Heiko Mell

Höher klettern oder weitermachen bis zur Rente?

Seit Jahren lese ich mit großer Begeisterung Ihre Ratschläge in den VDI nachrichten, nicht nur wegen der vielen wertvollen Hinweise, sondern auch wegen Ihrer unnachahmlichen Art, Dinge auf den Punkt zu bringen. Machen Sie noch lange weiter so!

Auch mein beruflicher Weg war bislang durchaus erfolgreich. Nach Studium und Promotion habe ich zunächst mehrere Jahre bei einem großen deutschen …-Konzern als Sachbearbeiter und Projektleiter gearbeitet (davon ein paar Jahre im Ausland), bis ich dann vor etwa sieben Jahren meine erste Führungsaufgabe bei einem Tochterunternehmen als Hauptabteilungsleiter bekam. Knapp zwei Jahre später wurde ich Werksleiter dort mit mehr als 200 zugeordneten Mitarbeitern.

Vor ein paar Jahren habe ich dann die Firma gewechselt, dabei bin ich innerhalb der Branche geblieben. Ich bin jetzt als Mitglied der Geschäftsleitung eines internationalen Hightech-Unternehmens mittlerer Größe für den gesamten operativen Bereich zuständig. Das umfasst mehrere hundert Mitarbeiter unterschiedlicher Nationalitäten und an mehreren internationalen Standorten. Dem Unternehmen geht es gut, die Geschäftsaussichten sind vielversprechend.

Mit meiner jetzigen Situation kann ich also sehr zufrieden sein. Dennoch kommen mir erste Zweifel darüber, wie es weitergehen soll. Während ich bis vor kurzem immer Spaß an neuen Aufgaben hatte und in diesem Sinne auch ungeduldig war, habe ich nun – ich gehe auf die Mitte vierzig zu – zum ersten Mal das Gefühl, dass ich so schnell gar nicht mehr etwas anderes machen möchte. Ich könnte mir sogar vorstellen, auf der heutigen Position in Rente zu gehen. Auch mein privates Umfeld möchte ich so schnell nicht wieder verlassen.

Und genau hier setzt mein Problem an. Mir ist natürlich klar, dass das mit Sicherheit so nicht gehen wird, weil ich u. a. meine heutige Position nicht weitere zwanzig Jahre lang für jüngere Talente blockieren kann (schließlich hat man mir ja auch mal „Platz gemacht“). Außerdem kann natürlich niemand vorhersehen, was in fünf, zehn, zwanzig Jahren sein wird.
– Wie lange sollte ich auf meiner heutigen Position mindestens bleiben (es kommen noch größere Projekte, zu deren Erfolg ich maßgeblich beitragen kann)?
– Wenn ein Wechsel ratsam ist, sollte es dann ein weiterer Aufstieg (mit Umzug) sein oder ist auch ein Schritt zur Seite, ggf. zu einem Mittelständler in der Gegend, eine Option?
Eigentlich will ich bleiben und nirgendwo hingehen.
– Sollte ich überhaupt aktiv suchen und wenn ja, ab wann, auch mit Blick aufs Alter (mit über fünfzig wird die Sache dann wohl sicher komplexer …)?

Auf Ihre Art, mit dem Thema umzugehen, bin ich gespannt.

Antwort:

Wie so oft, tragen mehrere Aspekte zur Lösung bei. Gewichten Sie selbst:

1. Jede Reise hat einmal ein Ende, auch wenn es ein zwangsläufiges sein sollte. Der Reisende ist entweder am Ziel oder zu alt oder er verliert die Lust am Neuen oder er findet zwischendrin ein Plätzchen, an dem es ihm so gut gefällt, dass er sesshaft wird. In gewissem Sinne ist der Karriereweg auch eine „Reise“ – es ist durchaus normal, dass der ruhelose Wanderer irgendwann „ankommt“, sesshaft wird. Den meisten Menschen und Managern geht es so. Nur die Konsequenz dieses Gedankens verblüfft die Betroffenen zunächst einmal sehr.

