Heiko Mell

Versuchung auf höchster Ebene

Ich stehe vor der Frage, wie ich den weiteren Versuchungen widerstehen kann. In den letzten drei Jahren habe ich eine beachtliche Karriere vollzogen: vom Sachbearbeiter bei Konzern A, dann Abteilungsleiter einer mittelständischen GmbH (B) und nun Geschäftsführer eines kleineren mittelständischen Unternehmens (C).

Geschäftsführer bin ich nun seit etwa einem halben Jahr. Mir persönlich geht die Entwicklung etwas zu schnell. Allerdings muss ich feststellen, dass sowohl der Gesellschafter als auch die Kunden recht angetan sind von meiner Vorgehensweise. Meine Mitarbeiter haben sich inzwischen an meinen Führungsstil gewöhnt. Das klingt alles „toll“.

Das Unternehmen wurde vor einigen Jahren vom heutigen Gesellschafter aufgekauft. Die Jahre zuvor war weder in Personal, noch in „Hardware“ investiert worden. Insgesamt hinkt das Unternehmen fünfzehn Jahre der Entwicklung hinterher. Es macht Spaß, so eine „Bruchbude“ mit neuem Geist zu beleben. Mein Chef will aus Altersgründen in einigen Jahren als Gesellschafter aussteigen. Er setzt in mich sehr viele Hoffnungen und Erwartungen. Das Unternehmen steht augenblicklich nicht so toll da. Letztes Jahr erzielten wir einen Verlust bei einer unbefriedigenden Produktivität. Mittlerweile ist die Produktivität deutlich besser, wir liegen im guten Plus.

1. Vor Kurzem hat mir ein Kunde ein Anstellungsangebot unterbreitet, welches verlockend klingt. Ich möchte aber absagen und weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich das am besten mache. Wie verhält man sich in so einem Fall?

2. Das Unternehmen wurde noch nicht vollends vom Vorbesitzer übergeben. Der Vertrag birgt erhebliche Risiken und könnte üble Konsequenzen haben. Ich hätte das nie unterschrieben, aber mein Chef ist da etwas sorgloser vorgegangen. Wie soll ich meine berufliche Karriere weiter gestalten, wenn der Betrieb durch diese Sache absolut in Schieflage gerät? Wichtig wäre es mir vor allem, eine vernünftige Begründung parat zu haben für den Fall der Fälle.

Antwort:

Die Sache mit der ungewöhnlichen Karriere in drei Jahren verblüfft zunächst, findet aber eine recht einfache Lösung: Bei A waren Sie fast sechs Jahre, bei B 2,5 und jetzt sind Sie erst kurz bei C. Ersteres ist absolut in Ordnung, Letzteres geht beim heutigen Stand der Dinge nicht anders und ist damit „normal“ zu diesem Zeitpunkt, nur die Zeit bei B war zu kurz – und war auch nicht lang genug, um Führungserfahrungen als Basis für die heutige Position zu erwerben. Seien Sie also entsprechend vorsichtig, es fehlt Ihnen noch an Routine und an allgemeiner Managementpraxis. Das bedeutet nicht, dass Sie zwangsläufig scheitern, nur Ihr Risiko ist höher.

Nach landläufigen Regeln hätte Ihr heutiger Chef Sie auf dieser Basis gar nicht einstellen dürfen, zumindest nicht als Geschäftsführer. Hat er aber. Warum? Nun, seine speziellen Gegebenheiten („Bruchbude“ + sehr risikobehafteter Kaufvertrag) stehen vielleicht dafür, dass er unternehmerisch keinen großen Durchblick hat – deswegen auch Ihre Einstellung (er hat also neben allem anderen auch noch einen nicht hinreichend qualifizierten bzw. erfahrenen GF eingestellt). Nichts für ungut, ich meine ja nur, dass da ein gewisser roter Faden bei Ihrem Chef erkennbar wäre. Oder die besser qualifizierten Kandidaten haben den Braten gerochen und abgesagt, als Ihr Chef sie gewinnen wollte. Dies alles ist nicht kritisch Ihnen gegenüber gemeint, ich will nur Ihr „Weltbild“ etwas zurechtrücken bzw. Ihre eigenen Zweifel bestätigen.

Nun zu Ihren beiden Problemen:

Zu 1:

Ihre Zeit beim vorigen Unternehmen war schon zu kurz, Ihre Zugehörigkeit beim heutigen Arbeitgeber misst nach Monaten. Da verbietet sich ein neuer Wechsel grundsätzlich (aber: siehe zu 2).

