Heiko Mell

Startposition Geschäftsführer?

Ich bin Anfang 30 und habe an einer Universität Ingenieurwissenschaften und BWL mit dem Diplom abgeschlossen. Im Anschluss daran habe ich an einem größeren Institut dieser Uni als Assistent angefangen und in diesem Kontext mehrere Projekte mit Firmen durchgeführt bzw. geleitet. Inzwischen bin ich als Oberingenieur dort tätig und sowohl für den administrativen Bereich als auch die fachliche und disziplinarische Leitung eines größeren Teams von Ingenieuren zuständig. Weiterhin habe ich kürzlich meine Promotion mit Auszeichnung abgeschlossen.

Im Rahmen meiner Tätigkeit habe ich nun bereits diverse Angebote von Firmen erhalten (von KMUs, also kleinen und mittelständischen Unternehmen, ebenso wie von Konzernen).

Unter anderem ist mir angeboten worden, die technische Geschäftsführung gemeinsam mit einem zweiten sehr erfahrenen Geschäftsführer zu übernehmen. Es handelt sich um ein Technology Venture Unternehmen (finanziert aus einem Technology Fund eines Großkonzerns). Es wird mit 20 Mitarbeitern starten und erhält eine mehrjährige Finanzierungszusage. Wobei das Risiko relativ hoch ist, da es sich um eine innovative Technologie handelt, die noch eine längere Entwicklungsphase benötigt, bevor die Marktfähigkeit abschließend beurteilt werden kann.

Die Aufgabe reizt mich schon, ich fühle mich ihr auch gewachsen. Ich habe allerdings Bedenken, dass ich mich mit diesem Schritt auf kleine Unternehmen festlege und schlechte Chancen habe, danach in einen Konzern zu wechseln. In meiner Vorstellung war ich immer davon ausgegangen, in einem Konzern zu arbeiten und nicht im Mittelstand.

Wie würden Sie meine Chance beurteilen, nach mehreren Jahren in der Geschäftsführung eines Quasi-Start-ups in einen Konzern zu wechseln?

Antwort:

Kritisch, aber damit will ich Sie nicht abspeisen.

1. Was geht da eigentlich vor? Ein Konzern hat in seiner „Pipeline“ (oder in meiner Muttersprache: als „Eisen im Feuer“) ein neuartiges Technologie-Konzept, noch längst nicht serienreif, aber es könnte etwas daraus werden. Baute man jetzt innerhalb der klassischen Riesenorganisation dafür eine neue Abteilung auf, hätte das zwei Nachteile:

a) Wenn es schief geht, war es ein mit dem Namen des Konzerns verbundenes Scheitern (geht es gut, waren es natürlich „wir“);

b) die Bürokratie des Konzerns, die auf 100.000 Mitarbeiter und Milliarden-Umsätze ausgerichteten Abwicklungsvorschriften und Genehmigungsvorgänge, ersticken solch ein „junges Pflänzchen“ mit großer Gewissheit. Entsprechende Erfahrungen gibt es zur Genüge.

Also findet man zu Lösungen wie Sie sie beschreiben.

 

2. Die Frage lautet zunächst nicht: „Wie komme ich aus der GF später in einen Konzern?“, sondern viel profaner: „Überlebe ich überhaupt auf dieser Position?“ Selbst Sie schreiben von längeren Zeiträumen, bis wenigstens die Marktfähigkeit des Produkts „beurteilt“ werden kann. Sie können also technisch scheitern – aber Sie können auch den technischen Durchbruch schaffen, jedoch der Markt will das Produkt nicht oder Sie sind zu teuer mit Ihrem Herstellungsverfahren. Dann sind Sie ein GF mit einer Niederlage im Gepäck, der sich bewirbt, weil „seine“ Firma sang- und klanglos beerdigt wurde. Das macht Sie dann nicht gerade zu einem „Überflieger“ auf dem Arbeitsmarkt.