 

2. Jeder von uns hat sein individuelles persönliches Potenzial. Es schwankt zwischen null Einheiten und dem passenden Format zur Übernahme des Vorstandsvorsitzes größter Industriekonzerne. In der Praxis dürfte es auf Bandbreiten, nicht auf konkrete, einzelne Positionen hinauslaufen. Für die überwältigende Mehrheit aller ehrgeizigen und begabten Menschen gilt: Das Potenzial ist begrenzt, irgendwo ist Schluss.

Wer aufmerksam in sich hineinhört, selbstkritisch ist und ergebnisoffen nachdenkt, sieht die Anzeichen, dass man sich den eigenen Grenzen nähert. Sie, geehrter Einsender, könnten diesem Prozess derzeit unterliegen.

 

3. Als optimal gilt, auf dem Weg nach oben bei einem Auslastungsgrad der eigenen Fähigkeiten von etwa 80 bis 90 % aufzuhören. Das erlaubt jederzeit souveränes Handeln, lässt Reserven für zusätzliche Anforderungen – und für ein befriedigendes Privatleben. Erfahrungsgemäß ist dies, so man zur entsprechenden Selbstbeschränkung fähig und bereit ist, eine sehr „gesunde“ Lebensphilosophie.

Im Unterschied zum Sport, in dem man die mit Höchstleistung errungene Goldmedaille nur einmal schaffen muss und dann behält, wird man als Karrieremanager in Spitzenpositionen jeden Tag über Jahre hinweg erneut gefordert. Die Kunst besteht nicht darin, Vorstand zu werden, sondern es für mehrere 5-Jahres-Perioden zu bleiben. Darauf sollte sich nur jemand einlassen, in dem das Feuer, unbedingt eine der Spitzenpositionen des Metiers einnehmen zu wollen, äußerst heiß brennt.

 

4. Wer sagt, „eigentlich“ reiche es ihm, hat a gesagt. Er sollte auch b sagen und sich mit dem Erreichten tatsächlich arrangieren. Keine Angst, die Sessel der Vorstandsvorsitzenden verwaisen nicht schon bloß deshalb, weil Leute wie Sie und ich vor dieser Ebene aufhören. Es verbleiben genug Interessierte und hoffentlich höher Begabte.

 

5. Mit Mitte 40 stellt ein Mann sehr gerne Sinnfragen, die er davor nicht gestellt hat und später wegen fehlender Basis nicht mehr stellen wird. „War das schon alles?“, ist eine solche. Auch zu meiner damaligen Verblüffung ist „ja“ nicht nur eine mögliche Antwort, man kann, ist sie einmal ausgesprochen, sogar gut damit leben.

Also gilt auch: Ihr derzeitiges Suchen, Zweifeln, Fragen ist normal im Sinne von üblich, Sie sind damit nicht allein.

 

6. Ein klarer Orientierungsgrundsatz für Karriereinteressierte lautet: Mit Mitte 40 soll man sein Karrierehauptziel erreicht haben und eine Position bekleiden, in der man „notfalls“ pensioniert werden kann (damit liegen Sie gut im statistischen Mittel).

Dies resultiert aus der – heute immer noch gültigen, wegen demografischer Entwicklungen aber vielleicht demnächst „aufgeweichten“ – Regel: Ab 45 beginnen grundsätzliche Bedenken von Bewerbungsempfängern wegen des Alters, ab 48 werden sie härter, ab 50 sehr massiv und so ab 52 nahezu unüberwindbar.

 

7. Wenn man mit 45 seine Zielposition erreicht haben und dann nicht mehr ohne Not extern wechseln sollte (interne Beförderungen kann man selbstverständlich mitnehmen) und man bis etwa 67 arbeiten muss, dann bleiben im Durchschnitt etwa 20 Jahre oder mehr in derselben Position. Das klingt (zunächst) furchtbar, ein überzeugendes Rezept dagegen hat das System nicht. Es gibt noch mehr Nicht-Lösungen dieser Art – es bleibt nur der individuelle Weg, irgendwie damit fertig zu werden. Als Trost:Wenn man jung ist, will man die Welt verändern. Wenn man älter wird, lässt das nach. Man wird ruhiger, arrangiert sich, stellt manchen hochfliegenden Plänen der anderen auch schon einmal ein kritisches „Warum eigentlich“ gegenüber.

