Heiko Mell

Chaos nach Fusion

Wie Sie meinen beigefügten Unterlagen entnehmen können, habe ich mich nach zügigem Universitätsstudium mit Praktika und Auslandsaufenthalt entschieden zu promovieren. Ich wählte dazu ein großes Institut mit zahlreichen Industriekontakten.

Nach Abschluss dieser Phase entschied ich mich für eine Stelle als Entwicklungsingenieur bei einem mittelständisch geprägten, konzerngebundenen Unternehmen, mit dem ich schon im Institut Kontakt gehabt hatte. Obwohl ich an der Universität bereits Führungsverantwortung gehabt hatte, übernahm ich bewusst diese Stelle ohne Personalverantwortung. Ich wollte mir zunächst ein fachliches Fundament schaffen und habe die ersten zwei Jahre genutzt, die altgedienten Kollegen davon zu überzeugen, dass ich auch als promovierter Ingenieur fachlich gute Basisarbeit leisten kann. Ein entsprechendes Vorurteil bestand.

Nach zwei Jahren wurde mir die Leitung einer Entwicklungsabteilung übertragen. Als nach zwei weiteren Jahren ein Abteilungsleiterkollege in den Ruhestand ging, wurde mir vier Wochen vor seinem planmäßigen Ausscheiden die zusätzliche Leitung dieser Konstruktionsabteilung angeboten. Obwohl keine Einarbeitung mehr möglich war und ich kaum Konstruktionspraxis hatte, entschied ich mich dafür, diese Chance zu nutzen.

Etwa gleichzeitig wurde die Fusion unseres Unternehmens mit einer Konzernschwester einschließlich des Umzugs an einen anderen Standort bekannt. Ich sehe die Verschmelzung auch als Chance, da ich auf diese Weise nahezu die Erfahrungen sammeln kann, wie ich sie durch einen Arbeitgeberwechsel erlangen würde. Außerdem ist das neue Unternehmen deutlich größer – mit entsprechend besseren Karrierechancen. Bei einer Bewertung aller Führungskräfte erhielt ich ein gutes Feedback.

Im Rahmen der neuen Strukturen übertrug mein (alter und neuer) Vorgesetzter mir eine zentrale neue Position, wobei mir bisher gleichgestellte Abteilungsleiter mit deutlich größerer Erfahrung nun zu Gruppenleitern und mir unterstellt wurden. Eine Wahlmöglichkeit hatte ich nicht, meine Bedenken wegen fehlender Erfahrung wurden abgetan.

Die Fusion führte aber andererseits zu einer Abwanderung zahlreicher Know-how-Träger und zur Verunsicherung von Kunden (reduzierter Auftragseingang/Umsatz).

Durch den Verlust mehrerer Mitarbeiter ging viel Erfahrung in meinem Zuständigkeitsbereich verloren. Die Produktivität ist gesunken, ich bin mit Feuerwehraufgaben komplett ausgelastet. Für übergeordnete Arbeiten wie Marktstrategien und Neuentwicklungen, die ich eigentlich zu leisten hätte, bleibt keine Kapazität übrig.

Als Folge stellt sich bei mir zunehmend ein Gefühl von Überforderung und Resignation ein. Auch beschweren sich zunehmend andere Abteilungen darüber, dass ihre Anfragen nicht mehr mit der früher gewohnten Geschwindigkeit bearbeitet werden.

Antwort:

Dann folgen noch Ihre Fragen, die ich aber wegen ohnehin schon gegebener Länge Ihrer Einsendung in meiner Antwort mit verarbeite.

Zwei Erkenntnisse drängen sich auf:

1. Die im letzten abgedruckten Absatz Ihrer Einsendung geschilderte Situation ist extrem gefährlich! Sie darf so nicht bleiben, es muss etwas geschehen und zwar sofort. Sie gefährden sonst Ihre Existenz.

2. An mehreren Stellen Ihrer – im Original noch längeren – Schilderung blitzt ein Signal etwa dieser Art auf: Diese Situation ist nichts für Sie, genau das liegt Ihnen nicht. Sie haben es, den Eindruck gewinnt man, lieber ruhiger, planbarer, in geordneten Bahnen verlaufend, sind Ihrer Natur nach vorsichtig.

Das hat nichts mit Ihrer Tüchtigkeit zu tun! Sie sind mehrfach erfolgreich gewesen: Abteilungsleiter im Institut; schneller, mehrfacher Aufstieg im heutigen Unternehmen; Sie haben überlebt, als altgediente AL-Kollegen zu Gruppenleitern wurden. Aber: Sie stellen komplizierte, das Wort „Vorsicht“ ausstrahlende Überlegungen an, als Sie vom Instituts-Abteilungsleiter gern und bewusst zum Sachbearbeiter in der Industrie werden. Sie widmen sich intensiv dem Vorurteil der alten Praktiker, die dem frisch promovierten Ingenieur nichts zutrauen – das beschäftigt Sie heute noch. Als Ihnen aus heiterem Himmel (eine Art Standard in der deutschen Wirtschaft) die zweite Abteilung zuwächst, beklagen Sie die nicht mehr mögliche Einarbeitung und Ihre fehlende spezielle Praxis. Ihre letzte Beförderung hätten Sie gerne verhindert und haben auch – sachlich durchaus berechtigte – Bedenken dagegen vorgebracht. Und jetzt fühlen Sie sich überfordert.

