Heiko Mell

Degradiert

Ich bin 50 Jahre alt und Abteilungsleiter in einem mittelständischen Maschinenbauunternehmen.Nach einer Umstrukturierung habe ich keine direkten Führungsaufgaben mehr wahrzunehmen. Mein neues Tätigkeitsfeld besteht in Sonderaufgaben, welche die Geschäftsführung mir direkt erteilt.

Unser Personalleiter hat mich nun darauf angesprochen, dass wegen des Wegfalls der Personalverantwortung die seit mehr als zehn Jahren bestehende Einstufung als AT-ler (Mitarbeiter im außer-, sprich übertariflichen Angestelltenverhältnis) nicht weiter aufrecht erhalten werden kann. Ich soll daher einen Tarif-Arbeitsvertrag erhalten. Der finanzielle Unterschied würde durch eine besondere Leistungszulage ausgeglichen, so dass ich monetär nicht schlechter gestellt sein würde.

Mit welchen Nachteilen hätte ich zu rechnen, wenn ich dieses Angebot akzeptiere? Welche Chancen bestehen, Einspruch gegen diesen Vorschlag einzulegen?

Antwort:

Sie haben ein eher unwichtiges kleineres Problem, von dem Sie sprechen, und mehrere größere Probleme, von denen bisher keine Rede war. Ich liste einfach einmal auf, was mir einfällt:

1. Der Verlust der Führung wiegt generell sehr schwer. Das betrifft Ihre eigenen Gefühle, Ihr Image im Unternehmen und – ggf. von existenzieller Bedeutung – Ihren Marktwert auf dem Arbeitsmarkt. Ihre gesamte Umwelt sieht das so. Ihre Geschäftsführung weiß das auch – und hat mit Sicherheit auch damit gerechnet, dass Sie die Firma verlassen würden.

 

2. Es bleibt stets der – unbeweisbare – Verdacht, man hätte Ihnen die Führung auch wegen fehlender Leitungsqualifikation weggenommen und organisatorische Gründe nur vorgeschoben. Als Erfahrungswert gilt: Wenn der Mittelstand umstrukturiert und einem hervorragenden Abteilungsleiter mit Top-Qualifikation und Super-Ansehen eigentlich die Führung wegnehmen müsste – dann findet er einen anderen Weg. Irgendeinen. Findet (sucht) er nicht, gilt der Verlust dieses Mannes als hinnehmbar.

 

3. Der Standard-Abteilungsleiter ließe sich das Wegnehmen der Führung nicht gefallen, suchte sich einen neuen Job draußen – und wenn der notfalls schlechter (und schlechter bezahlt) wäre als der alte. Aber „das“ ließe er nicht mit sich machen. Wie man intern die Degradierung einstuft, erkennen Sie ja am „Angebot“ des Personalleiters. Das alles ist mit 50 nicht einfach, geht aber – wenn man gut ist – durchaus. Umzug in Deutschland inbegriffen.

 

4. Ihr größtes Problem: Ihre ganze zukünftige Beschäftigung dort steht auf tönernen Füßen!“Sonderaufgaben der Geschäftsführung“, fallweise erteilt – das riecht doch nach Entlassung in ein bis zwei Jahren. Oder glauben Sie etwa, Ihren Chefs fallen siebzehn lange Jahre (bis 67) abendfüllende Sonderaufgaben für Sie ein? Dagegen sind Ihre Bezahlungsprobleme Erdnüsse, wie unsere amerikanischen Freunde sagen würden.

 

5. In den Augen der Geschäftsführung sind Sie Abteilungsleiter gewesen! Man sieht Sie nun als normalen Tarifangestellten, der früher einmal Abteilungsleiter war. Innerhalb des Unternehmens besteht die Gefahr, zur tragischen Figur zu werden. Und: Niemand, weder in- noch extern, will in zwei bis drei Jahren (falls Sie wechseln müssten) einen Sachbearbeiter, der klaglos so tief gefallen war. Dann nimmt man lieber einen Bewerber, der mit dem neuen Job irgendwie aufsteigt. Ex-Abteilungsleitern fehlt es auch, so ein Vorurteil, an Respekt vor vorgesetzten Abteilungsleitern.

