Heiko Mell

Wie komme ich aus dem Stab hinaus?

Nach meinen Studium in D und den USA (u. a. Dipl.-Ing.) war ich sechs Jahre bei einem großen deutschen Konzern zuerst als Trainee, dann in einer strategischen Planungsabteilung tätig. Dort gewann ich einen recht guten Eindruck davon, wie Konzerne „ticken“.

Vor ca. acht Jahren stand für mich ein Wechsel in das operative Geschäft an, entsprechende interne Angebote dazu lagen vor. Parallel dazu wurde ich von einem Headhunter für eine Stelle bei einem Finanz-Investor angesprochen. Das Angebot war so attraktiv, dass ich zugegriffen habe. Die folgenden vier Jahre waren ausgesprochen lehrreich. So konnte ich unter Zuhilfenahme meines Ingenieur-Know-hows erfolgreiche Investments in junge Technologiefirmen durchführen, war „Manager auf Zeit“ und auch als Aufsichtsrat für Aufbau und Wachstum dieser Firmen verantwortlich, einige konnte ich mit Gewinn weiterverkaufen.

Leider begann dann mein Arbeitgeber, sich systematisch aus diesem Geschäft zurückzuziehen. Die Anzahl der verbliebenen ähnlichen Gesellschaften in Deutschland war zu diesem Zeitpunkt überschaubar, entsprechend dünn gesät waren dort die Einstiegsmöglichkeiten.

Mir kam zugute, dass ich den Kontakt zu meinem ersten Arbeitgeber nicht hatte abreißen lassen. Er machte mir das Angebot, in eine konzerneigene Stabsabteilung einzusteigen. Dort bin ich seit einiger Zeit tätig und bearbeite als Projektleiter und Verhandlungsführer Projekte mit z. T. mehreren 100 Mio. Euro Volumen (Akquisition bzw. Verkauf von Firmen). Meine Vorgesetzten äußern sich positiv über meine Arbeit.

Vereinbart war, dass ich nach ca. drei Jahren die Leitung einer Business Unit bzw. einer akquirierten Firma übernehmen sollte/könnte. In den letzten Monaten beschleichen mich Zweifel: „Unser“ Geschäftsleitungsmitglied wurde ausgewechselt, es werden mehr Firmen verkauft als gekauft. Besonders schwerwiegend ist aber wohl der Umstand, dass ich bisher einiges an fachlicher, aber keine disziplinarische (also „echte“) Personalverantwortung vorweisen kann.

Wie beurteilen Sie meine Chancen, den von mir angestrebten Weg (in- oder extern) vom Stab in die Linie gehen zu können?

Antwort:

Zu den Fakten: Sie sind Ende 30, hervorragend ausgebildet. Dann kamen sechs Jahre Weltkonzern, vier Jahre internationale Beteiligungsgesellschaft, jetzt sind Sie seit etwa einem Jahr wieder im Konzernstab. Das sind zehn Jahre mit drei verpassten Chancen, sich wunschgemäß zu etablieren.

Nach den ersten sechs Jahren gab es intern Chancen zum Wechsel in die Linie. Sie lehnten ab(!) und griffen begeistert zum tollen Angebot der Investmentgesellschaft, die so ganz anders „gestrickt“ ist als klassische Industriebetriebe (mit dem Wechsel war klar, dass Sie sich „meilenweit“ vom ehemaligen Ziel entfernen würden). Hätte das „Feuer“ eines echten Linienmanagers in Ihnen gebrannt, hätten Sie damals zum internen Angebot gegriffen.

Und: Normal im Sinne von üblich sind zwei bis äußerstens fünf Jahre im Stab und dann – ab in die Linie. Wer „große“ Karriere machen will, sollte recht früh versuchen, dort zu arbeiten, wo er einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung der originären Zielsetzung „seines“ Unternehmens leistet. Linienfunktionen erbringen diesen Beitrag direkt, Stabsfunktionen eher indirekt. Dafür – und das ist ja das Problem – machen Stäbe mit ihrer eher konzeptionell/strategisch ausgerichteten Aufgabenstellung dem jungen, noch „universitätsbeeinflussten“ Menschen mehr Spaß. Er arbeitet für höchste Stellen im Unternehmen, schwebt ein bisschen über den Niederungen des profanen Arbeitsalltags – und schwupps sind zehn Jahre vergangen.

Einmal abgesehen von dem denkbaren Zufall, dass Ihnen nun doch noch intern der Wechsel in die Linie gelingen könnte, gilt: Extern hätten Sie bei Bewerbungen um Linienfunktionen kaum eine Chance. Und damit entfällt das „zweite Bein“, das jeder Angestellte braucht, um sicher „stehen“ zu können (Sie müssen nicht nur intern einen guten Job haben oder Chancen auf einen solchen, Sie müssen sich auch problemarm jederzeit auf dem Arbeitsmarkt entsprechend durchsetzen können).

 

Fazit: Alles ist gut – nur Ihre bisher so lange mitgeschleppte Zielsetzung „Linie“ ist nicht mehr passend. Ändern Sie diese, passen Sie sie den Gegebenheiten (zehn Jahre anderweitige Praxis!) an und suchen Sie in- oder extern eine adäquate Aufstiegsposition in der Kombination „fachlich hoch anspruchsvoll“ und „wenigstens mittelgroße Führungsverantwortung“.

Beispiele für solche Zielpositionen:

  • Projektleiter in einer großen Unternehmensberatung,
  • M&A-Leiter in einem größeren Unternehmen,
  • Leiter Konzern-/Unternehmensplanung etc.,
  • größere Aufgaben bei anderen Investoren (Gesellschaften nach Art Ihres vorigen Arbeitgebers).

Ich würde die „Linie“ aufgeben und mich dort engagieren, wo ich in mehr als zehn Jahren engagierter Tätigkeit Erfolge nachweisen kann. Auch dort sind anspruchsvolle Karrieren möglich, z. B. zum Partner oder Manager einer Beratung oder bis in die zweite Führungsebene eines Konzerns. Nur der Konzernvorstand oder der GF im Mittelstand dürften Ihnen verschlossen bleiben.

Bei der Gelegenheit: Individuelle Zufriedenheit ist der Güter höchstes. Die erreicht man, wenn man bekommt, was man wollte. Der Schlüssel liegt in diesem Satz:ICH MUSS MÖGLICHST VIEL VON DEM BEKOMMEN, WAS ICH WILL.Die meisten Menschen nun verschleißen sich bei dem Versuch des Bekommens – ein schwieriges Unterfangen. Viel mehr können Sie erreichen, wenn Sie das, was Sie wollen, Ihren Möglichkeiten anpassen. Natürlich ist auch das nicht ganz einfach. Aber wir sind Menschen, wir haben einen beeinflussbaren Willen. Uns ist es gegeben, die Vernunft einzusetzen, um unsere Ziele zu variieren. Nutzen wir diese Chance!

Kurzantwort:

Wenn mehr als zehn Berufsjahre und drei Arbeitsverhältnisse ins Land gegangen sind, ohne dass der anfangs eher simple Laufbahnwechsel vom Stab in die Linie gelungen ist, dann ist es an der Zeit, die Zielrichtung den weiteren Möglichkeiten entsprechend zu ändern.

Frage-Nr.: 2208
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-04-09

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