Heiko Mell

War das schon alles?

Als „Spätzünder“ machte ich zunächst die mittlere Reife, dann kamen Berufsausbildung, Fachhochschulreife, Bundeswehr, einige Jahre Berufspraxis und dann ein FH-Studium („gut“).

Nach dem Studium fand ich einen übergangslosen Einstieg in der Entwicklung spezieller Komponenten und konnte mich schnell in Richtung Projektmanagement weiterentwickeln.

Nach einem Arbeitgeberwechsel und insgesamt zehn Jahren Berufstätigkeit als Dipl.-Ing. bin ich im Mittelstand bei einem Technologieführer als Teamleiter verantwortlich für diverse Projektteams sowie einige Projektleiter und für alle Kundenprojekte am Standort. Eine sehr interessante Aufgabe, verbunden mit internationaler Reisetätigkeit, vielen externen Kontakten sowie interner Kommunikation zu allen Abteilungen und Hierarchiestufen. Mein Jahreseinkommen liegt derzeit zwischen 70.000 und 80.000 EUR (von mir so gespreizt dargestellt, H. Mell).

Jedoch bin ich nicht zufrieden. Gern würde ich mehr Personalverantwortung als Linienvorgesetzter eines technischen Bereichs übernehmen. Im eigenen Haus zeigen mir diverse Signale, dass es für mich keine weitere Entwicklungsmöglichkeit gibt.

Externe Bewerbungen blieben bisher erfolglos.

1. Ist meine berufliche Spezialisierung so dominant, dass ich als Leiter in einer anderen, wenn auch sehr ähnlichen technischen Fachrichtung keine Chance (mehr) habe?
2. Ist der zweite Bildungsweg bzw. sind die Studiennoten nach zehn Jahren Berufstätigkeit für die Entscheidung über Bewerbungen bei Führungspositionen noch relevant?
3. Gibt es einfach genug formal besser geeignete Kandidaten?
4. Schreckt mein Einkommen die Mittelstands-Firmen ab?
5. Mache ich grundsätzliche Fehler in der Bewerbung?
6. Sind noch weitere Karriereschritte möglich oder ist das Ende der Fahnenstange erreicht?

Antwort:

Zentrales Thema (und Anliegen Ihrerseits) scheint mir Nr. 2 zu sein. Bitte entwickeln Sie bloß keine Minderwertigkeitskomplexe!Sie waren mit 28 Jahren mit einem FH-Studium fertig, Ihre Note liegt bei 1,8. Das ist nicht zu beanstanden. Inzwischen dominieren ohnehin die zehn Jahre Praxis. Und vielen Mittelständlern imponiert sogar (zu Recht) der zweite Bildungsweg. Für Einzelnoten auf dem Examenszeugnis interessiert sich bei diesen Randbedingungen heute niemand mehr.

Zu 1 + 5, die leider zusammenhängen: Ihre Spezialisierung mag ja ein Problem sein – aber noch erkennt es niemand! Sie verbreiten Nebel, wo Klarheit herrschen sollte – und das ist schlimmer als eine falsche Branche es wäre.

Ich predige hier seit Jahren: Kern der Bewerbung ist der Lebenslauf. Ihn lesen Profils oft zuerst. Fühlen sie sich danach nicht informiert, ist die Bewerbung „gestorben“.Zwei Informationen zum wichtigen heutigen Job sind von brutaler Bedeutung:

a) Was ist Ihr Arbeitgeber für ein Unternehmen? Name, Größe, Branche/Produkte interessieren dabei. Diese Informationen haben Sie vorbildlich aufbereitet.

b) Was genau sind bzw. tun Sie da? Sie schreiben schlicht „Projektleiter“, immer wieder tauchen – verständlicherweise – in der Detailaufzählung „Projekte“ auf. Nur erfährt man nicht, was das für Projekte sind. Geht es um Entwicklung, um Produktion, um Auftragsabwicklung?

Ein Fachmann aus einem ähnlich gelagerten Unternehmen würde sich aus Ihren Stichworten sicher etwas zusammenreimen können. Die Personalabteilung aber nicht. Sehen Sie bitte: Die Produktionsverlagerung nach Rumänien ist ein Projekt, KVP- oder SAP-Einführung ist jeweils eines usw. usw. „Projektleiter“ allein sagt also gar nichts.

