Heiko Mell

Chance oder Rückschritt?

Ist es ratsam, als 40-jähriger Maschinenbauingenieur mit zehn Jahren Führungserfahrung einen langgehegten Wunsch, nämlich einen zeitlich begrenzten Aufenthalt im Ausland (2 – 3 Jahre) zu verwirklichen, wobei klar ist, dass die Führungsverantwortung deutlich geringer (etwa ein Drittel) als in der jetzigen Position ist und die Tätigkeit im Sinne von „Entwicklungshilfe“ etwas operativer als bisher?
Unsicher bin ich, ob der Schritt mit meinem Alter und meinem bisherigen Werdegang zusammenpasst. Wiegt die Komponente Auslandserfahrung stärker oder ist so eine Entscheidung für die Zukunft nach Rückkehr eher als Rückschritt zu beachten?

Antwort:

Das Thema ist leider etwas kompliziert. Folgende Aussagen gelten, sie lassen sich nicht in einem kurzen, allgemeingültigen Satz zusammenfassen:

1. Im Zuge von Internationalisierung und Globalisierung wird Auslandspraxis für Führungskräfte und auch für nichtführendes Personal immer wichtiger. Dennoch kann man keineswegs sagen, sie werde in Kürze zwingend für alle vorgeschrieben sein. Aber es gibt heute schon Großunternehmen, in denen bestimmte „höhere Weihen“ innerhalb der Hierarchie nur erreichbar sind, wenn Auslandspraxis vorliegt. Wie dieser Punkt bei Ihrem heutigen Arbeitgeber geregelt ist, spielt kaum eine Rolle. Rechnen Sie damit, eines Tages wechseln zu müssen – Ihr nächster Bewerbungsempfänger könnte das ganz anders sehen.

2. Es ist nicht möglich zu sagen: „Auslandspraxis nützt immer, tun Sie alles, um sie zu erwerben.“ Es ist hingegen möglich, sich mit dem Erwerb dieser speziellen Erfahrungen einen bisher tadellosen Werdegang zu ruinieren (s. auch 6.3 und 6.6).

3. Für Schüler und Studenten gilt: Es kann uneingeschränkt pauschal zum Erwerb von Auslandspraxis geraten werden (Schüleraustausch, Stu­diensemester, Praktika, Diplomarbeit, Promotion, Zweitstudium).

4. Ausland ist nicht pauschal Ausland. Ein Studienabschluss in einem technologisch weniger interessanten Land kann auch kritisch gesehen werden, was die aufgewandte Zeit oder das Resultat angeht. Die USA und unsere großen westeuropäischen Partnerländer sind immer empfehlenswert. Aber: Fünf Auslandsaufenthalte in einem Land machen Sie zum Spezialisten für diese Region – wollen Sie das? Pech für Sie, wenn dieses Gebiet eines Tages uninteressant wird.

5. Ausland heißt nicht nur „Überleben in einer fremden Kultur“, sondern auch „Perfektionieren einer Fremdsprache“. Englisch zu beherrschen nützt immer, andere Sprachen können im Einzelfall nützlich sein (vielleicht aber brauchen Sie die nie wieder).

6. Speziell für beruflich (also nach Studienabschluss) erworbene Auslandspraxis gilt neben dem oben Gesagten:

6.1 Die Position im Ausland muss einigermaßen in den bisherigen Werdegang passen. Große fachliche Sprünge, deutliche hierarchische Rückschritte etc. sind fast so kritisch wie sie es in Deutschland wären.

6.2 Klassische Wirtschaftsunternehmen in Deutschland bevorzugen deutlich Erfahrungen aus klassischen Wirtschaftsunternehmen in technologisch hochstehenden Ländern – die Erfahrungen sollten auch fachlich hier anwendbar und umsetzbar sein. Letzteres ist unabhängig vom Einsatzland gegeben, wenn Sie für ein bedeutendes internationales oder ein deutsches Unternehmen in irgendein Land gegangen sind. Vorsicht mit dem Einsatz für international unbedeutende lokale Firmen in schwach entwickelten Ländern, Vorsicht auch mit dem Einsatz unter Entwicklungshilfeaspekten. Für BMW in China am Aufbau eines Produktionswerkes mitgewirkt zu haben, fällt unbedingt unter „Auslandspraxis auf technologischem Top-Standard“. Ein Angestelltenverhältnis bei einer lokalen Firma in einem Entwicklungsland lässt sich später deutlich schlechter verkaufen.

6.3 Die Auslandspraxis sollte nicht zu lang dauern. Zwei Jahre genügen immer, drei Jahre sind akzeptabel, bei fünf Jahren beginnen die Probleme der Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt („auslandsversaut“).

