Heiko Mell

Plötzlich kommt ein Angebot …

Nach meinem Studium zum Dipl.-Wirtsch.-Ing. (FH) (Abschlussnote 2,0) durchlief ich ein 12-monatiges Traineeprogramm im HQ der Sparte A des XY-Konzerns. Aufgrund meiner damaligen Entscheidung, erst einmal im operativen Bereich Erfahrungen und ein Grundverständnis für die vertrieblich/operativen Abläufe und Gegebenheiten zu sammeln, arbeitete ich dann für fünf Jahre als Vertriebsingenieur für industrielle Spezialprojekte (Schwerpunkt Sparte B) in einer deutschen Region.

Danach war ich bereit zum nächsten Karriereschritt. Zielrichtung war der Einstieg in eine Leitungsposition mit überschaubarer Personalverantwortung und/oder internationalem Projektbezug. Ich wurde im Konzern fündig und wechselte vor ca. einem Jahr als „Manager Business Development and Global Projects“ in das HQ der Sparte B.

Meine Aufgabe ist die Projektentwicklung strategischer und länderübergreifender Spezialprojekte. Ich unterstütze die internationalen Angebotsteams fachlich und führe sie so, dass die bestmögliche Strategie zur Akquisition der entsprechenden Projekte sichergestellt ist. Die Zusammenarbeit mit den internationalen Projektteams sowie die anderen Tätigkeitsmerkmale erfüllen alle meine Erwartungen.

Diese heutige Position hatte ich allerdings immer auch als weiteres Karrieresprungbrett begriffen und einen Verbleib von nicht mehr als zwei bis drei Jahren vorgesehen.

Nun wurde mir von meinem ehemaligen Kollegen (aus A) eine Stelle als Vertriebsleiter für sehr spezielle Produkte für nichtindustrielle Kunden in meinem ehemaligen Arbeitsumfeld angeboten – und ich bin nicht sicher, wie dies zu bewerten ist. Auf den ersten Blick ist dies eine einmalige Gelegenheit, in die Leitungsebene mit Personalverantwortung aufzusteigen. Genau dies hat bei meinen derzeitigen Betrachtungen höchste Priorität. Aber es gibt auch Contra-Punkte: das zu übernehmende Vertriebsteam hat eine kritische Altersstruktur, ich verlasse mein industrielles Marktumfeld, wechsele aus einer „Cash-Cow-Sparte“ in eine mit negativer Geschäftsentwicklung und verliere meinen internationalen Bezug.

Ich traue mir die angebotene Position zu, sehe aber auch die Gefahr des Scheiterns aus den genannten kritischen Punkten.

Soll ich zugreifen mit der Option, mich bei negativer Entwicklung anderweitig zu bewerben? Ist ein zukünftiger HQ-Einsatz dann erst einmal passé? Da der derzeitige Stelleninhaber relativ kurzfristig gekündigt hat, käme mir auch noch die Funktion einer „Notlösung“ zu – mit welchen möglichen Auswirkungen? Wie würde das derzeitige, dann nur einjährige Engagement bewertet werden?

Antwort:

Im Prinzip ist die Sache ganz einfach: Sie haben sich eine durchdachte Karrierestrategie zurechtgelegt und stecken mitten in der Realisierung, sind in Ihrer derzeitigen beruflichen Situation sogar glücklich und zufrieden. Da schneit plötzlich ein Angebot herein, das Ihnen einen Weg eröffnet, der natürlich auch reizvoll ist – welche Versuchung wäre das nicht – aber Ihre ganze Strategie über den Haufen wirft, mehr Fragen als Antworten mit sich bringt, keinesfalls nur Vor-, sondern auch Nachteile hat und in Ihnen die Angstüberlegung auslöst, Sie könnten eine Art „Sonderangebot des Lebens“ verpassen. Lassen Sie mich auflisten, was ich denke:

1. Die meisten solcher „Angebote“, so auch dieses, werden vom Anbieter gemacht, weil er sein(!) Problem lösen will (eine plötzlich frei gewordene Position muss besetzt werden). Ob das auch für Sie gut ist, bedenkt der Anbieter nicht. Gehen Sie also nicht von der Überlegung aus, irgendeine eine „höhere Macht“ habe alles durchdacht und offeriere Ihnen die bewusst für Sie ausgewählte Chance Ihres Lebens.

