Heiko Mell

Bauch kontra Verstand

Ich bin Ende 30, Maschinenbau-Ingenieur und seit einigen Jahren Entwicklungsleiter eines inhabergeführten mittelständischen Unternehmens von überschaubarer Größe. Dort läuft alles gut, der Inhaber ist begeistert von mir, aber ich habe dort kurz- bis mittelfristig keine Chance zur Weiterentwicklung. Ich möchte jetzt wechseln.
Mein langfristiges Ziel war bisher etwa die technische Geschäftsführung eines mittelständischen Unternehmens.

Jetzt liegen mir drei Angebote vor:

1. Leiter Werkzeugkonstruktion mit eventueller späterer Aufstiegschance.

2. Technischer Leiter in einem kleinen mittelständischen Unternehmen.

3. Leiter Innovationsmanagement bei einem sehr bekannten Hersteller technischer Markenartikel für Endverbraucher.

Dazu: Diese Stelle ist parallel zu Entwicklung, Produktion und QS eingeordnet und nach umfassender Neustrukturierung geschaffen worden (über die Angebote 1 + 2 gibt es keine weiteren Informationen, zu 3 folgen mehrere euphorische Aussagen in längeren Absätzen. Ich beschränke mich auf die Höhepunkte, d. Autor). Mein Bauch sagt mir, dass diese Stelle genau dem entspricht, was ich richtig gut kann. Wenn ich mir vorstelle, ich könnte in dieser Position meinen Fähigkeiten zur systematischen Erzeugung von Innovationen freien Lauf lassen, wird in mir sofort die positive Energie frei, die ich immer spüre, wenn ich mich voll in eine Aufgabe reinhänge.

Nachdem mich anlässlich eines Workshops schon einmal ein Vorstand nach eifrigem Gedankenaustausch als Kreativ-Maschine bezeichnet hat, wächst in mir ein Gedankenspiel: Mich später mit dem Thema Innovationsmanagement selbstständig zu machen und Erfindungen und Innovationen im Auftrag zu realisieren.

Ich kenne Ihre These, nach der man entweder etwas Interessantes tut oder etwas Interessantes ist bzw. wird. Aber was raten Sie mir hier konkret?

Antwort:

Sie machen es mir nicht leicht – auch nicht wegen der etwa dreißig Seiten, die Sie mit allen Anhängen mitsenden.

Einigen wir uns darauf, erst die Pflicht und dann die Kür zu absolvieren. Dabei ist klar, alles dreht sich nur noch um Ihr Innovationsmanagement. Das allein wollen Sie, nun erwarten Sie nur noch meine „Absolution“.

Die Pflicht: Optimal passt der Innovationsmanager nicht zum Langfristziel „Technischer GF“, es gibt keine klare Aufstiegslinie zwischen beiden Position (Gegenbeispiel: Entwicklungsleiter – Technischer Leiter – Technischer GF). Leicht würde Ihre Aufgabe in der neugeschaffenen (immer ein Risiko!) Position auch nicht! Sie treten dort zwangsläufig mehreren Führungskräften auf die Füße – vom Marketing über das Produktmanagement bis zur Entwicklungsleitung und vielleicht sogar der Geschäftsführung. Bei konventioneller Betrachtung passt Ihr Angebot Nr. 2 viel besser zum Langfristziel, Nr. 1 hingegen beruhigt weder Bauch noch Verstand.

Die Kür: „Verrückte“ (ich meine das durchaus positiv-sympathisch) sollen, ja müssen auch „Verrücktes“ tun. Und wenn ein bestimmtes Feuer derart heiß in einem Menschen brennt, dann muss er „es“ auch angehen, Risiko inbegriffen. Und bei Ihnen spürt man dieses Feuer an verschiedenen Stellen. Auch Ihr Lebenslauf weist keine so durchgängige Laufbahn aus, dass an seinem Ende nahezu zwangsläufig die Technische Geschäftsführung stehen müsste. Weder die letzte Funktion bei Arbeitgeber Nr. 1 noch die spezielle Schwerpunktaufgabe bei Nr. 2 lassen den klassisch-konventionellen technischen „Kopf“ eines Mittelständlers erahnen.

Das letzte Arbeitgeberzeugnis ist viel zu kurz in der Bewertung, vergibt zwar eine sehr gute „Schulnote“, hat aber an diesem „Knochen“ keinerlei „Fleisch“, da spricht nichts von Wärme + Zuneigung, nichts von besonderer Wertschätzung. Die gesamte Beurteilung findet in einem einzigen Satz statt.

Das gilt – Duplizität der Ereignisse – merkwürdigerweise alles auch für das Endzeugnis von Arbeitgeber Nr. 1, nur dessen Zwischenzeugnis ist besser. Das spricht alles nicht von dem „Holz“, aus dem man vielseitig einsetzbare Inhaber klassisch-konventioneller Top-Linienpositionen schnitzt.

Fazit: Ändern Sie Ihr Langfristziel. Meine Befürchtung: Sie könnten in einer Standard-Position oder auf dem Weg dorthin förmlich „ersticken“, damit ist auch die Gefahr des Scheiterns verbunden.

Ihre Idee mit der (späteren) eigenen Agentur für Innovationsmanagement könnte ein alternatives Langfristziel sein. Niemand kann über die Erfolgschancen eine Prognose abgeben. Aber nach einigen Jahren erfolgreichen(!) Wirkens in der Ihnen jetzt angebotenen dritten Position hätten Sie dafür eine Basis.

In Ihren (längeren) Ausführungen steckt an mehreren Stellen der engagierte Versuch, jetzt diese Leitung des Innovationsmanagements zu übernehmen und anschließend dennoch irgendwo Technischer Leiter zu werden. Diesen Spagat sollten Sie aufgeben.

Ihnen also rate ich ganz gezielt, das interessante Tun vorrangig ins Auge zu fassen – und vielleicht wirklich das Karriereziel in eine andere Ebene zu verlagern (z. B. in die Selbstständigkeit).

Kurzantwort:

Für das Abweichen von klassisch-konventionellen Laufbahnvorstellungen – mit allen Konsequenzen – braucht man mehr als bloß Eignung für diesen Schritt, da muss es schon eine ganz besondere Leidenschaft für die Aufgabe geben.

Frage-Nr.: 2113
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 15
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-04-11

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