6.4 Ideal ist eine Auslandspraxis, die schon drei oder mehr Jahre zurückliegt, bei der also die Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt bereits abgeschlossen ist. Daraus darf geschlossen werden, dass diese anschließende Phase schwierig ist.

6.5 Wenn Ihr heutiger Arbeitgeber Sie für einen begrenzten Zeitraum ins Ausland entsendet, dann holt er Sie wieder zurück und zahlt weiter Ihr Gehalt. Rechnen Sie aber damit, dass der neue Job in der Heimat Ihren Vorstellungen nicht entspricht.

Gehen Sie allerdings zu einem ausländischen Arbeitgeber mit ausländischem Vertrag, dann stehen Sie eines Tages arbeitslos auf dem Marktplatz von Timbuktu. Bewerbungen aus dem Ausland sind extrem schwierig, Sie sind für Rückfragen schwer und für Vorstellungsgespräche gar nicht „greifbar“. Deshalb kann dieser Weg nicht vorbehaltlos empfohlen werden.

6.6 Aus den vorangestellten Punkten geht auch hervor, dass Auslandseinsätze immer problematischer werden, je älter Sie schon sind. Das liegt nicht nur an der abnehmenden generellen Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt, sondern vor allem an den steigenden Ansprüchen an passende Positionen sowohl im Ausland als auch vor allem danach in Deutschland. Mit 45 ist man fast schon zu alt, um erstmals ins Ausland zu gehen, 40 Jahre sind ein Grenzfall, 35 Jahre sind von daher unproblematisch.

6.7 Wenn Ihr heutiger Arbeitgeber Sie für ein begrenztes Projekt ins Ausland entsendet und Ihnen anschließend Ihren „alten“ Job garantiert, sind keine Bedenken angebracht, gleichgültig aus welchem Grund.

6.8 In der globalisierten Welt ist ein Punkt auf dem Globus ein Ort wie jeder andere. Und man soll – goldene Regel – zwar nach einer bestimmten Position streben, aber nicht nach einem bestimmten Einsatzort, wie ihn auch das „Ausland“ darstellt. Eine solche Vorliebe, von der man sich den Werdegang „verbiegen“ lässt, ist ein Fehler. Natürlich einer, der „immer wieder gern genommen“ wird. Aber es rächt sich stets, Regeln zu ignorieren.

6.9 Im Idealfall legt man in der schulischen, vor allem aber in der studentischen Jugend die oben erläuterte Basis (siehe auch 3.) für einen „Auslandstouch“ und ist im späteren Berufsleben aufgeschlossen für alles, was sich – vor allem im Unternehmensinteresse – so ergibt. Wird deutlich, dass der eigene Arbeitgeber (siehe 1.) berufliche Auslandspraxis zwingend als Aufstiegsvoraussetzung ansieht, bemüht man sich intern entsprechend. Sonst wartet man ab, wo der Arbeitgeber Löcher hat, die er stopfen muss. Pauschal lässt sich sagen, dass es ratsam ist, vor allem in jungen Jahren aktiv um Auslandspraxis bemüht zu sein. Später wird alles schwieriger, auch im Privatbereich.

6.10 Externe Initiativbewerbungen bei Firmenzentralen in Deutschland „Ich will für Sie ins Ausland gehen“, sind meist sinnlos. Das Unternehmen sendet solche Mitarbeiter ins Ausland, die intern eingearbeitet sind und „draußen“ eine echte Hilfe darstellen. Und wenn die ausländische Tochter einfach nur Mitarbeiter sucht, dann auf dem lokalen Markt.

6.11 Für Konzerne und große Mittelständler verschwinden die Kategorien „Inland/Aus­land“ immer mehr. Gesucht ist der universell einsetzbare Mitarbeiter, der in das Werk geht, in dem er gebraucht wird.

 

So geehrter Einsender, nun wägen Sie ab. Sie spüren schon, dass bei mir die Skepsis überwiegt, ich rate bei Ihnen eher ab. Ich bin stets für Schritte, die auf dem Weg zu einem beruflichen Ziel weiterführen und gegen solche, die nur dazu dienen, „lang gehegte (private) Wünsche“ zu erfüllen. Wobei ich ja zugebe, dass so etwas reizvoll sein kann. Versuchungen sind das immer. Aber als abhängig Beschäftigte jagen wir dort, wo die Mammuts wirklich sind – und ziehen nicht dorthin, wo es wegen der schönen Umgebung reizvoll sein könnte, mal ein wenig zu jagen.

Kurzantwort:

Auslandspraxis zu haben, wird im Zuge der Globalisierung immer wichtiger. Aber den allein richtigen, stets gangbaren und pauschal empfehlenswerten Weg zum Erwerb gibt es nicht.

Frage-Nr.: 2003
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 12
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-03-24

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