Heiko Mell

Der „Bahama“-Effekt oder: Inhaber ziehen sich zurück

Nach dem Studium des Maschinenbaus (FH), über einem Jahrzehnt Berufstätigkeit in einem größeren mittelständischen Industriebetrieb (5.000 Mitarbeiter) und internem Aufstieg dort bis zum Abteilungsleiter, hatte ich vor etwa zwei Jahren im Rahmen meiner persönlichen Karriereplanung entschieden, dass ein Karrieresprung nur in einem anderen Unternehmen möglich sein würde. Gründe waren ein Rückgang der Branche und ein Vorgesetzter, der seinen Bereich langsam aber sicher am Standort isoliert hatte.

Nach Bewerbung und ausführlichen Recherchen (Internet, Auskunfteien etc.) bin ich nun seit gut eineinhalb Jahren in einem etwas kleineren, jedoch sehr bekannten, renommierten Unternehmen einer anderen Branche als Hauptabteilungsleiter tätig.

Schon kurz nach meinem Arbeitsantritt konnte ich feststellen, dass der drei Jahre zuvor vollzogene Generationenwechsel von den bisher an der Spitze stehenden Inhabern auf angestellte Geschäftsführer nicht funktionierte. Inzwischen wurden zwei Geschäftsführer (darunter auch der, dem ich zugeordnet war) und ein Hauptabteilungsleiter entlassen sowie eine grundlegende Umstrukturierung durchgeführt. Nicht zuletzt durch diese Unruhen ist seit einigen Monaten der Umsatz eingebrochen, so dass auch im aktuellen Geschäftsjahr wieder von Verlusten ausgegangen werden kann.

Das Unternehmen lebt von der Substanz, die Gesellschafter sind mittlerweile extrem nervös und greifen über die Köpfe der Geschäftsführer in das Tagesgeschäft mit ein. Zahlreiche von den Gesellschaftern bestellte Berater haben weitere Umstrukturierungen vorgeschlagen, die Umsetzung lässt wegen unterschiedlicher Meinungen der Gesellschafter auf sich warten.

Somit schwebt über meinen Kollegen und mir das Damoklesschwert von Entlassung, Umstrukturierung, Insolvenz oder sogar Verkauf des Unternehmens. Sollten Bewerbungen erforderlich werden, rechne ich aber mit relativ guten Chancen, einen entsprechenden Arbeitsplatz zu finden. Da mein bisheriger Lebenslauf sehr konsequent und geradlinig ist, stellt sich mir nun folgende Frage:
Versuche ich, trotz aller Widrigkeiten die nächsten ein bis zwei Jahre im jetzigen Unternehmen „zu überleben“, um dann im Rahmen eines weiteren Karriereschritts in ein anderes Unternehmen zu wechseln? Oder wechsele ich kurzfristig, mit dem Nachteil zu kurzer Dienstzeit und dem Risiko, mir bei einem Scheitern beim neuen Arbeitgeber einen völlig verkorksten Lebenslauf einzuhandeln?

Für Variante eins spricht, dass ich einer der wenigen Manager bin, der alle bisherigen „Einschläge“ unbeschadet überstanden hat und ich bei Kollegen und aktueller Geschäftsleitung Anerkennung für meine Arbeitsweise und meine Ergebnisse erreicht habe. Für Variante zwei spricht, dass mein Arbeitsplatz nur relativ sicher ist, da sich kurzfristig völlig andere Konstellationen ergeben können. Weiterhin fürchte ich, geringere Chancen zu haben, sofern ich mich unter Zeitdruck oder aus Arbeitslosigkeit heraus bewerben müsste.

Antwort:

Lassen Sie mich erst einmal herausarbeiten, was an Ihrem Fall allgemeingültig ist; dann gehe ich auf Ihre Frage ein.

1. Die „ausführlichen Recherchen“, die Sie vor dem Eintritt in das heutige Unternehmen angestellt hatten, haben auch nicht geholfen. Das deckt sich mit allgemeinen Erfahrungen.

