Heiko Mell

Loyalität contra externer Chance

Frage/1: Wie Sie meiner beiliegenden Kurzbiografie entnehmen können, habe ich mich stetig weiterentwickelt. Insbesondere im derzeit angestellten Unternehmen.

Frage/2: Ich bin dort seit ca. fünf Jahren tätig und wurde nicht nur im Rahmen von in- und externen Trainings gefördert, sondern auch vom Produktions- zum Werkleiter entwickelt. Meinem derzeitigen Vorgesetzten habe ich vieles zu verdanken. Der Job macht mir Spaß, ich genieße in unserer Division eine hohe Reputation.

Nun habe ich ein externes Angebot erhalten, ebenfalls von einem internationalen Unternehmen. Man bietet mir die Leitung eines sehr(!) viel größeren Werkes, allerdings wäre damit ein Branchenwechsel verbunden.

Rational wäre das die logische Weiterentwicklung meines bisherigen Werdeganges (Umzug mit Familie wäre kein Problem).Parallel dazu bietet man mir jetzt auch intern die Leitung zweier Werke an, auch das wäre eine Weiterentwicklung. Tenor: „Man setzt auf mich, und ich gehöre zum Team.“

Das externe Angebot wäre aus meiner Sicht der größere Sprung, auch finanziell. Zu dem Branchenwechsel käme allerdings noch das Problem der Loyalität meinem derzeitigen Chef gegenüber.

Ein Kommentar aus Ihrer Sicht würde mich in der Entscheidungsfindung unterstützen.

Antwort:

Antwort/1:

Manchmal wache ich schweißgebadet aus einem nächtlichen Albtraum auf: Ich betrachte aus der Rückschau mein Lebenswerk und frage mich, was den Menschen davon im Gedächtnis geblieben ist. Und dann murmelt eine Stimme aus dem Hintergrund: „Das war doch der verhinderte Oberlehrer, der immer jedem kleinen, unbedeutenden Schreibfehler nachgegangen ist.“ Ich werde tapfer sein und das riskieren – weil, ich kann nicht anders (das haben Größere schon vor mir gesagt; außerdem gebraucht man „weil“ in dieser Verbindung so nicht – aber ich will halt mein Image verbessern und auch einmal etwas Originelles schreiben).

Also, geehrter Einsender: „… im derzeit angestellten Unternehmen“, das stellt die Welt arg auf den Kopf. Das Unternehmen ist nicht angestellt und schon gar nicht bei Ihnen, vergessen Sie das bloß nicht. Richtig wäre etwa: „… in dem Unternehmen, bei dem ich derzeit angestellt bin.“Und schon droht ein neuer Albtraum (mir, Ihnen weniger).

Ernsthaft: Jedes Vorstandsmitglied und jeder sonstige höhere Vorgesetzte, der so etwas als Vorlage auf den Tisch bekommt, „zuckt“, wenn er das liest. Oder er schaut, als hätte er auf eine Zitrone gebissen.

Sie, geehrter Einsender, verstehen sicher, dass ich Sie hier nur als passendes – schlechtes – Beispiel missbrauche. So böse meine ich das konkret gar nicht.

Ach ja; Ihre „Schlüsselkompetenzen“ lt. Lebenslauf sind auch nicht „Verantwortungsbewusst – Methodisch – Zielorientiert“, sondern entweder „Verantwortungsbewusstsein, Methodik, Zielorientierung“ oder „verantwortungsbewusstes, methodisches, zielorientiertes Vorgehen“. Weil eine „Kompetenz“ nur ein Hauptwort sein kann.

Nun, man lobt sich als Bewerber eigentlich überhaupt nicht selbst. Aber gegen entsprechende Bewerbungshandbücher ist kaum ein Kraut gewachsen. Da fällt mir ein, auch ich als Serienautor könnte mich doch gelegentlich (so einmal im Monat?) selbst charakterisieren, lobend natürlich. Hätten die Leser da nicht Freude dran? Ich könnte etwa unter mein Foto schreiben (beispielsweise) „gutaussehend, geistreich, ganz große Klasse“. Oder so. Merke: Bewerbungsleser sind auch bloß Menschen, die ähnlich denken wie Zeitungsleser es würden.

