Heiko Mell

Ungerecht + unzufrieden

Ich bitte Sie um Rat zu meiner beruflichen Entwicklung: Nach Abitur und Wehrdienst habe ich eine gewerbliche Ausbildung absolviert und dann mein Studium der …technik an der TU mit 1,7 abgeschlossen. Seit etwa 1,5 Jahren bin ich nun bei einem Hersteller von … in der Entwicklung und Konstruktion tätig.

Dem Unternehmen geht es gut, die Auftragsbücher sind voll, es wird kräftig investiert. Ich fühle mich in meiner Arbeit wohl. Das Verhältnis zu den Kollegen und den direkten Vorgesetzten war und ist sehr gut. Mit den Produkten des Unternehmens kann ich mich gut identifizieren.Allerdings stellen mich einige Dinge nicht zufrieden. Dazu würde ich gerne Ihre Meinung hören:

1. Ich fühle meine Leistung nicht gerecht beurteilt. Zweimal wurde die durch meinen Vorgesetzten vorgenommene Leistungsbewertung durch den nächsthöheren Vorgesetzten gekürzt, obwohl der meines Erachtens meine Leistung nicht beurteilen kann. Meine Einschätzung wird von meinen Kollegen geteilt.

2. Auch die Weiterbildungspolitik des Unternehmens entspricht meiner Meinung nach nicht den heutigen Erfordernissen. Während meiner Unternehmenszugehörigkeit gab es nicht eine Weiterbildungsmaßnahme in meiner Abteilung. Mein Wunsch wurde zunächst pauschal begrüßt, bei konkreten Vorschlägen wurde ich mit Hinweis auf einen ausgeschöpften Kostenrahmen vertröstet.

3. Ich warte bisher vergebens darauf, dass man nicht mit mir über meine Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten spricht (lesen Sie sich den Satz einmal laut vor; jeder weiß, was gemeint war, aber Sie sehen, wie leicht Ihnen die Formulierungs-Pferde durchgehen können; H. Mell).

Ich will mich weiterentwickeln und gerne mehr Verantwortung übernehmen. Ich habe in meiner Ausbildung keine Zeit verplempert, bin jetzt aber 30 und möchte schon ein konkretes Ziel vor Augen haben. Ist das überzogen? Sollte ich einfach nur froh sein, eine Arbeit zu haben?

Für eine Woche hatte ich mein Profil bei einer Internet-Stellenbörse platziert. Ich bekam zahlreiche Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Daraus schließe ich auf gegebene Wechselchancen. Da ich mich aber beim jetzigen Arbeitgeber wohlfühle, würde ich gerne da bleiben.

Ich denke, ich sollte das Gespräch mit den Vorgesetzten suchen. Wie würden Sie die Sache anfangen? Auf welche Argumente muss ich mich einstellen, welche kann ich anbringen. Bitte raten Sie mir.

Antwort:

Ich liste erst einmal allgemeine Argumente auf, bevor ich auf Ihre Fragen eingehe:

a) Im ersten Jahr nach dem Studium deckt die Begeisterung über die aufregende Berufstätigkeit, die neue Umgebung, die als solche empfundene Herausforderung fachlicher Art und die ersten eigenen Erfolge alles andere zu. Im zweiten Jahr merkt man dann, dass man in einer von Menschen geschaffenen Struktur unter und für Menschen arbeitet – und dass denselben nicht die Fähigkeit gegeben ist, alles perfekt zu machen. Diese Menschen kochen – wie man selbst auch – nur mit Wasser. Aus dieser Erkenntnis resultieren erste Enttäuschungen, die oft zum ersten Arbeitgeberwechsel nach etwa zwei Jahren Praxis führen (wie fast bei Ihnen). Das ist normal, man muss damit fertigwerden – und darf nicht jedes Mal weglaufen.