2. Ein bisschen Sorge macht mir, wie schlecht Vorgesetzte generell bei Ihnen wegkommen: Der in Ihrer ersten Firma hatte „sich und seinen Bereich … am Standort isoliert“. Die Ihnen heute vorgesetzten Geschäftsführer kommen in der Geschichte aktiv gar nicht vor – werden allenfalls als Menschen dargestellt, die ohnehin nichts zu sagen haben. Anerkennung finden Sie bei „Kollegen und … der Geschäftsleitung“. Abgesehen von der unzulässigen Vermischung der Begriffe Geschäftsleitung und Geschäftsführung: Die Reihenfolge ist falsch! Das ihm Wichtigste nennt der Mensch bei solchen Aufzählungen instinktiv zuerst – aber nicht die Kollegen werden Sie vielleicht eines Tages entlassen. Und die Gesellschafter kommen auch nicht gerade gut weg … Ich will, da ich keine weitergehenden „Beweise“ habe, nur empfehlen: Überprüfen Sie einmal Ihr generelles Verhältnis zu Chefs.

3. Sie sind einem Effekt zum Opfer gefallen, den ich nur zu gut kenne: Der Wechsel von bisher allein an der Spitze stehenden Inhabern zu angestellten Geschäftsführern, die von „draußen“ eingekauft werden, funktioniert nur sehr selten (handelt es sich bei den Geschäftsführern um den Inhabern vertraute, unter ihnen „großgewordene“ hauseigene Manager, ist die Erfolgsquote größer).

Da Berater wie ich öfter einmal mit der Aufgabe betraut werden, für einen „rückzugswilligen“ Inhaber nachrückende Geschäftsführer zu suchen, ist mir die Problematik vertraut:

Nachfolger eines angestellten Vorgänger-GFs zu werden, ist problemlos: Der „Alte“ geht, verliert am Tag des Ausscheidens seine Macht vollständig und ward hernach nicht mehr gesehen. Der sich zurückziehende alte Inhaber jedoch hat bis gestern alles selbst gemacht, räumt zwar den GF-Sessel, bleibt aber präsent – und behält als Eigentümer seine Macht. Ist der fremde GF nun ein (machtorientierter) Mann wie der Inhaber – sind sie wie zwei gleichpolige Magnete: Sie stoßen sich ab. Ist der GF aber „anders“, wird alles noch schlimmer: Er denkt, handelt, entscheidet alles anders, was wiederum dem Gesellschafter nicht gefällt. Mitunter kehrt der Inhaber wieder in seine alte Funktion zurück (was wegen seines Alters meist keine Lösung ist), oft werden auch zwei oder drei fremde Geschäftsführer „verschlissen“, bevor die Geschichte zu funktionieren beginnt.

Daher – und nun kommt endlich die Erläuterung der Überschrift – frage ich in solchen Fällen den Inhaber: „Gehen Sie auf die Bahamas oder bleiben Sie vor Ort präsent?“ Die Fidschi-Inseln täten es natürlich auch. Geht er nicht, liegen qualvolle Monate bis Jahre vor allen Beteiligten (auch vor ihm).

Diese Darstellung enthält keine Kritik. Weder an den Inhabern, deren Situation ich gut verstehe, noch an den angestellten Geschäftsführern, deren „erwiesene Unfähigkeit“ (ein häufig fallendes Urteil) nicht nur sie oft um ihren Job, sondern den Berater auch ebenso leicht um einen Kunden bringt (einer muss ja verantwortlich sein).

Sie sind also in eine durch und durch explosive Situation hineingestolpert. Dass jetzt auch noch Befürchtungen im Hinblick auf Insolvenz „oder sogar Verkauf“ (die Reihenfolge verstehe ich nicht – Insolvenz ist schlimmer) hinzukommen, verschärft die Probleme natürlich. Zum Glück sind Sie derzeit nicht direkt betroffen, Ihre Arbeit und Ihre Person werden anerkannt.

