Heiko Mell

Kann ich, soll ich jetzt wechseln?

Frage/1: Seit meiner Studienzeit lese ich Ihre Karriereberatung. Ich habe hier sehr wertvolle Tipps im Hinblick auf meine eigene Berufwegplanung erhalten, dafür danke ich.

Ich bin seit nunmehr fast 6,5 Jahren als Leiter QM/QS bei einem mittelständischen Unternehmen mit mehr als 150 Mitarbeitern beschäftigt. Davor war ich vier Jahre in meiner ersten Stelle, auch im Qualitätswesen, bei einem kleineren Betrieb tätig.
Vor knapp einem Jahr hatte ich ein Gespräch mit meinem vorgesetzten Geschäftsführer im Hinblick auf meine weiteren Chancen geführt. Ich hatte ihn gebeten, mir Möglichkeiten aufzuzeigen, mittelfristig meinen Verantwortungsbereich zu erweitern.

Wie ich bei Ihnen gelesen habe, reicht die Formulierung ihm gegenüber aus, damit er weiß, was bei einer unbefriedigenden Antwort geschehen wird. Ich denke, dass ich ihm gegenüber fair war, da ich vor irgendwelchen Bewerbungsaktivitäten mit ihm gesprochen habe. Natürlich bin ich dennoch grundsätzlich permanent über den Stellenmarkt informiert, auch ein sehr wertvoller Tipp Ihrerseits.

Nach einer Bedenkzeit hat mein Vorgesetzter mir ganz offen erklärt, dass er aufgrund der Unternehmensgröße und der vorhandenen Strukturen leider keine Möglichkeit sieht, mein Bestreben zu unterstützen.
Ich habe in diesen letzten 6,5 Jahren der Betriebszugehörigkeit keinen innerbetrieblichen Aufstieg vollzogen und liege somit über den von Ihnen definierten ca. fünf Jahren in einer Position.

Frage/2: Ich habe mich also auf dem Markt umgesehen, nun liegt mir ein interessantes Angebot vor. Es geht um eine Gesellschaft mit etwa 1.000 Mitarbeitern.
Man hat mir eine langfristige Perspektive aufgezeigt: Ich würde zunächst als Leiter QM/UM (vermutlich Qualitätsmanagement/Umweltmanagement, d. Autor) eingestellt mit mehr als dem Fünffachen meines heutigen Führungsumfanges. Mittelfristig besteht die Möglichkeit zur Leitung eines Geschäftsbereichs. Natürlich kann man mir diese mögliche Entwicklung nicht schriftlich bestätigen. Da ich auch für die weltweiten Niederlassungen zuständig wäre, könnte ich auch wertvolle Auslandserfahrungen sammeln.

Der Geschäftsbericht des neuen Arbeitgebers weist in den letzten fünf Jahren eine durchweg positive Geschäftsentwicklung aus (Umsatz, Investitionen, Gewinn, Mitarbeiter).

Ist es aus Ihrer Sicht nun der richtige Zeitpunkt für einen Stellenwechsel, der auf der vorhergehenden Position logisch aufbaut oder sehen Sie irgendwelche negativen Auswirkungen in Bezug auf den so wichtigen „roten Faden“?

Mittelfristig strebe ich die Position des Produktbereichsleiters, Betriebsleiters, Standortleiters an.

Antwort:

Antwort/1:

Lassen Sie mich schnell an dieser Stelle etwas klarstellen, damit sich bei anderen Lesern kein falscher Eindruck ergibt:

a) Diese Regel gilt nur für Menschen mit weiteren Karriereambitionen (also für weiter am Aufstieg interessierte).

b) Wie alle diese Zahlenangaben ist auch das als Faustformel zu sehen; mal dürfen es auch acht Jahre sein, dann wieder kann es nach drei oder vier Jahren weiter nach oben gehen. Ich möchte keineswegs, dass alle entsprechend interessierten Leser nach fünf Jahren Tätigkeit in derselben Position in Panik verfallen.

c) Unter diesen Voraussetzungen lautet die Regel: Bei weitergehendem Aufstiegsinteresse sind etwa fünf Jahre pro Position bzw. pro hierarchischer Ebene eine solide Basis. Verweilt man dort wesentlich länger, ist häufig der „Zug“ in Richtung Aufstieg abgefahren.

Mit fünf Jahren pro Position/Ebene reicht die Zeit, um vom Sachbearbeiter zum Geschäftsführer zu kommen. Wer „nur“ bis zum Abteilungsleiter kommen will, soll nicht etwa später anfangen und auf den unteren Stufen länger verweilen, sondern ebenso zügig auf sein Ziel hinarbeiten und dann aufhören – wer mit 40 noch Sachbearbeiter ist, geht auch so in Pension (als pauschale Aussage).

Zu Ihrer Ausgangssituation: Wer in ein kleines Unternehmen geht und Aufstiegsambitionen hat, darf nicht auf interne Chancen dazu hoffen. Pro weiterer Ebene ist mit der Notwendigkeit zu einem Arbeitgeberwechsel zu rechnen.

