Heiko Mell

Leitend im großen oder „Boss“ im kleinen Haus?

Seit langem lese ich Ihre „Karriereberatung“. War ich anfangs sehr kritisch gegenüber Ihren Erklärungen, kann ich nach fast zwanzig Berufsjahren sagen, dass Ihre Beiträge den „Nagel auf den Kopf“ treffen: eine Pflichtlektüre für alle, welche sich dem Thema Karriere verschrieben haben. Ihre Hintergrundinformationen, Erklärungen und Ratschläge verwende ich nicht nur für mich, sondern vielfach bei Personalgesprächen mit meinen Mitarbeitern.

Mein bisheriges Berufsleben hat sich positiv entwickelt: Ich bin Leitender Angestellter bei einem großen Unternehmen mit P&L-Verant­wortung und ich genieße das Vertrauen meiner Führungskräfte. Details entnehmen Sie bitte meinem beigefügten Lebenslauf.

Ich wurde angesprochen, um die Aufgabe des Vorstandsvorsitzenden eines kleinen Unternehmens zu übernehmen. Dieses Unternehmen hat seinen Schwerpunkt in der gleichen Industrie, in der ich momentan tätig bin und die Aktien werden öffentlich gehandelt.

An dieser Aufgabe würde mich reizen, dass ich hier mein „eigenes“ Unternehmen leiten könnte und mich mit allen Belangen eines Aktienunternehmens auseinandersetzen könnte.

Kann es im Hinblick auf die weitere Karriereentwicklung überhaupt zielführend sein, ein solch kleines Unternehmen zu übernehmen?

Antwort:

Zunächst einige – vorsichtige, um die Diskretion nicht zu gefährden – Informationen für die anderen Leser:

1. Die P&L-Verantwortung bedeutet, dass man am Gewinn seiner Einheit gemessen wird. Es geht dann nicht mehr vorrangig darum, dieses oder jenes Detail falsch oder richtig gemacht zu haben, es geht darum, mit den zugeordneten Ressourcen einen Ertrag in Höhe der Erwartungen seiner Vorgesetzten zu erzielen. Gelingt das nicht, wackelt der Stuhl. Wie vielfach üblich, sind hier Vertrieb, Entwicklung und Produktion für einen Teilbereich der Unternehmensaktivitäten unterstellt.

2. Der Einsender ist Ingenieur und hat sich über die Technik und dann über umfassende Vertriebsverantwortung in die heutige Position hineinentwickelt. Er ist etwa Mitte 40, hat also noch einige Jahre vor sich, in denen er planen und die eigene Karriere gestalten kann. Sein heutiger Konzern ist wirklich sehr groß, sein direkter Arbeitgeber (Konzerntochter) ist immer noch recht groß. Die ihm zur Leitung angebotene neue Unternehmung ist, an diesen Dimensionen gemessen, geradezu winzig. Die Gesamtverantwortung dort läge etwa bei einem Drittel seiner heutigen – aber als Vorstandsvorsitzender würde er die gesamte Unternehmenspolitik einer selbstständigen Gesellschaft gestalten, ohne direkten Chef, ohne Muttergesellschaft, das Einkommen läge vermutlich deutlich höher.

3. „Meine Führungskräfte“ sind vermutlich nicht „seine“ unter, sondern „seine“ über ihm. In vielen Unternehmen sagt man nicht mehr „mein Chef“, sondern für eben diese Person „meine Führungskraft“ – die nach wie vor Chef ist und bleibt, es ist alter Wein in neuen Schläuchen. Man muss es nur wissen.

4. Die Anführungszeichen bei „eigenes“ (Unternehmen) gegen Schluss der Frage sind unbedingt erforderlich. Viele Vorstandsvorsitzende vergaßen schon, dass es Aktionäre gibt, denen der Laden gehört und Aufsichtsräte, die auch noch Macht haben – und mussten gehen.