Es wird im Zuge dieser Persönlichkeitsentwicklung immer weniger schrecklich, viele Jahre lang ohne weiteren Aufstieg denselben Job ausüben zu müssen. Man ist etwas geworden, hat eine interessante, erfüllende Position, fühlt sich von den täglichen Aufgaben hinreichend gefordert und kann zusätzlichen Ehrgeiz ja in neue Projekte, in ständige Optimierungen „investieren“.

Beispiel: Der ganz junge Verkaufsleiter hat als Gebiet Bayern, will möglichst bald Deutschland und träumt von der Zuständigkeit für den Rest der Welt. Der ältere Verkaufsleiter verantwortet 100 Mio. EUR Umsatz und arbeitet konsequent daran, den im Rahmen seiner Position auf 150 Mio. zu steigern. Das ist auch ohne Aufstieg zum GF für ihn befriedigend und für das Unternehmen interessant.

 

8. Nur wer „einschläft“ auf seinem Job, jeden Ehrgeiz, auch den fachlichen, begräbt und seine Funktion nur noch verwaltet, lebt gefährlich und riskiert, gefeuert zu werden.

 

9. Wenn Sie beschließen, mit 45 Ihr persönliches Ziel erreicht zu haben, ist das in Ordnung. Aber Sie sind nicht Geschäftsführer. Das wird vielleicht jemand, der mit 45 sein persönliches Ziel, GF-Vorsitzender, erreichen will und nun mit 40 „einfacher“ GF wird. Ihnen drohen also mit steigendem Alter immer jüngere Chefs. Leben Sie damit und seien Sie nett zu denen. Die sind weder garantiert besser noch pauschal klüger als Sie – denken das aber. Seien Sie tolerant und duldsam. Sie wollen ja bleiben, was Sie sind und deren Job nicht. Das (duldsam zu sein) ist einer der Preise, die Sie zahlen müssen.

 

10. Sie sollten etwa fünf Jahre lang (Pauschalregel) auf einer Position bleiben, z. B. auf Ihrer heutigen. Nach meiner Rechnung (ich habe Ihre viel präziseren Angaben etwas allgemeiner formuliert) wären Sie dann etwa 47. Dann könnten Sie auf dieser Ebene durchaus noch einmal wechseln, hätten dann aber doch schon ein erhebliches Risiko zu tragen, das man ohne Not und ohne die Befriedigung, ein weiteres Aufstiegsziel erreicht zu haben, nicht unbedingt eingehen sollte. Falls das neue Engagement schiefginge (das merkt man so nach sechs bis achtzehn Monaten), wären Sie knapp 50 – und hätten ein Scheitern hinter sich. Für eine weitere neue Tätigkeit gäbe es dann keinerlei Absicherung mehr. Man sagt aber: „Jedes neue Engagement kann schiefgehen“ – dann sollte noch eine Lösung möglich sein. Sie jedoch hätten dann Ihr Karrierekonto überzogen. Lassen Sie diese Pläne lieber.

 

11. Abwechslung könnte durchaus ratsam sein. Sie würden sich damit besser fühlen in den nächsten Jahren und Ihre Chefs würden Sie mehr als Aktivposten und weniger als Teil des Inventars sehen. Aber: Bemühen Sie sich intern darum, dabei bleibt Ihnen ihre erarbeitete persönliche Reputation erhalten. Es muss ja auch kein totaler Wechsel sein, ein neues zusätzliches Projekt, eine vergrößerte Zuständigkeit reichen.

