Heiko Mell

Einstieg in die Führung

Was ändert sich, wenn man erstmals Personalverantwortung bekommt? Seit einem Jahr habe ich mein eigenes Team und festgestellt, dass sich mehr ändert als das veränderte Verhältnis zu ehemaligen Kollegen.

Zwei weitere Aspekte kommen noch hinzu:
1. Man kann seinen Bereich und sein Team nach seinen Vorstellungen formen.
2. Man muss sich selbst, sein Team, und seinen Bereich weiterentwickeln und dabei Vorreiter und Zugpferd sein.

Antwort:

Dem Kenner fällt etwas auf in dem, was Sie schreiben und wie Sie es ausdrücken. Ich komme gleich darauf zurück.

Aber zunächst zum Grundsätzlichen: Was macht den Leiter einer Einheit aus, wie wird er definiert, woran muss er sich orientieren? Es kann ja nicht schaden, sich den Kerngedanken der Führung vor Augen zu halten:

Der Arbeitgeber gibt Geld aus für diverse Mitarbeiter, von deren Arbeit er sich einen positiven, die Kosten übersteigenden Effekt verspricht. Diese Mitarbeiter gehören zu den Ressourcen, über die er verfügt, sie sind ein Teil des „Vermögens“ der Firma. Eine Gruppe oder Abteilung davon vertraut er einer Führungskraft an. Diese hat für diesen Teil des Firmenvermögens die Verantwortung – dem Chef gegenüber, der den Arbeitgeber repräsentiert. Bei der Gelegenheit: Leute mit „Vermögen“ können ziemlich pingelig sein, was dessen angemessene Verwaltung durch fremde Personen angeht. Eine solche „fremde“ Person sind Sie.

Ihr Arbeitgeber bezahlt Sie, er überträgt Ihnen – in Grenzen – die angemessene Verwaltung eines Teils seines investierten Kapitals (Budget-Rahmen), ihm gegenüber müssen Sie sich verantworten, von Ihnen erwartet er, dass dieser Teil seiner Ressourcen sinnvoll und erfolgreich eingesetzt wird. Mit der erstmaligen Übertragung von Führungsverantwortung gewährt Ihnen der Arbeitgeber einen Vertrauensvorschuss, den Sie durch erwartungsgemäße Leistungen zurückzahlen müssen.

Warum ich das so breit auswalze? Weil es auf Nr. 1 der Prioritätenliste eines frischgebackenen „Leiters“ gehört – bei Ihnen davon aber keine Rede ist. Sie sprechen nur aus der Sicht nach „unten“ – von ehemaligen Kollegen, denen Sie jetzt vorgesetzt sind, von der Befriedigung, im Zuständigkeitsbereich gestaltend und formend tätig werden zu können und von der eigenen Entwicklung.

Alles, was Sie sagen, ist richtig – aber die Sicht nach oben fehlt – dabei gehört die an die 1. Stelle. Sie wurden „von oben“ ernannt, dort fällt auch die Entscheidung, ob Sie Leiter bleiben oder sogar aufsteigen. Denn es gilt natürlich auch hier:Ein guter (Team-/Abteilungs-)Leiter ist nicht etwa jemand, der seine Mitarbeiter so oder so behandelt oder motiviert oder weiterentwickelt oder der deren Sympathien erringt, sondern ein guter Leiter ist jemand, den sein Vorgesetzter dafür hält.

Ein Sachbearbeiter, z. B. einer in der Konstruktion, arbeitet täglich mit seinem CAD-Programm. Das muss er beherrschen, der optimale Einsatz dieses Programms entscheidet wesentlich über die Frage, ob er ein guter Konstrukteur ist. Niemals jedoch sprechen Konstrukteure in dieser Rubrik über ihre CAD-Programme. Ebenso nie Fertigungsplaner darüber, ob und wie (oder warum nicht) es ihnen gelungen ist, problemlos Fertigungsverfahren für bestimmte Teile von Diesel-Einspritzpumpen zu entwickeln oder große Teile der Produktion generell zu optimieren. Das ist ihr Tagesgeschäft, das läuft in dieser Rubrik so nebenher.Ganz genau so behandeln gestandene, erfahrene Manager, die ganze Bereiche, Werke oder Firmen leiten, ihre Führungsaufgabe. Sie reden nie über Details in der Sicht „nach unten“: Für den erfahrenen Werkleiter sind seine 300 zu führenden Mitarbeiter ebenso Details des Tagesgeschäfts wie für den Konstrukteur sein CAD-System.