Wie groß ist unter diesen Umständen die Wahrscheinlichkeit, dass genau hier das Schicksal Ihnen die Hand reicht und alle Vorteile auf der Seite des neuen Angebotes liegen? Da spielen Sie besser Lotto.Natürlich soll man bei aller Planung offen sein für die plötzlich auftretende Gelegenheit am Wegesrand, aber zunächst ist pauschales Misstrauen angebracht: Wenn Ihnen Müller etwas anbietet, was gut für Müller ist, dann wäre es die ganz große Ausnahme, taugte es auch für Sie.

 

2. Wenn man wie Sie so schön sorgfältig plant und so erfolgreich in der Realisierung ist, dann ist Gelassenheit im Hinblick auf „Sonderangebote“ angesagt. Diese müssten schon rundum sehr deutlich besser sein als Ihre derzeitigen Gegebenheiten. Da ist nicht der akribische Detailvergleich mit Listen über Vor- und Nachteile angesagt (Sie haben mir eine solche Tabelle beigefügt), sondern die ruhig gestellte Frage: „Meine Planung läuft prächtig. Ist das neue Angebot auf breiter Front zweifelsfrei so entscheidend besser, dass eine deutliche Abweichung von meinen bisherigen Vorstellungen gerechtfertigt ist?“ Das ist hier nicht der Fall. Sonst hätten Sie mich nicht gefragt und Sie hätten keine Tabelle aufgestellt, um mehr Klarheit zu gewinnen.

 

3. Eine klare Antwort auf Ihre Fragen ist gar nicht möglich. Niemand kann in die Zukunft sehen. Niemand weiß, wie sich Ihr heutiger Job entwickelt, wenn Sie weiter dort arbeiten, niemand kann voraussagen, wie erfolgreich Sie auf der neuen Position wären. Wie immer Sie sich entscheiden: Sie können in drei Jahren eventuell sagen: „Damals habe ich einen Fehler gemacht“, wenn Sie auf Misserfolge zurückblicken müssen. Aber Sie wissen nie, ob der Fehler nicht größer gewesen wäre, hätten Sie sich für die andere Möglichkeit entschieden. Daher gilt: Entscheiden Sie sich schnell – und denken Sie nicht mehr an die verschmähte Alternative.

 

4. Wenn Sie sogar schon von der „Gefahr des Scheiterns“ in der angebotenen Position sprechen, dann sollten Sie sehr zurückhaltend auf das Angebot reagieren. Haben Sie auch an das mögliche Scheitern gedacht als Sie Ihre heutige (aus damaliger Sicht völlig andersartige) Position annahmen?

 

5. Vorsicht vor allen Schritten, die berufslebenslang Auffälligkeiten im Lebenslauf hinterlassen (wie Ihre nur einjährige Dienstzeit in der heutigen Position in Verbindung mit einem deutlichen Wechsel der Richtung, der wie Flucht aussehen würde). Rechnen Sie damit, dass Ihnen das in der möglichen neuen Position noch einmal passieren kann – wie stünden Sie dann da?

 

6. Ich rate Ihnen zu mehr Selbstbewusstsein („Ich glaube an meinen von mir selbst geplanten Weg“) und Mut („Natürlich ist das Angebot irgendwie reizvoll, aber so überzeugend, dass es alle Bedenken hinwegfegt, ist es auch nicht – also sage ich konsequent, dankend, höflich und freundlich ab“). In eine Detailbetrachtung der Vor- und Nachteile möchte ich gar nicht mehr einsteigen. Ich finde, das lohnt sich nicht.

Kurzantwort:

Ein plötzlich hereinschneiendes Angebot, das Ihre ganze bisherige Planung über den Haufen wirft, müsste schon rundum spontan die überzeugende Lösung sein, wenn Sie zugreifen sollten. Sofern Sie Zweifel haben, komplizierte „Vorteil-Nachteil“-Tabellen aufstellen und damit rechnen, dort eventuell zu scheitern, bleiben Sie lieber bei Ihrem eigenen Weg.

Frage-Nr.: 2236
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-07-09

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