Wenn man aber nicht so ganz genau weiß, was Sie machen, haben Sie sehr schlechte Karten – bei Bewerbungen um Aufstiegs-Führungspositionen ganz besonders.

Bei Ihrem vorigen Arbeitgeber haben Sie noch sehr deutlich hingeschrieben „Projektleiter für Entwicklungsprojekte“. Jetzt stehen dort nicht einmal Ihre „Kundenprojekte“ aus dem Brief an mich.

Ein bisschen Verkaufspsychologie: „Projektleiter“ ist ein Allerweltsbegriff, er steht bei Ihnen in jener Zeile an erster Stelle, die Ihre heutige Positionsbezeichnung umreißt. Erst danach steht in dieser Zeile „ab … Teamleiter Projekte“. Dadurch geht die wichtige Beförderung völlig unter. Machen Sie daraus eine eigene neue Zeile.Dann rühmen Sie sich „internationaler Reisetätigkeit“, schreiben aber im Anschreiben Ihrer Bewerbung: „Ferner möchte ich die zurzeit häufige internationale Reisetätigkeit reduzieren.“ Abgesehen davon, dass beides nicht optimal zueinander passt: Sprechen Sie in Bewerbungen nie davon, Ihnen sei heute irgendeine Form der Arbeitsbelastung zu hoch. Da der Leser die Umstände nicht kennt, entsteht schnell der Verdacht, Sie seien nicht engagiert, nicht einsatzbereit, nicht belastbar.Noch ein Tipp: Lassen Sie allgemeinphilosophische Ausführungen ersatzlos weg, niemand will das lesen. Beispiel: „Personalführung heißt für mich, den anvertrauten Mitarbeitern ein nährendes Umfeld zu schaffen, …“ (wo in aller Welt haben Sie das „nährende Umfeld“ bloß her?).

 

Zu 3: Das weiß so genau niemand. Fürchten Sie sich nicht, probieren Sie es einfach.

 

Zu 4: Ihr (im Original konkret angegebenes) Einkommen passt schon zu einem ausgewachsenen Abteilungsleiter. Es lässt sich in der Zielposition erreichen, ist aber für einen Teamleiter recht hoch.

Lösung: Schreiben Sie etwa: „Meine Einkommensvorstellungen liegen bei ca. 75.000,- EUR, entscheidend ist jedoch die Aufgabenstellung.“

 

Zu 6: Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass Sie mit Ende 30 irgendwie am Ende Ihrer Fahnenstange angekommen sein könnten.

Sonstiges: Ihr Foto strahlt irgendwie den Charme der Sechzigerjahre aus. Vielleicht gönnen Sie sich einfach einmal eine neue Frisur, in jedem Fall gilt: Foto klein oben rechts in den Lebenslauf einkleben, alles andere fördert Ihr Anliegen nicht.

Und noch etwas: Ein flüchtiger Blick auf den Lebenslauf erweckt den Eindruck, Sie hätten an der Universität von „Hamburg, Deutschland“ Archäologie studiert – tödlich für Ihr Anliegen. Aber genau so wie Sie das hinschreiben, stellt man gemeinhin ein Studium dar. In Wirklichkeit haben Sie damals nur in Ihrem Lehrberuf in einem Teilbereich jenes Fachbereichs gearbeitet; das war vor Ihrem eigentlichen Studium an anderem Orte (aber auch „Deutschland“).

Da Sie Ihren relativ unbekannten Lehrberuf dann auch noch sehr ungewöhnlich abkürzen (in der Überschrift zu dieser aus heutiger Sicht absolut uninteressanten Tätigkeit), ziehen Sie damit sehr große Aufmerksamkeit auf diesen „Nebenkriegsschauplatz“ – und das wichtige Studium folgt erst auf der nächsten Seite. Bitte ändern Sie das.

Kurzantwort:

Bewerbungen scheitern entweder an zentralen Punkten oder an diversen Kleinigkeiten. Kritisch ist es in jedem Fall, wenn nicht klar wird (im Lebenslauf), was der Bewerber heute in welcher Art von Firma beruflich genau macht.

Frage-Nr.: 2231
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 25
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-06-18

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