5. Die Einsendung hat ein – bisher nicht abgedrucktes – PS: „Ich bin vor allem gespannt, welche Form-, Ausdrucks- und Rechtschreibfehler Sie mir ankreiden werden.“ Nun, ich bin Berater und kein Mensch, der mit scharfen Handgranaten jongliert. Nachher, geehrter Einsender, nehmen Sie das Angebot noch an und ich habe dann einen Vorstandsvorsitzenden öffentlich kritisiert. Nein, das riskiere ich nicht! Allenfalls würde ich mir, wenn es denn Ihr Wunsch ist, mit äußerster Zurück­haltung erlauben, darauf hinzuweisen, dass

– man statt „genieße“ nicht „geniese“ schreiben darf (im Abdruck korrigiert),

– „in der gleichen Industrie“ irgendwie unschön ist; man sagt besser nicht „diese Industrie“ und „jene Industrie“, für Ihren Zweck benutzt man z. B. „Branche“, eventuell „industrielle Branche“

– und dann könnte man noch diskutieren, ob es „die gleiche“ oder „dieselbe“ Industrie oder Branche wäre,

– man in der Praxis mehr „Aktiengesellschaft“ als „Aktienunternehmen“ sagt,- im vorletzten Satz die zweite Verwendung von „könnte“ unschön ist – man lässt hier einfach das erste dieser Wörter weg.

Aber sonst ist alles tadellos, insbesondere das Lob am Anfang finde ich überzeugend und perfekt formuliert. Danke dafür. Mein PS (der Duden will es ohne Punkte, nun ja): Ich habe niemanden gebeten, in meinen Ausführungen nach Fehlern zu suchen, dies zur Klarstellung.

Nun in vollem Ernst zum Kern des Problems:Die mögliche neue Aufgabe würde Sie in eine neue Dimension beruflichen Tuns hineinbringen: Mehr Gestaltungschancen, mehr Macht, mehr strategisch-konzeptionelle Freiheiten, keine Rücksichtnahme auf den Konzern, eine tolle Positionsbezeichnung auf der Visitenkarte. Das macht Spaß, gibt Erfüllung. Dafür kennt das neue Haus in der Öffentlichkeit vermutlich „kein Mensch“. Sie wären unberechenbaren Aktionären und Börsenkursen verpflichtet, verantwortlich auch für Katastrophen, für die Sie gar nichts können. Sagen wir es so: Chancen und Risiken stünden in einem ausgewogenen Verhältnis.

Aber: Ab sofort wäre Ihre (ganz andere) Welt die dieser „kleinen Unternehmen“. Entweder gehen Sie dort in Pension oder Sie wechseln nach fünf oder zehn wirtschaftlich erfolgreichen Jahren in ein Unternehmen der nächst größeren Dimension. Als Vorstandsvorsitzender, denn eine andere Funktion kommt dann nie mehr in Frage!

Daraus folgt auch: Ihre heutige Berufswelt wäre Ihnen weitgehend versperrt. Da ist die geringe Firmengröße, die Sie für Konzerne uninteressant macht. Aber vor allem: Niemand will einen Ex-Vorstandsvorsitzenden auf einer Position als Ressortmanager im Konzern. Der Job verdirbt Sie im Hinblick auf das Einordnen in irgendwelche Teams.

Wer klare Chancen sähe, im heutigen Konzern immer noch sehr viel weiter aufzusteigen, wäre zurückhaltend gegenüber dem externen Angebot. Wer befürchten muss, jetzt oder in Kürze intern stecken zu bleiben, griffe vermutlich zu.

Aber: Eine Vorstufe zum Konzernvorstand ist das ganz sicher nicht!

Kurzantwort:

Die Welt der kleinen Unternehmen ist eine andere – aus der Sicht eines Konzernmanagers. Aber die Chance, einmal ein ganzes Unternehmens zu lenken, hat er nur im Mittelstand (realistisch gesehen) Der Weg dorthin ist einer ohne Wiederkehr.

Frage-Nr.: 1965
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-10-21

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