Heiko Mell

Weg von der Personalverantwortung?

Seit dem Studium bin ich in einem mittelständischen Betrieb tätig. Ich konnte mich, auch mit Unterstützung durch die Firma, im Bereich einschlägiger Managementthemen weiterbilden. Schließlich bot man mir aus meiner fachlichen Tätigkeit heraus eine Führungsposition mit Personalverantwortung an. Ich nahm diese Chance in bestem Wissen um die zu erwartenden Vor- und Nachteile an.

Mir ist bewusst, dass ich mit jetzt Anfang 30 durchaus viel erreicht habe. Allerdings sehe ich derzeit kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Dies beziehe ich sowohl auf meine persönliche Entwicklung als auch auf die Durchsetzung meiner Überzeugungen im Hinblick auf die Vorgehensweisen innerhalb des Geschäftsbetriebs.

Nunmehr liegt mir ein Angebot von einem meiner persönlichen Traumarbeitgeber vor. Die Tätigkeit würde meiner derzeitigen ähneln, schließt jedoch mehr fachliche Verantwortung, aber keine Personalverantwortung ein. Darüber hinaus bietet sich die Möglichkeit, mich in neue Wissensgebiete einzuarbeiten, die ich als langfristig nützlich einstufe.

Wie würde dieser Wechsel später in meinem Lebenslauf gewertet?

Antwort:

In einem Anhang zu diesem Schreiben haben Sie mir weitere – vertrauliche – Informationen gegeben. Auf dieser Basis wird Ihr Wunsch nach einem Wechsel verständlich – weil Sie noch so jung sind. Nur wenige junge Männer heiraten schließlich ihre allererste Freundin. Ebenso werden viele junge Berufseinsteiger mit ihrem ersten Arbeitgeber nicht auf Dauer glücklich (vor allem dann nicht, wenn er von überschaubarer Größe ist). Man ist enttäuscht, dass Idealbilder aus dem Studium in der Praxis nicht wiedergefunden werden, man begegnet dem „ganz normalen Alltagswahnsinn“, ist von der Persönlichkeit der Chefs unangenehm berührt, die sich als ganz normale Menschen mit Schwächen entpuppen.

Im Mittelstand gilt das alles auch für die oberste Führungsebene, der man ja irgendwie fast täglich begegnet. Im Konzern dauert es in der Regel viele Jahre, bis man das erste lebende Vorstandsmitglied überhaupt einmal sieht – und dann ist man schon zu alt, um noch Illusionen zu haben.

Jedenfalls ist der jüngere Berufseinsteiger so nach zwei bis maximal fünf Dienstjahren beim ersten Arbeitgeber überzeugt, dass „dies alles“ nur an dem „Saftladen“ liegen kann, bei dem er beschäftigt ist. Also besteht die Lösung in einem Firmenwechsel (zehn bis zwanzig Jahre später sagt der Betroffene dann im Vorstellungsgespräch, wenn er damals gewusst hätte, was er heute wisse, wäre er bei jener Firma geblieben – anderswo sei es noch viel schlimmer gewesen).

In einem anderen wichtigen Punkt unterliegen Sie einem Irrtum: Die „Durchsetzung meiner Überzeugungen im Hinblick auf Vorgehensweisen innerhalb des Geschäftsbetriebs“ vermissen Sie – vergessen Sie das. Nirgends steht, dass Sie das sollen, nirgends steht, dass Sie das dürfen. Wohl können Sie das wünschen, aber das dürfen Sie hinsichtlich einer – ebenso utopischen – Gehaltsverdopplung schließlich auch.

Als Teamleiter (so etwas in der Art werden Sie wohl sein) haben Sie in erster Linie die Aufgabe, das Ihnen anvertraute Team im Rahmen der Vorgaben Ihrer Vorgesetzten fachlich so zu führen, dass die vorgegebenen Ziele erreicht werden. Mehr ist generell nicht. Natürlich ist, wenn Sie sich in Ihrer Hauptfunktion bewährt haben, auch Ihre Meinung gefragt, natürlich hat ein guter, kluger und geschickter Mitarbeiter irgendwie immer auch Einfluss auf den Vorgesetzten und – informell(!) – auch auf die „Vorgehensweisen innerhalb des Geschäftsbetriebs“, aber er hat keinen verbrieften Anspruch darauf.

Und falls Sie einfach hatten sagen wollen: „Meine Meinung gilt hier zu wenig“ – dann liegt das entweder an Ihnen oder an Ihrer Meinung. Schließlich gilt für fast jede Organisation der Spruch „Wer hier nichts zu sagen hat, trägt selbst die Schuld daran“.