Als Absage an den Anbieter des neuen Jobs eignet sich diese Gedankenkette: Herzlichen Dank für das Angebot und das damit dokumentierte Vertrauen; die Offerte ist sachlich sehr reizvoll, die Position hätten Sie gern übernommen, Sie freuten sich sehr darüber. Aber: Sie hätten Ihre heutige Aufgabe erst kürzlich übernommen, hätten Ihr Wort gegeben, diese Firma wieder aufzubauen, könnten Ihren Chef jetzt nicht enttäuschen, liefen nicht gern weg, bevor Aufgaben erledigt seien. Also nochmal Dank, das Angebot motiviere Sie, helfe Ihnen weiter, Sie nähmen es als Kompliment/Auszeichnung. Aber Sie hätten sich entschlossen, zu Ende zu bringen, was Sie angefangen hätten etc. Erfahrungsgemäß akzeptiert der Abwerber das.

Zu 2:

Das ist das Problem bei Geschäftsführern: Sie sind verantwortlich, Ausreden gibt es kaum, wenn was schief geht. Es geht nicht darum, wer den Kaufvertrag vermurkst hat – als Geschäftsführer hätten Sie sich umfassend informieren müssen. Und wenn man sich freiwillig an die Spitze einer „Bruchbude“ stellt, darf man sich nicht wundern.Wenn die Bombe hochgeht, hilft am besten eine wahrheitsgemäße Begründung – die versteht zumindest jeder. Aber Sie würde daraufhin kaum jemand wieder als GF einstellen – und einen Ex-GF will kaum jemand auf den Ebenen darunter einsetzen. Nein, es wäre schon besser, die Firma überlebt.

Spielen Sie gern Roulette? Wo man „alles auf Rot“ setzen kann? Wenn Rot kommt, ist man saniert, kommt Schwarz, ist alles aus. Sie könnten beispielsweise gegen alle Vernunft doch das Angebot gemäß 1. annehmen. Könnten Sie sich dort etwa sechs bis acht Jahre erfolgreich „schlagen“, wäre alles gut, wären die alten Kurz-Engagements weitgehend „tot“. Wären Sie jedoch nach ein bis zwei Jahren dort wieder draußen, wären Sie „tot“. Eine Geschichte für Spieler – und ich rate natürlich ab …Und die Moral von der Geschicht“? Angefangen hat alles mit dem GF-Angebot, das Ihnen lt. Werdegang damals gar nicht „zustand“ – mehr Misstrauen Ihrerseits wäre angebracht gewesen.

Zur Klarstellung der besonderen Situation des Unternehmensleiters: Ein Geschäftsführer ist ein „Führer der Geschäfte“. Laufen die Geschäfte schlecht, hat der „Führer“ das zu verantworten. Dieses höhere Risiko wird mit den relativ hohen GF-Bezügen abgegolten. Und es ist ein Preis dafür, an der Spitze zu stehen.

Verliert ein Manager der zweiten Ebene wegen Insolvenz des Unternehmens seinen Job, bleiben ihm diverse Erklärungen und Erläuterungen, warum er schuldlos war. Geschieht das einem „Führer der Geschäfte“, hat er es deutlich(!) schwerer.Nun weiß jeder Fachmann, dass dem neben einem aktiven Inhaber (eigentlich unter ihm) angestellten Geschäftsführer nur ein relativ geringer Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum bleibt. Das reduziert natürlich auch seinen Verantwortungsanteil bei einer Pleite. Aber es reduziert ihn nicht auf Null. Die sichere Lösung lautet in solch einem Fall: rechtzeitiges Absetzen vor dem großen Krach, nachdem man sich vorher ein neues Engagement anderswo besorgt hat. Um das tun zu können, darf man aus früheren Zeiten möglichst keine „Leichen im Keller“ haben als da sind: kurze Dienstzeiten, unzulängliche Führungspraxis, fehlende Kontinuität in Tätigkeiten und Branchen.

Kurzantwort:

Mit dem erhaltenen (und angenommenen) Angebot einer Top-Position ist das Karriereziel noch nicht erreicht. Man sollte zu jenem Zeitpunkt auch einen Werdegang aufweisen, der die Belastungen und Risiken eines solchen Jobs trägt. Oder: Zum souveränen Umgang mit Versuchungen gehört auch die Fähigkeit, ggf. „nein“ zu sagen.

Frage-Nr.: 2152
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 34
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-08-24

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