Heiko Mell

Nebenbetriebe sind Nebenbetriebe sind …

Vom sogenannten Fach- und Führungskräftemangel kann ich derzeit nicht viel verspüren.

Von meiner Ausbildung her bin ich Dipl.-Ing. für technischen Umweltschutz mit betriebswirtschaftlichem Zusatzstudium. Beschäftigt bin ich bei einem produzierenden mittelständischen Unternehmen mit sehr gutem Ruf in seiner Branche.

Dort bin ich Leiter der Umwelt-Abteilung und der hauseigenen Nebenbetriebe (von der Energiever- bis zur Abfallentsorgung) mit umfassender Personalverantwortung. Ich gehöre zum mittleren Management.

Bisher, so sehe ich es, habe ich engagiert, gut und effektiv meine Arbeit gemacht. Allerdings erkenne ich derzeit einen Trend, der mich ins Abseits befördert. Aus welchem Grund die Unternehmensleitung bzw. mein direkter Chef dies betreibt, habe ich nicht in Erfahrung gebracht. Selbst nach einem Gesprächsversuch kam keine Klarheit; Stichwort Mobbing.

Mir wurde anheim gestellt (durch die Blume gesagt), mich um eine andere Stelle zu bemühen, wenn es mir nicht mehr gefiele. Aus diesem Grund bewerbe ich mich seit einem halben Jahr intensiv.Der Wechsel soll es jedoch ermöglichen, den Sprung ins obere Management, z. B. in die Betriebsleitung oder Geschäftsleitung eines mittelständigen Unternehmens zu schaffen.

Mittlerweile hatte ich drei Bewerbungsgespräche, die jeweils auf Platz 3 bzw. 4 endeten (mit der Aussage, dass bei mir fachlich alles o. k. sei, aber ein Bewerber noch mehr Erfahrung hatte). Irgendwie ist es sehr deprimierend, wenn man bei den wenigen Möglichkeiten, die dann aber sehr gut passen würden, kurz vor dem Ziel hinausfliegt. Eventuell liegt es am Status des Quereinsteigers, wobei dies sehr befruchtend und gewinnbringend für die Zielunternehmen wäre.

Ich überlege, ob meine Zielrichtung die richtige ist und ob ich dafür wirklich qualifiziert bin. Manchmal bezweifle ich, dass der Wert meiner Ausbildung und Berufserfahrung richtig bei den Personalern ankommt. Vermutlich falle ich nach dem ersten Blick aus dem Raster. Bei mir treffen jedoch Übersicht und Schlüsselqualifikationen zusammen, durch meine Aufgabe habe ich tiefe Einblicke in jede Abteilung.

Für mich sind die Resultate meiner Bemühungen nicht nachvollziehbar; vielleicht gelingt es Ihnen, ein wenig Ordnung hineinzubringen.

Antwort:

Ich bin da ganz zuversichtlich:

1. Um das leidige Thema ganz schnell abzuhandeln: Auf Seite 1 Ihrer Zuschrift heißt es noch korrekt „mittelständisch“, auf Seite 2 dann aber „mittelständig“. Ich habe wahrscheinlich alles schon versucht, bin aber auf Wunsch weiter kreativ: Mittelständisch wird „ständig falsch“ geschrieben.Mittelständig gibt es nur in der Botanik.

Und was man sich an Eselbrücken noch so ausdenken kann.Die einfachste aller Hilfen: Sie merken sich, dass der Begriff „schwierig“ ist – und schauen jeweils bei Verwendung im Duden nach. Warum soll es Ihnen besser gehen als mir? Keiner dieser Beiträge entsteht, ohne dass ich etwa drei Wörter nachschlage oder intern diskutiere.

 

2. Für Sie im Mittelpunkt aller Fragen sollte stehen: „Was ist bei meinem derzeitigen Arbeitgeber los, womit “verdiene“ ich die Abneigung meiner Vorgesetzten, warum will man mich loswerden?“ Die Hinweise „durch die Blume“ sind schon sehr eindeutig, was das Ziel (Sie loszuwerden) angeht.

Es ist unbedingt Ihr Fehler oder Ihr Versäumnis nicht zu wissen, was man gegen Sie hat (dass es da etwas gibt, ist eindeutig). Und noch etwas: Sie fühlen sich gemobbt. Das ist ein Gefühl für die Schwachen, die Geschlagenen und Getretenen dieser Welt. Sie aber sind ein Manager, der von Geschäftsleitungspositionen träumt. Ein solcher Mann wird nicht gemobbt – er hat höchstens Feinde.

Werfen wir ruhig die zweifelsfreie Abneigung Ihrer Chefs Ihnen gegenüber und Ihr Mobbing-Gefühl in einen Topf. Dann ergibt sich die Frage: Womit lösen Sie die Reaktion der Gegenseite aus? Womit fallen Sie denen über Gebühr auf die Nerven? Denn eine solche Chef-Haltung entwickelt sich praktisch niemals ohne Grund! Noch deutlicher: In den Augen der „Mobber“ haben Sie angefangen – das gilt besonders, wenn ein Manager der Betroffene ist. Als Erklärungsversuch: Sie sind in einem Unternehmen, dessen einziger Zweck es ist, ein Produkt X herzustellen und damit Geld zu verdienen. Damit haben Sie nichts zu tun, dazu leisten Sie keinen primären Beitrag, vergessen Sie das nicht.