Und: Ihr Anliegen haben Sie sehr gut vorgetragen. Ihr Chef hat deutlich gesagt, dass intern nichts mehr zu holen ist. Das gab Ihnen Planungssicherheit. Er weiß jetzt, dass Sie es extern versuchen und vermutlich gehen werden, aber Sie haben ihn nicht „erpresst“ und nicht kurzfristig Ihren Job gefährdet.

 

Antwort/2:

Sprechen wir über die Einschränkungen, die grundsätzlich mit Ihrer heutigen Position verbunden sind:

a) Sie stecken im Qualitätswesen, sind dort schon Leiter. Das ist ein anspruchsvolles, wichtiges und zukunftsorientiertes Metier. Aber: Es gibt keinen logischen Weg weiter nach vorn oder oben. Einzelnen Mitarbeitern oder Führungskräften ist der Sprung in eine andere Laufbahn schon gelungen, aber einen generellen, üblichen Weg gibt es nicht.

Gegenbeispiel: Der Entwicklungsleiter im Maschinenbau hat als logische nächste Stufe den technischen Leiter und dann den technischen Geschäftsführer. Dem Produktionsleiter öffnet sich ggf. auch dieser Weg, der sowohl in- wie extern gangbar ist. Dem QM-Leiter steht diese Chance kaum offen.

Diese Betrachtung gilt vor allem für externe Wechsel. Innerhalb eines Unternehmens kann das durchaus einmal anders aussehen. Da kann die Unternehmensleitung die Persönlichkeit des Q-Leiters so schätzen, dass man ihn mit Leitungsaufgaben „außerhalb von Q“ betraut, dann wäre er in eine Laufbahn gerutscht, die in höchste technische Managementpositionen führen kann.

b) Jede Art von Aufstieg beim Arbeitgeberwechsel, bei dem man ja etwas „haben will“ (mehr an Führungsumfang) wird erleichtert, wenn man auf der anderen Seite etwas „geben kann“. Typisch dafür ist eine Herkunft aus einer Firma der nächstgrößeren Kategorie (die „imponiert“ dem kleineren Arbeitgeber). Klassisches Beispiel: Gruppenleiter im Tätigkeitsgebiet A aus Unternehmen mit 5.000 Mitarbeitern wird Abteilungsleiter im Tätigkeitsgebiet A im Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern.

Ihr heutiger Arbeitgeber ist so klein, dass dieser Weg nicht mehr in Frage kommt.

c) Jeder Arbeitgeberwechsel, das akzeptiert der Markt, darf einen „Forschritt“ einschließen – die Betonung liegt auf „einen“!

Aus a + b ergibt sich, dass ein fachlicher Sprung für Sie jetzt kaum in Frage kommt. Aber: fachliche Spezialisierung beibehalten (Q), hierarchische Stufe etwa beibehalten (Leitung Q), jedoch die Verantwortung deutlich vergrößern (Umsatz des Unternehmens, Anzahl der unterstellten Mitarbeiter), das geht! Genau das steckt in dem Ihnen vorliegenden Angebot. Mehr können Sie eigentlich nicht erwarten. Und der „rote Faden“ bleibt erhalten.

Was danach kommt, muss man abwarten. Die Ihnen eröffneten Perspektiven sind ein Hoffnungsschimmer, mehr nicht.

Achten Sie bei Ihrem Dienstantritt beim neuen Arbeitgeber auf folgenden Aspekt: Der Wechsel vom kleinen ins deutlich größere Unternehmen ist schwieriger als der umgekehrte Weg. Beim „Großen“ kann vieles sehr viel „anders“ geordnet sein und ablaufen als Sie es gewohnt sind. Übertragen Sie also nicht stur die Ihnen vertrauten Managementmethoden und Vorgehensweisen auf das neue, unvertraute Umfeld. Schauen Sie aufmerksam auf Ihre neuen Chefs und gleichrangigen Kollegen, übernehmen Sie erst einmal deren Stil. So nach ein bis zwei Jahren können Sie dann behutsam Ihren eigenen entwickeln.

Zum letzten Satz Ihrer Frage: Ihre Ziele sind anspruchsvoll. Aber mit Ihrer bisher einzigen Basis in „Q“ müssen Sie irgendwann einen fachlichen Sprung machen, das geht (fast) nur intern – also entweder beim neuen Arbeitgeber oder gar nicht.

Kurzantwort:

1. Manche Fachbereiche eignen sich deutlich besser für den Aufstieg bis „ganz nach oben“ als andere. das sollte man schon beim Berufseinstieg wissen, sofern man entsprechende Ziele hat.

2. Wenn beim Arbeitgeberwechsel Aufgabe und Funktionsbezeichnung gleich bleiben, Firma und Führungsumfang aber erheblich größer sind, ist das bereits ein deutlicher Karriere-Fortschritt.

Frage-Nr.: 2086
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 2
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2007-01-11

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