 

Antwort/2:

Sie sind Ende 30 und haben viel erreicht, meinen Glückwunsch dazu. Sie haben früh die Fertigung als Ihr Fachgebiet entdeckt und sich jetzt zum ertragsverantwortlichen Werkleiter im internationalen Konzernverbund entwickelt. Sie harmonieren mit Ihrem Chef. Und jetzt bietet man Ihnen intern sogar zwei Werke an (offenbar zwei neue, wenn ich es recht verstehe).

Bedingt durch verschiedene, durchaus „seriös“ erscheinende Umstände, waren Sie bei Studienbeginn und (zwangsläufig) -ende schon relativ alt. Menschen dieser Kategorie gehen mitunter sehr überlegt an ihre Berufsgestaltung heran und zeichnen sich vor allem in den ersten Jahren durch besondere Reife und Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung aus. So offenbar auch Sie. Der erkennbare Gewissenskonflikt, in den Sie das externe Angebot gestürzt hat, zeichnet Sie ebenfalls aus, zumindest im Bereich Persönlichkeit (was im Hinblick auf Erfolgsmaximierung auch ein Klotz am Bein sein kann – jede Medaille hat halt zwei Seiten).

Eigentlich wäre alles gut, ja sehr gut – gäbe es da nicht die an Sie herangetretene oder besser getragene Versuchung. Die reizvoll ist, sonst wäre sie keine.

Natürlich ahnen Sie es schon: Es gibt keine eindeutige Empfehlung in einem solchen Fall. Aber ich kann Aspekte klar herausarbeiten, Sie müssen diese dann individuell bewerten. Dabei spielen „Bauchgefühle“ eine große Rolle, mit rationalen Überlegungen allein kommen wir kaum weiter.

1. Beginnen wir mit Ihrer zentralen Überlegung, der Loyalität. Was ist das überhaupt? Tatsächlich findet sich im Fremdwörterduden eine absolut passende Erklärung: loyal ist u. a. jemand, der zum Vorgesetzten steht, die Interessen anderer achtet, vertragstreu, anständig und redlich ist.

So zu sein, ist schon sehr, sehr schön. Aber im Bereich der Karriere in Wirtschaftsunternehmen, die in einem kapitalistischen System operieren, eigentlich nicht mehr so ganz zeitgemäß. Das klingt hart, entspricht aber der Realität.

Beweise? Der Vorgesetzte ist Vertreter des Arbeitgebers. Höchste, mächtigste Institution auf Arbeitgeberseite ist der Gesellschafterkreis. Beispielsweise die Aktionäre. Und was tun diese gemeinhin? Wenn jemand ihnen einen Euro mehr pro Aktie bietet, stoßen sie den ganzen Laden ab, mitsamt allen Angestellten und Werkleitern. Eine Loyalität von oben nach unten bei Konzernen ist, vorsichtig gesagt, selten. Bei vielen Mittelständlern im Familienbesitz sieht das anders aus, das nützt uns hier aber nichts.

Für Sie als karriereinteressierten Manager müsste in diesem Punkt also gelten: Maximieren Sie Ihren Vorteil, tun Sie, was Ihnen nützt, bewegen Sie sich im Rahmen der Vertragstreue – und dann hat es sich. Die „andere Seite“ tut es auch.Ihr Chef, dem Sie sich verpflichtet fühlen, geht vielleicht morgen selbst zu einem anderen Unternehmen oder wird von diesem hier entlassen oder intern wegbefördert. Und meinen Sie, der würde bei seinen Planungen auf Sie und die anderen seiner Mitarbeiter so viel Rücksicht nehmen wie Sie es Ihrerseits erwägen? Na also. Und was würde der Vorstand denken, erführe er, Ihr Chef würde ein gutes Angebot nur aus Rücksicht auf „seine Leute“ ablehnen? „Sozialromantiker, der Kerl“ oder etwas in der Art.