 

3. Auch wenn Sie Erfolg als GF hätten, wäre der spätere Weg in die Konzernkarriere äußerst schwierig bis unwahrscheinlich. Es gilt die Regel: Kein Rangverlust beim Wechsel. Und Sie wären dann GF gewesen. Als was sollte der nächste Konzern Sie einstellen? Als Vorstand wird er es nicht wollen, als Abteilungsleiter will man keine Ex-Top-Manager (auch wenn „Ihre“ Firma klein ist: GF ist GF ist Top-Manager). Bliebe höchstens eine andere GF-Position bei irgendeiner Konzern-Tochter.

 

4. Halten wir uns das Prinzip vor Augen: Ein GF ist Organ des Unternehmens, hat Sitz und Stimme im höchsten Entscheidungsgremium des Unternehmens, trägt Verantwortung für die unternehmerische Strategie, für Umsatz und Ertrag, für das Einhalten diverser Vorschriften und Regelungen (von der Steuer über den Umgang mit Betriebsräten bis hin zum Unfallschutz oder der Insolvenzverschleppung; lesen Sie im Zweifelsfall Bücher wie „Rechte und Pflichten des GmbH-Geschäftsführers“). Ein GF hat die Spitzenfunktion der Angestellten-Karriere erreicht. Das gilt auch dann, wenn die Gesellschaft klein ist.

Ist das der ideale Job für einen Berufsanfänger? Denn das sind Sie weitgehend – Erfahrungen am Institut und in Einzelprojekten für die Industrie hin oder her. Man soll nicht direkt nach der Grundausbildung (und auch nicht direkt nach der Offiziersschule) General werden. Das Durchlaufen der üblichen „Ochsentour“ von ganz unten bis weit nach oben hat auch seine Vorteile. Es vermittelt wertvolle Erfahrungen, unterstützt einen fundierten Lernprozess, fördert ein allmähliches Reifen der Persönlichkeit. Das alles gilt auch für den fachlich-technischen Part, den Sie zu bewältigen hätten, vor allem aber für die Führungsrolle nach innen sowie die des Gesprächs- und Verhandlungspartners nach außen.

 

5. Es gibt in diesem Bereich von Beruf, Bewerbung, Karriere kein sicheres „Ja“ und ebenso kein garantiertes „Wird schief gehen“ zu irgendeiner Idee – und sei sie noch so ausgefallen. Nie sind Chancen irgendwo absolut nicht vorhanden, niemals scheitern 100 von 100, die etwas versuchen. So ist es auch hier durchaus möglich, dass dies die ganz große Chance Ihres (beruflichen) Lebens darstellt. Dass Sie Erfolg haben mit Ihrem Projekt, dass sich das alles auch noch gut verkaufen lässt und allen Beteiligten – so auch Ihnen – im geldgebenden Konzern Ruhm und Ehre sowie große Karrierechancen einbringt. Es lässt sich nur nichts über die Wahrscheinlichkeit einer solchen Entwicklung sagen. Und die Übernahme derart großer Risiken passt nicht recht ins Berufsbild eines Angestellten. Dort spielt in der Regel eine zumindest halbwegs gegebene Sicherheit eine recht große Rolle.

 

6. Vergessen Sie nicht: Wer Ihnen in einer Marktwirtschaft etwas anbietet, hat sein Wohl im Auge, nicht Ihres. Dass jenes Unternehmen Ihnen dies anbietet, heißt nicht, dass die Annahme gut für Sie wäre, ja es ist nicht einmal ein Beweis dafür, dass Sie das könnten. Es unterstreicht höchstens, dass diese Leute hoffen, Sie würden ihr Problem lösen. Eine Annahme des Angebots müssten Sie ganz allein verantworten.

Kurzantwort:

1. Der am Institut frisch promovierte Akademiker ist in den Augen der Industrie noch kein Bewerber mit solider (z. B. fünfjähriger) Berufserfahrung. Er gilt als eine Art „Edel-Anfänger“.

2. Geschäftsführer-Jobs sind keinesfalls ideal (vorsichtig gesagt) für Berufsanfänger, auch nicht für „edle“. Das hat auch mit dem noch nicht abgeschlossenen Reifeprozess der Persönlichkeit zu tun.

Frage-Nr.: 2180
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 51
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-12-14

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