 

6. Sie sitzen auf einer tickenden Zeitbombe: Höchstbezahlter Sachbearbeiter für Sonderaufgaben im höheren Alter. Das Angebot hat vor allem das Ziel, den neuen Zustand endgültig zu fixieren: kein Abteilungsleiter mehr, keine Rückkehr zum alten Status, spätere Freisetzung aus betrieblichen Gründen programmiert. Selbst wenn Ihr GF guten Willens wäre – wie denkt und handelt eines Tages wohl sein Nachfolger? Ablehnen können Sie das Angebot auf Dauer nicht, ohne Schaden zu nehmen. Übrigens: In den weitaus meisten Unternehmen ist der AT-Status keineswegs an Mitarbeiterführung gebunden. Bei Ihnen soll offensichtlich die „Neupositionierung“ endgültig unumkehrbar festgeklopft werden.

 

7. Welche Nachteile Sie finanziell hätten, ist völlig uninteressant. Wenn der Dachstuhl brennt, fragt man auch nicht, ob die Feuerwehr wohl den Rasen zertrampeln wird.

 

8. Ich sehe drei grundsätzliche Möglichkeiten für Sie, die Reihenfolge ist Rangfolge:

a) Sie suchen sich extern (bundesweit!) eine neue Führungsposition. Es gibt durchaus Chancen für Bewerber Ihrer Altersgruppe.

b) Sie suchen, vorzugsweise im Wohnumfeld, extern nach einer nicht-führenden Position auf Ihrem Fachgebiet, aber unbedingt im Linienbereich (keine Sonderaufgaben, kein Einzelprojekt). Diese Suche ist schwieriger. Aber Sie hätten die Chance, sich dort ein neues Image aufzubauen.

c) Sie bleiben, nehmen den Vorschlag an – kämpfen aber unter allen Umständen um eine Aufgabe, in der nicht jetzt schon absehbar ist, dass Sie demnächst überflüssig werden. Und wenn Sie sich einem ehemaligen Abteilungsleiter-Kollegen unterstellen lassen.

Kurzantwort:

Nimmt man einer Führungskraft die Mitarbeiter weg, geht sie besser. Alles andere wird leicht zum „Tod auf Raten“.

Frage-Nr.: 2287
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 5
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2009-01-28

Top Stellenangebote

Panasonic Industrial Devices Europe GmbH-Firmenlogo
Panasonic Industrial Devices Europe GmbH Functional Safety Engineer (m/w/d) mit Fokus Software im Embedded-System Lüneburg,Hannover,Hamburg
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH-Firmenlogo
Deutsche Post DHL Corporate Real Estate Management GmbH Architekt / Bauingenieur (m/w/d) Hochbau Bonn
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baukonstruktion Oldenburg
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Medizintechnik und Regulatory Affairs Wilhelmshaven
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth-Firmenlogo
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth Professur W2 (m/w/d) für das Gebiet Baubetrieb Oldenburg
Hochschule Aalen-Firmenlogo
Hochschule Aalen Stiftungsprofessur der Carl-Zeiss-Stiftung (W3) Digitale Methoden in der Produktion Aalen
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Konstruktion und Bauteilfestigkeit Saarbrücken
htw saar-Firmenlogo
htw saar W2-Professur für Bio- und Umweltverfahrenstechnik Saarbrücken
Hochschule Offenburg-Firmenlogo
Hochschule Offenburg Professur (W3) für Medizintechnik Offenburg
Technische Universität Kaiserslautern-Firmenlogo
Technische Universität Kaiserslautern W3-Professur für "Elektromobilität" (m/w/d) Kaiserslautern
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.