraut sich ihm an. Der BR-Vorsitzende wiegt sein graues Haupt, verspricht, sich einzusetzen und verbreitet Optimismus. Tatsächlich „gelingt“ es ihm, den Vorstandsvorsitzenden zum „Einlenken“ zu bewegen. A darf bleiben, wo er ist. Nun wird Abteilungsleiter B befördert. Er nimmt an, überzeugt im neuen Job und begründet eine Karriere, die ihn eines Tages bis in den Vorstand eines anderen Konzerns führen wird. Es ist ein großes Spiel, wie ich seit Jahren sage, nehmen Sie es nicht zu ernst.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2341
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 32
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-08-05

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