Heiko Mell

Der Manager, der zum Omnibus wurde

Im vergangenen Jahr habe ich meinen Arbeitgeber gewechselt. Während der Probezeit habe ich feststellen müssen, dass sich meine Erwartungen nicht so recht erfüllt haben und die Situation sich auch nicht in der von mir gewünschten Weise entwickeln würde.

Die Fügungen des Schicksals ergaben, dass sich mein ehemaliger Arbeitgeber (Firma A) bei mir meldete und mir ein Angebot unterbreitete, das mir besser gefiel:Ich war bei A Konstruktionsleiter gewesen, die Position ist jetzt besetzt. Ich werde in ca. einem Jahr Nachfolger des Technischen Leiters bei A, der in den Ruhestand geht.

In der bis dahin verbleibenden Zeit bin ich von A an deren Schwesterfirma B ausgeliehen. Firma B hat mich wiederum für ein Jahr an Firma C ausgeliehen (kein gesellschaftsrechtlicher Zusammenhang, aber ein externer Konstruktionsauftrag).

Firma C hat nun Interesse bekundet, meine Leistungen auch weiterhin in Anspruch zu nehmen. Man kennt meine Zukunftsperspektive bei A und möchte mich nicht direkt abwerben, da C auch in Zukunft mit B, der Schwester von A, Geschäftsbeziehungen pflegen möchte. Ich sehe meine Zukunft eher bei A, finde aber auch die Aufgaben bei C interessant. Man hat mir bei C nun eine Beratertätigkeit angeboten.

Ich habe keinen Schimmer, wie man so etwas konkret umsetzen kann. Grundsätzlich habe ich erst einmal meine Bereitschaft erklärt und C gebeten, sich mit diesem Anliegen an B zu wenden. Ist das der richtige Weg oder soll ich generell die Erlaubnis zur Nebentätigkeit von A einholen und eine direkte Geschäftsbeziehung mit C eingehen?

Antwort:

Was für ein Durcheinander. Und vor allem: Was für eine komische Rolle spielen Sie in diesem Verwirrtheater eigentlich?

Sie sind ein Manager. Das ist eine aktive, dynamische Führungspersönlichkeit, die entschlossen zu handeln hat. Die vorrangig schiebt, statt nur geschoben zu werden.

Was waren eigentlich aktive Handlungen von Ihnen – wie sie einem Manager wohl anstünden – in dieser Geschichte? Sie hatten bei A gekündigt. Na schön, aber dann: passiv, passiv, passiv. Nur geschoben worden. Sie sind der Omnibus für A, B und C. Das Wort ist lateinischen Ursprungs und bedeutet „für alle“. Man hat Sie in diesem Firmentrio zum Allgemeingebrauch freigegeben – und Ihnen gefällt das auch noch.

A will Sie zum Nachfolger des Technischen Leiters machen. Hoffentlich haben Sie darüber eine verbindliche (also schriftliche) Zusage. Aber das ist noch längst nicht alles. Bei A waren Sie vor kurzem Konstruktionsleiter. Und die wussten doch damals schon, dass ihr Technischer Leiter bald in den Ruhestand gehen würde. Aber Ihnen hatte man die Nachfolge nicht angeboten. Erst als Sie gekündigt haben und ausgeschieden sind, nimmt man Sie ins Visier? Warum? Welche vorausschauende Politik steckt dahinter? Wie hätten die ihr lange vorhersehbares Nachfolgeproblem gelöst, wären Sie in der Probezeit beim neuen Arbeitgeber nicht unglücklich geworden? Das klingt amateurhaft.

Jetzt hat A Sie wieder. Kann Sie aber nicht gebrauchen im Augenblick. Will Sie auch nicht ein Jahr als stellvertretenden Technischen Leiter zusätzlich bezahlen. Sondern verleiht Sie an B.

B bedankt sich schön, kann Sie aber – so befristet, nur auf Abruf – auch nicht gebrauchen. Sondern verleiht Sie an C. Also gut, ich nehme die „Amateure“ zurück und erhöhe auf „Kindergarten“. Nun, mit Ihnen kann man es ja machen.

Dass C Sie nun A eigentlich ganz abluchsen möchte (jeder will den Omnibus für sich allein), sich aber nicht traut, ist nur ein zusätzliches Sahnehäubchen auf einem kabarettreifen Gesamtkunstwerk.

