Heiko Mell

Vertriebsleiter, selbstständig, GF und zurück?

Es hat den Anschein, als ob ich mich bzw. meine Karriere in eine Sackgasse manövriert habe. Ich war Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens, suche eine vergleichbare Position und frage mich, ob es als Alternative den Weg zurück in die Position des Vertriebsleiters gibt bzw. wo ich die größeren Chancen auf Erfolg habe.

Die Sackgasse sehe ich, weil

– ich 50 Jahre alt bin;

– ich zwar jahrelang leitende Positionen im Vertrieb von Maschinen hatte, jedoch einsehe, dass eine reine Vertriebsposition mit der damit üblicherweise verbundenen Reisetätigkeit oft nur Jüngeren zugetraut wird;

– ich erfolgreicher angestellter Geschäftsführer eines Maschinenbauunternehmens war, das so attraktiv wurde, dass es von dem Branchenführer gekauft wurde – der dann leider mich und den kaufmännischen GF entließ, um eigene Mitarbeiter als GF einzusetzen;

– ich bereits vor der Übernahme der Geschäftsführung eine eigene Firma geleitet hatte und ab Übernahme der Position weiter geleitet habe, welche die Verwertung eines Patentes zum Zweck hatte. Wegen Kapitalmangels gelang das nicht, diese Aktivität wird beendet.

Gegen die Sackgassentheorie spricht, dass

– ich kürzlich ein nebenberufliches Zweitstudium zum MBA abgeschlossen und so neben dem Dipl.-Ing. TU eine deutliche Zusatzqualifikation für die Position eines GF habe;

– ich das Maschinenbauunternehmen nachweislich sehr erfolgreich (trotz der parallel geführten eigenen Firma) geführt habe.

Antwort:

Sie bieten zusätzlich an, mir auf Wunsch Ihre Bewerbungsunterlagen zu übersenden. Diese sind eigentlich auch erforderlich. Bitte verstehen Sie jedoch, dass ich in diesem Rahmen diesen Aufwand nicht treiben kann. Was bei Ihnen vielleicht problemlos und kurzfristig klappen würde, verzögert sich beim nächsten Einsender wegen Urlaubs um vier Wochen, der dritte antwortet vielleicht gar nicht, weil er inzwischen ganz andere Probleme hat. Und auf meinem Schreibtisch stapeln sich inzwischen lauter Beiträge in halbfertigem Zustand. Also gilt hier: Ich werte die Informationen aus, die einer Einsendung beigefügt sind. Im vorliegenden Fall reicht das immerhin, um die tangierten Grundsätze zu verdeutlichen.

Listen wir erst einmal die Probleme auf, die Sie heute bei Ihren – vermutlich erfolglosen – Bewerbungsaktionen haben:

1. Das Alter von 50 Jahren. Damit wird es im unteren Hierarchiebereich (Sachbearbeiter, Team-/Gruppenleiter, Abteilungsleiter) sehr schwierig, weiter oben (GF) „nur“ schwierig.

2. Sie waren ein erfolgreicher (Sie begründen das engagiert) GF – wollen jetzt aber beispielsweise „nur“ Vertriebsleiter werden. Das ist unlogisch, verstößt gegen die allgemeine Regel „vorwärts immer, rückwärts nie“ und gegen die spezielle Regel „einmal GF, immer GF“.

3. Sie hatten vor und später während Ihrer Tätigkeit als GF und haben vermutlich sogar noch heute (was erst beendet „wird“, existiert derzeit noch) eine eigene Firma. Das hat Ihr alter Arbeitgeber irgendwie akzeptiert – aber der hat dann ja auch ohne Rücksicht auf Sie das Unternehmen verkauft und Sie damit dem Entlassungsrisiko ausgesetzt, nehmen Sie den also nicht als Maßstab.

