Heiko Mell

Juniorprofessor

Seit kurzem gibt es Stellenausschreibungen mit der Bezeichnung „Juniorprofessor“ (s. Anlage). Mich hat eine solche Stelle interessiert.

Ich würde mich jedoch aufgrund folgender Überlegungen grundsätzlicher Art – also unabhängig von meinem persönlichen Lebenslauf und meinen Zielen – nicht bewerben:
Die Stelle ist befristet auf drei Jahre. Eine Verlängerung um weitere befristete drei Jahre ist möglich. Das Risiko: Man wird weder nach drei noch nach sechs Jahren „richtiger Professor“, sei es wegen einer schlechten Beurteilung durch die Professoren-Kollegen oder weil keine geeignete Planstelle irgendwo in dieser Republik frei ist.

Wie viele Bewerber gibt es derzeit auf dem Arbeitsmarkt, in deren Lebensläufen offen oder verschleiert zu erkennen ist „Ich war einmal Professor“? Keinen! Wer stellt „danach“ einen solchen Bewerber ein? Man ist in der Wissenschaft gescheitert und eine Rückkehr in die Praxis ist nahezu unmöglich. Ergebnis: Die Karriere ist tot.

Gibt es überhaupt Menschen, die bei hinreichender Qualifikation für diese Stelle gleichzeitig die Naivität besitzen, dieses Risiko nicht zu sehen oder unterzubewerten? Wird diese Stellenausschreibung je eine ernsthafte Bewerbung ernten?

Ist die Juniorprofessur nur ein Irrweg realitätsentrückter Bildungspolitiker, der bald Geschichte sein wird? Ist das Konzept grundsätzlich gut, aber derzeit mit ungünstigen Rahmenbedingungen instanziiert? Habe ich in meiner Darstellung etwas nicht beachtet oder ist an meiner Sichtweise etwas falsch? Wie sehen Sie das?

Antwort:

Ein bisschen Vorgeplänkel zum Warmlaufen: Im Hinblick auf Ihr Wort „instanziiert“ bin ich ein wenig skeptisch. Ich bin da sensibilisiert: An meine frühen Aufsätze schrieben Lehrer oft „Wortschöpfung“ oder „die Entwicklung der Sprache ist noch nicht soweit“. Mein Duden kennt den Begriff auch nicht.Dann ist natürlich die Basis Ihrer Frage schon etwas ungewöhnlich: Sie schicken mir ein Inserat mit einer Position, um die Sie sich ganz entschieden nicht(!) bewerben wollen. Wenn das nun jeder mit allen ihm nicht zusagenden Anzeigen machte, müsste ich neue Aktenordner für Einsendungen anlegen. Die nor­male Reaktion Ihrerseits auf ein Ihnen nicht zusagendes Stellenangebot wäre schulterzuckendes Weiterblättern gewesen … Soll doch der Inserent, also die suchende Uni, das Problem lösen.

Aber ich glaube Sie schon zu verstehen: Eigentlich möchten Sie schon, aber bestimmte Details schrecken Sie ab. Und, wie man sieht, begehen wir gerade hier ein kleines Jubiläum: Es ist die 2.000 abgedruckte Frage dieser Serie, da passt ein etwas ausgefallenes Thema ganz gut. Wobei wir diesen Jubiläums-Aspekt nicht allzu hoch halten wollen. Ein bisschen Zufall spielt dabei schon mit: Wenn ich mich in einer Woche für drei „kurze“ statt für zwei „lange“ Fragen entscheide, erreiche ich gewisse „magische Zahlen“ schneller.

Beschäftigen wir uns mit der Anzeige. Wobei ich einschränkend sagen muss, dass ich kein Spezialist für die Werdegänge von Hochschulprofessoren bin – die Universitäten schalten im Regelfall keine Personalberater bei der Berufung von Professoren ein. Aber wenn ich etwas Falsches sage, werden mich Leser schon korrigieren (ich drucke das dann nachträglich hier ab).

