Heiko Mell

Und nach dem Auslandseinsatz?

Ich bin Dipl.-Ing. TH, „um 40“ und bei einem namhaften Großkonzern tätig, zuletzt als Manager … Vor einigen Monaten bin ich zusammen mit meiner Familie in ein großes europäisches Land gezogen, nachdem ich mich hier hausintern erfolgreich um eine Stelle als Manager beworben hatte. Allerdings habe ich jetzt weniger als ein Drittel der Mitarbeiter zu führen, die mir noch in Deutschland unterstellt waren.

1. Ich habe mich auf diesen „Rückschritt“ eingelassen, weil für mich die Tatsache „Führungserfahrung mit wenigen Mitarbeitern im Ausland“ mehr zählt als ein kleiner weiterer Zuwachs an Führungsumfang, den ich vielleicht in Deutschland erreicht hätte.

2. Nach der Rückkehr aus dem Ausland könnte ich auf gleicher Ebene in einen anderen Unternehmensbereich wechseln. Das wird gerade von der Personalabteilung hoch eingeschätzt. Nachteil wäre, dass ich dort etwa drei bis fünf Jahre bleiben müsste, danach zwischen Mitte bis Ende 40 wäre und eine weitere Beförderung mir auf jener Basis als schwierig bis unrealistisch erschiene (obwohl mir heute in Beurteilungen das Potenzial dafür bestätigt wird).

3. Oder ich würde versuchen, nach der Rückkehr in einen anderen Bereich, aber in eine höhere Hierarchiestufe zu wechseln. Damit hätte ich „zwei Fliegen mit einer Klappe“ geschlagen. Ob das aber realistisch ist?

4. Der Aufstieg innerhalb meines Geschäftsgebietes nach meiner Rückkehr käme in Frage. Damit würde mir allerdings der für spätere Karriereschritte so wichtige Bereichswechsel fehlen.

5. Oder ich wechsele in eine andere Firma. Nach etwa fünfzehn Dienstjahren entweder die allerletzte Chance oder keine wirklich realistische Alternative mehr?

Antwort:

Eigentlich liegt die zentrale Antwort vor Ihnen, sie ergibt sich aus den Grenzen, an die Sie bei allen Überlegungen stoßen: Sie sind eigentlich schon zu alt für ein Engagement „ins Ausland um des Auslands willen“. Anders wäre es gewesen, hätte Ihr Geschäftsbereich Sie entsandt, weil er Sie dort brauchte. So aber erwerben Sie jetzt zwar Führungspraxis im Ausland – allerdings um einen recht hohen Preis.

Zu 1: Im Prinzip ja, in der Praxis jedoch haben Sie Zeit verloren, die für Sie schon außerordentlich kostbar ist. Gestehen Sie es sich ein: Sie sind aus Leidenschaft für ein internationales Umfeld ins Ausland gegangen. Das kann man tun, dann darf man sich aber nicht wundern, dass damit auf der anderen Seite Nachteile verbunden sind. Zehn, acht oder auch fünf Jahre früher hätte alles gestimmt, was Sie schreiben.

Zu 2: Das scheint mir das wahrscheinlichste Szenario zu sein. Es würde bedeuten: Der ganze Auslandseinsatz hätte „karrieremäßig“ nichts gebracht.

Zu 3: Das wäre die Lösung, aber auch ich hätte meine Zweifel, ob sich das realisieren lässt.

Zu 4: Das hört sich doch gut an! Sie wären damit weiter als nach den anderen Modellen. Und ob es zu weiteren/späteren Karriereschritten kommt, liegt ohnehin in den Sternen.

Zu 5: Das funktioniert schlecht, solange Sie im Ausland sind. Mein Vorschlag: Sie kommen erst einmal planmäßig zurück und etablieren sich wieder hier im Lande, z. B. gemäß 4.

Dann prüfen Sie, welche Alternativen sich eventuell extern ergäben. Die allerletzte vernünftige Chance dazu hätten Sie etwa so um 45. Die lange Konzerndienstzeit, die Sie bis dahin zusammenbekommen, ist ein zu sehender Aspekt, aber im Gesamtzusammenhang das „kleinere Übel“.Kennen Sie den von mir geprägten Satz, der Ihren Fall betrifft? „Sie tun entweder etwas Interessantes oder Sie sind es“ – und derzeit tun Sie.

Kurzantwort:

1. Nach einem beruflichen Auslandseinsatz ist die Reintegration in den deutschen Arbeitsmarkt das größte Problem. Firmenwechsel auf der Basis einer Bewerbung aus dem Ausland sind schwierig.

2. Der Markt honoriert vor allem Auslandserfahrungen, die zwei bis drei Jahre zurückliegen.

Frage-Nr.: 1943
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 28
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2005-07-14

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