Auch wenn potenzielle neue Arbeitgeber darauf vertrauten, dass Sie in Zukunft nicht mehr anderweitigen auf Erwerb gerichteten Interessen neben Ihrer Haupttätigkeit huldigen (weil Ihre eigene Firma aufgelöst ist), so haben Sie doch gegen diesen Grundsatz verstoßen: „Ein Angestellter war besser niemals selbstständig.“ Denn Sie zeigen ja mit Ihrer Bewerbung ganz deutlich, dass die jetzt von Ihnen angestrebte Position in Ihren Augen nur „II. Wahl“ ist – eigentlich wollten Sie als Ihr eigener Herr oder Chef groß herauskommen. So hat Ihre Bewerbung in der Sie – wie ich Sie einschätze – die Selbstständigkeit groß und ausführlich darstellen, den Charme eines schriftlichen Heiratsantrages an Luise mit dem Text: „Eigentlich wollte ich Hannelore, aber mit diesem Vorhaben bin ich gescheitert. Nun habe ich beschlossen, dich zu wollen – irgendwie muss es ja weitergehen.“ Luise wird das nicht mögen, fürchte ich (ja, die Dinge sind oft so einfach „gestrickt“).

4. Ihr MBA ist ja nicht schlecht. Aber einem 50-jährigen Bewerber hilft dieser Abschluss bei Bewerbungen um eine GF-Position nur marginal. In dem Alter hat man entweder die Qualifikation und kann auf GF-Erfolge verweisen oder nicht. Der zusätzliche MBA-Abschluss gibt Ihnen viel weniger Bonus als die anderen Punkte dieser Aufstellung Abzüge bedingen. Je mehr Sie auf den MBA vertrauen, desto weiter entfernen Sie sich vom Bewerbungserfolg.

Daraus resultiert folgende Empfehlung:

a) Mit 50 vermarkten Sie, was Sie sind oder zuletzt waren, aber nicht Ihre Fähigkeit, etwas anderes zu tun. Sie waren zuletzt – erfolgreich, wie Sie sagen – GF eines Maschinenbauunternehmens. Genau darum müssen Sie sich bewerben (hoffentlich ist das Zeugnis aus der Phase sachlich sehr gut, spricht von messbaren Erfolgen und gutem Verhältnis zum Eigentümer). Es gibt kaum ein Zurück zum reinen Vertriebsleiter.

b) Die eigene Firma stört sehr. Wenn sie einziges Betätigungsfeld vor Ihrer GF-Zeit war, muss sie für diese Zeit(!) im Lebenslauf bleiben. Aber parallel zur GF-Tätigkeit sollte es sie besser nicht gegeben haben. Bedenken Sie, dass es hier nicht nur um Interessenkonflikte zwischen Ihren Eigeninteressen und denen Ihres Arbeitgebers ging, Sie sind auch mit einem gescheiterten Projekt „belastet“. Manager aller Art sollen gefälligst erfolgreich sein, Misserfolg drückt ihren Marktwert. Auf die Schuldfrage kommt es kaum an.

c) Hängen Sie den MBA-Abschluss in der Bewerbung eher tief als hoch. Wenn Sie den Eindruck hinterlassen sollten, Sie glaubten wirklich, dass das in dem Alter(!) Ihre Qualifikation im Hinblick auf eine GF-Position deutlich(!) verbessern würde, nur weil Sie einen zusätzlichen akademischen Grad erwerben, müssten Sie mit dem Vorwurf rechnen, naiv zu sein.

Fazit: Ihre Chancen stehen und fallen mit der GF-Position: von wann bis wann lief sie, wie gut ist das Zeugnis, welche Erfolge (zu denen es auch zählt, von den Eignern „geliebt“ zu werden) können Sie glaubhaft machen? Diesen Aspekt müssen Sie vermarkten, alles andere ist nur eine Randerscheinung – die im Falle der eigenen Firma sogar negativ durchschlägt.

Kurzantwort:

Frage-Nr.: 1888
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 42
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 2004-10-15

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