Heiko Mell

Karriere: geplant oder offen für Risiken und Umwege?

Als langjähriger Leser Ihrer Karriereberatung, der viele Hinweise für die eigene Karriere erhielt, wage ich es heute, Ihre Empfehlungen durch einen Aspekt zu ergänzen. Viele erfolgreiche Karrieren sind auch durch „genutzte Chancen oder Gelegenheiten“ geprägt.

In Ihrer Antwort auf Frage 2.158 (Prägung durch Startposition) empfehlen Sie, den geraden Weg nach „Hamburg“ zu suchen. Sie hatten mir dies vor Jahren (Frage 521) auch persönlich empfohlen. Ich habe mich dann nicht ganz daran gehalten und die Gelegenheit zu weiteren Beförderungen bis in die Geschäftsleitungsebene der ersten Firma genutzt, was zu einer Risiko-Dienstzeit von siebzehn Jahren dort führte. Erst dann nutzte ich die von einem Personalberater gebotene Chance zu einem Wechsel und bin nun seit sieben Jahren Geschäftsführer, erst in einer weltweit bekannten Anlagenbaufirma und nun bei einem Anlagenbetreiber.

Um in Ihrem Bild zu bleiben: Das Ziel muss man zweifelsohne im Blick haben („Hamburg“ = technischer Geschäftsführer), aber manchmal ergeben sich Gelegenheiten für einen Wechsel des „Karriere-Fahrzeugs“, die einen schneller oder sicherer befördern. Dabei kann unter Umständen sogar ein Umweg (=Branchenwechsel) oder ein Karriererisiko (= lange Dienstzeit bei einem Arbeitgeber) weniger ins Gewicht fallen. Die Verinnerlichung der meisten Ihrer Hinweise ist allerdings unerlässlich, sonst kann man solche Chancen nicht nutzen. Man muss das Risiko kennen, wenn man im bewussten Einzelfall auch einmal einen Ihrer Ratschläge gezielt ignoriert.

Ich bin gespannt, ob Sie eine solche Abweichung von der reinen Lehre auch öffentlich zulassen. Manch einer Ihrer Leser, der gegen eine der Regeln bereits sichtbar verstoßen hat, könnte dann die Hoffnung haben, dass auch für ihn noch Gelegenheiten kommen können, die eigene Karriere zu entwickeln.

Mit freundlichen Grüßen und der Bitte, die Karriereberatung im gewohnten Sinne fortzusetzen, herzlichst Ihr …

Antwort:

Ich lasse (die von Ihnen ins Spiel gebrachte Abweichung von der „reinen Lehre“ zu). Nicht aus ungewohnter Großzügigkeit, sondern weil Ihr Hinweis natürlich völlig berechtigt ist – die dahinter stehende Erkenntnis hat sich auch in vielen Hinweisen und Aussagen von mir niedergeschlagen. Denn es ist zweifelsfrei so, dass es- auch schon vor dieser Karriereberatung und vor dem Erscheinen anderer Bücher und Beiträge eindrucksvolle Karrieren gegeben hat und- auch heute noch Menschen gibt, die gegen fast alle (oder doch viele) Regeln verstoßen und dennoch nach oben kommen.

Dies ist, ich betone es stets, keine exakte Wissenschaft, ich arbeite mit Durchschnittswerten, bewährten Empfehlungen und ich versuche, bei vielen Menschen wenigstens das Schlimmste zu verhüten. Wenn es mir gelingt, die Quote der „dramatisch“ Gescheiterten von 20 auf 10 % zu drücken, den Anteil von 10 % der in Karrierefragen Erfolgreichen auf 15 % zu heben und in der Mitte viele, die auf der Kippe stehen, auf die positive Seite zu hieven, dann bin ich zufrieden.