4. Man erkennt an Ihrem Werdegang sehr schön das klassische Prinzip der „Karrieregestaltung durch gezielten Arbeitgeberwechsel“: Abteilungsleiter in einem größeren, danach Hauptabteilungsleiter in einem etwas kleineren Unternehmen. Das funktioniert beim Sprung vom Sachbearbeiter zum Projekt-/Team- oder Gruppenleiter ebenso wie beim Aufstieg zum Geschäftsführer.

5. Nun zu Ihren Möglichkeiten: Mit Ihren 1,5 Jahren haben Sie nicht nur eine recht kurze Dienstzeit. Die ist jetzt gar nicht das zentrale Problem, da die zehn Jahre beim Arbeitgeber davor ein schönes „Polster“ abgeben. Aber:

a) Wenn Sie sich jetzt bewerben, ist Ihre Bewährung auf der Hauptabteilungsleiterebene noch nicht so solide, wie sie es in zwei weiteren Jahren wäre. Stets unterliegen Sie dem Verdacht, es sei vielleicht doch ein wenig viel für Sie gewesen, auf dieser Ebene Verantwortung zu tragen. Das bedeutet nicht, dass alle Bewerbungen scheitern – aber dieser Effekt könnte Ihre Erfolgsquote drücken.

b) Nehmen wir einmal an, Sie hätten weitergehenden Ehrgeiz, wollten eines Tages Geschäftsführer werden:Jetzt können Sie sich, mit 1,5 Jahren als Basis, keinesfalls schon um eine Aufstiegs-Position bewerben, sondern müssten eine vergleichbare Hauptabteilungsleiterposition anstreben. Nehmen wir weiter an, beim so gefundenen Arbeitgeber gäbe es dann keinen internen Aufstieg. Sie müssten also wieder wechseln. Das könnten Sie dann aber – bei Geschäftsführerpositionen ist man auf Entscheiderseite besonders anspruchsvoll – erst nach vier, besser fünf Jahren beim jetzt neu zu findenden Arbeitgeber tun.

 

Fazit: Sie verlieren die Dienstzeit beim heutigen Arbeitgeber nahezu vollständig.Also ist für Sie ein schneller Wechsel ohne wirkliche Not nicht angesagt. Dennoch müssen Sie für den Fall einer plötzlich hereinbrechenden Katastrophe Vorbereitungen treffen: Tun Sie das eine, ohne das andere zu lassen: Bleiben Sie so lange es geht, aber halten Sie auch Kontakt zum Markt. Studieren Sie Anzeigen, bewerben Sie sich gelegentlich, testen Sie Ihre Akzeptanz und die Qualität Ihrer Unterlagenaufbereitung.

Immerhin haben Sie einen Vorteil gegenüber vielen Mitbewerbern: Die sind im Normalfall Aufsteiger, also heute Abteilungsleiter, die sich erstmals um eine Hauptabteilungsleiterposition bemühen. Diese Kandidaten bewerben sich „auf Kredit“. Sie jedoch wurden immerhin bereits von einem Arbeitgeber in einem Bewerbungsprozess entsprechend ausgewählt und haben erste Praxis auf dieser Ebene vorzuweisen. Natürlich haben Sie auch Nachteile gegenüber Mitbewerbern, die z. B. seit fünf Jahren erfolgreich in so einer Position tätig sind und jetzt einen guten Grund für den Wechsel auf gleicher Ebene haben (siehe auch 5a), aber Sie sind nicht ohne Chancen.

Und dann warten Sie ab. Entweder hält Ihr heutiges Arbeitsverhältnis noch mindestens zwei Jahre oder der „Schlag“ kommt, trifft Sie dann aber nicht unvorbereitet.

Kurzantwort:

Es gibt Führungskonstellationen, die gelten als besonders risikoreich; sie „funktionieren“ nur bei sehr sorgfältiger Vorbereitung und großer Toleranz auf allen Seiten. Ein Generationenwechsel im inhabergeführten Privatunternehmen mit erstmaligem Einsatz externer Fremdgeschäftsführer kann durchaus dazugehören.

Frage-Nr.: 1996
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 7
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2006-02-17

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