Bei anderen Arbeitgebern ist es nicht pauschal besser, nur anders. Dort mag besser sein, was Sie heute stört – dafür ist mit tödlicher Sicherheit irgendetwas schlechter, was Sie heute absolut positiv sehen.

b) Was Sie heute als „gut“ empfinden, ist ungleich wichtiger als Ihre Kritik – aus der Sicht des lebenserfahrenen Praktikers. Sie fühlen sich dort wohl – das ist unbezahlbar.

c) Wenn Sie wieder einmal aufzählen, mit und zu wem das Verhältnis gut oder sehr gut ist, betrachten Sie die Vorgesetzten zuerst und dann erst die Kollegen.

d) Sie scheinen in einem etwas konservativ ausgerichteten Unternehmen zu arbeiten – das muss kein Nachteil sein! Man verdient Geld: wichtig, es spricht für die Richtigkeit der Unternehmenspolitik. Man investiert: sehr wichtig, man sichert den Erhalt einschließlich der Wettbewerbsfähigkeit für morgen und übermorgen, das ist in Ihrem Interesse. Man hat in einigen Bereichen knappe Budgets: wer heute Geld spart, hat morgen etwas, um die nächste Krise durchzustehen.

Nun zu den konkreten Fragen:

Zu 1: Es gibt im Leben keine Gerechtigkeit, im Wirtschaftsleben und damit im beruflichen Bereich schon gar nicht. Wo der Markt regiert, ist der erste Platz in der Werteskala besetzt, der Rest kommt unter „ferner liefen“. Gewöhnen Sie sich daran, ja verwenden Sie das Wort „ungerecht“ gar nicht mehr in diesem Zusammenhang. Das System kann überhaupt nichts damit anfangen.

Also gibt es auch keine gerechte Mitarbeiterbeurteilung. Es gilt daher für Sie nicht, eine gerechte Bewertung zu erhalten, sondern eine mit guten Noten. Das kann deckungsgleich sein, muss es aber nicht.Ihr direkter Vorgesetzter sitzt „nah am Mann“, also am einzelnen Mitarbeiter. Er braucht dessen motiviertes Arbeiten, dessen Engagement, dessen Zufriedenheit. Also beurteilt er in der Regel zu gut, zu nett, zu wenig kritisch. Dagegen muss man etwas tun, es muss ein Regulativ her. Daher wird festgelegt, dass innerhalb einer größeren organisatorischen Einheit ein bestimmtes Bild von Beurteilungsergebnissen erzielt werden muss. Beispielsweise eines, das der Häufigkeitsverteilung nach Gauß ähnelt. Das schafft der direkte Vorgesetzte nicht, dazu ist er zu nah dran, ihn träfen Enttäuschung und bohrende Fragen seiner Leute zu direkt. Also liegt die Korrekturgewalt (und -pflicht!) beim Chef-Chef. Damit das „Bild“ seines Bereichs stimmt, zieht er einige Einzelwerte, die seine untergeordneten Führungskräfte vergeben hatten, etwas nach unten. Dann haben letztere ihren Mitarbeitern gegenüber die Ausrede, sie seien es nicht gewesen.

Mit „Ungerechtigkeit“ hat das alles nichts zu tun. Es hat auch niemand behauptet, dass dies toll sei. Aber praktisch halt. Für die Firma, versteht sich. Und ein paar Späne fallen immer, wo gehobelt wird.

 

Zu 2: Natürlich muss ein Unternehmen weiterbilden. Aber nun auch wieder nicht pauschal und „mit der Gießkanne“, sondern gezielt und bei Bedarf! Und Bedarf ist nicht, wenn Ihnen danach ist, sondern wenn betrieblichen Erfordernissen auf der einen Qualifikationsmängel einzelner Angestellten auf der anderen Seite gegenüberstehen. Wenn also beispielsweise Ihr Chef in Ihre Beurteilung schreibt: „Herrn Meier fehlen für die Ausübung seiner Arbeit betriebswirtschaftliche Kenntnisse“, dann schickt man Sie irgendwann auf einen Lehrgang „Betriebswirtschaft für Ingenieure“. Sonst eher nicht.

