Heiko Mell

Wunder Punkt im Lebenslauf

Ich hatte meine Berufslaufbahn im Konzern begonnen und mir dort über mehrere Stufen hinweg eine Gruppenleiterposition in der Konstruktion mit zuletzt 25 Mitarbeitern erarbeitet. Nachdem sich die wirtschaftliche Situation des Unternehmens stark verschlechtert hatte und auch Gehaltseinbußen angekündigt wurden, habe ich den Konzern nach fünfzehn Jahren verlassen und als Konstruktionsleiter zu einem mittelständischen Unternehmen gewechselt. Dort blieb ich vier Jahre.

Seit einem Jahr bin ich nun Bereichsleiter (Umsatz im einstelligen Millionenbereich) einer dritten, sehr kleinen Firma. Die Position macht mir sehr viel Spaß, meine Verantwortung ist sehr umfassend und reicht vom Vertrieb bis zur Auftragsabwicklung einschließlich Einkauf.

Jetzt habe ich ein Angebot einer konzerngebundenen (vierten) Firma erhalten, eine interessante größere Aufgabe (mit mehreren hundert Mio. Umsatzverantwortung) in der Ebene unterhalb der Geschäftsführung zu übernehmen. Das Gehalt steigt um 20 %, das Auto wird größer. Ich sehe mich der Position gewachsen.

Wie wäre dann der wunde Punkt im Lebenslauf zu sehen (nur ein Jahr beim letzten Unternehmen), wenn die neue Aufgabe im Verhältnis so deutlich größer ist? Ich bin im Alter von Mitte 40.

Antwort:

Vieles bei Ihnen hat sich derartig „typisch“ entwickelt, dass ich Sie gerne als Lehrbeispiel missbrauche:

– Bis heute gilt bei Ihnen: Die einzelnen Arbeitgeber wurden immer kleiner, die Positionen anlässlich dieser Wechsel waren demgegenüber immer höher in der Hierarchie angesiedelt. Das ist ein Standard-Karriereverlauf: Gruppenleiter im Konzern, Konstruktionsleiter im Mittelstand, Bereichsleiter im Kleinbetrieb.

– Die Betriebszugehörigkeiten werden mit zunehmendem Alter immer kürzer, 15 Jahre, 4 Jahre, 1 Jahr. Auch das ist fast schon – gefährlicher(!) – Standard.

– Mit dem jetzt erreichten Alter von Mitte 40 hängt zusammen: In jungen Jahren ist der Ehrgeiz oft eher mäßig und eher auf fachliche Zuständigkeiten konzentriert – bis zum Alter ist ja noch „lang hin“. Dann aber läuft Ihnen die Zeit davon – auch weil Sie inzwischen wissen, dass man bis 45, vielleicht bis 48, seine Karriere unter Dach und Fach gebracht haben sollte. Sagen wir es so: Der Mann um 45 ist in einem gefährlichen Alter. Er droht aus beginnender Torschlusspanik heraus eine Menge Unsinn anzustellen, was die Karriere angeht.

 

Eine Detailanalyse zeigt noch etwas (Lebenslauf liegt bei): Ihre Karriere beim ersten Arbeitgeber (Konzern) hat sich sehr zögernd entwickelt. Ihr großer Führungsumfang dort galt nur während der letzten zwei von fünfzehn Jahren. Und elf Jahre lang waren Sie in der hierarchischen Stufe gar nicht gestiegen. Ihre Begründung zum Weggang dort zeigt: Wären nicht Wolken am Horizont aufgetaucht, wären Sie geblieben. Als Gruppenleiter. Zuletzt waren Sie etwa 40.

Bitte verstehen Sie mich richtig: Das alles ist ja überhaupt nicht schlecht. Es zeigt nur: Ihr Karrierepotenzial ist begrenzt. Keinesfalls deckt es einen Sprung, wie er bei Annahme des Angebots jetzt anstünde, um das Hundertfache in der Umsatzverantwortung! Das gilt auch dann, wenn sich dabei Ihre heutige Vielseitigkeit reduziert.

Hätten Sie geschrieben, Sie seien heute todunglücklich mit dem bisschen Umsatz, wollten dort unbedingt weg und hätten sich jetzt aus eigener Kraft ein solches Angebot erarbeitet, könnte man das anders sehen. So bleibt mir nur die Warnung vor einem Schritt, der ins Unglück führen könnte. Es ist ja möglich, dass das Potenzial, eine Umsatzverantwortung von mehreren hundert Millionen zu schultern, in Ihnen steckt. Aber ein solcher Mann hätte jetzt keinen Werdegang, der ihn in eine Verantwortung für nur ein paar „Milliönchen“ geführt hat.

Und: Dass ein entsprechendes „Angebot“ an Sie herangetragen wurde, beweist gar nichts. Außer dass da auf Unternehmensseite ein personelles Loch existiert, das dringend gestopft werden muss.

Ich halte also das eine Jahr Beschäftigungszeit beim derzeitigen Arbeitgeber für das kleinste Ihrer Probleme. Vor allem gilt dazu: Wenn es in der neuen (angebotenen) Stelle klappt, bleiben Sie da – und niemand diskutiert mit Ihnen mehr über Dienstjahre. Aber Ihre Frage und meine Bedenken basieren beide auf dem Zweifel an dem guten Ausgang des Experiments.

Sollten Sie dort scheitern, schütteln künftige Bewerbungsleser den Kopf: 48 Jahre, seit zwei oder drei Jahren in der großen Verantwortung, jetzt dort gescheitert (das denkt man immer zuerst) – und davor in einer Mini-Verantwortung, die 1 Prozent(!) der letzten betrug. Das konnte ja nicht gut gehen!

Kurzantwort:

Ein Standard-Karriereweg lautet: Beim Wechsel in der Firmengröße runter, dafür in der Hierarchie rauf. Demgegenüber sind Wechsel in eine extrem größere Verantwortung in einem sehr viel größeren Unternehmen äußerst riskant und vom Scheitern bedroht.

Frage-Nr.: 2263
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-10-15

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