Und Sie machen schön alles mit. Liebäugeln mit C, wollen aber A nicht verlieren, wären am liebsten vormittags Technischer Leiter bei A und nachmittags Berater bei C.

Ich sehe das so: Sie hängen jetzt für ein ganzes Jahr völlig in der Luft. Sie haben drei Herren zu dienen, drei Chefs bei Laune zu halten, haben drei völlig verschiedene Führungspersönlichkeiten irgendwo über sich, die jeder für sich Ihre Zukunft zerstören können. Die Leiter von A, B und C könnten gemeinsam oder einzeln zu einem schlechten Urteil über Sie kommen, das Ihre Chancen drastisch reduzieren würde: Die Gewogenheit von A brauchen Sie wegen der Nachfolge, außerdem würde der Leiter von A Ihr späterer endgültiger Chef. B gehören Sie derzeit eigentlich. An deren Leitung wurden Sie vermittelt. Wegen der engen Verflechtungen mit A hört der A-Chef auf B. Also dürfen Sie es mit dem auch nicht verderben.

C wiederum ist irgendwie „Untermieter“ von B, was Sie angeht und der einzige Partner im Klub, der Sie derzeit bei der Arbeit erlebt. Käme der zu einem negativen Urteil, würden B und A auf Sie sauer. Erstens überhaupt und dann, weil ja keiner von beiden Sie derzeit haben will (aber einer Sie nehmen müsste).

Aber das Schönste kommt erst noch: Ein Angestellter (Sie) muss darauf achten, in jeder Phase seines Berufslebens notfalls mit einer Bewerbung an den Arbeitsmarkt gehen zu können. Teils weil er will, teils weil er muss. Und dann gilt es, im Lebenslauf eine „heutige Position“ anzugeben. Was schrieben Sie denn da hin?

„Verliehener 2. Grades“? Wenn Sie dort wahrheitsgemäß schildern wollen, was Sie derzeit sind, brauchen Sie ganze Seiten dafür.

Nachdem das alles passiert ist, will ich Ihnen längere Ausführungen darüber ersparen, was Sie in welchem Stadium idealerweise hätten tun sollen. Außer vielleicht: Ich hätte das ganze Angebot von A unter diesen Umständen nicht angenommen, sondern mir nach dem Scheitern in der ersten selbstgesuchten neuen Stelle eine zweite selbst gesucht. Aber dafür ist es nun zu spät.

Jetzt muss gelten: Man kann auf Dauer nicht zwei Herren dienen! Ihr Haupt-Verleiher, pardon, Ihr Hauptpartner ist A. Der will unter Garantie keinen Technischen Leiter mit beruflichen Nebeninteressen bei einer Fremdfirma. Und Ihnen sollte auch ein Chef reichen. Dieser (A) wird denken, was alle „Chefs“ denken: „Du sollst nicht haben andere Götter neben mir“ (aus dem 1. Gebot).

Also reden Sie mit A gar nicht groß über das etwas „unsittliche“ Angebot von C, leisten Sie dort Ihre Verleih-Zeit anständig ab und setzen Sie auf die Perspektive bei A. Geben Sie C eine nette Absage, weisen Sie auf Ihre klare Loyalitätspflicht gegenüber A hin, bedanken Sie sich für das Interesse – und gut ist es.

Falls C erwägen sollte, Sie weiterzuverleihen – nur an A wäre noch originell; gingen Sie an D, würden die Zuhörer jetzt gähnen.Und stellen Sie sich in dieser Gruppe, in Ihrem Fall also bei A, die Tätigkeit im Management der 2. Ebene nicht so einfach vor. Aber Sie kennen das Unternehmen ja. Andererseits wollten Sie ja schon einmal dort weg – Sie werden schon Ihre Gründe gehabt haben. Solch eine Rückkehr hat ihre Tücken.

Kurzantwort:

Angebote von Firmen, die erst nach vollzogener Kündigung und nach dem Ausscheiden des Mitarbeiters diesem eine Beförderung anbieten, sollten vom Betroffenen mit Zurückhaltung betrachtet werden: Das Unternehmen hatte seine Chance, als der Mitarbeiter dort noch tätig war. Und hat sie nicht genutzt.

Frage-Nr.: 2226
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 27
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-06-04

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