Mitarbeiter, die eben noch im Studium jeden Tag neues Wissen vermittelt bekamen, fühlen sich in der Praxis oft wie „Fische auf dem Trockenen“ – und würden jedes Seminar begrüßen, Thema ziemlich egal. 1,5 Berufsjahre nach dem zu 100 % durch Bildung geprägten Studium sind ohne Weiterbildung kein Problem. Aber zwölf Jahre Berufspraxis ohne jede Maßnahme, das sähe bei Bewerbungen nicht gerade gut aus. Dann bestünde der Verdacht, dass Sie fachlich einige Anschlüsse verloren hätten.

Also gilt für Sie heute: bloß keine Panik.

 

Zu 3: Perspektiven sind vor allem Beförderungschancen. Wer alle fünf Jahre eine Hierarchiestufe hinaufbefördert wird, geht als Konzernvorstand in Pension. Das reicht ja eigentlich. Konservative Unternehmen denken so. Dann aber besteht nach 1,5 Dienstjahren – und 3,5 Jahren vor der ersten richtigen Beförderung – eigentlich „kein Anlass zur Besorgnis“ (Kishon, wenn ich mich recht erinnere).

Es gibt selbstverständlich auch ohne hierarchischen Aufstieg Weiterentwicklung durch zusätzliche oder neue Aufgaben, größere Verantwortung etc. Manche Chefs denken an die Ungeduld junger Mitarbeiter und lassen sich etwas einfallen, andere meinen, bei ihnen hätte sich „damals“ auch niemand bemüht, sie zu besänftigen. Man muss seine Chefs so nehmen, wie sie sind.Sie haben keine Zeit verplempert während Ihrer Ausbildung? Nun, beim Abitur waren Sie zwanzig, niemand schreibt einem TU-Ingenieur eine dreijährige Lehre vor – nur Ihr Studium war mit zehn Semestern angenehm kurz. Ich würde nicht von verplempert sprechen, aber doch schon von „recht alt“ beim Studienabschluss (29).

Mein Rat: Seien Sie in den Augen Ihrer Vorgesetzten schlicht ein so toller, wertvoller Mitarbeiter, dass die unruhig schlafen bei dem Gedanken, Sie könnten kündigen. Und warten Sie einfach noch so 1,5 bis 2 Jahre. Dann reden Sie mit Ihrem Chef über Möglichkeiten Ihrer weiteren Entwicklung. Im Augenblick würden Sie sich mit einem Versuch unnötig verschleißen und nicht ernst genommen werden.

Was die Einladungen zu Vorstellungsgesprächen angeht, die Sie erhalten haben: Sie haben einen (guten) Job, andere Firmen wollten Ihnen (vielleicht) einen anderen Job geben, von dem Sie nicht einmal wissen, ob er auch gut, geschweige denn, dass er besser wäre. Was also beweist das (außer dass Ingenieure knapp sind, was wir aber schon wussten).

 

Fazit: Ein Teil des Berufslebens ist Routine. Tägliche Veränderungen sind nicht möglich, solche in Jahrzehnt-Abständen wären zu gering. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Haben Sie Geduld.

Kurzantwort:

1. Eine erste „Unruhe“ beim jungen Berufsanfänger nach ein bis zwei Jahren Praxis ist normal. Es „droht“ ihm die Erkenntnis: Nichts, was von und für Menschen geschaffen wird, ist jemals perfekt. Wichtig ist, dass nicht spontanes Weglaufen als Lösung gesehen wird.

2. Bei anderen Arbeitgebern ist vieles anders, manches auch schlechter, niemals jedoch alles pauschal besser.

Frage-Nr.: 2216
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 19
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-05-07

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