Es ist ja nicht so, dass Sie gar nichts tun: Sie räumen den Dreck weg, an und in dem die sonst ersticken würden. Und Sie schaffen heran, was für die Produktion an Hilfsmitteln gebraucht wird. Sie sind der Herr der Nebenbetriebe. Sagen wir es so: Wäre es anders, wären das Hauptbetriebe. „Neben“ heißt „nicht an 1. Stelle stehend“ (aber es heißt natürlich nicht „unwichtig“).

Dann verkörpern Sie noch den Bereich „Umwelt“. Das ist heute durchaus auch wichtig wegen des Images in der (umweltverrückten) deutschen Öffentlichkeit, wegen der überbordenden Gesetze und Vorschriften. Aber nicht primär wichtig im Sinne der Leitung, die X herstellen und Geld verdienen will. Sondern, niemand wird das je zugeben, eher lästig. Und teuer. Sehr lästig und sehr teuer. Und ärgerlich, weil die freie Entfaltung einschränkend. Diesen Aspekt verkörpern Sie, all die Vorschriften und „Beauftragten“ etc.

Jetzt gibt es Umweltschutz-Ingenieure, die wissen und sehen das alles und machen ihren Job. Gesetzestreu zwar, aber so, dass die Unternehmensleitung noch irgendwie damit leben kann. Und es gibt sendungsbewusste Fanatiker, die aus einer Nebenaktivität am liebsten die Kernkompetenz des Hauses machen würden. Und diese Leute, die überhaupt nicht verstehen, wovon ich hier rede, die stets nur die einschlägigen Paragraphen im Munde führen, kommen ihren Vorgesetzten schon einmal so vor als verträten sie mehr die Interessen der Behörden als die des Unternehmens. Und dann sind die Chefs enttäuscht und wütend und wollen den „unbequemen, halsstarrigen und unsensiblen Kerl“ loswerden. Der „angefangen“ hat in ihren Augen, indem er Ärger gemacht hat.

Ich sage nicht, es wäre bei Ihnen so gewesen. Aber so ganz unwahrscheinlich ist das nicht.

 

3. „Bisher, so sehe ich es, habe ich … gut … meine Arbeit gemacht“, sagen Sie. Das lohnt nicht das Papier, auf das Sie es schreiben. Sie sind für die Beurteilung Ihrer Arbeit nicht zuständig, so einfach ist das. Zuständig sind Ihre Vorgesetzten, nur die. Soll er etwas aussagen, müsste der Satz also lauten:“Bisher, so sehen meine Chefs es, habe ich meine Arbeit gut gemacht.“ Und? Sehen sie? Sie sehen es nicht so, denn sie wollen Sie ja loswerden. Also haben Sie(!) massive Fehler gemacht. Eine andere Deutung ist nach den geltenden Regeln nicht möglich.

Dieser Aspekt „nagt“ an Ihrer Qualifikation! Und zwar schon an der zur Erledigung Ihrer heutigen Aufgaben! Also auf der Ebene des mittleren Managements.

 

4. Sie aber haben große Mängel auf der Managementebene 3 bei Firma A – und gehen nun hin und bewerben sich bei B um eine deutlich anspruchsvollere Position der nächsthöheren Ebene 2. Ist es logisch, dass das nicht klappt? Es ist.Sie dürfen nicht etwa Ihre heutigen Vorgesetzten als merkwürdige Individuen sehen, die zufällig da sitzen wo sie sitzen. Sondern Sie müssen diese Leute als typische Vertreter des Systems akzeptieren, die im Namen des Systems urteilen. Und gehen Sie davon aus, dass andere Chef-Typen in anderen Firmen ähnlich denken.

Wenn Ihnen also Ihre heutigen Chefs nicht einmal Ihren heutigen Job zutrauen und lassen, dann geben Ihnen andere Chefs, die ebenso denken, natürlich keinen besseren. Dabei brauchen die potenziellen neuen Chefs noch nicht einmal das Urteil Ihrer heutigen Vorgesetzten im Detail zu kennen – sie beurteilen einfach denselben Menschen. Ihre heutigen Chefs kennen Sie im Detail – und wollen Sie nicht auf Ihrem heutigen Job. Die potenziellen neuen Chefs kennen Sie nur flüchtig und verweigern Ihnen auf dieser Basis den Aufstiegsjob. Es tut mir leid, aber ich finde das zwingend logisch.

 

5. Aus der Misere bei Firma A heraus nun bei B aufsteigen zu wollen, ist also ein Denkfehler.

Die Regel lautet: Es steigt beim Wechsel zu B auf, wer bei A hervorragende Arbeit (besser als gefordert) geleistet hat. Was hervorragend ist, entscheidet die Leitung von A.