 

12. Ihr Gedanke, Ihre Position rechtzeitig freizumachen für nachrückende Jüngere, ist irgendwie edel, aber in der Gesamtbetrachtung nicht sinnvoll und für Ihre Interessenlage nicht förderlich:

a) Wenn Sie bis zum 67. Lebensjahr arbeiten, „blockieren“ Sie bis dahin eine Position. Welche das ist, spielt in der gesamtwirtschaftlichen Betrachtung keine Rolle. Es gibt ja für die „Nachrücker“ das Instrument des Arbeitsmarktes.

b) Wer Verhaltensmaßstäbe im Kleinen sucht, schaue auf das, was im Großen geschieht und täglich in den Medien kolportiert wird: Der seriöse Konzern A betrügt seinen Wettbewerber B nicht, wirft keine Bomben auf dessen Hauptquartier und verbreitet keine bösen Gerüchte am Markt, um ihm zu schaden. Aber davon abgesehen heißt es „Kampf bis aufs Messer“. A gewinnt Marktanteile letztlich nur auf Kosten von B (oder C oder D). Knallharter Egoismus ist angesagt, sonst nichts. Stellen Sie sich vor, ein Vorstandsvorsitzender von A sagt auf der Hauptversammlung: „Ich schlage vor, dass wir unsere Aktivitäten etwas einschränken; B kommt ja sonst nie auf einen grünen Zweig.“ Der arme Mann – schon wieder ein arbeitsloser Top-Manager mehr.

Das heißt für Sie: Übertreiben Sie es nicht mit Ihrer Güte. Und wenn Sie einen zweiten Mann unter sich haben, der gut genug für Ihren Job wäre, aber siebzehn Jahre auf Ihre Pensionierung warten müsste, dann raten Sie ihm freundschaftlich zum Wechsel und helfen ihm bei seinen Bewerbungen. Das reicht, um sich systemkonform zu verhalten. Kürzer: Kapitalismus ist nur sehr bedingt etwas für Gutmenschen.

Soweit dazu. Und als abschließender Tipp für Sie und solche Manager, die über 50 sind und ihren Stuhl verteidigen müssen, weil es draußen kaum noch einen neuen gibt:

Bleiben Sie hellwach, was neue Entwicklungen und Trends angeht, die Ihren Bereich betreffen könnten. Setzen Sie sich rechtzeitig an die Spitze der Bewegung, worum immer es geht.Wenn Veränderungen anstehen im Hause, marschieren Sie vorneweg. Einer der beherrschenden Grundsätze des Systems lautet: Es muss etwas geschehen! Sie fragen, was? Falsche Frage! Heute diversifizieren und globalisieren, morgen Kernkompetenz und Konzentration auf Europa. Führen Sie begeistert SAP ein, wenn“s angesagt ist und schaffen Sie es freudestrahlend ab, wenn der Vorstand das erwägt. Irgendetwas bietet sich immer an. Veränderungen müssen sein, fragen gerade Sie nicht, was das soll. Nur zu schnell haben Sie das Image weg „alt, kaputt, ausgebrannt, sträubt sich gegen die notwendigen (hört, hört) Veränderungen“. Auch die Bundeskanzlerin hat gerade ihr Volk aufgerufen, aufgeschlossen zu sein für Veränderungen – sie hat nicht gesagt, „Verbesserungen“. Wenn ich mit erfahrenen Managern aus größeren Organisationen spreche, plaudern die über die jüngsten Veränderungen im Hause. Oft frage ich entgeistert: „Und warum, wo liegt der Effekt?“ Meist ernte ich ein abgeklärtes „Das fragen wir uns schon lange nicht mehr“. Aber seien Sie als Manager über 50 bloß nicht dagegen.

PS. Das zuletzt Gesagte klingt wie Satire. Das Witzige daran: Es ist keine solche, sondern eine ernstgemeinte Empfehlung. Und als versöhnlichen Abschluss: Manche Veränderung hat ja wirklich etwas gebracht. Wenn man nur vorher wüsste, welche das sein wird …

Fazit: Man weiß nie, was kommen wird. Aber ich glaube, Sie „dürfen“ durchaus einfach da bleiben, wo Sie sind („sollten“ wäre eine direkte Empfehlung, dazu fehlt mir die Basis).

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2099
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 9
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-03-01

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