Damit sind Sie ziemlich sicher nicht der Persönlichkeitstyp, der jetzt dort gebraucht wird. Es gibt ihn, den zupackenden Draufgänger, den Chaos- und Krisenspezialisten – aber Sie sind es nicht (dieser andere Typ passt dann wieder schlecht in Situationen, die durch ruhiges Fahrwasser geprägt sind; er macht alle Leute „verrückt“, indem er ständig Krisen bewältigt, die gar nicht existieren).

Ein wenig hat zu der Überforderung übrigens auch Ihr überdurchschnittlich rasanter Aufstieg (den Sie passiv „erlitten“ haben, aber an Ihnen bleibt es hängen) beigetragen. Es ist schon besser, wenn man jeweils die üblichen fünf Jahre pro Position hat, um solide Erfahrungen und Sicherheit zu erwerben (als allgemeine Anmerkung für andere Leser).

Ursächlich für die „Lage“ ist das Aufeinandertreffen eines Mannes, der gern planvoll, überlegt, vorsichtig und auf solider Basis operiert, mit einem Umfeld, das durch Chaos, Hektik, ständige „Feuerwehr“-Einsätze und unzulängliche Ressourcen an allen Ecken und Enden geprägt ist.

Meine sehr fundierte Befürchtung: Irgendwann scheitern Sie dort. Die Situation eskaliert, es wird ein Schuldiger gesucht, Sie stehen dann gerade so günstig. Man spürt es deutlich: Das befürchten Sie auch.

Es muss sich also dringend etwas ändern:

a) Intern: Als Minimallösung müssten Sie sich sofort der Rückendeckung möglichst vieler Manager und Ebenen über Ihnen versichern. Dazu müssten Sie Ihrem Chef (und wenn immer möglich auch dessen Chef) die Situation schildern. Aber nicht als Beschwerde oder Anklage und schon einmal gar nicht in Richtung Überforderung/Resignation (einen solchen Manager müssten diese Chefs im Rahmen ihrer eigenen Pflichten entlassen!), sondern mit sachlichen Hinweisen auf die Umstände und die daraus resultierenden Konsequenzen: dieses geht derzeit gar nicht mehr, jenes kann nur noch eingeschränkt erledigt werden, hier ist mit Beschwerden anderer Abteilungen zu rechnen etc. Tenor: „Ich tue alles, was möglich ist, aber mehr ist schlicht derzeit nicht machbar.“ Um dann die Frage anzuschließen: „Akzeptieren Sie das, können Sie damit leben?“Stimmt man dem zu, hätten Sie für ein paar Monate den Rücken frei, mehr aber auch nicht. Lehnt man das ab, bleibt c.

b) Solider wäre es (und einem Manager angemessener), mit einem Grundkonzept bei den Chefs anzutreten: Beschreibung und Analyse des Ist-Zustands, Aufzählung der sich daraus ergebenden Konsequenzen, Vorlage eines sich daraus ergebenden völlig neuen organisatorischen Konzepts. Dieses sieht entweder zusätzliche Planstellen für Mitarbeiter, andere Strukturen/Unterstellungsverhältnisse und/oder die Reduzierung Ihres Aufgabengebietes und Aufbau einer zweiten, parallel zu Ihnen angesiedelten Führungskraft oder sonst etwas vor, das Ihnen ein Überleben ermöglicht und dem Unternehmen geordnete Verhältnisse beschert.

Wird das nicht akzeptiert, bleibt c.

c) Sie suchen sich draußen eine neue Position und verlassen den Konzern. Das ist kein Schreckgespenst, sondern die normale Reaktion auf unbefriedigende interne Verhältnisse.

Sie konzentrieren sich dabei auf eine Stelle, die der zuletzt erfolgreich innegehabten Position gleicht, die also „kleiner“ ist als Ihre heutige. Da Sie letztere aber erst seit einigen Monaten ausüben, können Sie den Lebenslauf entsprechend so aufbauen, dass die letzte Beförderung kaum in Erscheinung tritt. Und als Wechselgrund geben Sie an: Chaos nach der Fusion und dem Ortswechsel, starke Abwanderung von Leistungsträgern, Degradierung bisheriger Abteilungsleiter. Dies alles ohne Anklage formuliert – ob das aus Konzerninteressen nötig war, können Sie da unten ohnehin nicht beurteilen. Sie sehen einfach auf Jahre hinaus keine befriedigende Basis für ein erfolgreiches Arbeiten. Für einen Manager eines bei der Fusion „geschluckten“ Betriebes ist das normal, der Bewerbungsempfänger wird das akzeptieren. Sie haben jetzt hinreichend viele Dienstjahre dort, davon drei als Abteilungsleiter, das reicht unbedingt für eine Bewerbung als Abteilungsleiter.

d) Zusätzlich teilen Sie mir noch Ihre Besorgnis mit, dass Ihr Bereich wegen rückläufiger Aufträge die Eigenständigkeit verlieren oder ganz geschlossen werden könnte. Und Sie fragen nach den Chancen für eine übrig gebliebene gescheiterte Führungskraft an anderer Stelle im Unternehmen. Die Antwort: sehr, sehr schlecht. Auch dann käme c in Frage.

e) Die dann noch gestellte Frage nach der angemessenen Höhe Ihres Gehaltes vergessen Sie bitte erst einmal. Sie haben andere Probleme.

Kurzantwort:

Es gibt Manager, bei denen viele Signale darauf hindeuten, dass sie sich eher in ruhigeren, „geordneten“ Umfeldern wohl fühlen. Geht ihr Umfeld durch äußere Anlässe ins Chaos über, sitzt der „falsche Mann am falschen Platz“ – ein Arbeitgeberwechsel könnte die Lösung sein.

Frage-Nr.: 2161
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 39
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-09-28

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