Ist die Situation also aussichtslos für Sie? Absolut nicht. Wenn man bei A am Ende ist, muss man wechseln. Aber es gilt auch: Jede Bewerbung darf auf einen Fortschritt abzielen, dann hat sie gute Chancen.

Sie sind heute Leiter Umwelt + Nebenbetriebe bei A, werden dort nicht gut beurteilt und müssen gehen. Weil Sie nicht zur Zufriedenheit der Chefs arbeiten. Beim Wechsel zu B läge schon ein großer Fortschritt darin, dort wieder „nur“ Leiter Umwelt + Nebenbetriebe zu werden, aber die Chance zum Neuanfang mit dem Ziel zu haben, Ihre Vorgesetzten zufriedenzustellen. Was Sie wollen, sind zwei „Fortschritte“ auf einen Schlag – und ein Plural von Fortschritt ist eher ungebräuchlich.

 

6. Sie fragen „ob meine Zielrichtung die richtige ist und ob ich dafür wirklich qualifiziert bin“. Ich antworte ehrlich, dass ich beides derzeit nicht so sehe.

 

7. Ihre Tätigkeit heute beinhaltet aus unternehmerischer Sicht Nebenaspekte. Womöglich wichtige, aber Nebenaspekte. Von da aus ist ein Sprung in die Geschäftsleitung schon unter günstigen Voraussetzungen schwierig bis unwahrscheinlich. Wenn Sie aufsteigen wollen, sollten Sie Ihren Blick auf Firmen richten, für die das, was Sie repräsentieren, unternehmerische Priorität hat. Das gilt z. B. für ein Unternehmen, das umwelttechnische Anlagen baut oder in der Abfallentsorgung tätig ist.

Sie nennen es „Quereinsteiger“: Die haben es immer schwerer als die Leute „mitten aus dem Kernmetier“. „Tiefe Einblicke in jede Abteilung“ gehabt zu haben, genügt nicht! Man muss dort verantwortlich tätig gewesen sein.

 

8. Zu Ihrem beigefügten Anschreiben zu einer Bewerbung: Wenn Sie direkt an ein suchendes Unternehmen schreiben, ist jede Erwähnung eines pauschalen „Sperrvermerkes“ unsinnig. Der „Sperrvermerk“ besteht darin, dass Sie oben auf die Bewerbung einen Zettel legen, auf dem beispielsweise steht:“Bitte diese Unterlagen nicht weiterleiten an die Müller und Sohn GmbH in Osnabrück.“Hintergrund ist: In Berater-Anzeigen (und nur in diesen) wird die eigentlich suchende Firma oft so diffus dargestellt, dass es auch der eigene Arbeitgeber sein könnte. Damit der nicht diese Unterlagen bekommt, bringt man jenen Sperrvermerk an. Darin muss stets eine (oder mehrere) konkrete Firma benannt sein. Bewirbt man sich bei Siemens oder Meier + Tochter direkt, ist der Sperrvermerk unsinnig.

Kurzantwort:

1. Manager werden nicht gemobbt, Manager haben Feinde („Viel Feind, viel Ehr“).

2. Wer aufsteigen will, muss „unten“ tadellos beurteilt worden sein, bevor man ihn nach „oben“ lässt. Das gilt auch bei externen Bewerbungen.

Frage-Nr.: 2240
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 55
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-07-23

Top Stellenangebote

Technische Universität Darmstadt-Firmenlogo
Technische Universität Darmstadt Universitätsprofessur Fahrzeugtechnik (W3) Darmstadt
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Aalen - Technik und Wirtschaft W2 Professur Nachhaltige Werkstoffe in der Kunststofftechnik Aalen
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft-Firmenlogo
Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft W2-Professur für das Fachgebiet "Digitale Signalverarbeitung" Karlsruhe
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Automatisiertes Fahren / Fahrerassistenzsysteme (W3) Zwickau
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Sachverständigenwesen / Unfallrekonstruktion (W2) Zwickau
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH)-Firmenlogo
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Professor (m/w/d) für Fahrzeugmesstechnik / Technische Akustik (W2) Zwickau
Stadt Dreieich-Firmenlogo
Stadt Dreieich Projektingenieur*in Kanal im Produkt Abwasserentsorgung Dreieich
Universität Stuttgart-Firmenlogo
Universität Stuttgart Professur (W3) "Thermische Energiespeicher" Stuttgart
DEKRA Automobil GmbH-Firmenlogo
DEKRA Automobil GmbH Bausachverständiger / SiGeKo (m/w/d) keine Angabe
Technische Hochschule Rosenheim-Firmenlogo
Technische Hochschule Rosenheim Professorin / Professor (m/w/d) für das Lehrgebiet Verfahrenstechnische Simulation Burghausen
Zur Jobbörse

Top 5 Heiko Mell…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.