Die Ausschreibung bietet tatsächlich zunächst einen befristeten Vertrag von drei Jahren an und stellt bei Bewährung weitere drei Jahre der Verlängerung (also auch befristet) „als Juniorprofessor“ in Aussicht. Über das, was dann kommt, schweigt die Anzeige.

Ich sehe das so: Juniorprofessor ist zwangsläufig kein Status, mit dem jemand in Pension gehen kann, es klänge ja auch lächerlich. Hier gibt es eine Sicherheit für drei und eine verhältnismäßig solide Chance für weitere drei Jahre. Und dann ist Schluss – dann wäscht der „Arbeitgeber“ seine Hände in Unschuld, der „Junior“ ist arbeitslos und muss sich kümmern um irgendeinen Anschluss.

Was diesen Anschluss in der Wirtschaft angeht, aus der er vermutlich heute kommt, bin ich äußerst skeptisch. Ob es dort einen Markt für „Ex-Junioren“ geben wird, bezweifle ich. Der Kandidat käme dann aus der so ganz anderen Welt des öffentlichen Dienstes und hätte symbolisch ein Schild um den Hals „Eigentlich wollte ich Uni-Professor werden, also im öffentlichen Dienst und eben nicht mehr in der freien Wirtschaft arbeiten. Dort hat es aber nicht geklappt und nun will ich das machen, was für mich eigentlich nur II. Wahl ist“. Das klingt nicht gut.

Natürlich ist so ein Juniorprofessor ein hochqualifizierter Mensch auf seinem Fachgebiet. Vielleicht findet er nach intensivem Suchen einen beruflichen Unterschlupf in irgendwelchen Verbänden oder (öffentlichen) Institutionen – aber das „Gelbe vom Ei“ kann das nicht sein, eine langfristige Planung kann darauf nicht aufbauen.

Nein, ich interpretiere die Tätigkeit als Juniorprofessor so: „Ich will Uni-Professor in Festanstellung (wie immer das korrekt heißt) werden. Dies ist mein erster vorbereitender Schritt dazu. Und ich gehe davon aus, dass man später bei der endgültigen Berufung eines ‚richtigen Professors’ sehr dankbar und bevorzugt auf Ex-Junioren zurückgreift – weil diese doch sehr viel näher dran sind an der Professur als irgend ein anderer Kandidat und fast deckungsgleiche Erfahrungen mitbringen.“

Dann also wäre der Junior der erste Schritt auf der Laufbahn zum „richtigen“ Uni-Profes­sor, natürlich mit dem Risiko verbunden, dass man als Junior nicht überzeugt und dass dann die Karriere ins Wasser fällt. Aber dieses Risiko wäre zumutbar. Das gilt alles nur, wenn die Universitäten tatsächlich Ex-Juni­oren bevorzugen, wenn es um Professoren-Berufungen geht. Dass dann ein kleinerer(!) Prozentsatz von Junioren durchs Raster fällt, müsste im Rahmen elitärer Auswahlprozesse hingenommen werden. Aber es müsste eine vernünftige Chance für Ex-Junioren geben, im zeitnahen Anschluss irgendwie „richtiger“ Professor zu werden.

Sofern die Uni-Berufungskommissionen jedoch dazu neigen sollten, eine positive Bewährung als Junior keineswegs als zentrales Qualifikationsmerkmal für die „richtige“ Professur zu betrachten und sehr viele Ex-Ju­nioren auf der Strecke blieben, wäre diese spezielle Einrichtung einem Menschen wie mir schwer vermittelbar.

 

Fazit: Im positiven Falle wäre ein Junior ein „Professor auf Probe“ – er weiß nur noch nicht, wo und wann er endgültig berufen wird. Sofern er sich bewährt. Angst vor der Bewährung gilt nicht. Durch diese Prüfung müssen wir anderen auch ständig. Wenn also aus etwa 80 % der Junioren schließlich „richtige“ Professoren würden, könnte man damit leben. Mit 40 % eher nicht.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 2000
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-03-10

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