Eines der Probleme, vor denen ich stehe, ist die ungeheure Heterogenität der lesenden Zielgruppe. Dazu gehört der nur sehr begrenzt ehrgeizige, mit mäßigem Erfolg (Noten) ausgebildete Ingenieur, der Standort und Freizeit auf Nr. 1 setzt, ebenso wie der wissenschaftlich ausgerichtete, promovierte Einser-Kandidat mit unbegrenzten Ambitionen. Einer will bloß als Sachbearbeiter im Mittelstand nicht arbeitslos werden, der andere will den Altersrekord für den Aufstieg ins Top-Management eines internationalen Konzerns brechen. Hinzu kommen die höchst unterschiedlichen persönlichen und familiären Verhältnisse.

Dann gibt es noch höchst unterschiedliche Gegebenheiten bei den einzelnen Arbeitgebern und Vorgesetzten – und alle denkbaren Kombinationen unterschiedlicher Arbeitgeber- und Mitarbeitertypen müssen halbwegs Erfolg versprechend sein.

Da ist es schon logisch, dass man bei praktisch jeder einzelnen Regel dazusagen kann: Es geht mitunter auch anders. Aber: Wenn eine große, bunt gemischte Gruppe von zehn Hauptregeln acht grob missachtet, dann werden 60 bis 75 % aus dieser Gruppe keine besonders eindrucksvolle Berufslaubahn aufzuweisen haben. Einer von denen kann aber immer noch Geschäftsführer werden.

Wer sehr begabt ist (wofür auch immer), eine starke Persönlichkeit, einen sehr ausgeprägten Willen und besonderes Stehvermögen hat, kann ohnehin sehr viel laxer mit Standardregeln umgehen als andere.Mein sehr bewährtes Beispiel für diese Frage: Dichter Nebel auf der Autobahn ist gefährlich. Äußerste Vorsicht und langsames Fahren sind angesagt. Ein Durchbrettern mit Vollgas ist mit höchstem Risiko verbunden. Vor allem für den Durchschnittsfahrer, besonders für Neulinge, ältere Menschen etc. Aber: Es ist möglich, dass ein sehr versierter Fahrer dennoch Vollgas gibt, dadurch seinen enorm wichtigen Termin einhalten kann (z. B. das einmalig interessante Vorstellungsgespräch bei dem Chef des größten Konzerns der Branche) und noch seinen Enkelkindern erzählt, nur weil er damals gegen alle Regeln gefahren sei, wäre er heute Vorstandsmitglied. Beweist das etwas? Ja. Es geht im Einzelfall durchaus auch anders – aber wenn tausend Leute so handeln, bekommt ein hoher Prozentsatz davon gewaltige Probleme, wie die Autobahnpolizei bestätigen kann.

Und so gibt es – das wollten Sie lesen – sowohl Menschen, die anscheinend alle Regeln befolgen und dennoch erfolglos bleiben, als auch solche, die maßgebliche Ratschläge missachten und damit nicht nur durch-, sondern an die Spitze kommen.

Als pauschale Empfehlung für die Mehrzahl der Leser gilt aber: Sie sollten die Regeln in jedem Fall kennen – und mit ihrer Anwendung/Befolgung sind Sie auf der sicheren Seite. Natürlich fliegt nicht jedes Pulverfass, neben dem man mit Feuer hantiert, gleich in die Luft. Aber wer so vorgeht, sollte zumindest wissen, dass er gerade ein sehr, sehr großes Risiko eingeht (was in bestimmten Situationen auch seinen Reiz haben kann). Fatal ist nur, wenn der Feuermacher gedacht hat, Pulver explodiere nur in Kanonenrohren oder etwas in der Art.

Und wer in seinem Berufsweg Abweichungen von oder Übertretung der Regeln feststellen muss, kann sich damit trösten, dass es keine absolute Misserfolgsgarantie gibt. Niemals gibt es „garantiert keine Chance mehr“, niemals ist „alles aus“. Irgendwo ist immer ein Bewerbungsempfänger, der eine bestimmte Regel bewusst ignoriert – oder nie davon gehört hat. Die Wahrscheinlichkeit jedoch …

PS: Und wenn der Headhunter Sie damals nicht „abgeworben“ hätte? Wären Sie dann auch GF geworden?

Frage-Nr.: 2169
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-11-02

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