Nun zum nächsten Konfliktpunkt „hochqualifizierte Facharbeit“ contra „Führung“. Immer wieder konfrontiere ich meine Leser mit der in vielen Berufsjahren gefestigten Erkenntnis „Sie sind entweder etwas Interessantes oder Sie tun etwas Interessantes – aber nicht beides gleichermaßen oder gleichzeitig“. Sie sind da also am Scheideweg – und müssen Prioritäten setzen. Eines nur kann auf Nr. 1!

Nun sind Sie noch jung, Ihr Studium liegt noch nicht sehr lange zurück – und da neigt der „Ingenieur an sich“ zum Träumen von den hochwertigen fachlichen Aufgaben, vom Arbeiten auf höchstem Niveau, von bahnbrechenden technischen Entwicklungen, die mit seinem Namen verbunden sind etc. etc. Das ist auch gut so, das ist richtig so, dem verdanken wir letztlich den technischen Fortschritt.

Aber wenn man in einem kommerziell ausgerichteten Unternehmen tätig ist, erkennt man irgendwann: Wenn das Gehalt eine Anerkennung für Leistung, Ausgleich für Verantwortung und Ausdruck der internen Bedeutung der jeweiligen Position ist, dann sind alle diese Kriterien bei Führungskräften irgendwie „besser, größer, schöner, mehr“ – denn „Leiter“ werden mit deutlich höheren Bezügen beglückt. Das wiederum heißt: Irgendwann im Laufe Ihrer natürlich Entwicklung – Ehrgeiz vorausgesetzt – müssen Sie da hin. Die hochqualifizierten Fachaufgaben sind letztlich „nur“ eine Zwischenstufe.

Ihr Problem, geehrter Einsender, ist nur, dass Sie jene Fach-Stufe in Ihrem Unternehmen irgendwie übersprungen haben, nie auf so hohem fachlichen Niveau (wie Sie es von der neuen Stelle in Ihrem Anhang schildern) gearbeitet haben, schnell aufgestiegen sind – und jetzt, ausgelöst durch jenes „Angebot“, etwas vermissen.

Und nun projizieren Sie all Ihre unrealisiert gebliebenen Träume, jene über den Beruf überhaupt und jene über faszinierende Fachaufgaben, auf die mögliche neue Stelle. Und plötzlich scheint Ihnen der bereits erreichte Rang in der Hierarchie bedeutungsarm zu sein, eine Art unerfüllte Sehnsucht hat Sie gepackt. Und da stehen Sie nun: „Halb zog es ihn, halb sank er hin“ (Goethe, Der Fischer). Man beachte aber auch die Fortsetzung des Zitats: „Und ward nicht mehr gesehen.“

Also die Vernunft gebietet klar: Einen einmal errungenen (durchgesetzten) Führungsanspruch gibt man freiwillig nicht wieder auf. Demnach müsste der Rat lauten: Dableiben, durchhalten, etwa drei Jahre in dieser Führungsverantwortung überzeugen, dann mit besten Referenzen (Zeugnis) wechseln, dabei den nächsthöheren Rang anstreben.

Aber Sie sind jung, haben einen Traum – vom Traumarbeitgeber bis zum Traumjob. Wenn Sie sich den – was vernünftig wäre – aus dem Kopf schlagen, bleiben doch die Reste unerfüllter Sehnsüchte. Und dann liegen Sie eines Tages mit 50 Jahren schlaflos im Bett und denken den gefährlichsten aller Gedanken: „Hätte ich doch damals bloß …, dann wäre ich glücklich geworden.“ Unter uns: wären Sie nicht, aber allein der Gedanke lähmt Sie dann.

Sagen wir also, ich hätte durchaus Verständnis, nähmen Sie das Angebot an.

Im Lebenslauf ist der „Schaden“ um so geringer, je weniger der hierarchische Abstieg erkennbar wird. Werden Sie also beim neuen Arbeitgeber nicht „Leiter“, dann müssten Sie bei späteren Bewerbungen den heutigen Teamleiter „tief“ hängen, also über Ihre heutige Beschäftigungszeit etwa schreiben: „Entwicklungsingenieur (ab … zusätzlich Abwesenheits-Stellvertreter des Vorgesetzten)“ – das bleibt nahe genug bei der Wahrheit, um keine allzu große Abweichung zu den Aussagen des Zeugnisses aufkommen zu lassen, stellt Sie aber auch auf keinen Sockel, von dem Sie erst wieder herunter müssten.

Werden Sie aber beim neuen Arbeitgeber irgendwann befördert, dann diente die führungslose Zeit dort nur der Einarbeitung/Einführung, Ihre heutige Position kann wieder in vollem Glanz erstrahlen und jeder versteht, dass die neue Firma Sie zur Bewährung erst einmal wieder „ganz unten“ anfangen ließ.

Kurzantwort:

Eine einmal errungene Führungsposition gibt man beim Arbeitgeberwechsel grundsätzlich nicht wieder auf. Im Einzelfall können dem jedoch besondere Überlegungen entgegenstehen.

Frage-Nr.: 2067
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-11-04

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