Nur der frischernannte Führungseinsteiger läuft Gefahr, sich nun nur noch nach „unten“ hin zu orientieren – und dabei die Ausrichtung nach oben hin zu vergessen.

Also könnte, so paradox das klingt, die erste Regel für Betroffene lauten:Der Einstieg in Führungsaufgaben ist eine gewaltige Veränderung – etwa so wie der Umstieg von einem manuellen Arbeitsverfahren auf ein hochkomplexes IT-System. Wichtig ist: Sie müssen wie bisher erreichen, dass Ihr Vorgesetzter mit Ihnen zufrieden ist.

Daraus abgeleitet sei auf einen häufigen Führungs-Anfängerfehler hingewiesen: Sie sind weiterhin gehalten, Ihren Chef glücklich zu machen, weil Sie einen Teil „seiner“ Ressourcen verwalten – es war nie die Rede davon, dass Sie etwa diese Ressourcen erfreuen sollten. Konkret: Versuchen Sie nie, bei den zu führenden Mitarbeitern beliebt zu sein oder gar von ihnen geliebt zu werden. Führung ist zwar extrem komplex, für Höchstleistungen darin braucht man dann als „Profi“ auch das Vertrauen „seiner Leute“, aber am Anfang reicht sachlich-korrektes Miteinander. Tun Sie, was Sie bei Abwägung aller Aspekte für richtig halten, rechnen Sie mit eigenen Fehlern und seien Sie kritikbereit und lernfähig – aber denken Sie nicht ständig daran, was die Mitarbeiter jetzt hiervon und davon halten und was sie vermutlich hinter Ihrem Rücken über Sie sagen.

Das Verhältnis zu ehemaligen Kollegen, die Sie jetzt führen müssen, kann ein Problem sein, lässt sich aber mit den genannten Grundregeln im Regelfall in den Griff bekommen.

Und dann können Sie sich ein Grundprinzip zunutze machen: Die Mitarbeiter wollen generell geführt werden, suchen nach Vorgaben und Anleitung – und sind es bisher gewohnt gewesen, geführt zu werden. Für sie ist ein „Leiter“ über ihnen eine grundsätzlich vertraute Erscheinung. Hinzu kommt, dass man erst jemand zum „Führer“ macht, wenn er mehrere Jahre als Geführter tätig war. Er hat gesehen, wie seine Chefs das gehandhabt haben – und kann sich an Vorbildern orientieren.

Völlig richtig liegen Sie mit Ihren zwei weiteren Aspekten. Wer ein wenig anspruchsvoll ist, will etwas gestalten, bewegen, will etwas vorzeigen, das er geformt hat. Dafür eignet sich die Leitung einer Einheit besonders gut.

Und: Führen formt die eigene Persönlichkeit. Man wird anders gefordert als der reine Sachbearbeiter. Wenn man die „Grundausbildung“ (die „Pflicht“) erfolgreich überstanden hat und nun versucht, auch hier wieder Spitzenleistungen zu erbringen, dann ist man in der „Kür“ und dann macht die Geschichte viel Spaß und führt zu Erfolgserlebnissen – Rückschläge immer inbegriffen. Aber: Führen Sie einmal eine neue Software ein, die funktioniert auch nicht beim ersten Versuch, zumindest nicht perfekt.

Kurzantwort:

1. Führungsaufgaben sind die anspruchsvollsten Bereiche betrieblicher Tätigkeit – sie werden auch am besten bezahlt.

2. Gerade wer erstmals führt, muss sich auch weiterhin primär nach „oben“, nicht jedoch vorrangig an der Meinung der unterstellten Mitarbeiter ausrichten. Denn es gilt auch hier: Eine gute Führungskraft ist jene, die der Vorgesetzte dafür hält.

Frage-Nr.: 2324
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-06-17

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