Ich bin gut, aber „Spätzünder“ – und das belastet mich

Ich kann die von Ihnen angesprochene latente Unsicherheit bei „Spätzündern“ bestätigen. Ich habe mich nach einem Abitur mit 3,0 (Hauptfächer Mathe, Physik; Abschlussprüfungen waren sehr schlecht) während des TU-Studiums im Vordiplom auf 2,5 und schließlich im Diplom auf 1,2 gesteigert. Ihre Serie habe ich seit dem Hauptstudium verfolgt. Derzeit promoviere ich an der TU … Ich bin 24 Jahre alt.Haben Sie einen Tipp, wie man dieser Unsicherheit entgegen wirken kann? Gibt sich das während der Promotion oder zieht sich das bis ins Berufsleben?Abschließend würde ich gern noch Ihre Meinung hören: Soll ich während der Promotion, praktisch nebenbei, an der Uni noch den MBA machen? Dies wurde mir während meiner Bewerbungsphase von einem Abteilungsleiter im Hinblick auf spätere Managementfunktionen in Unternehmen empfohlen. Der Vollzeitstudiengang an meiner TU dauert drei Semester und kann bis auf fünf Semester gedehnt werden. Wie interpretiert das der spätere Arbeitgeber, insbesondere wenn die Abschlussnote dann nur durchschnittlich ist?

Antwort:

Ein Vordiplom mit 2,5 ist nach den vielen Unterlagen, die von Managern vorgelegt werden, ziemlich „normal“ und – im Hinblick auf die dann erwartungsgemäß deutlich besser ausgefallene Endnote – keiner weiteren Überlegung wert. Zusätzlich gilt der Grundsatz: Wer ein Hauptdiplom hat (Sie haben), sollte bei späteren Bewerbungen kein Vordiplomzeugnis mehr beifügen. Aber mindestens eine Universität in Deutschland ist so „boshaft“, die Vordiplomnote „fürs Leben“ unübersehbar auf das Enddiplom zu übertragen. Aber selbst dann gilt: Ein deutlich schlechteres Vordiplom ist so „normal“, dass Ihnen später in der Wirtschaft kaum jemals jemand daraus einen Vorwurf macht (abweichende Einzelfälle sind immer möglich).Also erster Teil der Problemlösung: Vergessen Sie das Vordiplom, es ist überhaupt kein Problem.Bleibt das Abitur. 3,0 ist wirklich nichts, worauf man stolz sein könnte. Nun waren Sie damals 18 oder 19 Jahre alt – wenn Sie eines Tages fertig promoviert in der Industrie antreten, dann gilt etwa:“Ich habe eine sehr gute Note auf der Promotionsurkunde. Meine Diplomnote ist 1,2. Ich bin einigermaßen intelligent, ziemlich leistungsstark, fachlich irgendwo sehr gut. Das Leben liegt vor mir. Mir gehört die Welt. Und wenn nicht mir, wem dann? Abitur? Habe ich auch irgendwo, klar. Ist zehn Jahre her. Mein Gott, wie habe ich mich seitdem entwickelt und verändert. Schön, es hat mich Anstrengungen gekostet, vom damaligen Leistungstief auf Einser-Niveau zu kommen. Wünschte, ich hätte damals schon den Leistungsbezug im Denken und Handeln gehabt. Habe einen hohen Preis dafür gezählt – wer erst unten fliegt, muss mehr Energie aufbringen, um ‚auf Höhe“ zu kommen als derjenige, der nach dem Schulstart schon in den unteren Klassen des Gymnasiums hochzog und immer oben blieb. Nun, man lernt dazu.“Das sollen Sie denken, andeutungsweise(!) im Gespräch anklingen lassen – aber das dürfen Sie niemals schriftlich von sich geben (und mündlich auch nicht wörtlich).Nun, es kommt noch besser: Eine Promotion „adelt“ ein bisschen. Kann ja nicht ganz dumm sein, der Mann. Wenn dann noch tolle Noten auf der Promotionsurkunde und dem Diplom stehen: Was brauchen wir dann noch ein Abitur zu sehen? Klar hat der eines. Und heute ist er toll. Vielleicht hatte er „damals“ nur eine 2,0 und schämt sich jetzt ein bisschen. Was solls?Eigentlich steht nirgendwo geschrieben, dass ein promovierter Bewerber zwingend und kompromisslos sein Abitur beweisen und belegen muss. Sagen wir es so: Die Ausbildungsqualifikation, die ja für Intelligenz, geistige Beweglichkeit, Fleiß + Einsatz steht, sieht man schon ganz gern durch zwei Dokumente abgesichert (z. B. Diplom + Abitur beim Anfänger ohne Promotion). Bei Vorliegen einer Promotion gibt es ja schon zwei notenbehaftete Dokumente (Dipl.- und Dr.-Urkunde).Vielleicht fragt man im Vorstellungsgespräch danach. Dann sagt der Einser-Mann (Diplom + Promotion) selbstbewusst-lächelnd: „Ein bei mir eher dunkles Kapitel. Geprägt von anderweitigen Interessen. Mädels, Fußball, Sie wissen schon. Der Kick kam bei mir erst später.“ Das nimmt man ihm ab.So, damit haben wir Ihr zentrales Problem zumindest „technisch“ gelöst: Sie fügen der späteren Bewerbung weder ein Zeugnis über das Vorexamen, noch über das Abitur bei. Natürlich weiß der gewiefte Leser dann, dass Sie kein Einser-Abi haben – die Ex-Schüler mit Super-Abi legen das Zeugnis immer bei.Was Ihr Selbstbewusstsein angeht, bin ich in letzter Konsequenz nicht zuständig (des Deutschen liebste Ausrede überhaupt): Aber ich könnte Ihnen immerhin versichern, dass für Unsicherheiten bei Ihrem jetzt erreichten Status überhaupt kein Grund besteht. Sie sind ein ganz anderer Mensch als jener junge Mann, der damals im Abitur irgendwie „daneben“ lag. Und: Tatsächlicher Erfolg in Promotion und Beruf hilft beim Aufbau eines Selbstbewusstseins. Schauen Sie nach vorn!Aber Achtung: Sie werden nie alles können! Jeder von uns hat Schwächen, z. T. gravierende. Je heller das Licht, desto dunkler die Schatten – ein physikalisches Gesetz. Wollen Sie ein Beispiel: Ich leide eigentlich eher weniger an Minderwertigkeitsgefühlen – in meinem Metier. Aber ich bin völlig außerstande, mir beispielsweise Zugang zu einer finnischen Autobahntoilette zu verschaffen. Und das nicht etwa nur, weil ich kein Finnisch kann (diese Schwäche teile ich ja mit der Mehrheit der Menschen weltweit.) Aber es hieß in der Zeitung, zu jenen „Häuschen“ in Finnland fände man in Zukunft ausschließlich Zugang, wenn man mit seinem Handy eine SMS an eine an jeder Tür stehende Adresse sende. Kann ich nicht! Ich habe noch nie eine SMS geschickt und habe nicht die geringste Vorstellung, wie das wohl gehen mag. Bleibt nur der Trost, dass bei so dunklen Schatten das „Licht“ eigentlich sehr hell sein müsste.Also nehmen Sie die Dinge nicht so ernst. Das Berufsleben hat viel von einem ganz großen, sehr komplexen Spiel, etwa wie Monopoly. Man gewinnt, man verliert, das ist unausweichlich. Und selbst der beste Schüler gewinnt nicht immer, höchstens öfter als andere. Eine gewisse „Leichtigkeit des Seins“ ist hilfreich.Und jetzt hat man Ihnen eingeredet, Sie müssten auch noch ökonomische Kenntnisse haben. Das ist richtig, war aber Gift für Ihre Psyche. Nun wälzen Sie Pläne, befürchten schlechte Noten – Stress pur, und Sie haben mit dem MBA noch nicht einmal angefangen. Prüfen Sie zunächst einmal, wie viele Dr.-Ingenieure nebenbei einen MBA haben. Dann lesen Sie Stellenanzeigen und schauen, in wie vielen Fällen Dr.-Ingenieure zwingend mit MBA gesucht werden. Und danach werden Sie bitte viel ruhiger.Aber ich will Ihnen das nicht ausreden. Weil Menschen wie Sie noch in zwanzig Jahren dazu neigen, „hätte ich doch damals bloß …“ zu sagen und jede denkbare Niederlage auf jene fehlende Qualifikation zurückzuführen.Also tun Sie es ruhig. Wobei ich zwei Empfehlungen gebe:1. Es muss sichergestellt sein, dass Sie Ihr derzeitiges Primärziel, die Promotion, nicht gefährden, schon gar nicht hinsichtlich der Note und Dauer.2. Achten Sie einmal nicht auf die MBA-Noten dabei. Dies ist für Sie nur ein Nebenkriegsschauplatz. Riskieren Sie ruhig ein schwächeres Ergebnis.Und dann tun Sie etwas für einen Deutschen schlicht Ungeheuerliches: Sie machen Ihren Dr.-Ing., reden (in Bewerbungen) natürlich darüber, haben Ihren schwächeren MBA und reden gar nicht über den! Sie bewerben sich als Dr.-Ing. – und haben Ihre „ökonomischen“ Kenntnisse heimlich im Gepäck. Für alle Fälle. Einfach so. Das MBA-Studium taucht auch im Lebenslauf nicht auf.Für die Einstiegsposition nach der Promotion reicht dieselbe, mehr verlangt niemand (viele Konzernvorstände haben nicht mehr an Universitäts-Zertifikaten). Und alles, was Sie beim MBA-Studium gelernt haben, speichern Sie auf Abruf. Und eines Tages glänzen Sie damit – die Chance kommt. Und Sie haben diese Kenntnisse, brauchen sich aber niemals für Ihre schlechte Note zu schämen (was unsinnig wäre bei einem berufsbegleitenden Zusatzstudium, was Sie aber tun würden).Das Prinzip dahinter: Wir verlangen bei der Besetzung einer Position eine Gesamtqualifikation. Die wollen wir nachgewiesen sehen, z. B. durch Examenszeugnis und Dr.-Urkunde. Und dann erwarten wir Zusatzkenntnisse. Bei denen reicht es, sie zu haben und im Vorstellungsgespräch sowie beim täglichen Arbeiten den „Anschein-Beweis“ führen zu können.Also stürzen Sie sich mutig hinein in das „Spiel des Berufslebens“! Und viel Erfolg dabei.

Kurzantwort:

Ein gesundes Selbstbewusstsein ist ein wichtiger Erfolgsbaustein bei der Karrieregestaltung. Unnötige Zweifel an sich selbst sind ebenso schädlich wie ein „Ich bin der Größte“ ohne erkennbare Basis dafür.
Frage-Nr.: 2202
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2008-03-19

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