Also glauben Sie bloß nicht, Ihre Loyalität würde Ihnen jemand danken. Ihr Chef könnte es schon deshalb nicht, weil Sie ihm von Ihrem Angebot und Ihrer tapferen Absage gar nichts sagen dürften! Wie sollte das denn auch gehen: „Chef, ich hatte da ein tolles, finanziell besseres Angebot, bin aber Ihretwegen geblieben.“ Wie klingt denn das? Dadurch würde sich der Chef Ihnen gegenüber nur (unangenehm) verpflichtet, ja moralisch unter Druck gesetzt fühlen. Nein, wenn Sie loyal im Sinne von anständig sein wollten, dann müssten Sie es auch noch heimlich tun. Wenn Sie drüber reden, sind Sie im strengsten Sinne nicht mehr loyal.

 

2. Nun zu den Sachargumenten:

2.1 Das neue externe, an Sie herangetragene Angebot beruht nicht auf einer soliden Planung Ihrerseits; weder der Zeitpunkt des möglichen Wechsels noch die Art der neuen Position fußen auf Ihren Überlegungen zur eigenen Laufbahn. Natürlich könnte zufällig alles passen – aber besonders wahrscheinlich ist das nicht. Also Vorsicht.

2.2 Die Substanz des externen Angebots enthält einige reizvolle Elemente, aber ein Dimensionssprung wäre damit nicht verbunden. Sie sind heute Werkleiter, bekommen ein zweites hinzu (oder zwei neue), das externe Angebot lautet auch „bloß“ auf Werkleitung, wenn auch mit mehr Mitarbeitern. Sie verlören die Bindung an die jetzt seit fast acht Jahren vertraute Branche, gingen damit ein zusätzliches Risiko ein:Wenn Sie die neue Position in der fremden Branche nach so etwa sechs bis achtzehn Monaten wieder verlassen müssten, stünden Sie ohne vernünftige Branchenbindung da – von der alten hätten Sie sich abgewandt, in der neuen hätten Sie sich nicht halten können.

Um diese Risiken zweifelsfrei auszugleichen, hätte das externe Angebot „mehr“ enthalten müssen, z. B. eine Position als technischer Leiter oder technischer Geschäftsführer eines Unternehmens.

2.3 Externe Angebote sind finanziell fast immer besser als die Situation beim internen Aufstieg. Das Prinzip: Man hat einen Manager mit 150.000 EUR p. a., der gern mehr verdienen möchte. Nun gibt man ihm etwa 160.000 EUR, mehr lehnt man ab. Der Mann ist enttäuscht und geht, man sucht extern einen neuen und stellt den für 185.000 EUR ein. Niemand findet etwas dabei, nur vielleicht der „alte“ Positionsinhaber, aber der erfährt vermutlich nicht, was sein Nachfolger verdient – und hat seine 185.000 EUR durch seinen Wechsel jetzt auch.

Fazit: Alle sind glücklich, auch zwei Personalberater/Headhunter, die an beiden Besetzungen verdient haben. Das Unternehmen hat insgesamt sogar noch Geld gespart dabei, aber das ist eine andere Geschichte.Nur, das haben viele Manager inzwischen erfahren: Geld ist nicht alles. Besser glücklich mit 160.000,- EUR als vielleicht unglücklich mit 185.000,- EUR.

 

3. Sie wollten meine Empfehlung, hier ist sie:Stellen Sie sich vor den Spiegel und fragen Sie sich, ob es Ihnen (nur Ihnen allein) etwas bedeutet, loyal zu sein. Wenn ja, nehmen Sie das trotz meiner zynischen (aber nach bestem Wissen richtigen) Empfehlung in Punkt 1 als gewichtiges Argument. Schließlich sollte man sich schon selbst treu bleiben. Dann werten Sie das externe Angebot. Es ist gut und attraktiv – aber wiegt das alle Risiken auf? Ich finde, das tut es nicht.

Fazit: Man wechselt, wenn man einen Grund dafür hat. Sie haben keinen, der alles überstrahlen würde. Bleiben Sie dort und sich treu. Das kann langfristig ein Fehler sein, aber Sie fühlen sich besser, auch wenn Ihnen Ihre Haltung vom System nicht (mehr) honoriert wird.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2167
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 43
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-10-26

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